Hallo zusammen,

ich habe ja im Vorstellungsbereich schon minimal von meinem Partner und mir erzählt und auch angedeutet, dass es gerade eher bergab geht.
Gestern Abend kam dann der Höhepunkt des Tiefpunktes. Aber vielleicht hole ich besser etwas aus, damit hier jemand das besser einordnen kann.

Mein Freund (Mitte dreißig) wurde schon als Teenager auf ADS diagnostiziert, und er nimmt Medikamente. Später kam bei ihm eine Depression dazu (gibt dazu wohl familiäre "Vorbelastung"). Auch dagegen nimmt er Medikamente.

Wir sind etwas mehr als drei Jahre zusammen. Erst war es eine Fernbeziehung, vor ca. 2 Jahren zog er zu mir.

In vielem, was ich hier gelesen habe, erkenne ich meinen Freund wieder. In anderem ist er sozusagen das komplette Gegenteil. Aber Menschen sind ja nicht alle gleich.
Und: Ich habe zwar keine diagnostizierten psychischen "Besonderheiten". Aber ich habe einige Eigenheiten, die es sicher nicht durchgehend einfach machen, mit mir zu leben.

Mein Freund war von Anfang an offen damit, was er da so "mitbringt". Auch wenn er inhaltlich eher wenig davon spricht.

Wir haben zusammen schon einige seiner Tiefs durchgestanden. Denn er hat das gefühlt geradezu zyklisch.

Er ist derzeit arbeitslos und seine Erwerbsbiografie entspricht so ziemlich dem, was ich hier oft gelesen habe: eher wechselhaft.
Seine Arbeitslosigkeit ist an sich kein Problem für mich. Ich brauche ja keinen "Versorger", sondern einen Partner.

Er war vor der Kündigung fast 4 Monate krank geschrieben, und seitdem ging es kontinuierlich abwärts, mit kleinen Zwischenhochs, die mich hoffen ließen.
Ich hatte angenommen, wenn er aus det anstrengenden Arbeitssituation raus ist, kommt er wieder zu sich und entspannt.

Gefühlt ist das Gegenteil der Fall:
Vielleicht liegt es an der fehlenden Tagesstruktur, aber er wurde immer unzufriedener, habe ich das Gefühl.

Er hat zwar einen Therapeuten, aber dort, wo er vorher gewohnt hat - ca. 3 Autostunden entfernt. Diesen muss er aus eigener Tasche bezahlen. Und seine Hilfe besteht im Schreiben von Rezepten und Krankschreibungen. Im Netz kommt der gute Doktor nicht sehr gut weg.
Als Laie habe ich mir unter Therapie auch immer etwas anderes vorgestellt - mit mehr Gesprächen zum Beispiel.

Nunja, lange Vorrede, kurzer Schluss:
Seit letztem Wochenende ist er wieder akut schlecht drauf gewesen, und zwar auch sehr plakativ. Wenn er nicht einfach den ganzen Tag geschlafen hat. Die Frage, ob ich etwas für ihn tun kann, wurde mehrfach verneint. Unterhaltung fand keine statt.
Gestern Abend dann der Höhepunkt:
Zwischen Tür und Angel sagt er mir, er zieht zurück nach Hause, und verschwindet erstmal ins Bett.
Taucht wenig später wieder auf um mir zu erklären, dass ich im Grunde schuld an allem bin.
Das schreibe ich nicht dem ADS oder der Depression zu bisher, sondern gehe davon aus, dass das eher persönliche Note ist.

Nachdem ich ihm erklärt habe, warum ich das für reichlich ungerecht halte, kam er von dem Trip wieder herunter.

Die Sache mit "Alles hin schmeißen und zurück zu den Eltern ziehen" blieb erstmal. Bis ich mal vorsichtig darauf hingewiesen habe, dass er unter anderem so schnell zu mir gezogen ist, weil dort, wo er vorher gewohnt hat, laut ihm alles blöd war...
Also belief es sich dann darauf, dass er für eine Woche zu seinen Eltern wollte und auch mit seinem Therapeuten reden für eine Kur oder eine intensiviere Therapieform um dauerhaft besser klarzukommen.
Es endete also halbwegs versöhnlich.

Heute morgen war die Laune erstmal wieder im Keller, weil er die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Während ich im Bad war, hat sich das völlig ins Gegenteil verkehrt:
Es geht ihm wieder besser. Er fährt nicht zu seinen Eltern. Umzug und mögliche Wege, wie er dauerhaft seinen Leidensdruck mindern oder sein Leben besser in den Griff bekommen kann, sind kein Thema mehr.
Das mit der Kur oder ähnlichem wurde schon öfter in Krisen erwogen, aber sofort verworfen, wenn es ihm wieder besser ging.

Ich weiß nicht recht, wie ich damit umgehen soll, dass er einfach mal drei Jahre Beziehung wegwerfen würde, wenn es ihm gerade hier nicht passt.
Ich weiß auch nicht, was ich aus diesem emotionalen Kippschalter von mies zu gut machen soll.

Inwiefern zeigt sich da ADS?
Sollte ich ihn darauf absprechen, ob ihm das ernst ist?
Nach dem, was ich von Betroffenen hier gelesen habe, sollte ihm ja zumindest im nachhinein klar sein, was er da gesagt hat.

Ich wäre für jeden Rat oder auch nur eine Einschätzung dankbar.

Viele Grüße,
Buchmensch