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Diskutiere im Thema Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen? im Forum Angehörige von Erwachsenen mit ADS/ADHS
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Angehörige(r)
    Forum-Beiträge: 11

    Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Hallo!

    Ich bin neu im Forum und erhoffe mir Gedankenanstöße sozusagen aus erster Hand. Sei es von Leuten, die ADHS haben und mir einiges aufgrund der persönlichen Distanz erklären können, sei es von Leuten, die wie ich mit jemandem liiert sind, der ADHS hat.

    Mein Freund hat seine Diagnose vor zwei Jahren bekommen und tritt seitdem in Bezug auf einige Denk- und Verhaltensweisen immer wieder gegen sich selbst in den Ring - zumindest habe ich das Gefühl. Es arbeitet in ihm. So weit, so gut.
    Aber er bezieht mich kaum in sein Innenleben mit ein. Das empfinde ich als schwierig, gerade weil er immer wieder Verhaltensweisen zeigt, die mich sehr verletzen. Meine Versuche, mit ihm diesbezüglich ins Gespräch zu kommen blockt er überwiegend ab und wird sehr oft unsachlich, fast kindlich, wodurch die Sache erst richtig an Fahrt gewinnt und nicht selten eskaliert.
    Irgendwie habe ich das Gefühl, ihn kaum zu kennen, obwohl er mir bestimmte Bereiche seiner Vergangenheit bis in die allerletzten Details geschildert hat und nicht verstehen konnte, wenn ich stopp gesagt habe.

    Wir wohnen nicht zusammen, was nach Eskalationen von Vorteil ist, weil erst einmal jeder seine Ruhe hat. Aber das, was ich immer wieder erhoffe, dass man nach einer Entspannung miteinander reden könnte, um die Situation abzuschließen (mein Bedürfnis) endet alles wieder im Streit.

    Im Prinzip treten immer wieder die gleichen Sachen nur in neuem Gewand auf (Ausreden, kleine und richtig fette Unehrlichkeiten, um anders zu vertuschen, Übergriffigkeit > jede Verabredung mit einer Freundin wird telefonisch kontrolliert oder rein zufällig besucht, fehlender Respekt zu mindest aus meiner Perspektive usw). Irgendwie klaffen das, was er erwartet und gibt ziemlich auseinander. Wir sind seit vier Jahren zusammen, ich mag viele seiner Eigenschaften (z.B. ist er sehr lieb und geduldig mit meinem Kind), aber es gibt Zeiten, in denen ich absolut Distanz brauche, weil ich mich ausgesaugt fühle und seine Prioritäten auch personenbezogen nicht verstehe. Ich weiß durchs Lesen und aus der Erfahrung mit ihm, dass manche Menschen mit ADHS dazu neigen, nicht nein sagen zu können. Das geht auch vielen ohne diese Diagnose so. Aber es ist hart, wenn dies zu Lasten des aus meiner Sicht vertrauten Partners und damit der angeblich so wichtigen Beziehung geht, andererseits aber tausend Prozent von ebendiesem erwartet werden. Es geht mir ganz oft so, dass ich mich einfach nicht geliebt fühle in der Flut der mir völlig unverständlichen Verhaltensweisen und ich möchte das Handtuch werfen und noch mal kräftig nachtreten...

    Vielleicht sind euch diese Sachen vertraut und ich hoffe auf erhellende Kommentare...viele Grüße!

  2. #2
    hirnbeiß

    Gast

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Jede Beziehung ist eigentlich nicht leicht. Man muß ständig an sich arbeiten. Das was du hier beschreibst kommt so ziemlich
    bei allen Beziehungen vor. Nur ist es oft die Sichtweise des Betrachters und dessen Gefühl für das betrachtete und erlebte,
    das eben bei vielen Menschen schwankt und anders wahrgenommen wird.
    Sicherlich tut das der Tatsache keinen Abbruch, daß du darunter leidest, wie deine Beziehung läuft.
    Wenn man nicht miteinander reden kann, dann wird es sehr schwierig werden für euch.
    Wenn du sehr darunter leidest, dann stell dir doch einmal die Frage, was du denn aus der Beziehung ziehst und was du für einen Nutzen hast.
    Ich meine damit explizit dein Leiden in der (dieser) Beziehung.
    Warum gibst du ihm keinen Arschtritt? Warum läßt du dir all diese Dinge die dich schmerzen von ihm gefallen?

    Stell dich hin und mache deine Rechte und deine Würde geltend.
    Das gilt für ihn ebenso wie für dich.
    Wenn das nicht funktioniert, dann geht die ganze Sache auf Dauer ohnehin baden.

    LG --hirnbeiß--

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Angehörige(r)
    Forum-Beiträge: 11

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Tja, gute Frage, warum kein Arschtritt........Die habe ich mir oft genug selber gestellt, wenn ich vor Ärger gekocht habe.
    Vielleicht liegt die Antwort darin begründet, dass ich aus Erfahrung weiß, wie schwer und langwierig es ist, eigenen Problembrei aufzuarbeiten, Verhaltensmuster zu ändern und ihm diese Möglichkeit auch einräumen möchte und muss, um fair zu sein. Die Diagnose kam bei meinem Freund erst sehr, sehr spät.
    Zudem habe ich in dieser Beziehung auch eine Menge über mich lernen können und habe Stärken bei mir entdeckt, die sich aus dieser Beziehungskonstellation entwickelt haben.
    Gefallen lasse ich mir aktuell gar nichts mehr. Da gibt es in entsprechenden Situationen gleich eine klare Aussage meinerseits und auch Konsequenzen, die ich für mich ziehe, um nicht in Schleifen zu geraten, in denen ich noch vor ein, zwei Jahren dann festsaß.
    Das Schwierigste ist tatsächlich das Reden über abgelaufene Situationen. Ich kann und will nicht zur Tagesordnung übergehen, nicht so tun, als sei nichts gewesen. das ist leider seine Strategie, wie schon gesagt. Ich merke, dass ihn meine Gefühle auch nicht ungerührt lassen, auch wenn er schnauzt oder schweigt.
    Vielleicht ist der ultimative Tritt ausgeblieben, weil ich die Hoffnung habe, dass er diese Hürde für sich noch nehmen kann. Keine Ahnung, leider.

    Viele Grüße, Annuschka

  4. #4
    Zissy Stardust

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 2.577

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    1) Ja.

    2) Liebevolle und gleichberechtigte Beziehungen kann es in keiner "Partnerschaft" geben, bei denen nur einer der daran Beteiligten willens und in der Lage dazu ist Beziehungsarbeit zu leisten.

    Wenn Dein Freund dazu zwar willens, aber eben nicht in der Lage ist, sollte er sich externe Hilfe suchen.
    Du als Betroffene kannst das -bei aller Liebe (oder gerade deswegen)- nicht auflösen
    (andernfalls hättest Du ja auch schon längst etwas bewirkt).

    Wenn es aber so ist, dass Dein Freund ohnehin der Meinung ist, dass nur DU ein Problem mit ihm hast, tja dann......

    Klingt jetzt fürchterlich sachlich und nicht gerade sehr mitfühlend.
    Aber ehrlich gesagt, so aus der Ferne betrachtet, glaube ich auch nicht, dass Dir noch mehr Gefühl momentan weiterhilft.

    Ich wünsch Dir auf jeden Fall einen halbwegs klaren Kopf und eine Veränderung der Situation.

    LG


    PS
    Habe jetzt erst gelesen, dass Du ja schon auf Hirnbeiß geantwortet hattest, deshalb ein Zusatz:

    Wie Du kann und will auch ich nicht zur Tagesordnung übergehen, wenn ich mich durch das Verhalten meiner Frau verärgert oder verletzt fühle, umso mehr, wenn ich es nicht verstehen kann.
    Umgekehrt ist das genauso.

    Gerade unsere offenen und ehrlichen Gespräche über missglücktes Miteinander sind aber das,
    was unsere Beziehung so eng und vertrauensvoll hat werden lassen:

    Weil es uns immer so besonders wichtig war, dass der Partner uns versteht in unseren Worten und Taten, was nicht bedeutet, dass er diese dann auch zwangsläufig zu "tolerieren" hat,
    haben wir im nachhinein immer versucht uns dem Partner so gut als uns möglich in unseren wahren Beweggründen zu zeigen, auch wenn uns das nicht immer in einem "guten" Licht hat dastehen lassen. Ganz nebenher haben wir uns dabei übrigens auch selber besser kennengelernt


    Nicht jeder kann das, nicht jeder will das. Das respektiere ich auch.

    Aber kann man so auf die Dauer liebevoll und gleichberechtigt miteinander leben?
    Geändert von Spätzünder (23.10.2012 um 14:58 Uhr) Grund: PS

  5. #5
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Angehörige(r)
    Forum-Beiträge: 11

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Dankeschön für den Nachtrag. Du sprichst da was an, was ganz bestimmt eine Rolle spielt: Angst davor zu haben, wie einen der Partner wahrnimmt, eventuell nicht gerade im besten Licht dazustehen.
    Das Gefühl von Scham trat, wenn wir mal ins Gespräch kamen, immer ganz klar hervor. Letztlich ist ja oft auch das der Grund für Unehrlichkeiten bzw. Lügen, die aus meiner Sicht total blödsinnig waren, weil ich wegen vieler Sachen gar keinen Wirbel gemacht hätte. Zum Problem wurde dann eher der Vertrauensbruch wegen aus meiner Sicht irgendwelchem Schwachsinn.

    Und grundsätzlich stehe ich auch auf dem Standpunkt: Ich möchte, dass mein Partner mich versteht, auch wenn er einiges nicht akzeptabel findet. Deshalb erkläre ich.
    Aber um anderen eigenes Verhalten plausibel zu machen, muss man es selber durchleuchten und besonders auch verstehen, oder? Mein Freund sagte mal, seine Innenwelt sei ein Wald, in dem er sich selber regelmäßig verlaufe. der Satz klingt poetisch, hilft mir aber reichlich wenig...

  6. #6
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 266

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Hier schrieb mal jemand einen tollen Tipp, ich will den auch mal umsetzen.

    Meistens haben meine Ausbrüche, meine Bockigkeit, u.ä. sehr wenig mit meinem Partner zu tun. Er kann das zwar triggern, aber fast immer ist es etwas was in mir angestoßen wird. Ich kann dann sehr schnell, sehr verletzend oder blockig werden - und meine es gar nicht so. Es kommt halt so aus mir aus, weil die Impulskontrolle fehlt.

    Hier gab mal jemand den Tipp eine Karte zu basteln auf der steht "ich bin zwar gerade wütend, aber ich meine nicht dich". Oder so ähnlich.

    Den Kontrollzwang kann man über den Kopf und dann mit dem Bauch unter Kontrolle bringen. Dabei geht es auch weniger um wirklich Kontrolle, sondern um Ängste und zwänge. Möglich, dass er gar nicht so sein will. Er muss den Vorteil verstehen, den er - gerade als ADHSler .- hat, wenn er mal nicht mehr alles weiß. Das erspart auch einige Gedankenrunden.

  7. #7
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Angehörige(r)
    Forum-Beiträge: 11

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Hi Junie!
    Du hast Tipps gegeben, die Verhaltensmöglichkeiten für meinen Freund betreffen. Dankeschön.

    Über den Punkt, ihm Vorschläge zu machen, wie wir miteinander umgehen können, sodass keine Missverständnisse und Verletzungen entstehen, bin ich aber mittlerweile hinaus. Das kann ich nicht leisten. Und so schön das mit der Karte auch klingt, glaube ich nicht, dass das hilft. Zumindest nicht bei uns.

    Einerseits, weil derjenige mit ADHS sich erst einmal bewusst sein muss im konkreten Moment, warum er gerade so reagiert, überhaupt, dass er wütend ist oder so rüberkommt. Das ist doch die Basis dafür, die Karte im ensprechenden Moment überhaupt benutzen zu können. Außerdem: Ist es nicht weniger zermürbend, wenn eine Impulskontrolle vorher einsetzt? Mein Freund könnte ansonsten über weite Phasen mit der Karte als Halskette durch die Gegen laufen....als Dauerentschuldigung sozusagen.

    Nein, ich stimme mittlerweile denjenigen zu, die hier im Forum schreiben, dass man nach einer Diagnose die Wahl hat, sich professionell unterstützen zu lassen oder selbst herumzudoktern, was zu nichts führt als zur Frustration und zu noch mehr Stress. Nach seiner Diagnostizierung sind mittlerweile drei Jahre vergangen.

    Mir ist bewusst, dass die Verletzungen, die mein Freund durch den Umgang anderer mit seinem nichtkonformen Verhalten und LRS erfahren hat, sehr tief sitzen. Aber eben weil das mit mir nichts zu tun hat, muss ich das nicht auf mir abladen lassen.

    Viele Grüße von Annuschka!

  8. #8
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 266

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Annuschka, ADHS ist keine psychische Erkrankung! Man kann es - leider - nicht durch Therapien auflösen. Es ist eine Veränderung im Gehirn, eine andere Verdrahtung die diverse Auswirkungen hat. Bei vielen ähnliche, aber diese äußern sich nicht immer ähnlich.

    Man kann es nicht heilen! Ein ADHSler wird NIEMALS ein neurotypischer Mensch. Das ist vielleicht für den Betroffenen selbst, sowie seine Partner etwas, was jeder für sich realisieren muss.

    Professionelle HIlfe gibt es ausschließlich in Form von Coaching, und das heißt z.B. wie teile ich jemand mit, wenn meine Impulskontrolle aussetzt, bzw, wie gehe ich selbst damit um - aushalten, Ablenktmanöver, klar machen - das ist das ADHS, die Realität sieht anders aus usw...

    Und natürlich Medikamente. Ich nehme z.B. nur selten Ritalin und da ich zwei Tage merke, wenn ich es nicht mehr nehme, kann ich nur sagen - es ist kein schlimmes Medikament, aber jemand lebenslang auf Ritalin u.ä. zu halten, nur damit er sozial angepasst wird ist m.E. keine Lösung. Für mich ist Ritalin nur eine Lösung für sehr sehr schwere Fälle, für Notsituationen, wenn jemand fest steckt, Prüfungen usw... Ihn damit zu einem "angenehmen" Partner machen zu wollen ist m.E. verfehlt.

    Das ADHS gehört zur ureigensten Persönlichkeit deines Freundes. Wenn ER es schafft das Leid für sich und dich da raus zu bekommen, zumindest oft, dann ist es keine Krankheit. Es ist seine Gedankenautobahn - durch die immer seine ganz individuellen Gedanken laufen. Wenn es Stau gibt, oder Verkehrschaos kann man medikamentös nachhelfen - aber die Struktur wird erhalten bleiben.

    Bei mir kann es sein, dass ich auf jemand warte..der mir sagt - "ich bin um 13:30 zurück". Mir ist vielleicht auch langweilig und ich will mti der Person etwas unternehmen. Dann wäre es wohl für jeden normal, das doof zu finden, wenn jemand nicht erscheint. Bei mir ist es so, dass ich dann wirklich aggressiv werden. Und genervt ohne Ende. Ich KÖNNTE dann die Person anschreien und sie soll sich sofort rechtfertigen. Nur - ich weiß - das ist meine Impulskontrolle, die aus einem doofen, kleinen Gefühl ein obernerviges macht. Also agiere ich das das nicht aus.

    Aber es klappt am Besten mit anderen ADHSlern, muss ich sagen. Weil dann aus "Wutanfällen" auf Lachanfälle werden. Man weiß einfach warum der andere jetzt rumspinnt, rumhüpft, nicht fokusiert bleibt und an total unpassenden Stellen austickt, eifersüchtig wird. Sein Gefühlsfilter klappt eben nicht so gut.

  9. #9
    Zissy Stardust

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 2.577

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Hallo Annuschka,
    ich nochmal.

    Vorab: Du machst auf mich einen ziemlich "klaren" Eindruck. Ich glaube, Du brauchst eigentlich keine Kommentare mehr.......

    Trotzdem: In Deinem Eingangstext hattest Du gefragt, ob "uns" bestimmte Verhaltensweisen Deines Freundes "vertraut" sind
    (mit anderen Worten: Kann er da einfach nix für? Ist das die "Krankheit"?);
    in der Hoffnung auf "erhellende Kommentare" ( für mich etwa gleichbedeutend mit: "Und wie geht ihr/man dann damit konstruktiv um?).

    Du suchtest also in meinen Augen sozusagen nach einer Art von AD(H)S-Schlüsselcode, mit der Du das für Dich teilweise völlig unverständliche Verhalten Deines Freundes
    möglicherweise dechiffrieren könntest.

    Ich persönlich glaube nicht daran, dass es diesen Code gibt.

    Ich habe mich innerhalb der ursprünglich 10 Mann/Frau starken Gruppe einer klinischen Studie für AD(H)S bei Erwachsenen, an der ich vor 3 Jahren teilgenommen habe, genauso "fremd" gefühlt, wie ich mich auch ansonsten in irgendwelchen anderen "Zweckgemeinschaften" fühle.

    Natürlich gab es interessante Übereinstimmungen im inneren Erleben und im äußeren Verhalten.

    Letztlich waren wir aber einander nicht mehr oder weniger ähnlich, sympathisch oder unsympathisch, wie ich es sonst auch in jeder anderen Form des Zusammenseins von mehreren Menschen miteinander erlebe.

    Das Bild eines -nicht wirklich in Worte zu fassenden- Irrwaldes von Innenlebens, in dem man sich regelmäßig verläuft, kann ich natürlich nachvollziehen.

    Wie genau dieser Irrwald aber aussieht und warum man kognitiv/emotional/sprachlich/u.s.w. (un)willens und/oder (un)fähig ist, auch nur den Versuch zu starten, einen anderen Menschen mitzunehmen in das Labyrinth der Suche nach dem verlorenen Selbst - ich befürchte,
    dass lässt sich allein mit dem neurologischen Syndrom AD(H)S nicht erklären.
    Geändert von Spätzünder (10.11.2012 um 16:31 Uhr)

  10. #10
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Angehörige(r)
    Forum-Beiträge: 11

    AW: Können ADHS und liebevolle gleichberechtigte Beziehung zusammengehen?

    Nach der ADHS-Diagnose waren mein Freund und ich uns einig, dass er keine Medikamente nimmt. Eben weil wir ein ungutes Gefühl hatten in Bezug darauf: Wird er dann noch er selber sein?
    Mir geht es auch nicht darum, dass aus ihm ein netter Leisetreter werden soll. Ein Ja-Sager würde nicht zu mir passen, da ich eigentlich gerne diskutiere und auch guten verbalen Schlagabtausch sehr mag.

    Mittlerweile frage ich mich aber in vielen Situationen: Was ist hier noch ADHS und was vielleicht einfach auch nur menschlich schwach oder respektlos gegenüber mir? Vielleicht sind einige Vorkommnisse auch gar nicht in Zusammenhang mit dem ADHS zu betrachten. Ich bin da momentan sehr am Zweifeln und in gedanklichem Durcheinander.

    Dein angebrachtes Beispiel mit der Reaktion auf das Nichterscheinen zur Verabredung finde ich völlig nachvollziehbar. Ich würde sicherlich nicht unbedingt in der Lautstärke aggressiv werden, aber in der Wortwahl vielleicht schon. Und eine prompte Rechtfertigung würde ich wohl auch haben wollen.

    Mir bereiten andere Dinge Kopfzerbrechen als sich mal anschreien, was Unsachliches sagen oder einen türenknallenden Abzug mit Dampf aus den Nasenlöchern hinzulegen. Das hab ich auch drauf.
    Genauso habe ich auch kein Problem damit, dass er sich gern mal zurückzieht. Meine Freiräume brauche ich genauso. Aber dass es für ihn normal ist, bei mir ein und aus zu gehen und quasi ein Zuhause neben seiner Wohnung zu haben, bei mir Computer und Co. mitzubenutzen, während ich seit bestimmt anderthalb Jahren nicht mehr in seine Wohnung eingeladen wurde, finde ich schon merkwürdig. Das Chaos dort stört mich nicht. Ich kann ja wieder gehen, ist ja nicht meine Wohnung.

    Als ich meinen Freund kennnen lernte, war ich total begeistert. Ein Mann, mit dem Sex und Reden super klappten. Und das Verständnis, das er für schwierige Lebenssituationen im Gespräch aufbrachte und die Ansichten, die er vertrat, die Toleranz vielem gegenüber... ich kam mir echt privilegiert vor, mit diesem "Griff"...Mit den Stimmungsschwankungen lernt man besser umzugehen, mit mal mehr und mal weniger fehlenden Strukturen in verschiedenen Bereichen auch. Ich selber bin übrigens sehr strukturiert, aber das habe ich nie als Problempunkt empfunden, eben weil wir jeder seins haben.

    Aber je länger wir zusammen waren, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass in der Realität vieles anders aussah und aussieht als in den schönen anfänglichen Gesprächen. Bei den Böcken, die er so geschossen hat, habe ich oft die Zähne zusammengebissen und gedacht: Das ist ADHS, da kann er nichts dafür. Nur war das Problem, dass es fast unmöglich war, mit ihm darüber zu reden, was mich an Situationen verletzt oder verunsichert hat. Dazu braucht es wohl Beispiele. Ist mir ein bisschen unangenehm, aber:

    Ich war mit meinem Kind im Urlaub sechs Autostunden entfernt, bekomme einen Anruf von seinem Kumpel, dass mein Freund in einer Frustsituation sein ganzes Geld, von dem er nicht viel hat, verzockt hat und sich nun schrecklich fühle. Ihn selber konnte ich nicht erreichen. Das waren drei Tage in heller Aufregung, dass er sich in seiner Depression was getan haben könnte. Und einfach Kind einpacken und losfahren ging für mich nicht. Das war seit langem der erste Urlaub und das wollte ich meinem Kind nicht antun.

    Anderes Beispiel: Mein Freund ist abends mit nem Kumpel unterwegs ein Bier trinken. Um halb zwei nachts bekomme ich einen Anruf, er sei jetzt zu Hause.
    Klingt gut zuerst. Er meldet sich. Aber das macht er erfahrungsgemäß nur, wenn was im Busch ist. Ich hab nachgehakt. Großes Gezeter, große Szene ich hielte ihn nicht für vertrauenswürdig etc. Wir haben es dabei belassen.
    Drei Monate später erleichtert er mir gegenüber in einer für mich psychischen Extremsituation sein Gewissen, indem er mir erzählt, er habe seinen Freund in den Puff begleitet, weil der nicht allein hatte gehen wollen, und dort an der Bar auf ihn gewartet. Letzteres glaube ich ihm sogar.
    Aber ich bin in unserer Heimatstadt ziemlich bekannt und war stinksauer bei dem Gedanken, jemand könne ihn dort gesehen haben und könnte das verbreiten. Das hat meinen Stolz unglaublich verletzt und führte auch zu einer Pause bei uns. Ich bin kein Moralapostel. Aber mich hat verletzt, dass er überhaupt nicht an Konsequenzen gedacht zu haben scheint in seinem Bestreben, den anderen nicht allein zu lassen.

    Sachen dieses Kalibers hat es aus meiner Sicht mehrere gegeben. Und das hat na klar Folgen für eine Beziehung.
    Abweichend davon habe ich ihn aber eben auch anders erlebt. So wie Mr. Jekyll und Mr. Hyde kommt mir das vor. Einen Normalo (pardon) hätte ich sofort abgeschossen. Hier habe ich alles mit dem ADHS in Verbindung gebracht. Vielleicht ein kapitaler Fehler?
    Geändert von Annuschka (10.11.2012 um 16:42 Uhr) Grund: Nachtrag

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