Hallo Bride.
Bei mir wurde ADHS erst vor einem halben Jahr diagnostiziert und ich bin 31.

Du sprachst von verlorener Zeit. Meinst du wirklich? Sieh es doch mal so: Sicher lief so einiges nicht optimal, aber ohne die Diagnose aufzuwachsen, hat für deinen Sohn ein Stück weit sicher auch Vorteile gehabt. Er hat sich Eigenschaften angeeignet die wertvoll sind und durch eine medikamentöse Behandlung vielleicht unterdrückt worden wären. Eigenschaften und Talente, die "Normale" nicht haben.

Die Lebensschule bzw Groß zu werden ist ohnehin hart, für alle Kinder, wenn auch für ADH(S)-Kids noch mehr. Doch dadurch lernen wir auch, mit widrigen Situationen und ignoranten Menschen umzugehen. Wir werden nicht so schnell umgeschmissen und finde eher (und kreativere) Wege aus einer Situation heraus.


Im Endeffekt zählt nur eins: Dein Sohn ist ein besonderer und einzigartiger Mensch mit Talenten und Fähigkeiten. Er ist wie er ist. Und: Er ist noch ganz am Anfang und kann noch viel aus seinem Leben machen. Bisher hat sein Schicksal wie bei uns allen auch, einfach seinen Lauf genommen und er hat es gemeistert. Das schafft er auch in Zukunft.

Und denk daran: Auch jetzt, hat das bekanntwerden der Diagnose noch immense Vorteile für ihn. Denn er wird auch im Berufsleben und im privaten Bereich noch oft mit Situationen konfrontiert werden, in denen es für ihn gut sein wird, von seinem ADHS zu wissen. Denn so kann er sich selbst und seine Verhaltensweise besser verstehen und lenken. Das schützt ihn zB vor unnötigen Konflikten, dieaus Missverständnissen geboren werden, wodurch er leichter haben wird im Leben.


Also gräme dich nicht so sehr, weil du meinst, du hättest große Fehler in der Vergangenheit begangen. Du kannst nicht hellsehen und soweit ich es herauslesen kann, warst und bist du eine aufmerksame und fürsorgliche Mutter. Das ist es, was ein Kind in erster Linie braucht. Kein nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgestellter Verhaltens- und Erziehungskodex. Mit einem liebevollen und geborgenen zuhause, bekommt ein Kind so unendlich mehr fürs Leben.

Deshalb: Blick nicht zurück. Was passiert ist, ist passiert. Du kannst es nicht mehr ändern.

Aber eines kannst du tun: Dein Sohn ist inzwischen Erwachsen. Setzt euch doch mal zu einer Tasse Kaffee zusammen und sprich mit ihm darüber. Sag ihm, das du Schuldgefühle hast, das du vieles gerne anders gemacht hättest. Ich bin mir sicher, das es zusammengefasst folgendes sagen wird: Mama, du kannst nichts dafür und ich komme schon damit zurecht.

Ich wünsche euch weiterhin viel Glück.
Seraphim