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Diskutiere im Thema Ich weiß nicht mehr weiter im Forum ADS ADHS Studium Beruf und Ausbildung
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 38
    Forum-Beiträge: 17

    Ich weiß nicht mehr weiter

    Tja, hallo an Euch alle. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll...aber ich versuche es einfach mal. Vorweg sei gesagt, dass ich hier schon seit längerem aufmerksamer Mitleser bin und mich in vielen Beiträgen und vielen Problemschilderungen wiederfinde. Leider ist das Thema ADS / ADHS ja sehr komplex, so dass jeder Fall trotz mancher Parallelen aber auch immer extrem individuell ausfällt.

    Ich versuche es mal zu schildern. Ich bin 38 Jahre alt, habe eine Frau und zwei Töchter im Alter von 6 und 8 (bei der älteren wurde übrigens auch ADHS diagnostiziert und sie bekommt Methylphenidat in Form von Concerta).

    Das ADS / ADHS zieht sich wie ein roter Faden durch mein gesamtes bisheriges Leben und hat große schulische und später berufliche Beeinträchtigungen mit sich gebracht. Wobei ich allerdings hinzufügen muß, dass es sich nicht um grundsätzliche Leistungsbeeinträchtigungen handelt. Die unter ADSlern durchaus wohl häufiger kursierenden Schwierigkeiten wie Legasthenie oder Dyskalkulie betreffen mich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: Ich konnte bereits im Alter von 4 Jahren flüssig lesen und war immer äußerst sicher was lesen oder schreiben betrifft. Ich bin auch immer eine große Leseratte geblieben. Mathematik liegt mir zwar nicht ganz so und hat mich immer eher mäßig begeistert, so dass ich dort nie zu den absoluten Könnern gehört habe, ist aber dennoch weit vom Bereich einer Dyskalkulie entfernt.

    Das bedeutet, meine schulischen Leistungen waren früher intellektuell für mich eher kein Problem, sondern stark vom sozialen Umfeld wie Lehrern und Mitschülern abhängig. Solange ich mit den Leuten halbwegs klarkam (oder die mit mir) und es zudem thematisch im Idealfall für mich auch interessant war, waren meine Leistungen immer im oberen Bereich, abgesehen von der mündlichen Mitarbeit die nie mein Fall war.

    Sobald ich aber aneckte und mit Leuten konfrontiert wurde die mich nicht leiden konnten oder denen ich aus welchen Gründen auch immer zu speziell war, was speziell ab der Orientierungsstufe Einzug hielt und das ohne dass ich einen Grund dafür finden kann, ging es rapide mit meinen Leistungen bergab und ich wundere mich manchmal heute noch, dass ich nie sitzengeblieben bin obwohl das einige Male im Raum stand.

    Ich war ansonsten dabei aber nie sonderlich verhaltensauffällig oder hyperaktiv, sondern eher ruhig, schüchtern und sehr zurückhaltend, überaus introvertiert und mehr in mich gekehrt (was sich bis zum heutigen Tage so beibehalten hat). Ich habe zwar auch eine temperamentvolle, ungeduldige und voreilige Seite, die aber - sicherlich auch durch frühzeitige schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen bedingt - im täglichen Umgang fast keine Rolle mehr spielt, außer im häuslichen Umfeld vielleicht.

    Leider war das Thema ADS / ADHS in meiner Kindheit praktisch überhaupt kein offizielles, noch viel weniger als heute. Die Ärzte hatten entweder keine Ahnung oder kein Interesse. Da wurden schnell Schubladen aufgemacht, die von "schlecht erzogen" über "einfach ins kalte Wasser werfen, dann wird er schon schwimmen" bis "könnte, wenn er wollte" reichen.

    Irgendwann Anfang der 90er Jahre kam das Thema MCD auf, so eine Art Vorläufer von ADS / ADHS. Allerdings haben sich meine Eltern (Vater Akademiker, Mutter studierte Musikerin) versucht, durch die damalige Fachliteratur weiterzubilden, da es ja sonstige fachärztliche Hilfe praktisch nicht gab. Für mich selber war das damals übrigens alles noch kein Thema. MCD oder was auch immer hat mich nicht interessiert, ich wollte nicht in irgendeiner Form als "krank" oder "beeinträchtigt" gelten und außerdem war mein so-sein ja für mich auch völlig normal. Ich habe damals eigentlich gedacht, dass es mehr oder weniger allen so wie mir geht, weil ich mir ja nichts anderes vorstellen konnte.

    Erst viel viel später, eigentlich erst im Berufsleben, habe ich mich mit der Thematik bewußt auseinandergesetzt und die Zusammenhänge erkannt, spätestens als ich feststellte, dass ich eben doch einen Haufen Probleme habe, den andere Leute ganz offensichtlich nicht erleben. Erst da konnte ich mir auch eingestehen: Ja, ich habe AD(H)S.

    Bis dahin war es aber ein langer Weg mit etlichen Zusammenbrüchen. Es fing ja schon mal damit an, dass ich kaum Freunde hatte und ständig von anderen ausgelacht oder übelst provoziert wurde, obwohl ich mir beim besten Willen nicht erklären konnte, warum. Denn ich war immer nett, freundlich, wie gesagt zurückhaltend und bin vom Charakter auch eher gutmütig. Impulsive cholerische Wutausbrüche habe ich nie vor anderen gezeigt, die habe ich immer nur zuhause ausgelebt. Offenbar haben andere in mir was amüsantes oder seltsames gesehen, was ich selber überhaupt nicht erkennen konnte.

    Dann kam aus heiterem Himmel im Herbst 1993 ein psychischer Zusammenbruch, der von einem Tag auf den anderen mit Panikattacken und Ängsten begann. Ich war 15 Jahre alt und stand ein Dreivierteljahr vor meinem Hauptschulbschluß. Mehr wäre zu dem Zeitpunkt auch nicht drin gewesen, denn bereits seit der Orientierungsstufe war durch die Schwierigkeiten mit Lehrern und Mitschülern mein Motivationsniveau so weit gesunken, dass die Empfehlung für eine höhere Schule trotz Intelligenz in weite Ferne gerückt war und ich damals auch schlicht keinen Bock mehr hatte. Ich habe damals nur noch versucht, die Schultage irgendwie hinter mich zu bringen um mich dann zu Hause in aller Ruhe zurückziehen und Kraft tanken zu können. Jeder einzelne Tag war ein fürchterlicher Kraftakt (ist es bis heute), ich mußte mich am Fließband durch grundlose Anfeindungen und Mißerfolge kämpfen und wollte nur noch meine Ruhe haben. An manchen Tagen bin ich auch aus der Schule einfach abgehauen oder habe von vorneherein an meinem Lieblingsplatz im Wald geschwänzt.

    Bis zu diesem Tag im Herbst ´93, als mich mitten am Vormittag aus dem Nichts heraus plötzlich eine unglaubliche Angstattacke überfiel, während ich in der Schule war. Ich bin dann in der nächsten Pause kopflos nach Hause gelaufen, immer mit der Angst im Nacken dass meine Eltern - die im Übrigen immer zu mir gehalten und unglaublich viel für mich getan haben - nicht da sein könnten. Zumindest meine Mutter war aber anwesend und ich bin dann auch heulend und zitternd in mich zusammengefallen. Ohne die liebevolle Struktur und Geborgenheit durch meine Eltern, hätte ich wahrscheinlich schon viel früher Probleme bekommen, insbesondere was das Vergessen von Hausaufgaben und den schluderigen Umgang mit Arbeitsmaterialen - kurz: Chaos! - angeht.

    Jedenfalls war nach dem Zusammenbruch nicht mehr an Schule zu denken. Erst heute bin ich mir sicher, dass es sich bei diesen frühzeitigen psychischen Problemen bereits um eine AD(H)S-Komorbidität gehandelt hat, ohne dass das damals bereits klar gewesen wäre. Es folgte eine Odyssee von Psychologenkonsultationen, die sich über mehrere Jahre hinzogen. By the way: Meinen Hauptschulabschluß konnte ich natürlich vergessen, ich habe nach diesem Zusammenbruch keinen Fuß mehr in die Schule gesetzt und bekam im Sommer ´94 in Abwesenheit ein Abgangszeugnis. Das war es dann vorerst.

    Es folgte eine Odyssee von Psychologenkonsultationen, die sich über mehrere Jahre hinzogen. Gleichzeitig bin ich als fast erwachsener Mensch - ein weiteres Stigma für mich - jahrelang meinen Eltern auf Schritt und Tritt gefolgt, weil ich ständig Angst hatte, ich würde sie verlieren und alleine dastehen. Die konnten nahezu keinen Meter ohne mich machen, eine richtige Neurose aus Verlassensängsten und sozialen Phobien hatte mich im Griff. Ich war damals wirklich ein psychisches Wrack.

    Die Psychologen waren nahezu alle unfähig, wobei das Wort AD(H)S aber auch überhaupt nicht in meinem Zusammenhang in den Mund genommen wurde. Eventuell wurde über MCD gesprochen, aber das weiß ich nicht mehr so genau.

    Der erste war eigentlich schon über 70 und somit im Rentenalter. Ein befreundeter Hausarzt hatte ihn uns empfohlen. Leider war der Mann früher nur auf kleine Kinder spezialisiert gewesen (ich war ja schon fast volljährig) und machte mit mir eine "Tagtraumtherapie", die überhaupt nichts brachte.

    Der zweite war eigentlich Psychiater und drohte mir gleich beim dritten Besuch damit, dass man mich in die psychiatrische Klinik verfrachten würde, wenn ich jetzt nicht bald vernünftig wäre. Ganz toll. Genau das richtige in meiner Situation, um ein positives Vertrauensverhältnis aufzubauen. War natürlich dann auch sofort gegessen, das Thema.

    Dann kam einer, der war zwar nett und redete auch viel mit mir, begriff aber eigentlich überhaupt nicht was los war und verlangte ständig von mir, dass ich meine Ängste alleine überwinden soll. Ich bekam jedes Mal Ziele vorgesetzt, die ich bis zur nächsten Sitzung erarbeiten sollte (z.B. alleine einkaufen gehen) und dann war er natürlich immer maßlos enttäuscht, dass es nie klappte.

    Erst danach, nach fast vier Jahren erfolgloser Behandlungen, geriet ich an eine Frau, die genau das richtige machte: Sie hörte nicht nur aufmerksam zu und war eine angenehme Gesprächspartnerin, sondern sie begab sich mit mir gemeinsam in die angstauslösenden Situationen (einkaufen gehen ohne Eltern, ein volles Restaurant betreten etc.) um sich dann Stück für Stück, von Mal zu Mal, so wie es für mich paßte, zurückzuziehen. Natürlich nur so weit, wie ich es zuließ. Und siehe da: Nach kürzester Zeit waren deutliche Erfolge zu sehen und nach drei Monaten war ich wieder komplett hergestellt und ein angstfreier, selbstständiger und dem Alter entsprechend gut aufgelegter Mensch.

    Danach fing ich an, ein bißchen zu jobben um mir etwas Geld zu verdienen - während alle Gleichaltrigen natürlich längst mit der Ausbildung durch waren und schon daran dachten, sich Häuser zu bauen oder sonstwie Spuren im Leben zu hinterlassen - und arbeitete erst in einer Autowerkstatt als Mädchen für alles, vorwiegend Fahrzeugpflege und Assistenz bei kleinen Reparaturen. Danach trug ich eine Weile Zeitungen aus, dann jobbte ich in einer Möbeltischlerei (was ich allerdings nur sechs Wochen durchhielt, u.a. weil mir Schleifstaub und der Gestank der verwendeten Lacke nicht gut bekamen) und danach - das war die beste Arbeit von allen - in einem landwirtschaftlichen Betrieb, wo ich viel mit Tieren und Natur zu tun hatte, schon sehr schnell eigenverantwortlch und selbständig arbeiten durfte und Trecker fahren war auch drin, obwohl ich noch keinen Führerschein besaß.

    Aber selbst dort bekam ich irgendwann Probleme mit Vorgesetzen und Kollegen, obwohl ich nie aufmüpfig war. Ich habe immer versucht, so gut wie möglich meine Arbeit zu erledigen, aber vielleicht war ich dann doch manchmal zu eigensinnig, zu stur, zu empfindlich oder zu vergeßlich, was weiß ich, irgendwas war halt immer, was die anfängliche Euphorie stets irgendwann deutlich dämpfte (meistens ging das immer so nach den ersten drei Monaten los) und sofort in absolute Lustlosigkeit umschlug, was natürlich die Leistungen wiederum stark beeinträchtigte.

    Trotzdem holte ich nebenbei auf der Abendschule meinen Hauptschulabschluß nach (erfolgreich), dann gleich noch den erweiterten Realschulabschluß (erfolgreich) und danach noch Abitur (ebenfalls erfolgreich). Ich hätte dann theoretisch studieren können, wußte aber nicht was. Außerdem war ja nun auch soviel Zeit ins Land gezogen, dass ich endlich was vorweisen wollte womit ich Geld verdienen konnte. Ich hatte ja auch noch nicht mal einen Führerschein.

    Also kam ich - wodurch auch immer - auf die Idee, was im sozialen Bereich zu machen. Ich dachte mir so ganz naiv, mit hilfsbedürftigen Menschen umgehen kann ich. Also ein Jahr Vorbereitungsklasse Sozialpflege in der Berufsschule (auch erfolgreich abgeschlossen), danach die Wahl zwischen Altenpflege, Krankenpflege oder Behindertenarbeit. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Praktika in Behindertenwerkstätten gemacht, die erfreulicherweise gut gelaufen waren und ich hatte einen positiven Eindruck. Außerdem sagten meine Eltern es hätte Zukunft, da es behinderte Menschen immer geben würde und man ja auch außerdem noch Aufstiegschancen hätte (in Richtung Leitung, Verwaltung, Management - alles dummerweise bürokratische Bereiche, die mich schon damals nicht interessiert haben).

    Also meldete ich mich an einer Berufschule für Heilerziehungspflege an. Das war ungefähr 2002. Es gibt zwei Ausbildungswege bzw. gab es die damals: zum Einen die "große" dreijährige Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und zum Anderen die "kleine" einjährige Schmalspurvariante als HeilerziehungspflegeHELFER. Schlauerweise habe ich mich natürlich für den meiner Qualifikation entsprechenden großen Ausbildungsweg entschieden. Dann bekam ich aber zum Antritt kalte Füße, weil ich wieder Angst vor Gruppenkonstellationen hatte (Gruppen- und Teamwork wird ja in solchen Ausbildungen besonders gerne durchgeführt).

    Außerdem hatte ich es plötzlich ganz kopflos eilig mit dem Geldverdienen und wollte keine drei Jahre mehr warten und nachdem ich durchgerechnet hatte, dass ich mit der einjährigen Ausbildung nur geringfühig weniger verdienen würde, wurde kurzerhand umdisponiert und ich konnte nach einem Gespräch mit der Schulleitung noch in den einjährigen Kurs wechseln. Schön blöd kann man sagen, mit Abitur und guten Möglichkeiten in einer Schmalspurausbildung zu landen. Aber damals war mir das egal und ich habe es einfach so nicht gesehen oder sehen wollen.

    Ausbildung habe ich durchgehalten und ebenfalls erfolgreich als "staatlich anerkannter HeilerziehungspflegeHELFER" abgeschlossen, allerdings gab es währenddessen mal wieder einige Probleme. Diesmal zum Glück nicht mit Klassenkameraden, dafür aber mit einigen Lehrern und vor allem in der Wohngruppe, in der ich meinen praktischen Ausbildungsteil absolvieren mußte. Ich der Wohngruppe wurde ich zunächst von meiner dortigen Ausbildungsbegleiterin (= Mentorin) und anschließend von der Gruppenleiterin höchstselbst gemobbt und mit den absurdesten Vorwürfen konfrontiert.

    Mal waren ihnen meine schriftlichen Ausarbeitungen zu anspruchsvoll in Wortwahl, Satzbau und Ausdruck (kurz: sie waren zu blöd dafür), dann monierte man das Tragen einer Sonnenbrille meinerseits, ein anderes Mal warf man mir vor, Socken in einen falschen Schrank einsortiert zu haben. Und es lief nur so. Vieles war wirklich an den Haaren herbeigezogen, aber ich war ihnen vielleicht auch zu selbstbewußt in einer bestimmten Hinsicht, denn ich wußte immer was ich will und was nicht und habe mich eigentlich nie irgendjemandem angepaßt. Aufgund meiner sonstigen Zurückhaltung war ich auch immer eher ein distanzierter Mensch, der wenig privates oder allgemein Dinge von sich preisgegeben und nicht unbedingt die Nähe zu anderen gesucht hat. Nur das nötigste habe ich erzählt, wenn überhaupt. Und Small Talk habe ich immer als lästig und extrem anstrengend empfunden, das geht mir bis heute so.

    Zum Schluß war es so schlimm, dass ich nur noch mit Bauchschmerzen dorthin gegangen bin und mein einziger Trost war, dass ich nicht der einzige Mensch war, dem es auf dieser Wohngruppe so ergangen war. Die Schule kam meinem Gesuch um Wohngruppenwechsel nicht entgegen und die Klassenlehrerin hätte mich am liebsten zur Hölle geschickt - konnte sie aber nicht, weil meine sonstigen Leistungen immer zu gut waren und stets an der Spitze des Klassenniveaus lagen (immer unter den ersten dreien).

    Danach kam dann, nach Abschluß dieser Ausbildung, ein stetes Wechselbad aus kurzzeitigen Anstellungen und häufigem Stellenwechsel. Ich bin auch überhaupt nicht mehr im Tagesförderbereich eingestellt worden, wo ich hätte kreativ arbeiten können, sondern nur in muffigen, abgestumpften Wohngruppen gelandet, wo es den ganzen Tag nur um Essen, Hintern abputzen und Betten machen ging (nie meine Stärke) und ich AUSNAHMSLOS nur schlechter Stimmung, fiesen Intrigen und Mobbing ausgesetzt war. Das betraf zwar nicht nur mich, auch andere hatten darunter zu leiden oder haben sich gegenseitig fertiggemacht. Aber ich war leider ganz besonders oft die Zielscheibe für Spott, Ironie und Gemeinheiten und vor allem ganz besonders schnell. Ich habe es eigentlich nirgendwo länger als ein Jahr ausgehalten, meistens wurde ich immer gekündigt kurz bevor ich von selber die Brocken hingeschmissen hätte. Oft fing es zunächst hoffungsvoll an und kippte dann sukzessive nach 2, 3, 4 Monaten ins Negative. Ich wußte nie, wo der Fehler lag. Aber ich merkte irgendwann, dass es etwas mit mir zu tun haben mußte, ohne das eine Absicht meinerseits dahintersteckte.

    Dann kamen drei oder vier Monate in einem Altenheim (Kündigung), wieder unterschiedliche Wohngruppen in unterschiedlichen Einrichtungen (fast überall Kündigung, einmal lief der Kurzzeitvertrag aber so aus und wurde nicht verlängert), ich entwickelte Depressionen (phasenweise bis heute), hypochondrische Ängste, war noch mindestens zweimal in psychologischer Behandlung. Gleichzeitig lernte ich 2006 aber auch meine sehr liebe Frau kennen mit der ich, wie eingangs erwähnt, zwei ebenso liebe Kinder habe. In der Hinsicht bin ich übrigens sehr konstant. Die von vielen AD(H)Slern beschriebenen Beziehungsprobleme habe ich überhaupt nicht. Ich bin von Natur aus sehr treu und außerdem auf ein stabiles Umfeld angewiesen und über alle Probleme kann ich mit meiner Frau sprechen. Diese ist immer bemüht, mich zu verstehen oder mich irgendwie zu unterstützen. Ich bin sehr sicher, dass wir eine glückliche und vertrauensvolle Beziehung führen, in die ich mich auch fallen lassen kann wenn es mal wieder nicht so läuft. Aber natürlich kann meine Frau auch nicht alle Probleme lösen, ganz klar.

    Jedenfalls habe ich Antidepressiva auch durch. Dann kam eine Anstellung in einer Einrichtung, die Menschen in ihrem privaten Umfeld unterstützt. Habe ich auch in den Sand gesetzt. Dann wieder Wohngruppen, wieder Mobbing, wieder endlose Schichtdienste, Überstunden und alles Dinge, die mich noch zusätzlich verunsichert und körperlich / psychisch kaputt gemacht haben. Immer häufigere Fehlzeiten mit Krankschreibungen. Irgendwann kamen Alkoholprobleme und Nikotinmißbrauch dazu, habe ich aber beides aus eigener Kraft wieder in den Griff bekommen. Ich trinke keinen Tropfen mehr, ebenso rauche ich nicht mehr und fühle mich fantastisch, alleine schon weil ich weiß, wie gut mir, meinem Körper und meiner Familie der Verzicht darauf tut.

    Das änderte aber nichts daran, dass ich meinen mittlerweile erworbenen Führerschein (im Jahr 2005) leider durch Alkohol am Steuer verlor (2010) und nach meiner letzten Anstellung im Jahr 2011 im erniedrigenden Hartz IV-System landete und die nächsten fünf Jahre meine ganze verbliebene Kraft darauf verwendete, mich gegen die unmenschlichen Drangsalierungen zu wehren - die mich oft wieder psychisch massiv beeinträchtigten - und vor allem nach außen hin ein positives Bild zu wahren, welches nicht dem typischen Hartz IV-Bezieher entspricht. Das war mir aus Eigenantrieb und Selbstwertgefühl heraus wichtig, auch im Sinne meiner Kinder, die keinesfalls darunter leiden sollten.

    Ich dachte auch schon, ich käme nie wieder aus dem Hartz IV-System heraus. Man gab sich weder Mühe, auf meine besondere und von mir mehrmals dargestellte Situation Rücksicht zu nehmen, noch wußte ich was ich hätte stattdessen machen können, da ich auch auf keinen Fall in die Tretmühle sozialer Berufe zurückwollte, womit ich eigentlich nur negative Erfahrungen assoziiere. Und ohne den vergluckerten Führerschein eh schwierig, was vernünftiges zu finden, zumal ich auch noch auf dem Dorf wohne (dort lebe ich schon seit meiner Geburt, ich hatte nie das Bedürfnis dort wegzugehen. Das ist mein Rückzugsort, mein sicherer Hafen.

    Meine vier Wände auf "meinem" Dorf sind mir nahezu heilig, was allerdings wiederum dazu führt, dass ich es auch nur schwer ertragen kann wenn sich dort Leute aufhalten die aus meiner Sicht dort nix zu suchen haben. Deswegen hasse ich Handwerker im Haus und noch mehr Besuch, weswegen ich auch nie jemanden einlade. Ich will dort wirklich nur meine Ruhe haben, ohne mich auf fremde Menschen einlassen zu müssen, denn das ist das einzige was es mir ermöglicht, den Akku wieder etwas aufzuladen).

    Oft fühle ich mich dennoch ausgebrannt und komme einfach innerlich nicht zur Ruhe, selbst wenn ich die Füße hochlege ist mein Kopf immer am Arbeiten und ich fühle mich montags überhaupt nicht ausgeruht vom Wochenende und habe ständig das subjektive Gefühl, mich kein Stück erholt zu haben oder zu kurz gekommen zu sein.

    Seit Februar dieses Jahres habe ich wider Erwarten wieder Arbeit gefunden und auch nicht im sozialen Bereich, sondern durch Zufall als Gärtner und "Hausmeister" eines Kinderheimes, wobei mein Schwerpunkt eigentlich auf der Geländepflege und dem Gärtnerischen liegt, da es noch einen richtigen hauptamtlichen Hausmeister dort gibt. Und es läuft genau wie immer.: Anfangs super, eigentlich diesmal auch wirklich nette Leute (erlebe ich eigentlich zum ersten Mal in meiner beruflichen Laufbahn), keine Mobbingkultur, Offenheit, soziales Miteinander, ein großzügiger und menschlich absolut korrekter Chef. Eigentlich perfekt, zumal er mir sogar finanziell ermöglicht, meinen Führeschein wieder zu erlangen, was ja auch beruflich wichtig für mich ist langfristig. Verdienst ist auch okay, besser als all die Jahre zuvor, es gibt eine betriebliche Zusatzzahlung für die Rente obendrauf und so weiter. Alles tippitoppi.

    Und dennoch passiert es mir, dass ich wieder anecke. Erst lege ich mich dem Hausmeister-Kollegen an bzw. er sich mit mir, weil ich mich ständig von ihm überwacht und kontrolliert fühle, obwohl mir anfangs gesagt wurde, dass ich eigenverantwortlich arbeiten soll. Genau das passiert aber nur selten. Offenbar ist er mir weisungsbefugt, also anders als mir anfangs gesagt wurde. Und er ist auch noch 10 Jahre jünger als ich, was es nicht einfacher macht. Obwohl wir uns allgemein gar nicht schlecht verstehen, nervt mich das ungemein und ich verliere zunehmend Motivation, das geht ratz-fatz. Außerdem werde ich dauernd für handwerkliche Arbeiten und Hausmeisterkram mit eingespannt, obwohl ich mich viel mehr als Gärtner sehe und auch viel mehr Ahnung vom Gärtnern habe. Handwerklich bin ich hingegen nicht sonderlich geschickt. Und es wird mir dauernd in meine Arbeit reingequatscht.

    Dann habe ich einen Arbeitsunfall (Bohrmaschine durch den Daumennagel gejagt), dummerweise alleine und ohne Zeugen. Habe ich auch nicht gemeldet, mir nichts dabei gedacht. Dummerweise hat sich das nach zweieinhalb Wochen entzündet, aber ich habe mich trotzdem ohne ein weiteres Wort unter starken Schmerzen zu Arbeit geschleppt, bis ich irgendwann kurz vor einer Blutvergiftung stand und alles rot, geschwollen und eitrig war. Mußte dann im Krankenhaus operiert werden. Natürlich habe ich dort gesagt, dass es ein Arbeitsunfall war und mein Chef ist aus allen Wolken gefallen. Wann ist das passiert ? Warum gibt es keine Zeugen ? Was hast du überhaupt in der Werkstatt gemacht ohne Auftrag ? Wieso erst jetzt gemeldet, hättest du gleich melden müssen....ist doch bestimmt in Wirklichkeit zuhause passiert....und und und...Riesentrara mit Berufsgenossenschaft und jeder Menge Ärger mit erstmal wieder zurückgenommener Kündigungsandrohung (in der Probezeit noch dazu), persönlichem Gespräch im Büro und dreiwöchiger Krankschreibung. Auf einmal stehe ich da wie ein Nestbeschmutzer und als ich gestern wieder zur Arbeit kam, wurde mir mit totaler Distanziertheit begegnet, obwohl ich mich mindestens zehnmal dafür entschuldigt hatte (sogar im Beisein meiner Frau), dass die ganze Angelegenheit so suboptimal aus dem Ruder gelaufen ist und es ganz bestimmt nicht in meiner Absicht lag, irgendjemanden schädigen zu wollen. Dabei habe ich bis auf diesen unabsichtlichen (vielleicht ADS-typisch naiven) Formfehler nichts schlimmes getan, nicht geklaut, nicht gelogen, nicht betrogen, bin nicht frech geworden, habe niemandem an die Brüste gefaßt. Eigentlich Lapalien, genaugenommen. Und genau die bekomme ich jetzt auch noch anderweitig aufs Brot geschmiert, denn auf einmal werden mir Dinge vorgehalten (farblich unpassende Steckdose montiert z.B. - die war beige statt weiß und offenbar deshalb ein fruchtbares Drama, weil man sich ja den ganzen Tag Steckdosen anguckt anstatt sie zu benutzen), zu denen sich in den ganzen Monaten keine Sau mir gegenüber geäußert hat. Jetzt, nach dieser unbeabsichtigten Geschichte mit Arbeitsunfall, Krankschreibung und Berufsgenossenschaft, werden mir solche Sachen auf einmal aufgetischt.

    Ich fühle mich zu Unrecht wie ein Schwerverbrecher behandelt und würde am liebsten nur noch zu Hause bleiben und nirgendwo mehr arbeiten gehen. Ich habe einfach keinen Bock mehr, mich überhaupt noch auf jemanden einzulassen und frage mich, warum ich nicht einfach in Ruhe gelassen werden kann. Depressive Verstimmung fängt auch schon wieder an, bin schon seit Tagen extrem antriebs- und lustlos.

    Manchmal denke ich fast, ich würde lieber wieder Hartz IV beziehen um meine Ruhe zu haben, aber mich wieder den dortigen Demütigungen auszusetzen ist für mich eine noch schlechtere und beängstigendere Option. Ich weiß einfach nicht mehr weiter, bin völlig ratlos und ohne jede Energie zur Zeit.

    Ach ja, auf AD(H)S getestet wurde ich zweimal bei zwei unabhängigen Ärzten (2009 glaube ich und 2014). Beide Male war das Resultat eindeutig pro AD(H)S. Beim ersten Arzt bin ich irgendwann nicht mehr hin, weil das jedesmal 80 Kilometer pro Strecke waren und das Wartezimmer immer überfüllt, da er nebenbei noch als normaler Allgemeinmediziner tätig ist. Das hat jedesmal Stunden gedauert, da war der halbe Tag im Eimer. Der andere, ein Psychiater, hat mir Ritalin verschrieben, aber das habe ich nicht eingenommen. Einmal, weil mir das Präparat suspekt ist (obwohl meine Tochter ein Derivat - Concerta - bekommt und auch verträgt) und ich immer hoffte, ohne sowas auszukommen. Vor allem aber auch, weil ich Bluthochdruck habe und der auch medikamentös eingestellt ist, Methylphenidat aber blutdrucksteigernd sein soll. Und will natürlich nicht das eine durch das andere gefährden.

    So, mit diesem endlosen Text (bitte nicht böse sein, da hat sich soviel angestaut. Ich konnte nicht anders.) habe ich jetzt mal halbwegs mein Herz ausgeschüttet und bestimmt immer noch endlose Details vergessen. Wenn es euch gelangweilt hat, tut mir das leid. Ach so, bevor ein falscher Eindruck entsteht: Trotz meiner Verzweiflung und Überforderung bin ich zum Glück nicht suizidgefährdet, auch nie gewesen. Wenigstens dass nicht. Aber ich weiß einfach nicht mehr weiter, ich fühle mich wie vom Laster überfahren und in einem Hamsterrad a´la "täglich grüßt das Murmeltier". Beruflich ist die Luft völlig bei mir raus, dabei bin ich weder faul noch dumm. Ich komme nur dauerhaft nicht mit anderen Menschen, Bürokratie, Einengungen, langen Dienstwegen, Gelaber, Diskussionen und Kleingeistigkeit nicht zurecht. Ich habe einfach keine Ahnung, was ich machen und wie das weitergehen soll. Und ich bin definitiv nicht glücklich.

  2. #2
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 27
    Forum-Beiträge: 465

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Ich hab die ersten paar Absätze gelesen aber kann mich grad nicht dazu durchringen, alles zu lesen: Gibt es eine konkrete Frage oder möchtest du uns einfach nur dein Herz ausschütten? Wenn es ein Problem gibt, könntest du dann die wichtigen Stellen und Fragen fett markieren (statt den gesamten Text)? Sorry, aber so wie ich mich kenne lese ich das sonst nie… Vielleicht gibt es hier aber aufmerksamere User und ich bin ein schlechtes Beispiel.

  3. #3
    Lokalpatriot

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 37
    Forum-Beiträge: 303

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Hi.
    Ich muss mich Persoephone anschließen - der Text ist zwar schön gegliedert, aber ich kann mich da auch nicht durchlesen

    Vielleicht modifizierst du deinen Text erst noch etwas :denK. So wie Persephone vorgeschlagen hat.

    Und ansonsten: herzlich

  4. #4
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 38
    Forum-Beiträge: 17

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Nun ja, ich habe ja schon angemerkt dass der Text auch aus meiner eigenen Sicht etwas zu lang geraten sein dürfte. Ich gehöre zu der ADSler-Sorte, die gerne etwas ausufernder wird...Herz ausschütten, ja, sicherlich will ich das auch, da hier nun einmal Menschen unterwegs sind welche mit dem ADS-Thema hinreichend vertraut sind. Und, ja, auch ein paar Ratschläge, wo sich für mich was ändern ließe oder was ich in meiner Situation machen kann, würden mich erfreuen. Allerdings fällt es mir jetzt wiederum schwer, den ganzen Text nochmal durchzugehen und Stellen zu markieren...;-)

  5. #5
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 377

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Lieber Steamhammer,

    ich habs gelesen. Du hast Glück, weil du tolle Eltern, eine super Frau und Kinder hast!!

    Ansonsten hast du ADHS ... Meine Söhne auch ... Ecken an überall, obwohl sie extrem lieb sind. Eigentlich viel toller wie die anderen Kinder, aber eben mit anderen Ecken als die anderen und deswegen krachts oder schepperts oder passt eben nicht zusammen.

    Mein jüngerer Sohn kriegt seit 4 Wochen Medikinet und schon ists besser, Grausam, ich wollte nie Medikamente geben, aber jetzt hat er eine Chance ...

    Ich hab im August Diagnose, bin mein Leben lang angeeckt. Mir eingebildet, dass es nichts mache, aber stimmt es? Keine Ahnung ...

    Sehe nur das Beispiel meines Sohnes.

    Ich habe Bluthochdruck und gleiche Bedenken wie du. ES gibt sicher andere Medikamente gegen ADHS, die nicht so stark auf den Blutduck wirken, Erkundige dich.

    Drücke dir die Daumen!!! Du hast eine gute Startbasis mit deiner Familie und deinem Wohnort. Wir leben auch auf dem Land, deswegen hatten meine Kinder auch bis zur Schule wenig Probleme, das Landleben tut uns allen sehr gut.

    LG Lydia

  6. #6
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 42
    Forum-Beiträge: 428

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Hallo Steamhammer,

    ich kann Dir deine Situation nachfuehlen. Mir ist es sogar voellig unmoeglich, mit Menschen zusammenzuarbeiten, wenn ich mich emotional nicht angenommen fuehle.
    Und in deinem Fall klingt das ja sogar schon eher nach Mobbing.
    Hoffentlich bessert sich die Situation bei dir wieder.

    Und wenn Du ueberlegst, dich medikamentoes einstellen zu lassen, rede doch mal mit einem Psychiater darueber und erzaehl ihm von deinen Sorgen mit dem Bluthochdruck. Sein Job ist es, sich damit auszukennen.

    Und wenn Du aus Erfahrung sagst, eine depressive Verstimmung faengt schon wieder an, hast du gleich noch einen Grund, dorthin zu gehen...

    Alles Gute.

  7. #7
    N o r d f r a u

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 61
    Forum-Beiträge: 7.314

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Hallo Steamhammer,

    das ist ja ein ganz schönes Brett, dein erster Beitrag hier im Forum!

    Ich habe deinen Beitrag schnell gelesen.

    Was mir jetzt stark aufgefallen ist:
    Der Mann bekommt zwei Mal AD(H)S diagnostiziert, beim
    zweiten Mal wird ihm Methylphenidat verschrieben (Ritalin adult?), und
    er nimmt's nicht!

    Ich selbst nehme seit Jahren Methylphenidat und dazu einen Beta-Blocker.
    Kürzlich musste ich mich einer Operation unterziehen, da habe ich bei der Vorbesprechung
    angegeben, dass ich Methylphenidat/Beta-Blocker und einen Säureblocker nehme, und
    die Anästhesistin hat mir auf einem Zettel geschrieben, dass ich am Abend vorher den
    Säureblocker und am Morgen vor der OP den Beta-Blocker und das Ritalin adult nehmen
    soll. Es war zum Glück ein sehr kurzer Eingriff und die Ärzte waren erstaunt, wie fit ich
    schon kurz nach der OP war (ich bin immerhin über 60).

    Wegen dir habe ich extra noch meinen Hocker geholt und in meinem Schrank mit der
    ADHS-Literatur gewühlt, die liegt ziemlich weit oben. Ich habe in dem Buch "ADS - Das kreative Chaos"
    von Walter Beerwerth gelesen, er ist Mediziner, und dachte, ich finde einen Absatz, wo beschrieben
    ist, dass man Methylphenidat zusammen mit einem Beta-Blocker nehmen kann. Ja, kann man,
    aber da sollte man schon ein paar Kapitel drin lesen.

    Natürlich kann dir niemand hier im Forum sagen, ob bei dir Methylphenidat hilfreich ist.
    Aber es auszuprobieren, mit kleiner Menge und unretardierter Form nach Abklärung deiner
    Blutdruckproblematik, das sollte doch drin sein!

    Vielleicht wirkt es nicht, dann gibt es andere Wege.
    Zufällig bin ich sehr lange mit einem Mann verheiratet, der ein ziemlicher Einzelgänger ist,
    ein Tüftler, der manchmal vielleicht etwas weltfremd daher kommt. Allerdings ist er mit
    sehr vielen Geschwistern großgeworden, das hilft viel sich in Gruppen zu behaupten.

    Bei uns hat es sehr viel gebracht, die Schilddrüse zu untersuchen und den VitaminD3-Spiegel.
    Und natürlich leben wir "ADHS-freundlich".

    Also fass dir ein Herz und rufe morgen deinen Arzt an.
    Und das Buch von Walter Beerwerth kann ich dir wärmstens empfehlen!

    Alles Gute und liebe Grüße
    Gretchen

  8. #8
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Alter: 27
    Forum-Beiträge: 30

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Moin, Moin Steamhammer,

    Mensch da hast du ja einiges erlebt. Bist genauso wie ich ein Kämpfer der sich nicht runter ziehen lässt.

    Hier mal mein Link zu meiner Vorstellung: https://adhs-chaoten.net/vorstellung...t-wurzeln.html
    Ich schreib auch viel, wenn ich relativ viel zu erzählen habe oder/und emotional werde.

    Nicht jeder liebt lange Texte, aber ich lass dein Text ziemlich rasch durch (Selektives Lesen sei dank ). Ich musste bei einigen Passagen schmunzeln, weil einiges mir bekannt vorkam. So ist es mit dem Arbeitsumfeld bei dir auch wie bei mir. Ich gehe sogar einen Schritt weiter. Selbst in Vereinen brauche ich solche Strukturen um mich sicher zu fühlen.

    Du hattest rießiges Glück, dass du solch verständisvolle Eltern bekommen hast, dich die soweit wie nur möglich unterstützt haben. Auch hast du mit deiner Frau den Jackpott geknackt. Solch eine möchte ich auch gern haben. Und die Kinder geben dir jeden Tag, so hoffe ich, die Kraft jeden Tag auf neue durch zu halten.

    Ich wurde selber mehr als nur einmal gemobbt. Das fing erst in NRW an. Dort wechselte ich von Altshausen (BW) nach Dortmund (NRW) in das Internat. Aufgrund meines hohen Wissenstandes wurde ich als Streber, Besserwisser und ähnliches abgestempelt. Klar hätte ich mich zurücknehmen können, aber ich wollte nicht jeden Tag immer das gleich Thema behandeln. Ich wollte mehr Unterrichtsstoff erhalten (klasischer Frontalunterricht ). Das ging soweit, dass man mir meine Sporttasche und persönliche Sachen klaute.
    Nach etlichen Umzügen später, nun wohnte ich in Sachsen im Tal der Ahnungslosen, holte mich die Vergangenheit ein und es ging mit dem Thema Mobbing weiter. Nur das diesmal es bissel anderes gelagtert war. Ich machte eine überbetriebliche Ausbildung, finanziert durch die Agentur für Arbeit. Dort durfte man das Thema Mobbing nicht mal in dem Mund nehmen bei den alt eingesessenen Ausbildern. Die sahen nicht das offentsichliche, was aber andere Ausbilder, die nichts mit meiner Ausbildung zu tun hatte, sahen. Ich fühlte mich regelrecht verarscht. Ein Glück bestand, dass in meiner Nachbarschaft der Leiter des Ausblidungszentrum wohnte und so konnte ich aus meiner Sicht (Mobbingopfer) die Sache schildern. Das hat ziemlich hohe Wellen geschlagen, und es rollten paar Köpfe. Unsere Klasse wurde dann ein Anti-Agressionstraining angeordnet. Gebracht hat es bissel was.
    Nun wusste jeder von jedem seine Schwachstellen. Ich habe aber meine richtigen Schwachstellen nie erzählt.

    Meine vier Wände auf "meinem" Dorf sind mir nahezu heilig, was allerdings wiederum dazu führt, dass ich es auch nur schwer ertragen kann wenn sich dort Leute aufhalten die aus meiner Sicht dort nix zu suchen haben. Deswegen hasse ich Handwerker im Haus und noch mehr Besuch, weswegen ich auch nie jemanden einlade. Ich will dort wirklich nur meine Ruhe haben, ohne mich auf fremde Menschen einlassen zu müssen, denn das ist das einzige was es mir ermöglicht, den Akku wieder etwas aufzuladen).
    Ja so sehe ich es auch. Ich hasse es, wenn ich besuch bekomme oder irgendwelche Handwerker oder ähnliches bekomme. Das ist MEIN Rückzugsort, MEINE Höhle und nicht ein offener Marktplatz.

    Hast du schon einal dran gedacht, dich selbstständig zu machen?? Somit kannst du viele deiner Probleme aus dem Weg gehen.

    Gruß
    Acoca

  9. #9
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 910

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Hallo Steamhammer,

    bei deiner Schilderung denke ich an eine (komorbide) Angststörung. Ob das tatsächlich so ist, kann man natürlich erst nach einer anständigen Diagnostik sagen.

    Jedenfalls: Meiner Ansicht nach könnte es dir guttun, wenn du jemanden hast, der dir dabei behilflich ist, deine soziale Umwelt (also diese "Alle", die dich nerven/mobben/nicht verstehen/usw) durch eine etwas klarere Brille zu betrachten. Zurzeit scheint mir dein Blickwinkel etwas eingeengt auf "Bedrohung/Behinderung"Verachtung" von Außen (womöglivh auch von Innen).

    Das kann z. B. durch eine Angststörung verursacht oder verstärkt werden, ist aber natürlich auch bei einer ADHS nicht selten.

    Deine Wahrnehmung der Umwelt wie du sie zurzeit erlebst, ist allerdings nicht besonders hilfreich für dich, sondern begrenzt und erschöpft dich und deine Ressourcen.

    Deshalb würde ich, falls ich gefragt würde, (nochmal) eine anständige Diagnostik empfehlen und zwar nicht nur eingegrenzt auf ADHS, sondern auf andere psychische Störungen wie Angst, Depression oder Störungen aus dem Persönlichkeitsbereich.

    Darauf aufbauend sollte eine passende Therapie erfolgen. Wenn du mit Verhaltenstherapie nicht glücklich bist, dann gibt es ja auch noch andere Therapieformen.

    Ich wünsch dir gute Begleiter und (neuen) Mut, deine Schwierigkeiten (noch einmal) anzugehen. Tatsächlich besteht das Leben daraus, dass man nie "fertig" ist, nicht wahr? Es gibt immer was zu tun und wenn es beim ersten/zweiten/dritten Mal noch nicht so ganz erfolgreich war, dann macht man eben den vierten/fünften/sechsten Schritt.

  10. #10
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 345

    AW: Ich weiß nicht mehr weiter

    Gretchen schreibt:
    Wegen dir habe ich extra noch meinen Hocker geholt und in meinem Schrank mit der
    ADHS-Literatur gewühlt, die liegt ziemlich weit oben. Ich habe in dem Buch "ADS - Das kreative Chaos"
    von Walter Beerwerth gelesen, er ist Mediziner, und dachte, ich finde einen Absatz, wo beschrieben
    ist, dass man Methylphenidat zusammen mit einem Beta-Blocker nehmen kann. Ja, kann man,
    aber da sollte man schon ein paar Kapitel drin lesen.

    Natürlich kann dir niemand hier im Forum sagen, ob bei dir Methylphenidat hilfreich ist.
    Aber es auszuprobieren, mit kleiner Menge und unretardierter Form nach Abklärung deiner
    Blutdruckproblematik, das sollte doch drin sein!

    Vielleicht wirkt es nicht, dann gibt es andere Wege.
    ...

    Also fass dir ein Herz und rufe morgen deinen Arzt an.
    Und das Buch von Walter Beerwerth kann ich dir wärmstens empfehlen!
    Hallo Steamhammer,

    auch ich hab deinen Text zumindest überfolgen, er war tatsächlich eine Herausforderung, aber andererseits hat er auch großen Eindruck auf mich gemacht. So was schreibt man ja nicht, wenn's einem gut geht im Leben und alles in Butter ist.

    In vielen, was die anderen bereits geschrieben haben, denke ich ähnlich. Beispielsweise ist eine Selbständigkeit zwarsicherlich kein einfach zu bewältigendes Projekt, aber u.U. eine Möglichkeit, eine befriedigendere Arbeitssituation zu erlangen. Du scheinst ja intelligent zu sein und schon in der Vergangeheit immer wieder die Initiative ergriffen zu haben, dich zu verbessern (z.B. die verschiedenen Schulabschlüsse). Wenn du es gut angehst, könntest du etwaigen Strukturierungsproblemen auch entsprechend begegnen. Kommt natürlich drauf an, ob du eine geeignete Idee hättest.

    Das bringt mich zum Punkt: Herausforderungen zu bewältigen ist ja auch für unsereins nicht unmöglich, nur u.U. um ein Vielfaches schwerer. Dafür würde ich dir ebenso wie einige andere dringend raten, das "Hilfsmittel Medikation" noch einmal zu erwägen, dich beim Facharzt grundlegend informieren zu lassen und dann eine Versuchsstrecke zu wagen. Blutdruckmedikation inclusive und dabei kurz- und längerfristige Entwicklung des Blutdrucks ebenso unter Beobachtung haben.
    Per se ist natürlich Methylphenidat (wie andere Stimulanzien) erstmal blutdrucksteigernd, aber nicht bei jedem gleich stark.

    Bei mir gab's Anfangs Bedenken der Ärztin gegenüber einer Einstellung mit MPH, weil mein Blutdruck einige Male bei ihr in der Praxis recht hoch war, ich zudem nicht mehr ganz jung und sportlich bin und sowieso schon genug Stress habe. Ich hab dann eine mittelprächtig ausfallende 24Stunden-Messung gemacht (auch mehr Stress als sonstwas --> wer da nicht immer wieder höhere Messwerte dabei hat muss ja schon fast ein Gott der Duldsamkeit sein . Ein zuverlässigeres Bild ergaben dann regelmäßige Messungen mit einem eigenen Gerät, das mir meine Hausärztin verschrieben hat. Das war interessant: Dann schon unter MPH (Ritalin adult 20 mg 2xtäglich) war mein Blutdruck gar nicht so selten im grünen Bereich und nur äußerst selten im roten, meistens in der Mitte, d.h. leicht erhöht, aber recht unproblematisch. Bei der Psychiaterin hatte ich vermutlich nur viel zu hohe Werte zustande gebracht, weil ich aufgeregt war, kurz davor die Treppe hochgerannt war etc. Als sie dann die Aufzeichnungen meiner eigenen Messungen gesehen hatte, war der Blutdruck überhaupt kein Thema mehr.

    Meine persönliche Theorie ist außerdem: Ich habe eine große Erleichterterung durch MPH, dass das, obwohl der Stoff an sich blutdrucksteigernd wirkt, mein durchschnittliches Stresslevel im Vergleich zur nichtmedizierten Situation deutlich senkt. Zudem versuche ich seither, etwas Gewicht zu reduzieren, mich allgemein gesund zu verhalten (so gut wie kein Alkohol, kein Rauchen, einzige zusätzliche "Droge" Kaffee) und wenigstens zweimal die Woche zu laufen.

    Verleichbarkeit ist in solchen Dingen oft nicht, aber offen gesagt hört sich dein Leben, wie du es beschreibst, extrem stressreich an. Vielleicht hilft es, den Gaul von hinten aufzuzäumen.

    Liebe Grüße
    alice


    -----------
    Allegmein zum Thema Medikation:

    Ein Facharzt, der sich sehr gut mit der Thematik auskennt und zu dem ich deswegen einen meiner Pat. geschickt habe, teilte mir mal mit:

    Die Behandlungsmethode erster Wahl ist bei ADHS auch leitliniengerecht die Medikation mit Methylphenidat, worauf sich dann die geeigneten weiterführenden Methoden „draufsetzen“ können, um im Sinne eines multimodal abgestimmten Therapieprogramms optimale Ergebnisse Resultate zu erlangen, also die Psychotherapie (Psychoedukation, Coaching, soziales Funktionstraining etc.). Sogar die engagierte ehemalige Leiterin der Psychotherapie am Freiburger ADHS-Schwerpunkt und Verfasserin eines ganzen Psychoedukations-Trainingsmoduls, Frau Philipsen hat dies so in der Priorisierung klargestellt.

    Dass er bei mir obwohl angehende Psychotherapeutin (meine Zunft ist in Teilen recht medikamentenkritisch), aber eben auch selbst Betroffene, bezüglich medikamentöser Therapie gar keine Hindernisse aus dem Weg räumen muss, wusste er natürlich nicht

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