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bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Forum-Beiträge: 176

    Neuer Berufsversuch

    Bin momentan ziemlich verwirrt. Es steht eine Änderung meiner beruflichen Tätigkeit bevor, weil ich es mit dem Unterricht einfach nicht mehr packe wegen zunehmender Reduktion meiner Belastbarkeit in Bezug auf akustischen Streß/schwierige Hörsituationen. Meine Kompensationsfähigkeit für Nichtgehörtes nimmt stark ab, und ich bin oft einfach nur ermattet wegen der Höranstrengung im Unterricht.

    Ich war im Februar in einer Reha für Hörgeschädigte, und bevor ich diese Reha angetreten hatte, ergab sich eine massive Hörverschlechterung, ich war damals so gut wie taub (durch Hörstürze). Zuvor hatte ich eine hochgradige Schwerhörigkeit, die mit Hörgeräten zufriedenstellend kompensiert war. Ich hatte großes Glück: Weil ich in der Reha eben die gleichgesinnten Hörgeschädigten-Gespräche hatte, wir da über die spezifischen Probleme mit Schwerhörigkeit sprachen und obendrein die anderen sehr viel Verständnis für meine Andersartigkeit entwickelten und mit mir umgingen wie mit einem normalen Menschen (Hörgeschädigte haben wegen ihrer eigenen Behinderung offenbar einen anderen Blickwinkel auf Anderssein), gab mir das so richtig Mut und seelischen Auftrieb. Auch begegnete ich meiner uralten Angst vor dem kompletten Verlust meines Hörvermögens und erfuhr, dass ich mich davor nicht so sehr fürchten muß, wie ich es immer tat. Dadurch erholte sich mein Gehör wieder, und ich höre fast so wie in den vergangenen Jahren, so dass die Hörgeräte wieder ausreichende Kompensation für die meisten Alltagssituationen bringen.
    Ich konnte in dieser Zeit auch klarer sehen, welche Anteile meiner Andersartigkeit tatsächlich durch die Hörschädigung bedingt sind und was "so von Natur aus" einfach anders in mir "tickt", durch den direkten Vergleich zu meinen Mitrehabilitanden. Da merkte ich, dass ich doch viel "normaler" bin als ich bisher annahm und spürte auch, dass meine übrigen Macken auch nicht so schlimm sind und ich mir daher nicht immer soviele Vorwürfe machen sollte/darüber grübeln darf.

    Dennoch zeigen sich diverse Auswirkungen einer Kommunikationsbehinderung, wo ich jetzt auch nicht mehr aufdröseln will, ob es durch mangelnde zwischenmenschliche Interaktion infolge der frühkindlichen Hörschädigung, behütetes Elternhaus oder durch eine andere Verdrahtung im Gehirn kommt:

    - In lauten, lärmigen Umfeldern kann ich garnichts mehr aufnehmen, eine Kommunikation ist nicht möglich
    - sprechen Menschen sehr leise, undeutlich und schnell, verstehe ich auch nichts mehr; ich bin auf eine sehr gute Stimmodulation, sehr klares, langsames und deutliches Sprechen angewiesen
    - ich habe keine Kompensationsmechanismen wie Lippenabsehen oder Verständnis durch die Körpersprache; etliche Lernversuche sind gescheitert (Besonderheit bei mir, andere Hörgeschädigte haben da äußerst gute Fähigkeiten)
    - ebenso habe ich Schwierigkeiten, "Fließtext" und unvollständige Wörter zu verstehen, was Voraussetzung für das Verständnis beim Lippenabsehen ist; ich habe auch große Probleme, Texte mit vielen Rechtschreibfehlern und ausgeprägten Grammatikschwächen zu verstehen. Andere Hörgeschädigte können das supergut.
    - während zwischenmenschlicher Interaktionen habe ich Konzentrationsschwierigkeiten, und unvorhersehbare Abläufe können mich dann sehr verwirren
    - Prosopagnosie
    - schlechtes Verständnis für subtile Nachrichten z.B. Ironie und Sarkasmus, sehr gut verstehe ich Metaphern und bildliche Vergleiche/übertragene Bedeutungen
    - mir sind einige lebenspraktische Dinge unbekannt, teils mangels Übung (weil mir Vieles auch abgenommen wird/wurde), teils weil ich selbst keine Lösungen entwickeln kann, sondern immer vorgefertigte Gebrauchsanweisungen für Abläufe brauche, die ich bei einmaligen Anwenden jedoch sofort beherrsche
    - mir sind viele schlechte Lebenserfahrungen zum Glück erspart geblieben, wie z.B. psychische Mißhandlungen im Elternhaus, Gewalt, etc. und dann trete ich bei manchen Menschen mit schlechten Lebenserfahrung durch ungünstige Formulierungen in Fettnäpfchen und triggere sie ungewollt; in anderen Bereichen trete ich auch gerne in Fettnäpfchen; manche meiner Späße werden von den anderen nicht verstanden und hinterlassen bei ihnen ein völlig falsches Bild meiner Person
    - ich bin sehr direkt und sage, was ich denke, das führt bei vielen Menschen zu Verwunderung, Verwirrung und sogar Ablehnung
    - normale Späße verstehe ich oftmals als "Letzte" oder garnicht, muß oft über die Dinge viel nachdenken, was das alles bedeuten könnte
    - ich lasse mich schnell verunsichern, das merken andere sofort und nutzen das für sich aus

    Es ist seltsam, dass so jemand wie ich unbedingt mit Menschen zusammenarbeiten will, aber ich habe Freude daran. Es interessiert mich sehr, wie Menschen ticken, und ich finde schnell und zielsicher heraus, was der andere für Probleme hat. Im psychiatrischen Bereich verfüge ich über umfangreiches Fachwissen, so dass ich Patienten gut aufklären kann, wenn sie z.B. eine Erkrankung aus dem psychiatrischen Bereich haben und kann sehr gut zwischen psychiatrischen und psychischen Problemen, Folgeproblemen und Riskofaktoren/eventuellen Ursachen für die jeweilige Problematik unterscheiden. Es ist und bleibt mein Wunsch, die Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie zu machen, für andere Berufe kann ich mich einfach nicht begeistern. Schwerpunkte werden bei mir die Zuordnung von psychischen Problemen, ggf. Diagnose von psychiatrischen Erkrankungen und die kognitive Verhaltenstherapie werden, die medikamentöse Therapie werde ich auch durchführen, sofern sie unumgänglich ist und so gering dosiert wie möglich (in Kombi mit alternativen Methoden wie z.B. Entspannungsverfahren, Achtsamkeit, etc.). Eine typische Lebensberatung wie z.B. Umgang mit Mißbrauchserfahrungen kann ich zur Zeit nur eingeschränkt anbieten, nämlich in Erfahrungsbereichen, wo ich selber mal Probleme hatte und diese gelöst habe. Der Bereich "Mißbrauchserfahrungen und emotionale Verarbeitung" z.B. wären ein "weißer Fleck auf meiner Landkarte".

    Mein Mann meint, dass ich ein extrem gutes diagnostisches Geschick habe und dass meine Art, Probleme zu hinterfragen und offen anzusprechen für Psychiatriepatienten gut sei. An meinen Problemen könnte ich während der Ausbildung gut feilen.
    Doch habe ich große Sorgen, dass ich als angehende Psychiaterin "jedes Patientenproblem", auch abseits der Diagnostik psychiatrischer und körperlicher Störungen kennen muß und wenn ich mich z.B. in Menschen mit manipulativem Verhalten nicht gut einfühlen kann, bzw. die Manipulationen sogar nicht durchschaue, dass man mich dann nicht für vollnimmt und ich den Beruf verfehlt habe.

    Was ich gut kann, bzw. mache:
    - höre gerne zu und frage aktiv nach, hinterfrage sehr viel
    - rege den Patienten an, sich selbst Gedanken über sein Problem zu machen und Lösungen zu entwickeln; ich helfe durch Moderation des Gesprächs
    - bin sehr gut im Beraten, Aufklären und in der Wissensvermittlung
    - immer an Optimierung meiner Arbeit orientiert, perfektionistisch
    - zuverlässig, pflichtbewußt und genau
    - sehr analytisch, schnelle Auffassungsgabe, gutes Gedächtnis (für Faktenwissen und Prozeduren)
    - extrem wissbegierig in meinen Fachgebieten

    Wegen Hören: ich bin zur Betreuung im Integrationsfachdienst, und so wie es aussieht, könnte ich evtl. eine Stelle in einer psychiatrischen Klinik für Hörgeschädigte bekommen. Falls ich in einer normalen Psychiatrieklinik arbeiten werde, bekomme ich Unterstützung durch z.B. Schriftdolmetscher und technische Hilfsmittel.

    Daher meine Fragen an Euch:
    1) Was sind Eure Erwartungen an einen Psychiater?
    2) Was denkt Ihr, würdet Ihr Euch bei jemanden wohlfühlen, der zwar nicht alle Facetten des Lebens kennengelernt hat (wie z.B.Drogen- und Alkoholmißbrauch, Gewalt), aber gerne zuhört und mit Euch zusammen Lösungen entwickelt/falls das nicht möglich ist, ein offenes Ohr anbietet, anstatt einfach nur eine Diagnose und Medikamente aufzuschreiben?

  2. #2
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 6.847

    AW: Neuer Berufsversuch

    Also für mich als Patient mit gesundem Gehör wäre ein Psychiater oder Therapeut mit einem sehr starken Hörproblem wirklich ein Problem, sag ich ganz ehrlich. Zumindest wenn jemand weiteres als Dolmetscher anwesend sein müsste, oder ich denjenigen die ganze Zeit anschauen müsste und in seine Richtung sprechen müsste.

    Das meine Therapeuten und Ärzte bisher wenig Eigenerfahrungen in psychiatrischen Angelegenheiten haben, ist für mich eine Vorraussetzung. Ich hatte mal einen der selbst irgendetwas hat, was an starkes ADHS erinnert (er war aber so professionell das nicht zu erzählen), und bei aller Liebe, sowas will ich nie wieder, und auch keinen mit anderen ernsthaften psychiatrischen Problemen. Die Probleme die da auftreten sind nämlich für Patienten teils gar nicht lustig oder hinnehmbar. Wenn du dein ADHS gut im Griff hast, und es in Bereichen die ein Arzt oder Thera nun mal bedienen muss nicht so stark eine Rolle spielt, dann würde ich da keine Probleme sehen. Da du aber in zwischenmenschlichen Bereichen verschiedenste Probleme hast, finde ich deine Wahl nicht unbedingt passend.

    Es kommt wohl auch drauf an, in welchem Bereich du arbeiten möchtest, ich denke bei schwer Erkrankten z.B. im Akutbereich wärst du fehl am Platz. Da muss man oft schnell verstehen und agieren, teils zwischen den Zeilen lesen, sehr viel geschildertes Leid ertragen können, aber auch sehr viel Aggression, und das teils völlig unvorhergesehen. Du musst Manipulationen, Ungerechtigkeiten und vielem mehr dir gegenüber ertragen können, und du musst auch mehr als in vielen anderen medizinischen Berufen zurückstecken und dir auf die Zunge beissen. Hier ist Verhandlungsgeschick mehr gefragt, als nur offen und ehrlich. Und Fettnäpfe können fatal sein, gerade bei hochempfindlichen Psychiatriepatienten, die jedes Wort auf die Goldwaage legen und durch sowas evt nie wieder kommen oder sich an ihrer Anlaufstelle auch missverstanden oder verraten fühlen.

  3. #3
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 909

    AW: Neuer Berufsversuch

    1) Was sind Eure Erwartungen an einen Psychiater?
    2) Was denkt Ihr, würdet Ihr Euch bei jemanden wohlfühlen, der zwar nicht alle Facetten des Lebens kennengelernt hat (wie z.B.Drogen- und Alkoholmißbrauch, Gewalt), aber gerne zuhört und mit Euch zusammen Lösungen entwickelt/falls das nicht möglich ist, ein offenes Ohr anbietet, anstatt einfach nur eine Diagnose und Medikamente aufzuschreiben?

    Zu 1)

    - Klare, verständliche Ausdrucksweise + Fachlichkeit und Wissen um die Grenzen des Fachgebiets
    - Respekt und Wertschätzung für JEDEN Patienten
    - regelmäßige Fachfortbildungen und Offenheit für neue Forschungsergebnisse im Fachbereich, auch wenn sie "unbequem" sind und dem bisher vorherrschenden Wissen andere Erkenntnisse entgegen stellen


    Zu 2)

    - ich erwarte absolut nicht, dass eine Psychiaterin und/oder Psychotherapeutin "alle Facetten des Lebens" kennt - wer könnte denn schon ALLE (!!) Facetten des Lebens kennen . Ganz im Gegenteil: Erzählte mir ein Kollege, er oder sie kenne "alle Facetten des Lebens" hielte ich ihn oder sie für mindestens unseriös

    - lösungsorientiertes Arbeiten ist doch ganz prima!

    - ein "offenes Ohr" ist ebenfalls eine feine Sache, mit der Einschränkung, dass dieses offene Ohr ein Angebot an den Patienten ist und keine Verpflichtung für diesen


    Ganz allgemein finde ich, wenn man so einen deutlichen Hang oder inneren Ruf spürt, eine Sache tun zu wollen, dann sollte man sich nicht unnötig bremsen

    Alles Gute für deine Entscheidungen!

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