Zeige Ergebnis 1 bis 10 von 10

Diskutiere im Thema Entschluss steht: Ich will es versuchen. im Forum ADS ADHS Studium Beruf und Ausbildung
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 210

    Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hallo AD(H)Sler,

    Nach einer kleinen Schreibpause (und Abschluss meines Biologie-Diploms) komme ich nun wieder zurück mit einem Plan.

    Ich muss sagen, ich habe mit diesem Gedanken schon zuvor gespielt. Für die die es nicht oder nicht mehr wissen: Ich bin Biologe mit einer Spezialisierung im Hauptfach Neurobiologie - und einem spät bemerkten Handicap namens ADS.

    Nun kam mir schonmal irgendwann der Gedanken: Was macht man mit einer Schwäche wie dieser am besten? Sie in eine Stärke umwandeln. In meinem Falle liegt der Schluss nahe - ich bin zugleich irgendwo Spezialist und Betroffener im selben Gebiet. Wieso also nicht genau in diesem Fachbereich, das heißt ADHS-Forschung meinen Doktor machen?

    Ich habe diese Idee recht schnell als Schnappsidee verworfen - ich meine, was kann ich erwarten, wenn ich mit genau der Eigenschaft hausieren gehe, die mein Problem ist? Dort wo ich mich bewerben will besteht auch keinerlei Zweifel daran, dass sie jedes negative Detail der Krankheit genauestens kennen werden. So habe ich dies schonmal in diesem oder einem anderen Forum angesprochen und immernoch hallt ein Kommentar in meinem Kopf der lautete "dort wo man am meisten Verständnis erwarten dürfte erntet man am wenigsten meiner Erfahrung nach".

    Und so habe ich diese spontane Idee sehr schnell wieder im Berg meiner Ratio begraben. Ich habe für mich selbst zunehmend weniger Motivation verspürt überhaupt einen Doktor zu machen - gerate ich an ein Themengebiet das mich nicht 100% fesseln kann, so weiß ich, dass es die nächsten 3-4 Jahre nur Quälerei ohne zufriedenstellendes Ergebnis bedeuten würde. Ich habe mich bereits auf einen geringer bezahlten Job eingestellt und eine Überzeugung angenommen, dass ich so zufriedener mit meinem Leben sein werde.


    Die Wende im Denken kam irgendwie im letzten Arztgespräch. In diesem Gespräch bilanzierten wir die letzten zwei Monate der Resultate meiner Medikation mit Methylphenidat.

    Ich muss meinem Arzt meinen vollen Respekt für seine fachliche Expertise aussprechen, da mir sehr oft im Gespräch mit Ärzten ein Gefühl der Oberflächlichkeit anhaftet. Das medizinische Fachchinesisch gehört zu meinem Alltag, ich besitze zumindest das Verständnis, alle medizinischen Sachverhalte auch zu verstehen und im Notfall selbst recherchieren zu können. Und so kann ich meine kritische Natur nicht zurückhalten: Mir fällt jegliche Ungenauigkeit ins Auge, ich bemerke in solchen Gesprächen sehr schnell, wenn ein Arzt sich außerhalb seines Fachgebietes bewegt und der Wissensstand nicht aktuell, bzw. undifferenziert erscheint. Ich mache keinem Arzt einen Vorwurf - denn ich weiß um die Komplexität dieser Dinge und besonders von einem Allgemeinarzt kann man kein Detailwissen in allen Belangen verlangen, das ist praktisch unmöglich. So wie ich vieles einmal gelernt und vergessen habe, so geht es auch den Allgemeinärzten, die seit Jahren nur mit denselben alltäglichen Wehwechen des durchschnittlichen Patienten zu tun haben.
    Und genau dieses Gefühl hatte ich bei meinem Psychiater nie. Auch wenn man das als wichtigen Aspekt seines Berufes sehen kann - ich hatte immer das Gefühl, dass er mein Wissen sehr gut einschätzen kann und dass sich unser Wissen eher ergänzt als dass er mir etwas vorwegnehmen muss. So haben unsere Gespräche eher den Charakter eines Fachgespräches - ich schildere ihm Erfahrungen und Interpretationen meinerseits und er ergänzt sie mit dem Spezialwissen in Form von aktuellen Studien, Doktorarbeiten etc. und ermöglicht mir so ein besseres Verständnis dafür in an mein fachliches Wissen angemessener Art und Weise.

    Und so bemerkte ich auch in unserem letzten Gespräch etwas, als ich ihm detailliert die Methylphenidatwirkung beschrieb: In gewisser Weise habe hier ich ein Talent. Als ADSler die Fähigkeit, Details zu erkennen, die einem "Gesunden" verschlossen bleiben. Ein differenzierteres Verständnis der Krankheit als diejenigen, die nicht betroffen sind, da ich selbst darin stecke. Gleichzeitig aber auch zufällig genau die nötige fachliche Ausbildung, um verstehen und interpretieren zu können, was da genau mit mir geschieht. Tatsächlich habe ich den Eindruck (vielleicht ist das aber auch therapeutische Absicht), dass meine Ansichten dazu für meinen Arzt hochinteressant erscheinen. Daher auch mein Eindruck, dass wir in unseren Gesprächen Wissen teilen anstatt eines einseitigen Austausches - ich gebe ihm eine detaillierte Perspektive der Krankheit und der Medikamentenwirkung, die man in Lehrbüchern so nicht finden wird. Dafür bekomme ich jenes Lehrbuchwissen von ihm, das meinen Eindruck erklären und detaillierter erfassen könnte.

    Er sagte es zwar nicht direkt, die Enttäuschung über meinen Entschluss, den Doktor zu umgehen war jedoch merklich. Und die Resultate der Medikation eindeutig: Ich bin klar unter die Diagnoseschwelle gerutscht, während ich zuvor über der doppelten, für die Diagnose notwendigen Punktzahl im selben Test lag. "Und nun, wo es klappen könnte, möchten sie es nicht mehr versuchen?"

    Ja, warum eigentlich? Muss ich mich wirklich so demotivieren lassen von dieser Krankheit? Ich weiß wo meine Probleme sind. Ich weiß aber auch wo ich Stärken habe. Und zumindest intuitiv kann ich fühlen, dass der Weg in Richtung Wissenschaft für mich immer schon der Richtige war. Die Art, wie gegenwärtige Wissenschaft in den meisten biologisch-medizinischen Fachbereichen heutzutage abläuft benachteiligt mich gegenüber gleichqualifizierten Absolventen im Sinne meiner Krankheit jedoch, das musste ich mir eingestehen in letzter Zeit. Ob MPH das vollständig kompensieren kann kann ich derzeit nicht genau einschätzen, weiß jedoch, dass es enorme Vorteile für mich bringt.

    Und so entfachte er das Feuer einer längst zu Grabe getragenen Idee in mir aufs Neue: Unabhängig von meinen Überlegungen sprach er den Gedanken aus, ob ich schonmal daran gedacht hätte, mich mit den Professoren in diesem Fachbereich in Verbindung zu setzen. Eventuell genau in dem Bereich der ADHS-Forschung zu promovieren.

    Und weil ich diese Idee ihm gegenüber nie zuvor erwähnt hatte, erweckt das doch eine gewisse Zuversicht in mir. Wie gesagt, das könnte mir auch genau jene Besonderheit geben, die ich bräuchte mich positiv von anderen abzuheben. Mir fehlt lediglich bisher etwas das Selbstvertrauen, die Meinungen anderer vollkommen zu ignorieren und umzusetzen was ich schon längst weiß: Ich wäre ein guter Wissenschaftler. Vielleicht ein mieser labortechnischer Assistent - aber das ist ja auch nicht die Wissenschaft, sondern die stupide handwerkliche Ausführung selbiger. Mitarbeiter bekommen nur mit, dass ich selbst "zu dumm" scheine, diese stupide Aufgabe umzusetzen, wie soll ich in ihren Augen da "höhere" Aufgaben sinnvoll bewältigen? Und so fehlt ihnen der Respekt, aber auch teilweise einfach das Verständnis für meine komplizierte Denkweise (die ich als Vorteil in diesem Feld betrachte) die ungeschliffenen Diamanten in meiner wissenschaftlichen Arbeit auch erkennen zu können. Es sind die "unwichtigen" Details, die in der Wissenschaft das Resultat bringen.

    In der romantischen Vergangenheit der Wissenschaft war das mal etwas anders. All jene, die wir heute als Genies verehren - all dies waren die "Freaks". Menschen, die sich mit Dingen beschäftigen, die für den Großteil unwichtig und uninteressant erscheinen. Niemand interessiert wieso ein Apfel vom Baum herunterfällt anstatt nach oben - Newton hat es aber doch irgendwann einmal interessiert. Und heutzutage nutzen genau jene uninteressierten Einfaltspinsel ("natürlich fällt der nach unten, wieso sollte er auch nach oben fallen? So ein Schwachsinn...") all die Technik und Dinge, die nur da sein können, weil irgendein Freak "unwichtige", unkonventionelle Gedanken hatte.

    Heutzutage ist Wissenschaft stärker industrialisiert, eine experimentelle Massenabfertigung, stupide, vielfache Wiederholung simpler Prozesse zur Wahrung statistischer Genauigkeit. Mit der alten Vorstellung von einem kreativen Kauz mit einer guten Idee haben wir uns weit entfernt. Bürokratie, Zahlen, Ordnungs- und Katalogisierungswahn sind notwendig um den Anforderungen an die Qualität der gesammelten Daten gerecht zu werden.

    Aus meinen Erfahrungen im Bereich wissenschaftlichen Arbeitens kann ich euch berichten: All diese Dinge werden so wichtig, dass sie die eigentliche Philosophie hinter der Wissenschaft zunehmend verdrängen. Vordergründig ist Wissenschaft heute ein Mittel, Daten zum kommerziellen Einsatz in der medizinischen und biotechnologischen Industrie zu generieren. Profit ist der zentrale Antrieb unserer Wissenschaft geworden, nicht Neugier und Wissensdurst. Jene, hauptsächlich von diesen beiden Motiven angetrieben (zu denen auch ich mich zähle), haben riesige Probleme, ihre Forschung durchzusetzen, weil sie so kostenaufwändig geworden ist. Niemand "schenkt" dir die 500000€ für das Spezialinstrument, welches du für die Forschung benötigst, wenn du nicht klipp und klar eine Abschätzung vorlegen kannst, wo du damit hinwillst und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, etwas zu finden, das man auch vorraussichtlich irgendwann in kommerziell erfolgreicher Form umsetzen können wird.

    "Neu"gier ist keine Frage mehr im größten Anteil der Forschung - denn die Industrie, wie auch die Forschungsstiftungen stellen eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung auf (aus nachvollziehbaren Gründen). "Neu" bedeutet aus Investorsicht nur ein hohes finanzielles Risiko. Profitorientiertes Denken gebietet, bewährte Konzepte zu verbessern und in risikoarme, profitable Gebiete verstärkt zu investieren. Unabhängige Stiftungen wie die deutsche Forschungsgesellschaft kompensieren das ein wenig - müssen jedoch mit denselben Methoden ihre begrenzten Mittel haushalten. Geld regiert die Welt - so auch die Forschung.


    Und wenn auch etwas abgeschweift vom Thema, so ist genau das einer der Gründe für meinen Motivationsverlust. Die heutige Zeit bietet einfach keinen ertragreichen Nährboden für die idealisierten Motive, die mich zur Aufnahme des Studiums bewegten. Ich fühle mich als wissensdurstiger Naturwissenschaftler, nicht als Industriesklave.

    Und doch bleibt der Kern der Wissenschaft noch enthalten: Besonderheiten erkennen und interpretieren. Die meisten vergessen das jedoch vor der übermächtigen Gewichtung anderer Faktoren, so ist mein persönlicher Eindruck. Besonderheiten erhalten keine großartige Aufmerksamkeit, sie sind unwichtig, sie erscheinen in der (Zeit-)Kosten-Nutzenrechnung als nicht profitabel genug, die Wahrscheinlichkeit, dass sie und Beantwortung resultierender Fragestellungen insgesamt von ausreichender Bedeutung sind zu gering. Ich habe diese Eigenheiten. Kleine Besonderheiten wecken mein Interesse. Unregelmäßigkeiten in den Beobachtungen, Dinge die nicht so funktionieren wie sie es sollten. Die herkömmliche Vorgehensweise die ich in diesem Umfeld beobachtet habe ist: Eine anfängliche Erwartung wird aufgestellt, ein Experiment durchgeführt. Kann die Erwartung nicht wie vorhergesehen erfüllt werden, so wird nicht darüber nachgedacht warum das wohl unerwartet verlief. Es wird einfach mit den Schultern gezuckt, und aufs Neue wiederholt. Kann die unerwartete Beobachtung reproduziert werden, so wird mehrmals versucht die Erwartung zu erzwingen, gelingt dies nicht wird das Experiment als gescheitert verworfen.

    Diese Herangehensweise verschließt jedoch die Möglichkeit neuer Erkenntnisse komplett und vergewaltigt den Geist der Wissenschaft: Man kann nur finden, was man bereits meint zu wissen und zu beweisen versucht, nicht jedoch neue Erklärungsansätze und Denkweisen entwickeln. Und das ist ein relativ gängiger roter Faden, den ich in der gegenwärtigen Wissenschaft bei vielen sehe.

    Und so tut sich im Bereich der ADS-Forschung hier für mich eine Möglichkeit auf, meiner Motivation gerechter zu werden als anderswo: Der Kenntnisstand zu psychiatrischen Erkrankungen wie dieser ist mäßig. Ihre Funktionsweise ist einfach nicht in simple "geht - geht nicht" Muster zu drängen, die der durchschnittliche Wissenschaftler so gerne hätte. Hier erhält die wissenschaftliche Intuition, welche ich für mich als Talent verbuche, ein stärkeres Gewicht. Hier ist es notwendig, aus den Unmengen an Details genau jene Besonderheiten zu kristallisieren, die von Bedeutung für das Verständnis sind, sich normalerweise aber durch die Komplexität des Sachverhaltes verschließen. All das, das für den Nicht-ADSler keine Aufmerksamkeit erregt, weil es zu undurchsichtig erscheint sinnvolle Ergebnisse zu produzieren. Banal ausgedrückt: "Methylphenidat hilft. Warum genau, können wir nur ungefähr vermuten, um es genau zu wissen ist das zu kompliziert. Es hilft. Wen interessiert dann, wieso es das genau tut?"

    Es interessiert schon, und zwar dann, wenn man mit detaillierterem Wissen bessere Medikamente machen könnte. Aber dazu müsste man sich durch ein riesiges Chaos wühlen um eine Nadel zu finden die eventuell garnicht da ist. Die meisten Menschen verabscheuen ein solches Chaos und flüchten an einen Ort mit mehr Ordnung.

    Und so sehe ich hier weitere Gründe, dass ich mich in der Forschung zum Thema ADHS am richtigen Platz fühle. Ich werde tatsächlich meine Unsicherheiten begraben und mich um eine Doktorarbeit in diesem Themenbereich bemühen. Ich werde von Anfang an klarstellen, welches Problem ich habe - bzw. welche Vorteile.

    Ich habe auch bereits ein ungefähres Konzept davon, was ich gerne machen würde. In nöchster Zeit werde ich ein konzept für eine Forschungsarbeit erstellen, die ich umzusetzen plane - wenn das nicht möglich sein sollte demonstriere ich so zumindest viel von meinen Fähigkeiten in diesem Gebiet im voraus. Wenn ich meine Erwartungen so verwirklichen könnte wie ich mir das vorstelle, dann könnte das schon etwas wirklich Gutes werden. Ich glaube, dass diese Richtung die richtige ist - und das sagt mir vor allem meine Intuition, nicht nur mein Verstand. Und ich glaube darauf sollte ich mich sowieso viel stärker verlassen, das ist nämlich unsere Stärke bei den ganzen Nachteilen die wir haben.


    Da ist dieser Text wieder abnorm lang geworden. Danke an alle, die sich ihn dennoch durchgelesen haben. Ist im Übrigen wie ich glaube auch eine Nebenwirkung des MPH - ich habe oft Rededrang und Mtteilungsbedürfnis und stelle fest, dass sich das ohne Gesprächspartner im Internet häufig auch durch überlange Texte wie diesen bemerkbar macht. Auch wenn ich dann meist sehr sinnvolle Gedanken produziere, fällt es schwer die sinnvoll an den Mann zu bringen, denn sie werden einfach nicht gehört weil viele nicht die Geduld aufbringen, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen. Einer der Gründe, wieso ungeschliffene Diamanten häufig von anderen übersehen werden.


    Insofern, drückt mir die Daumen das mein Plan aufgeht - und vielleicht habt ihr ja auch in nächster Zeit zunehmend einen Spezialisten gewonnen

  2. #2
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 277

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hi,

    na der Text ist doch schon fast eine Doktorarbeit...

    Es ist oft so gewesen, dass persönliche Betroffenheit zu speziellem Engagement und in der Folge zu einer neuen Qualität von Erkenntnissen geführt hat. Alles Gute für diesen Weg. Ich finde mich da wieder...bezüglich "Engagement aus Betroffenheit"...

    Spezi

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 32
    Forum-Beiträge: 147

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Na dann viel Erfolg!

  4. #4
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 1.871

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    hypocampus schreibt:
    Ich werde von Anfang an klarstellen, welches Problem ich habe - bzw. welche Vorteile.
    Dass du deine Vorteile herausstellen möchtest, finde ich klasse!
    Ich würde allerdings die Probleme, die du hast, bzw. dass du selber betroffen bist nicht von Anfang an thematisieren. Der Schuss kann auch nach hinten losgehen, leider. Ich würde erstmal abwarten, welche konkreten Probleme sich nach der Einarbeitungsphase für dich herauskristallisieren. Dann kennst du ja auch schon ein bisschen die Kollegen und deine Vorgesetzten, so dass du weißt, wem du was erzählen kannst und von wem du dir Unterstützung erhoffen kannst.

    "dort wo man am meisten Verständnis erwarten dürfte erntet man am wenigsten meiner Erfahrung nach".
    Nunja, ich weiß nicht, ob das so stimmt. Meiner Meinung und meiner Erfahrung nach ist es vollkommen egal, in welcher Branche man arbeitet. Es gibt immer Menschen, die einen nicht verstehen. Und darauf sollte man sich vorher einstellen. Ich erwarte mittlerweile kein Verständnis von meinen Mitmenschen mehr. Ich bitte konkret um Hilfe und Unterstützung gerade in der Arbeit, aber ich bin mir auch bewusst, dass es sein kann, dass ich diese Hilfe und Unterstützung nicht bekomme. Und auf diesen Fall muss ich mich vorher vorbereiten und mir alternative Lösungen suchen.

    Dein ganz großer Vorteil, den du gegenüber Nichtbetroffenen hast, ist deine persönliche Begeisterung für das Thema. Die Motivation, die bei uns ja ein Problem darstellt, wirst du durch diese Begeisterung leichter entfachen können als bei einem anderen Thema. Sie ist daher, so sehe ich das, zuerst für dich selber ein ganz großes Plus.
    Allerdings sehe ich als Ursache für diese Begeisterung nicht primär, dass du selber betroffen bist. Es ist ein Thema, dass dich fesselt. Ich habe auch solche Themen und Dinge, die ich einfach sehr gerne mache und habe mich beruflich daher auch in diese Richtung orientiert.

    Was macht man mit einer Schwäche wie dieser am besten?
    Konzentrier dich nicht auf deine Schwäche! Du kannst deine Promotion über ADHS sehr gut hinbekommen, nicht weil du ADHS hast, sondern weil du eine Vielzahl ganz individueller Stärken hast (die absolut überhaupt gar nichts mit ADHS zu tun haben), die dich von anderen unterscheiden. Ich selber bin ja auch betroffen, aber mit meinem begrenzenten Bio-Wissen (hab Bio schnellstmöglich abgewählt zu Schulzeiten) könnte ich niemals in diesem Berufszweig Fuß fassen. ADHS hin oder her.
    Definier dich nicht über eine Krankheit, Störung etc.
    Definiere dich über deine Stärken ganz unabhängig von ADHS.


    Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen Bewerbungen!

  5. #5
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 6

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hallo Hypocampus,

    den Entschluss, die Doktorarbeit zu machen, finde ich mutig und richtig. Mit dem Wissen über ADS ist es ja nun wirklich nicht weit her, da gibt es bestimmt noch genug zu erforschen.

    Den Doktor nicht zu machen wegen ADS würdest du bestimmt dein Leben lang bereuen, vor allem, wenn dir Leute begegnen, die promoviert haben und dadurch besser angesehen werden, obwohl sie auf vielen Gebieten nicht so gut sind wie du. Suche dir für deine Arbeit jemanden für die "stupiden" Dinge, die dir vielleicht schwer fallen. Nicht jeder Mitarbeiter wird deswegen gleich der Meinung sein, dass du zu mehr nicht fähig währst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen gern Routineaufgaben übernehmen und froh sind, wenn ein anderer sich um die komplexen Dinge kümmert. Menschen, die andere wegen einzelner Eigenschaften verurteilen und deren Leistungen nicht anerkennen, sind meiner Meinung nach nicht wirklich teamfähig.

    Der offene Umgang mit deiner " Besonderheit" ADS, (ich mag die Begriffe Krankheit und Störung nicht, sollen wir uns wirklich krank und gestört fühlen, weil manche ein Problem mit unseren Eigenheiten haben?!) ist besonders dann vorteilhaft, wenn du deine Stärken betonen und Möglichkeiten zum Umgang mit deinen Schwächen aufzeigen kannst.

    Viel Glück und alles Gute,

    Mindreader

  6. #6
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 55
    Forum-Beiträge: 45

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Ich habe auch bereits ein ungefähres Konzept davon, was ich gerne machen würde.
    was denn? ich bin leidenschaftliche hobbyforscherin (allerdings mit medizinischer und psychologischer vorbildung)

    auf dem grenzbereich F90.0 und F84.5

    Es interessiert schon, und zwar dann, wenn man mit detaillierterem Wissen bessere Medikamente machen könnte. Aber dazu müsste man sich durch ein riesiges Chaos wühlen um eine Nadel zu finden die eventuell garnicht da ist. Die meisten Menschen verabscheuen ein solches Chaos und flüchten an einen Ort mit mehr Ordnung.
    sehe ich auch so, es fehlt an menschen die die richtigen fragen stellen

    hast du den krause und krause (3. auflage ) schon gelesen?

  7. #7
    besenreiterin

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 45
    Forum-Beiträge: 2.591

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    cool mach das .
    ehrlich ich kenne keinen grund warum jemand sich im leben von etwas aufhalten lassen sollte !

    ja ich habe adhs .. na und das bedeutet das ich eben einige dinge anders machen muss . mehr nicht !
    einiges fällt mir leichter anderes ist eben für mich schwerer .
    also muss ich nur eine lösung finden die für mich gegeignet ist .

    also klasse lasse dich nicht entmutigen !!!
    sei dir nur klar das dein weg oder deine art es in angriff zu nehmen vieleicht nicht der sogenanten norm entspricht hihihi aber danach fragt kein mensch mehr wenn es fertig ist
    und in deinem fall hihih dürfte das eher dafür sorgen das es mehr anerkennung gibt .

    ich drücke dir die daumen !!!

    hexe

  8. #8
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 60
    Forum-Beiträge: 1.267

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hallo Hypocampus,

    also ich finde deine Idee ausgezeichnet!

    Als spätdiagnostizierter Erwachsener wirst du mit der Re-Evaluierung deiner Lebensgeschichte samt instinktiv erworbener Kompensationsstrategien unter dem Aspekt von ADHS sowie der Adaptierung deiner Strategien auf Basis deiner neuen (Er)kenntnisse eh einige Zeit beschäftigt sein. Warum also nicht für die Diss ein Thema nehmen, an dem du ohnehin ständig dran bist.

    Durch die eigene Betroffenheit hast du ja eine Expertise, die ein Aussenstehender auch mit noch so viel Lernen nicht erwerben kann. Überleg mal, wieviel kritischer du Studien lesen kannst - weil du ja weisst was wirklich abgeht.

    Du wärest nicht der Erste, der die eigene Diagnose zum Anlass für eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema nimmt. Und auch nicht der Erste, der sich ewig das Hirn zerkrampft, ob das eine gute Idee ist. Da spukt die teilweise berechtigte Angst im Kopf herum, als bekennender ADHSler als defizitär stigmatisiert zu sein. Und da ist auch die Angst, in der Umsetzung am eigenen ADHS zu scheitern - dagegen gibts aber Strategien und bei Bedarf professionelle Unterstützung.

    Ich habe selbst 2 Jahre gebraucht, bis ich mich aufgerafft habe, mich zum Coach ausbilden zu lassen. Dabei war das Bauchgefühl beim ersten Auftauchen der Idee wirklich seeehr stark. Und ich habe selbst in meinen Übungscoachings und im Gespräch mit Kollegen erfahren, wie viele Klienten einen Coach bevorzugen, der aus eigener Betroffenheit weiss, wovon er redet. Dass man sich dabei bewusst um Objektivität bemühen muss, um nicht die eigene Sicht der Dinge zu verallgemeinern, weisst du als Wissenschaftler eh längst.

    Ob man sich gleichzeitig outen muss, ist eine andere Frage. Das wurde in der Ausbildung rege diskutiert, und die Meinungen gehen auseinander. Ich selbst würde es vermutlich nicht in riesigen Lettern auf meine HP schreiben, dass ich selbst betroffen bin - siehe Vorurteil. Im konkreten Kundenkontakt sehe ich aber keinen Grund, die eigene Betroffenheit zu verschweigen. Dazu ist die vertrauensbildende Wirkung solcher Offenheit viel zu deutlich.

    Ich habe in dem Punkt viel aus meiner früheren Arbeit mit Behinderten gelernt. Die haben sich ihre Rechte und die im Vergleich zu früher gute Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitswelt mit grosser Zähigkeit erkämpft und tun das immer noch. Die schlechte Angewohnheit, Menschen mit Behinderung an ihren Defiziten zu messen, ist ja sehr schwer aus den Köpfen der Menschen zu kriegen. Leute wie Steven Hawkins haben da Einiges bewirkt. Der Mann kann auf Alltagsniveau ja rein gar nichts und trotzdem - oder gerade deswegen? - ist er ein herausragender Wissenschaftler.

    In diesem Sinne zitiere ich mal den amerikanischen Präsidenten: "Yes, we can!", und wünsche dir viel Erfolg mit deiner Dissertation.

    lg
    lola
    Geändert von lola (11.10.2011 um 10:07 Uhr)

  9. #9
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 44
    Forum-Beiträge: 806

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hallo Hypocampus

    Das was Du schreibst kann ich zu 100% unterschreiben, und danke Dir für den Beitrag, den ich leider erst jetzt gefunden habe ...

    Du machst mir Mut für die Umsetzung meiner eigenen Pläne, die sich allerdings auf einem etwas tieferen Niveau bewegen. Seit zwei Jahren bin ich dabei, meine anstehende Bachelor-Thesis hinauszuzögern bzw. ganz aufzugeben. Zwischenzeitlich hatte ich jegliche Hoffnung verloren, jemals einen Abschluss auf meinem Fachgebiet zu schaffen, gerade wegen meiner Unfähigkeit, mich selbst zu organisieren. Ausserdem sah ich keinerlei Chance, den Beruf jemals praktisch ausüben zu können, weil ich mich für zu dumm hielt.

    Heutzutage ist Wissenschaft stärker industrialisiert, eine experimentelle Massenabfertigung, stupide, vielfache Wiederholung simpler Prozesse zur Wahrung statistischer Genauigkeit. Mit der alten Vorstellung von einem kreativen Kauz mit einer guten Idee haben wir uns weit entfernt. Bürokratie, Zahlen, Ordnungs- und Katalogisierungswahn sind notwendig um den Anforderungen an die Qualität der gesammelten Daten gerecht zu werden.
    Ich habe Informationswissenschaft studiert, und kann davon ein Liedchen singen! Zahlen, Ordnungs- und Katalogisierungswahn sind in diesem Fach das A und O, aber für mich mit das langweiligste, was mir jemals unter gekommen ist. Präzision und Schemadenken beherrschen meine "Wissenschaft" derartig, dass die Leute sich einbilden, die ganze Welt lasse sich katalogisieren und dadurch erreiche die Menschheit einen höheren Wissensstand. Ein absoluter Irrglaube, der jegliche Zufallsentdeckung, z.B. in einer Bibliothek verunmöglicht. Als neugierige Person möchte ich unbekannte Zusammenhänge entdecken, und das ist unmöglich, wenn sämtliche Bücher nur noch über elektronische Kataloge und unspezifische Nummern auffindbar sind. Ich brauche ein Gestell voller Bücher, in denen ich Blättern und schmökern, und so bisher unbekannte Parallelen finden oder neue Ideen entwickeln kann.

    Ich werde niemals eine hyperordentliche Bibliothekarin sein können, die stur den x-tausend seitigen Regelwerken folgt und jedes Komma an der richtigen Stelle setzt, ohne den Inhalt der Informationsträger zu beachten. Dazu bin ich zu langsam, zu schusslig/unkonzentriert und zu sehr an Abweichungen interessiert. Das Habe ich im Rahmen einer Schulung für Katalogisierung festgestellt, aber leider die falschen Schlüsse daraus gezogen: ich bin unfähig, es ist langweilig, und solche automatisierte Tätigkeiten habe ich immer gehasst.

    Erst kürzlich wurde ich darauf hingewiesen, dass ich vielleicht gerade mein Wissen über ADHS-Probleme und das Fachwissen in der Info-Wissenschaft kombinieren könnte. Die zentralen Punkte in letzterer bestehen nämlich in der Sammlung, Strukturierung und Vermittlung von Informationen. Mir persönlich, als ehemalige Pädagogin, hat immer die Vermittlung besonders am Herzen gelegen. Mit Informationen kann geholfen werden, und das ist für mich ausschlaggebend: das Helfen.

    Wir haben uns im Studium unter Anderem mit Kognitiver Psychologie, Kommunikationswissenschaft, Informationsmanagement und Usability auseinandergesetzt. Auch Bibliotherapie und besonders Informations-Consulting waren ein Thema, was durchaus Parallelen mit ADHS-Coaching aufweist. Gerade diese Bereiche waren für mich besonders interessant, und ich denke nun, dass ich aufgrund meiner persönlichen Schwächen, Stärken und Erfahrungen durchaus in der Lage sein könnte, diese irgendwie vorwärts zu bringen. Wie dies konkret aussehen könnte ist mir zwar noch etwas schleierhaft, aber grundsätzlich sehe ich jetzt immerhin die Möglichkeit.

    Ich finde es toll, dass Du für Dich die Entscheidung getroffen hast, Deine Doktorarbeit anzupacken! Dafür drücke ich dir mehr Daumen als ich habe

    Danke für Deinen ermutigenden Text, und dass Du dich hier so offen geäussert hast!

    Liebe Grüsse
    Lineli

  10. #10
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 237

    AW: Entschluss steht: Ich will es versuchen.

    Hallo Hypocampus,


    zu Deinem Entschluß, über ADHS zu promivieren, kann ich Dich nur beglückwünschen. Denn immerhin verfügst Du über ein fundiertes Fachwissen über ADHS, und es scheint Dich auch zu interessieren. Das ist bei einem ADHSl-er besonders wichtig. Es ist zwar ein langer Weg, aber ich denke das Du diesen auch erfolgreich hinter Dich bringen wirst. Vie Glück und Erfolg wünsche ich.

Ähnliche Themen

  1. Methylphenidat statt Atomoxetin versuchen (Gründe) !?!?
    Von Jimbalta im Forum ADHS Erwachsene Medikamente
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 23.06.2011, 21:31
  2. Soll ich es nochmal versuchen?
    Von Johanna im Forum Angehörige von Erwachsenen mit ADS/ADHS
    Antworten: 51
    Letzter Beitrag: 30.11.2010, 13:38
  3. tipps um zu versuchen nervige nebengeräusche auszublenden?
    Von purzel im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
    Antworten: 13
    Letzter Beitrag: 17.11.2010, 11:26

Stichworte

Thema: Entschluss steht: Ich will es versuchen. im Forum ADS ADHS Studium Beruf und Ausbildung bei ADHS bei Erwachsenen Forum
©2017 ADHS bei Erwachsenen Forum