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Diskutiere im Thema Professorin von ADHS - Diagnose erzählen? im Forum ADS ADHS Studium Beruf und Ausbildung
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #21
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 3.798

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Moin,

    Shuai_Ran schreibt:
    ADHS oder nicht, alle Menschen müssen z.B. die Miete rechtzeitig bezahlen. Oder die Diplomarbeit rechtzeitig abgeben.
    Das ist AFAIK so nicht ganz korrekt, ...

    Meines Wissens nach gibt es die Möglichkeit von Nachteilsausgleichen in solchen Fällen, damit eben auch durch diese Handycaps beeinträchtigte Menschen Chancengleichheit gegenüber Normalos erhalten.
    Letztenendes ist ADHS kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine neurobiologische Störung und wenn jemand aufgrund einer Krankheit im Arbeits- oder Sozialleben benachteiligt wird, dann gibt es da durchaus Möglichkeiten, diese Nachteile auszugleichen.
    Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie oder Lernstörungen etc. wird in der Schule ja ebenfalls ein solcher Schutz gewährt und es werden Hilfen angeboten.
    Deswegen leben wir einer sozialen Gemeinschaft (jedenfalls sollte das so sein, ....)

    Das Leben mag vielleicht nicht fair sein, aber ganz so grauslig ist's hoffentlich nun doch nicht.

    Du hast die Diagnose, jetzt kannst du an dir arbeiten um mit deinem ADHS umzugehen - für deine Mitmenschen ändert sich dadurch aber nichts.
    Wenn ich diesen Satz ein wenig auf der Zunge zergehen lasse, dann klingt das ein bisschen nach:
    "Jetzt weisst Du, was Du hast, jetzt kannst Du's ändern und Dich anpassen ...."
    Ich hoffe, dass es nicht so gemeint ist, denn das wäre nicht richtig.
    Wenn man einem Farbenblinden sagt, dass er farbenblind ist (wovon die üblicherweise bis dahin tatsächlich nichts wissen), dann ändert sein Wissen darum nichts an seiner Unfähigkeit, Farben zu sehen.
    Er kann sich darauf einstellen, aber mit Sicherheit kann er an sich arbeiten, bis er umfällt, er wird keine Farben sehen können.
    Wenn es darauf ankommt, benötigt er entsprechende Hilfen.

    Wenn ein Mensch querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzt (und nein, ich denke nicht, dass dieser Vergleich hinkt), dann wird das Wissen um seine Behinderung diese nicht ändern können.
    Er wird mit einer anderen Form der Mobilität leben müssen (und können), aber sicherlich wird sein Umfeld sich ihm hier und da anpassen müssen.

    Und wenn ein Mensch mit einer Dyskalkulie in einem Bewerbungsgespräch/ Einstellungstest sitzt und Kopfrechenaufgaben bekommt, die er so nicht lösen kann, dann denke ich sehr wohl, dass es angebracht ist zu sagen, dass man dieses Problem nun mal hat (idealerweise auch nachweislich) und man hier nicht mit anderen gleich zu bewerten sein kann.
    Oft genug gehört sowas zu Tests, ohne dass es für die eigentliche Tätigkeit relevant ist. Dann kann man diesen Teil entweder übergehen oder die Person mit Hilfsmitteln wie Zettel & Stift oder einem Taschenrechner ausstatten, um den Nachteil ausgleichen.
    Das wird aber nur funktionieren, wenn man die Karten auf den Tisch legt.

    Ich sage nicht, dass ADHS eine Krankheit oder eine Behinderung ist, aber es kann durchaus eine sein und dann wüßte ich nicht, was dagegen spricht, das darzulegen und etwaige Nachteile ausgeglichen zu bekommen.
    Im Gegensatz zu einem Rollstuhlfahrer sieht man uns unsere Handycaps nicht an, sondern wird möglicherweise im Gegenteil für untauglich, dumm oder sonstwas gehalten.. da könnt's schon Sinn machen, was zu sagen.

    Dummerweise hat ein Rollstuhlfaher nicht mit den doch recht argen Akzeptanzproblemen zu kämpfen, wie es sie bei ADHS gibt .... das macht's nicht leichter...

    LG
    Fliegerlein

  2. #22
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 3.798

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Scarlatti schreibt:
    Hierzu passend ein Interview mit Hans-Dietrich Genscher:
    (Genscher hatte Lungentuberkolose als Jugendlicher)
    Hans-Dietrich Genscher: "Es war schwierig, ein normales Leben zu führen" | Politik | ZEIT ONLINE
    Was das Genscher-Interview angeht:
    Dieser Satz passt IMHO nicht hierzu, denn wenn jemand versucht, trotz seiner Handycaps, innerhalb seiner Möglichkeiten, am Arbeitsleben etc. teilzunehmen und seinen Teil beizutragen, dann sind das doch keine "Lebensversagensentschuldigunge n", ...

    Es sagt doch keiner: "Ich armes Menschlein bin ach so gebeutelt, jetzt kümmert Euch gefälligst um mich und schiebt mir alles in den Bobbes, ich kann ja nix dafür"

    Vielmehr geht es um: "Hier bin ich, ich kann was, ich will was leisten und erreichen, aber diese Handycaps habe ich nun mal und daher werde ich nicht ohne Hilfe, Beistand etc. auskommen, aber dennoch kann ich der Gemeinschaft einen nützlichen Beitrag erbringen und ein nicht minder wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein, wenn man mir nur hilft, meine Nachteile ein wenig auszugleichen"

    Ich schätze Genscher, aber hier hat er in meinen Augen entweder etwas sehr einseitig gedacht oder vielleicht den vollen Umfang an Interpretationsmöglichkeiten seiner Aussage nicht bedacht.
    Und nicht vergessen: Es war seine Antwort auf die Frage, ob er frei von Neid sei! (Ich weiß, Du hast es mitzitiert, aber zur Sicherheit wollt ich das nochmal betonen)

    Trotzdem, da gibts auch noch eine andere Aussage von ihm.
    Zitat aus dem Interview:
    "Es war einer meiner Ärzte. Er redete mir ins Gewissen, nichts, aber auch gar nichts mit der Krankheit zu entschuldigen."

    Allein bei diesem Satz könnt ich sofort wieder mit dem Farbenblinden kontern:
    Ich denke, dass er sehr wohl das Recht hat, sich damit zu entschuldigen, dass er keine Farben sehen kann, wenn er es nicht schafft, bestimmte Dinge auseinanderzuhalten, bei denen das nun mal nur aufgrund der Farben geht.
    Genauso wie der Rollstuhlfahrer sehr wohl das Recht hat sich mit seiner Krankheit zu entschuldigen, wenn er nicht mal eben in den Keller gehen und eine Kiste Wasser hochholen kann.

    LG
    Fliegerlein

  3. #23
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 148

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Hallo Fliegerlein,

    ich verstehe Genscher so: egal, ob man benachteiligt ist oder nicht, egal, ob man Schuld an der Benachteiligung hat oder nicht, wenn man auch die Verantwortung für Dinge übernimmt, die man eigentlich nicht zu verantworten hat, dann bleibt man Herr über seine Zukunft. Wenn man dies nicht tut, bleibt man umweltgesteuert und damit hilflos.

    Wie bei so vielen Dingen im Leben ist nicht die Wahrheit oder Gerechtigkeit wichtig (also DASS man benachteiligt ist oder DASS man nichts dafür kann), sondern das Ergebnis. Und der psychologische Effekt dieser Denkweise ist immens positiv.

    LG,

    Scarlatti

  4. #24
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 3.798

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Hallo Scarlatti,

    ja das verstehe ich, zumindest denke ich dass ich es verstehe.
    Aber gibt man denn die Verantwortung ab oder macht sich hilflos, wenn man akzeptiert, dass man in gewissen Dingen Hilfe braucht?

    Ich frage das ganz bewusst und mit einem sehr persönlichen Interesse und habe auch deshalb diese recht vehemente Position eingenommen, die nicht mal unbedingt in vollem Umfang die meine ist, denn ich stehe vor der Frage, ob ich einen Grad der Behinderung akzeptieren will und mich einer (klinikseitig dringend empfohlenen) Testung unterziehen soll/ will, welche dazu dient, krankheitsbedingte Einschränkungen für bestimmte Tätigkeiten zu dokumentieren.

    Ich stehe dem sehr sehr ambivalent gegenüber, .... einerseits sehe ich ein, dass es notwendig ist, denn so wie bisher kann ich nicht weitermachen, andererseits sehe ich aber auch, welch arge Probleme ich damit habe, dieses Handicap, ja, diese Behinderung anzunehmen und anzuerkennen und als Teil von mir zu sehen.

    Nun hoffe ich, dass ich diesen Thread nicht für meine Probleme missbrauche und dass ich damit immer noch im Thema bin.
    Ansonsten bitte ignorieren .

    LG
    Fliegerlein

  5. #25
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    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 148

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Hallo Fliegerlein,

    das ist wohl das Grundproblem von uns allen hier. Ist ADHS eine Krankheit? Eine Störung? Eine Abweichung von der Norm? Kommen unsere Probleme daher, dass wir anders sind? Oder dass wir einfach nur ein der Minderheit sind? Oder sind wir wirklich krank? Je nachdem, welche Position man hier einnimmt, wird man die Verantwortung mehr von sich abweisen oder sich zuschreiben. Ist man der Meinung, dass man gestört oder krank sei, so wird man eher "Hilfe benötigen" und dies seiner Umgebung auch mitzuteilen, in der Hoffnung auf Verständnis. So wird vermutlich auch die Motivation des Themenerstellers hier gewwesen sein (um mal die Kurve wieder zu kriegen).

    Ist man jedoch der Ansicht, dass man einfach nur anders ist, so wird man wohl eher seinen eigenen Weg suchen, mit dem man auch klarkommt und das erreicht, was die Normalen auch erreichen.

    Ich persönliche habe beide Positionen schon längere Zeit vertreten. Meiner Erfahrung nach führt die "Hilfe benötigen"-Position leicht zur Passivität und zur Hilflosigkeit. Man sucht nach Therapeuten, Unterstützern etc. anstatt an sich zu arbeiten (im Extremfall jedenfalls). Es bringt nichts sich benachteiligt zu fühlen - die Dinge änderen sich dadurch nicht.

    Deswegen habe ich auch dem Themenersteller davon abgeraten, der Professorin irgendetwas zu sagen. Sehr wahrscheinlich bekommt man kein Verständnis. Und selbst wenn man Verständnis bekommt, ist das ein gefährlicher Lerneffekt, denn man merkt ja, dass man mit der "Hilflosigkeit" irgendwie durchkommt. Das ist schon mittelfristig schädlich.

    Wir haben keine andere Wahl als uns auf unseren eigenen Arsch zu setzen.

    LG,

    Scarlatti

  6. #26
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 148

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Fliegerlein schreibt:
    Aber gibt man denn die Verantwortung ab oder macht sich hilflos, wenn man akzeptiert, dass man in gewissen Dingen Hilfe braucht?
    Sagen wir es so: "Hilfe brauchen" ist, wie oben beschrieben eine mittelfristig wohl eher schädliche Denkweise. Wenn man aber akzeptiert, dass man "Schwächen hat", die andere vielleicht nicht haben, so ist das realistisch und sehr verantwortungsvoll. Schwächen hat jeder und man sollte sich derer bewusst sein. Aber "Hilfe" braucht nur jemand, der wirklich in Not ist (was durchaus aufgrund der hohen Rate an ADHS-Komorbiditäten auch passieren kann).

    LG,

    Scarlatti

  7. #27
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsener
    Forum-Beiträge: 1.650

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Fliegerlein hat ja geschrieben "in gewissen Dingen Hilfe brauchen"- und das finde ich völlig ok! Was ist daran schädlich?

    Man muss ja nicht gerade sagen dass man behindert ist, aber in einer passenden Situation erwähne ich Schwächen und Einschränkungen.

    Ich hab mich lange genug einseitig angepasst, mich für mich geschämt, versucht alles mögliche zu verstecken, überspielen etc.- das ist für mich kein Zustand mehr.Das ADHS ist eiinTeil von mir und irgendwie merken andere ja doch, dass ich anders bin nun hat es wenigstens einen Namen und ich posaune es ja nicht rum und suche Entschuldigungen.

    Wenn man Einschränkungen zugibt und damit verbunden Lösungsvorschläge macht funktioniert das ganz gut, ist meine Erfahrung.
    D.h. wenn ich meinem Chef sage ich kann mich nicht so gut konzentrieren wie andere im Großraumbüro und wünsche mir einen Tag home office um mein Konzept fertigzukriegen akzeptiert er das mit der Begründung. Oder wenn ich in Meetings öfters mal aufstehen muss- er weiß dass ich hyperaktiv bin.

    Man muss ja auch nicht allen die komplette Tragweite mitteilen...das geht in der Tat nicht jeden was an.

  8. #28
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 42

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Meines Wissens nach gibt es die Möglichkeit von Nachteilsausgleichen in solchen Fällen, damit eben auch durch diese Handycaps beeinträchtigte Menschen Chancengleichheit gegenüber Normalos erhalten.
    Die Frage ist, wie weit der Nachteilausgleich geht. Abgabetermine werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht wegen ADHS geändert. Auch bei den Prüfungen wird man für ADHSler keine Sonderregelungen machen.

    Menschen mit Legasthenie oder Dyskalkulie oder Lernstörungen etc. wird in der Schule ja ebenfalls ein solcher Schutz gewährt und es werden Hilfen angeboten.
    Deswegen leben wir einer sozialen Gemeinschaft (jedenfalls sollte das so sein, ....)
    Das ist schon so, aber jemand mit Dyskakulie wird z.B. nicht Mathematik studieren können - genau so wenig wie Farbenblinde Berufspiloten werden können. Und Abgabetermine gehören einfach zur akademischen Ausbildung, das gibt es nur wenig Spielraum.

    Wenn ich diesen Satz ein wenig auf der Zunge zergehen lasse, dann klingt das ein bisschen nach:
    "Jetzt weisst Du, was Du hast, jetzt kannst Du's ändern und Dich anpassen ...."
    Man muss nichts, ausser mit Konsequenzen leben. Die Miete muss man rechtzeitig zahlen, sonst wird die Wohnung irgendwann mal geräumt (das geht in der Schweiz ziemlich schnell). Farbenblinde müssen lernen, wann die Ampel rot ist und wann grün, sonst werden sie überfahren.
    Wenn man z.B. ein Problem hat, am morgen rechtzeitig aufzustehen, dann kann man dem Chef schon sagen, dass es an ADHS liegt - vielleicht hat er dann etwas mehr Verständnis. Jeden Tag verschlafen geht aber auch nicht, ADHS hin oder her. Insofern muss man sich schon ändern/anpassen, sonst ist man den Job los (in der Schweiz beträgt die Kündigungsfrist 3 Monate - d.h. man kann jeden ohne Angabe von Gründen sofort feuern, sofern man 3 Monatslöhne auf den Tisch legt).


    Dummerweise hat ein Rollstuhlfaher nicht mit den doch recht argen Akzeptanzproblemen zu kämpfen, wie es sie bei ADHS gibt .... das macht's nicht leichter...
    Naja, schau mal wie viele öffentliche Gebäude rollstuhlgängig sind. Wie viele Firmen auf Arbeitnehmer mit Rollstuhl vorbereitet sind. Oder wie Ticketautomaten/Geldautomaten für Rollstuhlfahrer unerreichbar hoch gebaut werden... Deshalb bin ich der Meinung, dass man nicht damit rechnen kann, dass sich die Mitmenschen anpassen - dass klingt jetzt vielleicht pessimstisch, aber bin überhaupt nicht verbittert und eigentlich ein ziemlich optimistischer Mensch. Ich habe einfach festgestellt, dass es mir das Leben leichter macht, wenn ich an meinen "Problemen" arbeite und mich nicht auf das Verständnis anderer verlasse.

  9. #29
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 3.798

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Scarlatti schreibt:
    Aber "Hilfe" braucht nur jemand, der wirklich in Not ist (was durchaus aufgrund der hohen Rate an ADHS-Komorbiditäten auch passieren kann).
    Da sind wir genau an dem Punkt, der mich am heftigsten betrifft.
    Nur könnte man dann ja wiederum sagen, dass man sich hinter den Komorbiditäten versteckt.


    Shuai_Ran schreibt:
    Die Frage ist, wie weit der Nachteilausgleich geht. Abgabetermine werden mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht wegen ADHS geändert.
    Doch durchaus, ich meine, dass Fristverlängerungen ein Teil des Ausgleiches sind.
    Genau weiß ich das allerdings nicht, da ich persönlich noch nichts damit zu tun hatte.

    ... aber jemand mit Dyskakulie wird z.B. nicht Mathematik studieren können - genau so wenig wie Farbenblinde Berufspiloten werden können.
    Sicher.
    Aber trotz Dyskalulie kann jemand Techniker werden, wenn ihm z.B. zugestanden wird, mit Taschenrechner zu arbeiten, wo er sonst noch nicht erlaubt gewesen wäre.
    Das Beispiel ist kein Zufall, denn ich habe eine Dyskalkulie und war Techniker und wir durften in der Ausbildung im ersten jahr keine Taschenrechner benutzen, ... die Kraft, die es gekostet hat, mich da durch zu mogeln (im durchaus wahren Wortsinne), hätte ich lieber anderweitig genutzt, wenn ich davon damals gewusst hätte und das entsprechend hätte ansprechen können.
    Es ist ja nicht so, dass man als ADS'ler etwas nicht kann, man braucht u.U. nur länger dafür und/ oder bestimmte Hilfestellungen.

    ... - dass klingt jetzt vielleicht pessimstisch, aber bin überhaupt nicht verbittert und eigentlich ein ziemlich optimistischer Mensch. Ich habe einfach festgestellt, dass es mir das Leben leichter macht, wenn ich an meinen "Problemen" arbeite und mich nicht auf das Verständnis anderer verlasse.
    Das kann ich durchaus verstehen, deshalb suche ich hier ja gerade nach einem Weg, den ich möglicherweise nicht sehe.

    Allerdings sehe ich beim "an den Problemen arbeiten" auch Grenzen.
    Wenn mir in der Klinik die Ärzte/ Therapeuten sagen, dass man gewisse Dinge wie z.B. PS nicht heilen, sondern allenfalls lindern kann, dann stellt sich mir schnell die Frage "Wie weiter?"
    Und dann kommt im Zuge dessen auch irgendwann die Frage nach dem eigenen Restwert, dann die nach der eigenen Daseinsberechtigung auf dieser Kugel usw. usw. ...
    Ich schweife ab, ich weiß.
    Aber denken wir das mal durch: Auf der einen Seite hat mich der Versuch, es ohne Hilfe zu schaffen, an den Abgrund und die Grenzen meiner Kraft gebracht. Auf der anderen Seite sind wir selbst verantwortlich und sollen an unseren Problemen arbeiten, hören aber von Fachleuten, dass es eine Heilung in dem Sinne nicht gibt, wir also nicht wie die normalos funktionieren werden, sondern am Ende wieder am Boden liegen werden. Das wird zum Kreisläufer.
    Wie lautet denn wohl die logische Konsequenz dieses Kreises?

    Natürlich kann ein Farbenblinder nicht Berufspilot werden, was aber wenn ein an sich (hoch)intelligenter Mensch die meisten Ressourcen dadurch verballert, dass er versucht wie die anderen zu sein und am Ende doch nur ständig hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten bleibt?
    Er kann für einen Beruf oder ein Studium doch an sich durchaus befähigt sein, hat aber in einigen Punkten angeborene Mankos.

    Aber leider muss ich Dir Recht geben, was z.B. die Rollstuhlgängigkeit von Gebäuden etc. angeht ...
    Das ist ja mein Dilemma. So wirklich weiß ich nicht, was es bringen kann, sich sozusagen zu outen oder gar eine Behinderung bescheinigen zu lassen.
    Allein mir fehlt der Glaube an dieser Gesellschaft, auch wenn meine vorigen Postings vielleicht anders klingen. Ich versuche diese Standpunkte einzunehmen und zu sehen, wie die Bedenken entkräftet werden, oder eben nicht.
    Ich bin in dieser ganzen Frage ganz gewaltig hin und hergerissen.
    Auf der einen Seite würde ich mir wünschen, dass ich trotz der Schwächen und dem ganzen komorbiden Schrott noch sowas wie einen Wert und einen Sinn habe, ohne dabei in totaler Selbstaufgabe zu landen und wenn eben nur mit Hilfe eines solchen Schutzes möglich ist, auf der anderen Seite bin ich nicht sicher, ob und was das bringen soll ....
    Es ist wieder dieses ewige zwischen den Stühlen hocken, beide Seiten verstehen und nicht wissen, was das Richtige ist.

    LG
    Marcus

  10. #30
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 828

    AW: Professorin von ADHS - Diagnose erzählen?

    Hallo,

    ich habe die Dikussion mit Spannung verfolgt...wie schnell etwas ins Essentielle abgleiten kann.


    Fliegerlein schreibt:
    Aber leider muss ich Dir Recht geben, was z.B. die Rollstuhlgängigkeit von Gebäuden etc. angeht ...
    Das ist ja mein Dilemma. So wirklich weiß ich nicht, was es bringen kann, sich sozusagen zu outen oder gar eine Behinderung bescheinigen zu lassen.
    Rein von der Effizienz her gesehen, bringt es meiner Meinung wenig bis gar nichts, sich zu outen. Ob Nachsicht mit einem geübt wird, kann man meist vorher nicht abschätzen. Ich denke, auch als zB Alkoholiker (gut, als ADSler kann man doch weniger dafür denn als Alkoholiker - schlechter Vergleich) bekommt man höchstens seelische Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe oder Rehaklinik, aber im Job ist irgendwann mit Nachsicht auch Schluss. Man muss einfach unterscheiden zwischen der Realität und ihren Möglichkeiten und dem, "wie es sein sollte". Der Chef hat in der Realität einfach irgendwann keinen Bock auf jemanden, der nicht genug Leistung bringt. Ich denke, dieser Zwiespalt zwischen Realität und Ideologie ist nicht selten bei ADHSlern zu finden.


    Aber denken wir das mal durch: Auf der einen Seite hat mich der Versuch, es ohne Hilfe zu schaffen, an den Abgrund und die Grenzen meiner Kraft gebracht. Auf der anderen Seite sind wir selbst verantwortlich und sollen an unseren Problemen arbeiten, hören aber von Fachleuten, dass es eine Heilung in dem Sinne nicht gibt, wir also nicht wie die normalos funktionieren werden, sondern am Ende wieder am Boden liegen werden. Das wird zum Kreisläufer.
    Wie lautet denn wohl die logische Konsequenz dieses Kreises?
    Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, ob es auch mit Hilfe geht, ich habe es immer ohne Hilfe gemacht und bin wie du oft an die Grenzen meiner Kraft gekommen. Und da ich so langsam vorwärtskomme auf meinem Lebensweg, nagt das auch noch an meinem Selbstbewusstsein und man fragt sich tatsächlich, ob man nicht evolutionärer Abfall ist, weil die anderen viel schneller und effektiver sind und man selbst einen Haufen Kraft aufbraucht, um wenigstens nicht die ganze Zeit zu versagen.

    Dass es für manche Komorbiditäten und auch für ADHS keine komplette Heilung gibt, geht mir zumindest NOCH nicht auf den Keks, weil ich mir denke, wenn man gelernt hat, automatisch zu kompensieren bei vielen Sachen (Termine zB vergess ich nie, weil ich mich daraufhin trainiert habe), ist der Berg kleiner und es läuft relativ reibungslos. Außerdem hat ADHS auch Vorteile, die man nutzen kann. Sicher, man muss vieles kompensieren, weil die meisten Sachen im alltäglichen Leben eben nicht auf uns ausgelegt sind, dafür kann man dann in den Nischen glänzen - und auch da die Gegenseite: die muss man erstmal finden.

    Ich fand die Konsequenz dieses Kreises auch mal sehr logisch, aber wie alles auf der Welt hat auch das mehrere Seiten.

    Natürlich kann ein Farbenblinder nicht Berufspilot werden, was aber wenn ein an sich (hoch)intelligenter Mensch die meisten Ressourcen dadurch verballert, dass er versucht wie die anderen zu sein und am Ende doch nur ständig hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten bleibt?
    Er kann für einen Beruf oder ein Studium doch an sich durchaus befähigt sein, hat aber in einigen Punkten angeborene Mankos.
    Ich kann diese Gedanken sehr gut nachempfinden, aber es ändert eben auch nichts an der (momentanen) Realität. Es bräuchte eine Menge Leute, um für ADHS Nachteilsausgleich erringen zu können. Und wenn ich mir vorstelle, was das für ein Riesenkampf wäre gegen die Sturheit und Beschränktheit der Leute - nein, danke, dann wurschtel ich mich doch lieber durch. Ich habe inzwischen sehr viele Tricks auf Lager, um - sagen wir mal - das System zu umgehen.
    Klar versuche ich in vielen Punkten wie die anderen zu sein, damit ich wenigstens nicht ganz so oft doof angeguckt werde, aber ich gehe auch möglichst an Orte und zu Menschen, bei denen ich meine Stärken ausspielen kann, bei denen ich besser bin als die anderen. Es ist und wird immer schwer bleiben mit einem ,,ich mach mir dir Welt, wie sie mir gefällt", aber ich sehe keinen anderen Weg - die Welt wird sich definitiv nicht nach mir richten (noch nicht ). Ich bin verantwortlich für mein Leben - das ist anstrengend und gleichzeitig bietet es mir Möglichkeiten und auch Freiheiten, die andere nicht nutzen werden, weil ,,die Welt sie macht, wie es ihr gefällt".
    Und es versperrt mir Wege - nämlich dort, wo ich mir die Welt nicht so machen kann, wie sie mir gefällt, weil ich dort keine ausgeprägten Fähigkeiten habe. Dann muss ich halt nen anderen Weg gehen - warum denn immer den, den alle gehen? Er mag für die anderen der einfachste sein, für uns ist ein anderer Weg einfacher, vielleicht sogar einer, den andere nicht gehen könnten.

    Ich bin in dieser ganzen Frage ganz gewaltig hin und hergerissen.
    Auf der einen Seite würde ich mir wünschen, dass ich trotz der Schwächen und dem ganzen komorbiden Schrott noch sowas wie einen Wert und einen Sinn habe, ohne dabei in totaler Selbstaufgabe zu landen und wenn eben nur mit Hilfe eines solchen Schutzes möglich ist, auf der anderen Seite bin ich nicht sicher, ob und was das bringen soll ....
    Es ist wieder dieses ewige zwischen den Stühlen hocken, beide Seiten verstehen und nicht wissen, was das Richtige ist.
    Nicht, dass es falsch rüberkommt: Ich verstehe dich sehr gut, aber ich versuche, auch einen anderen Standpunkt einzunehmen, um zu sehen, ob er funktioniert. Zum Teil versuche ich auch, mich selbst aufzumuntern (und jeden anderen, der es gerade aufnehmen kann). Ich würde sagen: Hole dir Hilfe dort, wo du sie erwarten kannst (nur dort bringt es was) und ansonsten gehe die Wege, die du gehen kannst (auch, wenn viele versperrt oder schwieriger sein mögen). Das ist meiner Meinung nach pragmatisch und gangbar.

    Nachdenkliche Grüße
    Chamaeleon

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