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Diskutiere im Thema "Wo die wilden Kerle wohnen"... aus FAZ (12.02.12) im Forum ADS ADHS: Presse, Medien
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #91
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 48
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    AW: "Wo die wilden Kerle wohnen"... aus FAZ (12.02.12)

    Stellungnahme zum Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 12.02.2012

    Ritalin ist eine Pille gegen eine erfundene Krankheit, gegen die Krankheit, ein schwieriger Junge zu sein. Immer mehr Jungs bekommen die Diagnose. Die Pille macht sie glatt, gefügig, still und abhängig“.

    Es ist erstaunlich, wie sich ein an sich seriöser Journalismus auf solch reißerische und ketzerische Aussagen einlässt, ohne offensichtlich eine wissenschaftliche fundierte Recherche anzustrengen.

    Beginnend damit, dass Ritalin zunächst nur der Name eines Präparates ist, welches den Wirkstoff Methylphenidat beinhaltet, mit der Behauptung, damit werde ADHS behandelt als eine „erfundene Krankheit“ (die mittlerweile weltweit als valide Diagnose anerkannt ist), erstaunt. Wenn dann auch noch behauptet wird, dass man mit dem angeblichen ADHS einfach nur ein „schwieriger Junge“ sei, zeigt in erster Linie, wie viel Unwissen über ADHS immer noch verbreitet ist und vor allem wird.

    Schlicht behauptet wird, die „Pille“ mache gefügig oder glatt, was auch immer das bedeuten mag. Die uralten typischen „Vorwürfe“ des Ruhigstellens durch das Medikament und die Behauptung, es entstehe daraus Sucht, unterstreichen die „Informationen“, die von einer in der Regel seriösen und unabhängigen Zeitung verbreitet werden (was schon wie gezielte Desinformation anmutet….).

    Man muss sich an dieser Stelle die Frage stellen, wie und wo denn die FAZ ihre Recherchen betrieben hat, woher „diese“ Informationen kommen und was tatsächlich hinter dem Bericht der FAZ steckt.

    Uns als Vertreter der Selbsthilfe in Deutschland erscheint dies sehr merkwürdig. Es entsteht der Eindruck, dass ADHS mittlerweile zum „Politikum“ in Deutschland geworden ist, bei dem man die wichtigsten Diskutanten außen vor lässt: die betroffenen Menschen selbst.

    Beobachtet man den Diskurs im Internet, stellt man fest, dass es im Grunde zwei Gruppierungen gibt, die über die Thematik streiten. Diejenigen, die ADHS aus (alten) Lehrbüchern oder einer schlecht recherchierten Presse kennen und eine geringe Ansammlung von Symptomen eines Syndroms einzeln herauspicken mit der Aussage, dies könne doch unmöglich ADHS sein. ADHS sei nur eine Erfindung, um eine Pille zu verkaufen, die ausschließlich der Pharmalobby zugute komme und vor allem süchtig mache. Dieser Gruppierung kann man als betroffener Mensch mit ADHS auch keine Argumente vorlegen, weil sie sofort negiert werden.

    Und die andere Seite, die der leidenden Betroffenen, die oft nach langen Odysseen von dem Wirkstoff Methylphenidat insoweit profitieren, dass sich ihre Selbstwirksamkeit und ihr Lebensgefühl signifikant verbessert, die wieder Mut und Kraft finden, ihre Berufe auszuüben, die wieder in der Lage sind, eine „richtige“ Familie zu werden, die wieder in der Schule Erfolgserlebnisse haben, die ihr Studium beenden können und ihren Fähigkeiten entsprechend ihrer Berufung nachgehen dürfen, die plötzlich ein (wertvolles) Mitglied der Gesellschaft werden.

    Die Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung ist eine genetisch bedingte Selbstregulationsstörung mit einer spezifischen Funktionssteuerung, die alle sozialen Schichten in allen Ländern dieser Welt erreicht. Sie macht weder Halt vor Geschlecht, Altersbegrenzungen, ethnischen Gruppierungen oder Religionszugehörigkeit.

    Diese neurobiologische Konstitution bestimmt zusammen mit Umwelt- und Sozialisationsbedingungen die Ausprägung der Symptomatik und der Beeinträchtigungen.

    ADHS ist keine Erfindung der modernen Zeit, sondern ist eine durch die Wissenschaft belegte valide Störung mit Krankheitswert. Seit Anfang der 90er Jahre wird das Störungsbild auch bei Erwachsenen durch internationale Mediziner und Wissenschaftler erkannt und anerkannt. 2007 in Würzburg, 2009 in Wien und 2011 in Berlin wurde auf mehrtägigen, internationalen Kongressen ausschließlich darüber berichtet. (In Berlin waren über 2000 Fachleute aus 80 Nationen!).

    Als Interessenvertreter unzähliger betroffener Familien in Deutschland kämpfen wir für mehr Verständnis, Aufklärung – und vor allem für eine flächendeckende medizinische Versorgung, um das Leben von betroffenen Menschen qualitativ zu verbessern.

    Die Behauptung, 90 % aller ADHS-Diagnosen seien falsch, ist bei näherer Betrachtung ein Widerspruch zum gesamten Artikel: sollte ADHS eine erfundene Krankheit sein, wie im Artikel behauptet wird, müssten theoretisch 100 % aller Diagnosen falsch sein.

    Die Behauptung, ADHS betreffe ja nur Jungen, ist schlicht falsch. Im Erwachsenenalter zeigen die Daten, dass genauso viel Frauen wie Männer betroffen sind. Der sogenannte „inflationäre Anstieg“ der Diagnosen hat in erster Linie damit zu tun, dass die Reizoffenheit bei Reizfilterschwäche eine Kernsymptomatik ist, die auf die zunehmende Reizflut unserer Zeit stößt. Es gibt kaum eine psychische Störung, die mittlerweile wissenschaftlich so gut untersucht wurde wie ADHS.

    Die „Erfindung“ einer Krankheit würde sich in unserer Gesellschaft sicher keine 40 Jahre aufrechterhalten (in der sich immer mehr Menschen wieder erkennen und nach zielführender Behandlung suchen).

    Sicher stimmen wir zu, dass es bisweilen Fehldiagnosen gibt, dies hat noch nie jemand bestritten. Um das in Zukunft verstärkt zu vermeiden, gilt es weiterhin seriös wissenschaftlich fundiert aufzuklären, v.a. aber die Negierung des Störungsbilds ADHS zu unterlassen.

    Für einen betroffenen Menschen mit ADHS spielt es keine Rolle, wie seine Störung schlussendlich heißt, die vier Buchstaben stehen stellvertretend für sein dringendes Bedürfnis nach Hilfe und Akzeptanz seiner Anpassungsstörung (es ist leider gar nicht einfach, im Leben zurechtkommen zu sollen, wenn man z. B. viel zu impulsiv ist).

    Was ist daran so verwerflich, ein Medikament zu nehmen, welches hilft im Leben ein bisschen besser zurecht zu kommen? Es ist keine „Zaubermedizin“ – Strategien müssen zusätzlich erworben werden, z. T. sehr mühsam. Verwerflich sind einseitige Informationen, die darüber verbreitet werden.

    Die Behauptung, Ritalin würde „psychisch abhängig“ machen, stimmt maximal so, wie jemand von seiner Brille abhängig ist. Mit dem Wirkstoff Methlyphenidat wird oft eine Teilnahme am Unterricht erst möglich oder gelingt die Eingliederung in soziale Systeme.

    Den Vorwurf, dass die meisten diagnostizierten Kinder und Jugendlichen ausschließlich Medikamente bekommen, können wir nicht nachvollziehen. Es ist richtig, dass die medikamentöse Behandlung der ADHS grundsätzlich von weiteren therapeutischen Maßnahmen begleitet werden soll, aber dafür müssen diese oft zunächst einmal geschaffen werden (und auch anerkannt und bezahlt werden!).

    Auch wissen wir aus der Selbsthilfe, dass alle Eltern, die bei uns Hilfe suchen, einen enormen, oft unvergleichlichen Leidensweg hinter sich haben. Viele Anlaufstellen wurden gesucht, viel Geld wurde investiert, bis am Ende nach der Diagnose (meist noch in Verbindung mit hinzukommenden Beeinträchtigungen) die Entscheidung fällt, auf Medikamente zurückzugreifen. Eine Pauschalisierung an dieser Stelle ist nicht nur unfair, sie ist schlicht falsch.

    Es ist nicht möglich, ADHS durch eine psychoanalytische Therapie zu heilen. Es liegt auch nicht alles nur an den Eltern, der Erziehung und am sozialen Umfeld. Sicher spielt das Umfeld eine Rolle, aber auch evtl. „schlechte“ Bindung und Beziehung sind nicht Ursache für Funktionsabweichungen in der Regulation, Verfügbarkeit von Botenstoffen, deren Transportern und Rezeptoren im Gehirn, die letztendlich die Symptome der ADHS ausmachen.

    Jochen Bantz
    1. Vorsitzender des TOKOL e.V.

  2. #92
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsener
    Forum-Beiträge: 346

    AW: "Wo die wilden Kerle wohnen"... aus FAZ (12.02.12)

    Vielen Dank für die klar und bedacht formulierte Stellungnahme!

    Wird die denn auch an einschlägiger Stelle - nämlichzum Beispiel in der FAS zulesen sein?

  3. #93
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 48
    Forum-Beiträge: 11

    AW: "Wo die wilden Kerle wohnen"... aus FAZ (12.02.12)

    ich habe sie zumindest dahin geschickt, ob sie es veröffentlichen oder berücksichtigen liegt leider nicht in meiner macht.

  4. #94
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 134

    AW: "Wo die wilden Kerle wohnen"... aus FAZ (12.02.12)

    SUPER JOCHEN.

    LG Franca

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