Anhang 9693
Abb. 1: Die Urfassung (1845) macht die Eskalation eines Vater-Sohn-Konfliktes deutlich.

Anhang 9692
Abb. 2: Die Druckfassung (1859) zeigt einen auffälligen Unterschied im Verhalten der Mutter.


"Die drei Episoden des „Zappelphilipps“ zeigen eine Einkindfamilie des gehobenen bürgerlichen Standes, wie an der Kleidung und dem reichlich gedeckten Tisch zu erkennen ist. Nicht unerhebliche Unterschiede im Verhalten der drei Personen bestehen jedoch zwischen der bis heute gültigen Druckfassung von 1859 und der 14 Jahre früher entstandenen Zeichnung von 1845.
In der Urfassung zeigt schon das erste Bild eine deutlich andere Situation: Der Vater, mit erkennbar strengerem Gesichtsausdruck, hebt den Zeigefinger und provoziert mit seiner Eingangsfrage die Dramatik des Geschehens: „Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?“ Zwischen Vater und Sohn besteht ein spannungsgeladener Blickkontakt, das Kind tritt gegen den Tisch und erhebt den Arm in Richtung des Vaters. In der späteren Fassung umfasst das Kind sein Knie, schaut nach unten und zappelt vor sich hin; der Vater klopft mit dem Messer auf den Tisch.
Im zweiten Bild verliert Philipp das Gleichgewicht und hält sich am Tischtuch fest; in der Urfassung kann jedoch der emporgereckte Kopf, der trotzig vorgeschobene Unterkiefer und ein eher aktiver Griff nach dem Tischtuch durchaus auch einen gezielten Akt andeuten. Auch im Gesichtsausdruck des Buben in der zweiten Fassung ist weniger Schreck als ein Blick auf die Reaktion des Vaters zu erkennen. Dieser versucht, die vom Tisch gleitende Decke festzuhalten, die Mutter – dies ist der erstaunlichste Gegensatz zwischen den beiden Fassungen – macht in der ursprünglichen Zeichnung den Eindruck, dem Geschehen zwischen Vater und Sohn eher zurückhaltend zuzuschauen. Im letzten Bild dominiert sie dagegen die Bildmitte, blickt „auf dem ganzen Tisch herum“ und wehrt mit der rechten Hand den Zorn des Vaters ab. In der Urfassung hat sie mit ihm gemeinsam hilflos geklagt."

Quelle: Deutsches Ärzteblatt: „Zappelphilipp“ und ADHS: Von der Unart zur Krankheit (30.01.2004)