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Diskutiere im Thema Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe... im Forum ADS/ADHS und Hochbegabung
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #21
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 52

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Ich bin jetzt zu müde um alles ordentlich durchzulesen, oder selbst viel zu schreiben, aber ich fand einfach die Leidenschaft, die aus dem Thread-Eröffnung und weiteren Texten hervorging, sehr schön und ermutigend zu lesen. Jetzt, dass ich auch eine Diagnose und Medikation habe, wird es wohl auch mal langsam Zeit, mich meinen Träumen zu widmen und auf mein Herz zu hören.

    Zum Thema noch, ich kenne LRS nur flüchtig aus meinem Studium, habe Grundschullehramt studiert, aber nicht Deutsch als Fach. Die Grundidee scheint mir auch auf Grund meiner eigenen Erfahrungen schlüssig und logisch, ich wünsche Dir hypocampus alles Gute auf dem Weg! Hört sich alles sehr spannend an!

    LG, Ally

  2. #22
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 210

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Lineli schreibt:
    So musste ich also einen der herumstehenden Bauarbeiter fragen. Der sagt etwas unverständliches, ich "wie bitte?" er drehte sich weg.

    Netterweise hatte ein gleich daneben stehender anderer Arbeiter meine Frage auch gehört, und erklärte mir, dass sein Kollege gerade am Handy telefonierte, was mir völlig entgangen war.
    Auch etwas das mir sehr bekannt vorkommt - man hat den Eindruck Leute haben mit einem geredet aber es war nicht so. Manchmal haben sie nichteinmal etwas gesagt.

    Ein Fehler weil deine Aufmerksamkeit gerade nur halb bei dem war, was du dort hörtest. Dein Hirn hat das Gequatsche nicht als unbedeutsam eingeordnet und als unwichtig beiseite gedrängt, die falschen Schlüsse gezogen. Es hat aus einer Stimme die Fehlinformation entnommen "Da redet jemand mit mir". Passiert jedem mal, ADHSlern - so vermute ich - jedoch in gehäufter Form. Bei mir kommt es auch häufiger vor, dass ich mir einbilde meinen Namen gehört zu haben - vermutlich eine ganz ähnliche Sache.

    In einem anderen Umfeld, einem kreativen oder wissenschaftlichen beispielsweise, wenn es darum geht, weiter zu denken, nicht einfach dem zu folgen was an weiss auf blau Geschriebenem zur Verfügung steht, dann ist er, der Stino, der Idiot. Der Ärmste wird wohl immer pünktlich und aufregungslos an seinem immer gleichen Ziel ankommen. Tag für Tag, bis an sein Lebensende. Der ADHS-ler aber, der ist in der Lage, das Aussergewöhnliche zu sehen, die Ausnahmen und Unregelmässigkeiten, die Fehler im System und in den Denkweisen. Und möglicherweise - mit sehr viel Anstrengung, Elan und Willen, wird er dadurch in der Lage sein, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und die Welt ein Stück weit zu verändern.
    Exakt. Das ist die Botschaft die ich hier mitgeben wollte.
    Das Ganze wird dort zu einem Vorteil, wo die Dinge zu komplex und chaotisch werden, sie logisch geordnet zu erfassen. Man kann ein schönes Bild nicht wirklich nach mathematischen Kriterien malen. Ästhetik ist zu komplex um beschreibbar zu sein. Gute Künstler sind die, die intuitiv verstehen, was ästhetisch aussieht. Im Endeffekt halte auch ich das für ein intuitives unterbewusstes Wahrnehmen von irgendwelchen komplexen Zusammenhängen. Es gibt Menschen, deren Gehirn schmeißt jene Information als unwichtig raus. Sie sehen da keine Schönheit - sie sehen, was ihr Gehirn als die entscheidende Information beurteilt: "Es sind einfach nur Farbkleckse, zufällig verteilt - ich weiß nicht was daran Kunst sein soll"

    Überall dort wo wir auf Sachverhalte stoßen, die zu komplex für geordnetes Denken werden ist der Vorteil der Intuition entscheidend. Eigentlich bin ich mit den Naturwissenschaften da auch irgendwo fehl am Platze - denn sie beruhen auch gerade auf genau jener geradlinigen Logik, Ordnung, systematisches Arbeiten nach Plan und möglichst simplen Beschreibungen.

    Die wirklichen Sprünge macht die Wissenschaft dennoch mit denen, die Neues entdecken. Mein Arzt sagt, Einstein habe ADHS gehabt. NIE würde ich mich auf eine Stufe mit diesem verflixten Genie stellen, um Gottes willen! Aber um es mit den Worten meines Arztes auszudrücken: "Denken Sie, jemand wie Einstein könnte auf soetwas wie die Relativitätstheorie kommen, ohne soetwas wie Intuition?" Vielleicht hat er Recht...
    Auf jeden Fall ist Einstein fast daran zerbrochen dass die "Stinos" in höchsten wissenschaftlichen Positionen die Bedeutung seiner Überlegungen lange Zeit nicht anerkannt haben. Man kann sich ja denken wie das so war. Heute ist er der Held der Wissenschaft. Jaja,so ein bisschen sind sie schon auf ihre eigene Art Heuchler, die Menschen

    Das Bild des zerstreuten Wissenschaftlers kommt sicher nicht einfach so von irgendwoher - da wird wohl irgendwas dahinter stehen.

    Jedenfalls finde ich im Bereich des Gehirns, der Psyche ein Gebiet, wo ich mich wohlfühlen kann. Das ist scheinbar ein bisschen komplexer für die "Stinos". Da gehts eben nicht nur von A über B nach C sondern das gesamte Alphabet ist drin und kreuz und quer verbunden. Die Logik ist aber dahinter, die gibt unsere Natur vor. Ich habe manchmal den Eindruck, "Stinos" sehen da ab und zu nur das für sie "Entscheidende": Chaos.

    Ich bin zuversichtlich, dass ich dort richtig aufgehoben wäre und es entwickelt sich langsam zu so einer Art Traum, den ich unbedingt Realität werden lassen will. Drückt mir die Daumen, ich habe meine auf jeden Fall auch gedrückt, dass ihr das auch irgendwie in eurer eigenen Art und Weise schaffen werdet. Man muss sich halt nur bewusst werden, was man selbst möchte - und nicht daran ausrichten was andere erwarten.
    Geändert von hypocampus (28.10.2011 um 02:59 Uhr)

  3. #23
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 52

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    hypocampus schreibt:
    Jedenfalls finde ich im Bereich des Gehirns, der Psyche ein Gebiet, wo ich mich wohlfühlen kann. Das ist scheinbar ein bisschen komplexer für die "Stinos". Da gehts eben nicht nur von A über B nach C sondern das gesamte Alphabet ist drin und kreuz und quer verbunden. Die Logik ist aber dahinter, die gibt unsere Natur vor. Ich habe manchmal den Eindruck, "Stinos" sehen da ab und zu nur das für sie "Entscheidende": Chaos.
    Ich hab auch schon immer, schon in der Schule, einen Hang für Themen gehabt, die als kompliziert galten. In den Naturwissenschaften konnte ich schnell neue Sachen lernen, wenn ich das Gesamtsystem gut verstanden hatte, der Rest ging dann fast wie von selbst, weil es einfach so einleuchtend logisch war. Dagegen mit der streng linearen mathematischen Logig habe ich schon immer so meine Probleme gehabt. Die Krönung des Ganzen kam dann in meinem Referendariat, als ich völlig überfordert war, zu den ganzen Stress dann noch schlüssige Lernpakete in Mathe zu schnüren. Hinzu kam, dass alle anderen wie im Chor gesagt haben, was für ein einfaches Unterrichtsfach Mathe doch sei, weil es so geordnet und logisch aufeinander aufgebaut ist. In Englisch hat es auch eine Zeit lang gedauert, aber ich bin da schlussendlich richtig aufgeblüht, da konnte ich so wunderbar meine Intuition und Leidenschaft hineinfließen lassen. Meine Mutter hat mal treffend gesagt, wenn sie über ein Thema ein Mind-Map verfassen kann, dass weiß sie, dass sie es verstanden hat. Ich denke ein ADS-Hirn denkt einfach nicht linear, sondern flächig, wie ein Mind-Map. Naja, schlussendlich musste ich auf Grund der völligen Erschöpfung mein Ref abbrechen. Jetzt bin ich ernsthaft am überlegen, ob ich das noch durchziehen kann/soll oder eben mehr in Richtung Sprachen gehen, die sich in den Jahren nun wahrlich als meine Leidenschaft herauskristallisiert haben. Ich fange immer mehr und mehr zu denken, dass wohl aus mich nie eine gute Beamtin werden kann..
    hypocampus schreibt:
    Ich bin zuversichtlich, dass ich dort richtig aufgehoben wäre und es entwickelt sich langsam zu so einer Art Traum, den ich unbedingt Realität werden lassen will. Drückt mir die Daumen, ich habe meine auf jeden Fall auch gedrückt, dass ihr das auch irgendwie in eurer eigenen Art und Weise schaffen werdet. Man muss sich halt nur bewusst werden, was man selbst möchte - und nicht daran ausrichten was andere erwarten.

  4. #24
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 234

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Die Fähigkeit nachträglicher Fehlerkorrektur in unserer "ADHS-Wahrnehmung" ist meiner Meinung nach einer hohen Intelligenz zuzuschreiben, welche praktisch nur im Geiste stattfindet. Das Problem an der Sache beim Reflektieren ist, dass man oft glaubt blöd zu sein, weil man merkt in bestimmten Situationen nicht adequat gehandelt zu haben und man es in Zukunft nicht gebacken bekommt, obwohl man alles dafür gibt, dies zu ändern. Das ist jetzt keine Gabe, sondern führt zu Problemen und betrifft im besonderen unbehandelte Menschen mit ADHS+hoher Intelligenz.
    Geändert von vakuum (28.10.2011 um 14:28 Uhr)

  5. #25
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 210

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    vakuum schreibt:
    Die Fähigkeit nachträglicher Fehlerkorrektur in unserer "ADHS-Wahrnehmung" ist meiner Meinung nach einer hohen Intelligenz zuzuschreiben, welche praktisch nur im Geiste stattfindet. Das Problem an der Sache beim Reflektieren ist, dass man oft glaubt blöd zu sein, weil man merkt in bestimmten Situationen nicht adequat gehandelt zu haben und man es in Zukunft nicht gebacken bekommt, obwohl man alles dafür gibt, dies zu ändern. Das ist jetzt keine Gabe, sondern führt zu Problemen und betrifft im besonderen unbehandelte Menschen mit ADHS+hoher Intelligenz.
    Ich habe ein ganz gutes Beispiel zur Veranschaulichung neulich in meinem Gespräch mit meinem Arzt gewählt:

    ADHS kann man sich vorstellen wie blind zu sein. Es fehlt ein bestimmter Teil der Wahrnehmung und wenn man von Geburt an blind war, so bekommt man zwar erzählt, wie es ist zu sehen, wirklich verstehen wird man es jedoch nie. Nun hat man mit der Zeit ja seine eigene Art des "Sehens" entwickelt - Strategien, um annähernd an die Wahrnehmung des Gesunden irgendwie heranreichen zu können. Ein Blinder ersetzt nun seinen fehlenden Gesichtssinn mit dem Tastsinn. Dabei mag er diese Art wahrzunehmen, das Tasten, so fein austrainiert haben, dass er deutlich feinfühliger tasten kann als jeder gesunde Mensch. Natürlich ist die Wahrnehmung des Blinden nach wie vor eine eingeschränkte.
    Dennoch - so mag die Situation kommen, in der der Blinde über eine glatte Oberfläche tastet. Für ihn mag die Wahrnehmung selbstverständlich* sein und er sagt beiläufig: "Da ist eine kleine Beule." Der Sehende schüttelt den Kopf, schaut hin und sagt: "Ich sehe da nichts, du spinnst!" Der Blinde antwortet: "Doch, ich fühle es doch, leg mal deine Finger dorthin."
    "Nein, ich fühle wirklich nichts, so ein Unsinn!"

    Und so muss sich der Blinde sein Leben lang damit abfinden immer der "Behinderte" zu sein. Würde man nun jedoch hingehen - so würde man vielleicht feststellen, dass der Tastsinn des Blinden so viel feinfühliger ist durch das jahrelange unbewusste Training, dass er in bestimmten Einzelfällen tatsächlich besser tastet als der Gesunde sehen kann. Ein Präzisionsmessinstrument könnte das vielleicht beweisen - meist kommt es jedoch nicht dazu und die Bemerkung des Blinden bleibt ungeachtet. In manchen Fällen mag es jedoch genau diese, nicht offensichtliche Unebenheit sein, die eine Bedeutung wie eine Fehlfunktion einer Maschine und die Folgen trägt - da wäre der Blinde vielleicht am richtigen Platz gewesen, weil sonst niemand auf die Idee gekommen wäre, überhaupt nochmal genauer nachzumessen. Aber das kommt ja meistens nicht vor, er ist schließlich stark behindert.


    So sind diese "Fehlerkorrekturen" tatsächlich Ausweichstrategien um der Erfahrung höherer Fehleranfälligkeit aus dem Weg zu gehen. Die Folge: Kritischeres, reflektierteres Denken - aber auch Selbtszweifel, mangelndes Selbstbewusstsein, Depressionen.

    Meine Mutter hat mal treffend gesagt, wenn sie über ein Thema ein Mind-Map verfassen kann, dass weiß sie, dass sie es verstanden hat. Ich denke ein ADS-Hirn denkt einfach nicht linear, sondern flächig, wie ein Mind-Map.
    Das hier zum Beispiel kann man auch als Kompensationsstrategie bezeichnen. Tatsächlich eingeschränkt ist nämlich bei ADHS das Arbeitsgedächtnis, früher Ultrakurzzeitgedächtnis. Ihr wisst, dass es häufig Dinge sind, die man sofort wieder vergisst, es ist etwas anderes als wenn man sich einfach garnichts merken kann.

    Diese Mind Map Strategie ist nichts anderes als eine Strategie, Dinge schnell über das Arbeitsgedächtnis hinweg ins Langzeitgedächtnis zu schaffen. Solche Mindmaps sind so effektiv beim Lernen, weil unser Langzeitgedächtnis quasi sehr ähnlich funktioniert - es speichert auch im Hirn eine Art "Mindmap" von zusammenhängenden Kausalitäten ab. Weil bei uns Informationen eben schnell weg sind wenn sie nicht in so ein Langzeit-Informationsnetzwerk eingebettet werden, gewöhnen wir uns unbewusst über Jahre hinweg genau diese Merkstrategie an: Wir versuchen in allem Zusammenhänge zwischen den Einzelbestandteilen zu knüpfen - und so trainieren wir auch die Fähigkeit dazu - mehr als andere das in ihrem Leben tun.

    Bei mir trifft jedenfalls folgendes zu, das sich nahtlos in diese Erklärung einfügt:

    -ich lerne deutlich besser wenn ich einen Gesamtzusammenhang erkennen kann
    -zusammenhangsloses Faktenwissen kann ich mir nicht merken und finde es uninteressant - so bestehen gravierende Lücken im Allgemeinwissen in den Bereichen Geografie, Politik, Geschichte
    -ich muss die Einzelschritte eines Handlungsablaufs im Zusammenhang verstanden haben, dann kann ich ihn auch fehlerfrei ausführen, sobald die einzige Information ist "Mach A, dann B", ohne dass ich mir herleiten kann warum B aus A folgen muss, so besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass ich öfters direkt zu C springen werde, ohne es zu merken.


    *
    P.S.: Ich möchte nochmal etwas einfügen bzw. betonen: Für den Blinden in genanntem Beispiel ist das extrem feinfühlige Tasten genauso ein normaler, alltäglicher Bestandteil des Lebens geworden wie das Sehen für den Gesunden. Der Blinde empfindet es nicht so, dass er besser tasten kann - und weil es so normal für ihn ist geht er unbewusst davon aus, dass die Sehenden genausogut tasten können. Deswegen sagt er "Doch, fühl mal, hier ist eine Beule" in der fälschlichen Annahme, der Sehende könnte es auf diese Weise ebenfalls wahrnehmen. Der Blinde versteht in diesem Moment nicht, dass er in Wirklichkeit eine bessere Wahrnehmung in dieser Hinsicht hat und andere Mittel wählen muss, um dem Sehenden seine Entdeckung nahebringen zu können.

    Und genau das sind Probleme, vor denen ich ständig stehe - für mich ist irgendeine Sache vollkommen klar. Ich sage, schreibe irgendetwas, empfinde es als 100% logisch und richtig, so wie ich es formuliert habe, der Rest scheint mir vollkommen selbstverständlich aus dem Zusammenhang. Und dann merke ich: Von dem was ich sagen will kommt manchmal garnichts an. Offensichtlich ist das doch nicht ganz so logisch und selbstverständlich gewesen, sie sehen die Beulen da einfach nicht. Die anderen schütteln wie beschrieben häufig den Kopf und sagen "da ist nichts, mach einfach was man dir sagt!" Und am Ende muss ich dann Unmengen an Aufwand betreiben, wie ausführliche Recherche, schrittweise Belege zusammensuchen, aufzeigen, dass der Fehler tatsächlich dort lag wo ich ihn vermutet hatte und dies schon in diversen Lehrbüchern seit 1967 zu lesen ist (was für mich von Anfang an logisch und ohne dieses Lehrbuchwissen simpel erschließbar schien).
    Also vielleicht ist das was wir öfters als "Einfältigkeit" oder "Verbohrtheit", "Engstirnigkeit" oder prinzipielle Missgunst uns gegenüber empfinden auch nicht immer nur Respektlosigkeit einem "Behinderten" gegenüber - es ist lediglich die Tatsache, dass sie sich in manchen Einzelaspekten schlicht genausowenig wie wir bewusst sind, dass wir hier einfach eine überlegene Wahrnehmung am Rande haben, die für uns das Natürlichste der Welt, für andere vollkommen unverständlich ist. Die geschieht aufgrund mangelnder Fähigkeit zu verstehen auf der anderen Seite, nicht mangels Fähigkeit zum sinnvollen Denken auf unserer. Und so riskieren wir stetig den Konflikt mit anderen wenn wir ihre fehlende Wahrnehmung als "Dummheit" auslegen wie sie gleichsam die unsere - ein Teufelskreis: "Du bist dumm!" - "UND DU ERST RECHT!" - "LECK MICH AM ARSCH, SIEH DOCH WAS DU!!! DA UND DORT FALSCH GEMACHT HAST!" Nein, Verbitterung darüber ist der falsche Weg, das kann man nur verlieren. Anstattdessen respektieren, dass sie nicht so gut tasten können und sich überlegen was nötig ist, die eigene Wahrnehmung vernünftig zu übersetzen.

    Da muss man auch deswegen ganz doll aufpassen, weil man sich sehr schnell eine in Wirklichkeit produktive Gabe als etwas Sinnloses ausreden lässt und der Mehrheit zu glauben beginnt - und zwar einer Mehrheit von Menschen die unwissenderweise in manchen Aspekten garkeinen Plan haben, worüber sie da reden. Sie sind blind dafür.
    Geändert von hypocampus (28.10.2011 um 15:33 Uhr)

  6. #26
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    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 52

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Hypocampus, da ging mir aber bei deinem Text gerade dermaßen ein Licht auf: Stimmt, es ist nicht nur, dass ich besser lernen kann wenn ich die Zusammenhänge verstanden habe, ich kann andersherum Einzelheiten ohne sinnvolle Verknüpfungen überhaupt nicht behalten, das war schon in der Schule so. Und es ist natürlich auch eine ernorme Entlastung für das Hirn (bzw. für das Arbeitsgedächtnis), wenn ich die einzelnen Verknüpfungen nach und nach aufzeichne und das als Bild abspeichere, als wenn ich mit Einzelinformationen hantieren würde. Die Lücken im Allgemeinwissen in genau den Bereichen Politik, Geographie und Geschichte kenne ich nur zu gut. Vielleicht kein Wunder, dass Geschichte nicht zu meinen Lieblingsfächern in der Schule gehört hat.

    Dass ich überhaupt Probleme mit dem Arbeitsgedächtnis habe, ist mir komischerweise (oder auch nicht, die Selbstwahrnehmung bei ADS soll ja auch etwas gestört sein und ich habe eben jahrelang in "meiner" Realität gelebt und vieles als "normal" empfunden) erst klar geworden, nachdem ich von ADS gehört habe und mich genauer beobachtet habe. Aber es war mir noch nicht bewusst, dass das Arbeitsgedächtnis derart mit der Neigung Verknüpfungen zu suchen zusammenhägen könnte. Obwohl es natürlich jetzt total einleuchtend ist.

  7. #27
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 44
    Forum-Beiträge: 806

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    hypocampus schreibt:
    Das hier zum Beispiel kann man auch als Kompensationsstrategie bezeichnen. Tatsächlich eingeschränkt ist nämlich bei ADHS das Arbeitsgedächtnis, früher Ultrakurzzeitgedächtnis. Ihr wisst, dass es häufig Dinge sind, die man sofort wieder vergisst, es ist etwas anderes als wenn man sich einfach garnichts merken kann.

    Diese Mind Map Strategie ist nichts anderes als eine Strategie, Dinge schnell über das Arbeitsgedächtnis hinweg ins Langzeitgedächtnis zu schaffen. Solche Mindmaps sind so effektiv beim Lernen, weil unser Langzeitgedächtnis quasi sehr ähnlich funktioniert - es speichert auch im Hirn eine Art "Mindmap" von zusammenhängenden Kausalitäten ab. Weil bei uns Informationen eben schnell weg sind wenn sie nicht in so ein Langzeit-Informationsnetzwerk eingebettet werden, gewöhnen wir uns unbewusst über Jahre hinweg genau diese Merkstrategie an: Wir versuchen in allem Zusammenhänge zwischen den Einzelbestandteilen zu knüpfen - und so trainieren wir auch die Fähigkeit dazu - mehr als andere das in ihrem Leben tun.

    Bei mir trifft jedenfalls folgendes zu, das sich nahtlos in diese Erklärung einfügt:

    -ich lerne deutlich besser wenn ich einen Gesamtzusammenhang erkennen kann
    -zusammenhangsloses Faktenwissen kann ich mir nicht merken und finde es uninteressant - so bestehen gravierende Lücken im Allgemeinwissen in den Bereichen Geografie, Politik, Geschichte
    -ich muss die Einzelschritte eines Handlungsablaufs im Zusammenhang verstanden haben, dann kann ich ihn auch fehlerfrei ausführen, sobald die einzige Information ist "Mach A, dann B", ohne dass ich mir herleiten kann warum B aus A folgen muss, so besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass ich öfters direkt zu C springen werde, ohne es zu merken.
    Dass bei ADHS das Kurzzeitgedächtnis eingeschränkt sein soll habe ich schon öfters gelesen. Gibt es denn Studien, welche diese Aussage belegen können? Wenn ja, inwiefern ist das Kurzzeitgedächtnis eingeschränkt? Der Durchschnittsmensch kann maximal 7 Informationseinheiten gleichzeitig für ca. 15 Sekunden im "Arbeitsspeicher" behalten. Wenn die Einheiten danach nicht im Langzeitgedächtnis angekommen sind, dann sind sie verloren/vergessen. Dazu gibt es auch Studien, ich habe dies aber im Zusammenhang mit der ACT-Theorie gehört, glaube ich (?). Jetzt frage ich mich natürlich, was genau ist denn anders in unserem Hirn? Ist es die Zeit, die eingeschränkt ist (weniger als 15 Sekunden), oder ist es die Zahl an behaltbaren Einheiten?

    Dazu eine These: Nicht das Kurzzeitgedächtnis ist bei ADHS eingeschränkt, sondern der "Informationsfilter", wegen dieser Filterschwäche entsteht im Kurzzeitgedächtnis ein Information-Overload, und kaum etwas gelangt ins Langzeitgedächtnis.

    Dies scheint logisch, denn wenn ständig neue Wahrnehmungen hereinplatzen, ist der Arbeitsspeicher logischerweise überfüllt, bzw. die älteren Informationseinheiten werden von neuen verdrängt. Die Anzahl möglicher Einheiten spielt da eigentlich keine Rolle, denke ich. Auch wenn 100 gleichzeitig möglich wären, wenn der Filter zu schwach ist, um Ablenkungen auszublenden, dann gibt es früher oder später immer einen Overload. Wenn bei einem Computer der Arbeitsspeicher voll ist, geschieht erstmal nichts mehr, man bekommt die Meldung und kann nicht weiter arbeiten (oder alles stürzt ab). Da wir keine Maschinen sondern Menschen sind, funktioniert dieses "Einfrieren" des Ist-Zustandes nicht, oder aber zu spät, wenn wir uns völlig überfordert fühlen. Wenn aber die zur Verfügung stehende Zeit, die 15 Sekunden, eingeschränkt wäre, dann käme der Informationsstau natürlich schon früher zum Tragen. Wir hätten weniger Zeit, um die Informationen ins Langzeitgedächtnis zu "verschieben".

    Das menschliche Gehirn verfügt ja aber über verschiedene Filter- und Sortierfunktionen. Welche nun genau bei ADHS betroffen sind (und dass sie betroffen sind liest man auch immer wieder), ist doch stark davon abhängig, an welcher Stelle die benötigten Botenstoffe fehlen ... Diese Zusammenhänge würden mich mal ernsthaft interessieren!

    Die These vom Mind-Mapping sehe ich aber noch nicht ganz ein. Jedes Gehirn, auch das von Stinos oder auch Tieren ... ist doch ein neuronales Netzwerk! Darin unterscheiden wir uns jetzt mal gar nicht von den Anderen, oder? Es ist höchstens so, dass wir wegen unserer Filterschwäche usw. weniger Verknüpfungen anlegen konnten im Laufe des Lebens, oder dass die Verknüpfungen verkümmert bzw. zu schwach sind. Insofern wäre es für JEDEN besser, mit mindmapartiger Wissensvermittlung zu lernen! Das Problem liegt mE in der Art der Informationsvermittlung (trocken, spröde, befehlsartig, auswendiglernen von langweiligen Daten oder mathematischen Formeln), nicht an unserem Hirn, das iwie eingeschränkt wäre. Es ist einfach so, dass je vollständiger das bereits existierende Netzwerk an Wissen bereits ist, desto eher sind wir in der Lage, neue Informationen irgendwo einzuordnen und zu speichern (mit wir meine ich an dieser Stelle alle Menschen).

    Also hypocampus, wenn Du mir einen Tipp geben könntest, wo ich mich (als neurologischer Laie) weiter über die detaillierten Hirnfunktionen (s.o.) informieren könnte, wäre ich Dir äusserst dankbar. Vielleicht kannst du ja auch hier was dazu schreiben, wenn es die Entwicklung deiner eigenen Thesen nicht zu sehr stört, bzw. diese dadurch dem Forumleser zum Frass vorgeworfen würden

  8. #28
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 210

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Ally80 schreibt:
    Dass ich überhaupt Probleme mit dem Arbeitsgedächtnis habe, ist mir komischerweise (oder auch nicht, die Selbstwahrnehmung bei ADS soll ja auch etwas gestört sein und ich habe eben jahrelang in "meiner" Realität gelebt und vieles als "normal" empfunden) erst klar geworden, nachdem ich von ADS gehört habe und mich genauer beobachtet habe.
    Keine Sorge, deine Selbstwahrnehmung ist vollkommen normal und ich kenne all das was du beschreibst ja auch - 27 Jahre hat es gebraucht, dass ich merke dass da was nicht passt.


    Wer behauptet, dass die Selbstwahrnehmung durch ADHS gestört sei? Sie ist allerhöchstens durch komorbide Störungen wie Sozialstörung, körperdysmorphe Störung, Depressionen oder ähnlichem verschoben - ADHS selbst betrachte ich jedoch nicht als Verschiebung der Selbstwahrnehmung, sondern nur als eine der Außenwahrnehmung.

    Ein von Geburt an Blinder kann ja garnichts davon wahrnehmen, dass er blind ist. Wie soll so jemand wissen, was Sehen ist? Du könntest es ihm irgendwie beschreiben - aber versuch ihm mal zu erklären wie sich nun genau der Unterschied zwischen Blau und Grün anfühlt. Es geht einfach nicht. Damit man etwas, das von Geburt an abnormal ist, auch als solches bemerken kann muss erst einmal jemand von außen kommen und dir sagen, dass du ein Problem hast.

    Ich meine - was bleibt dir denn anderes übrig (so wie jedem anderen Menschen auf dieser Welt auch), als anzunehmen, dass dein Gegenüber die Welt genauso oder zumindest ähnlich wahrnimmt, wie du es tust? In den allermeisten Fällen bestätigt sich das ja auch: Wir sehen beide etwas Blaues oder Grünes und sind uns einig, dass wir dasselbe sehen.
    Tun wir das? Nein, in Wirklichkeit kannst du nicht wissen, was der andere gerade sieht und erlebt. Du nimmst trotzdem an, dass es dasselbe ist.

    Du kommst erst darauf, wenn es wirklich offensichtlich ist. Ich erinnere mich sehr genau an eine seltsame Szene aus der Vergangeheit als wir in der Schule unseren Putztag hatten. Ich war kurz abgelenkt, da war mein Lappen weg. Ich suchte ihn, als ich bemerkte, dass ein Klassenkamerad meinen Lappen gegen seinen getauscht hatte. Verwirrt fragte ich ihn: "Was ist los? Ist mein Lappen besser als deiner oder wieso nimmst du meinen anstatt einfach deinen da drüben zu verwenden?" Es waren identische Lappen. Der eine jedoch war knallgrün, meiner war knallrot. Naja und da stellte sich heraus dass er farbenblind war. Ein Eindruck der mich in diesem Moment extrem erstaunt hat - diese beiden Lappen waren für mich nun beim allerbesten Willen nicht miteinander zu verwechseln gewesen. Und doch merkte er diesen extremen Unterschied nicht und ich konnte mir so garnicht vorstellen, wie das überhaupt geht, dass man die Farben auf diese Weise wahrnimmt.

    Ohne das Wissen über seine Krankheit denkt man sich aber erstmal in etwa: "Komm mal klar, nimm gefälligst deinen eigenen Lappen, du Asi!"

    Aber auch er wird das von Anfang an normal empfunden haben. Erst als ein Arzt herausgefunden hat, dass er Farben schlechter auseinanderhalten kann als andere Menschen wusste er von der Farbenblindheit. Das bedeutet ja noch lange nicht, dass seine Selbstwahrnehmung verfälscht ist und er sich im Recht sieht, einfach meinen Lappen zu schnappen, wenn der ihm besser gefällt.

    Wenn du dir jetzt eine solche Situation mit etwas weniger offensichtlichem vorstellst, einer unterschiedlichen Wahrnehmungsweise, die für beide gegebenenfalls nicht bekannt aber auch nicht für den Gesunden nachvollziehbar oder vorstellbar ist - wo landen wir dann?

    In Situationen, wo du irgendwo etwas liegen lässt weil du es dort vergessen hast zum Beispiel. Du warst dein gesamtes Leben immer ähnlich vergesslich. Es ist dir nie was negatives aufgefallen, außer dass sich Leute häufiger dir unverständlich drüber aufregen. Du siehst die Fehler die du machst nicht wirklich als Fehler - sie sind ja keine Abweichung vom Gewohnten. Du zuckst bei soetwas mit den Schultern und denkst "Passiert eben mal." Und deswegen denkst du im Fehlschluss, dass die anderen genauso denken. Du entschuldigst dich kurz wenn sie dich drauf ansprechen, das wars dann für dich.
    Für die anderen aber war es das nicht. Genau wie du gehen sie davon aus, dass du die Dinge genau so erleben würdest wie sie. Dass du den Unterschied kennen müsstest zwischen rot und grün, dass du wissen müsstest, dass man aufpasst und Respekt zeigt wenn es um die Sachen anderer geht. Du hast dich zwar in ihren Augen entschuldigt dafür - aber sie fühlen, dass du das nicht ganz so ernst als Fehler nimmst, wie sie das tun. Sie beschleicht das Gefühl du willst sie ein bisschen verarschen, sie behalten diesen Gedanken aus Höflichkeit für sich.
    Es kommt jedoch wieder vor. Und wieder und wieder. Und jedes Mal scheinst du so zu tun als würde dich das nicht kümmern, als wäre es dir vollkommen egal was andere denken. Und so langsam wächst der Verdacht, dass du das in Wirklichkeit absichtlich machst, um sie schlicht damit zu provozieren. Und das nächste Mal sagen sie etwas anstatt den Mund zu halten, diesmal aber mit aggressivem Unterton.
    Und du als ADHSler hast nun auch eine impulsive Ader - du fühlst dich grundlos angegriffen und gibst natürlich für den in deinen Augen grundlosen Angriff vollkommen überzeugt Widerworte: "Was ist denn daran bitte so SCHLIMM wenn ich da mal was liegen lasse??? Siehst du *schwupps* , zwei Zentimeter und du hast deinen Platz."

    Die denken sich natürlich: "SPINNST DU EIGENTLICH????" Du scheinst die anfängliche Vermutung zu bestätigen, du bist die ganze Zeit auf Stress aus. Nun, den sollst du haben...

    Und so schaukelt sich das hoch - du betrachtest dich hier im Recht - die anderen betrachten sich im Recht.

    In dem Moment wo sie bemerken, dass du dich wirklich im Recht fühlst kommt folgendes bei rum:
    "Du musst ganz eindeutig an deinem Umgang mit anderen arbeiten!!! So wie du dich hier verhälst geht das einfach nicht, du denkst du wüsstest alles und wärst immer im Recht, deine Selbstwahrnehmung ist aber mal ganz gehörig daneben!!"

    Und das hörst du dann oft genug, dass du irgendwann beginnst es zu glauben. Vielleicht bist du tatsächlich asozial, deine Selbstwahrnehmung die eines verrückten Soziopathen?? So viele haben das jetzt schon gesagt, vielleicht ist ja irgendwas dran wenn alle das so sagen?

    Man neigt dann dazu einen von zwei alternativen, extremen Wegen einzuschlagen:

    1. Die Welt dreht vollkommen am Rad, ich hasse die Welt und alle die darin leben. Dann bin ich eben asozial wie ihr sagt, wenn es das ist was ihr wollt LEIDET gefälligst unter mir!!! Und du wirst zu dem, was du eigentlich nie sein wolltest.

    oder

    2. Ich habe wirklich einen Schaden wie alle sagen, keine sinnvolle eigene Realität, alles was ich tue ist zwecklos. Ich bin unfähig zu urteilen, unfähig zu handeln. Ich kann garnicht mehr sagen, was ich von mir selbst und meiner Meinung halten soll.
    Du löst deine Identität stückweise auf und zerbrichst daran - Depressionen sind die unausweichliche Folge


    Hier ist die Wurzel einiger der sozialen Komponenten von ADHS zu finden. Es ist keine falsche Selbstwahrnehmung. Es ist eine falsche Einschätzung der Wahrnehmung von anderen. Und zwar auf beiden Seiten, was sich wunderschön zum sozialen Supergau ergänzt.


    Grundlegend ist die Ursache doch dort zu suchen wo das ADHS sich bemerkbar macht: In den Unterschieden der Aufmerksamkeit, das was wichtiger oder unwichtiger erscheint, was du vergisst, was andere nicht vergessen können. Für dich ist das normal, für sie nicht.

    Die Erfahrungswelt eines Betroffenen mit ADHS ist überzogenermaßen für den Unbetroffenen am anschaulichsten so darzustellen:

    Du bist immer ein guter Mensch mit rechtschaffenen Absichten gewesen, bis du einen Blackout hattest. Du kannst dich nicht mehr daran erinnern, was passierte nachdem du das Haus verlassen hattest.
    Deine nächste Erinnerung: Du betrittst deinen Arbeitsplatz. Die Menschen sind nicht mehr die freundlichen Kollegen von zuvor. Du kommst herein, alle starren dich entsetzt an.
    Du fragst: "Ist irgendetwas?"
    Alle drehen sich kopfschüttelnd um. Einer der Kollegen sagt mit hasserfülltem Blick in zischendem Tonfall:

    "Du weißt ganz genau was los ist. Du bist widerwärtig."

    Ein anderer kommt dazu und sagt: "Du wirst schon sehen was du davon hast, wir bekommen dich noch!"

    Du bekommst Angst und fragst mit leiser, verunsicherter Stimme: "Wieso, was ist denn, sagt mir doch was los ist?"
    Sie wenden sich kopfschüttelnd ab und ignorieren dich vollkommen.

    Was hast du getan? Es macht dir Angst, du kannst dich nicht mehr erinnern, du beginnst zu glauben eine zweite Persönlichkeit zu haben die unkontrollierbar ist. Du scheinst geistig krank zu sein. Als du nach Hause kommst gehst du sofort nach unten und öffnest mit zitternden Händen die Kellertür: Nichts. Du hattest einen Haufen Leichen oder soetwas erwartet. Da sind aber keine. Dein zweites ich scheint geschickt zu sein.
    Da werden nie Leichen auftauchen. Du hast nie gemordet, es gibt kein bösartiges zweites Ich. Das Verhalten der Kollegen geht jedoch so weiter - und sie treiben dich damit erfolgreich Stück für Stück in den Wahnsinn.
    Geändert von hypocampus (28.10.2011 um 21:06 Uhr)

  9. #29
    hirnbeiß

    Gast

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    Wir haben alle einen Schaden. Kein Mensch kann durch diese Welt gehen, ohne Schaden davon zu tragen.
    Es gibt meines Erachtens auch keine neurotypischen Menschen, im Sinne von "völlig normal".
    Wenn man ein altes Auto hat, (weil man sich kein neues leisten kann) das so seine Gebrechen mit sich bringt,
    dann neigt man dazu die Besonderheiten herauszuheben.
    So ist der Mensch halt. Uns so heben wir ADHS´ler unsere Besonderheiten zu unserer Beruhigung auf.
    Ich weiss, wie man all die Jahre tickt und getickt hat.
    Aber aus einem alten Karren kann man nun mal nicht ein neues Auto machen.
    Man kann ihn lediglich pflegen und gut herrichten.
    Wenn man sich das Leben ansieht, das hinter einem liegt, dann liegen die Fakten auf der Hand.
    Gut, dass man dann sehr viel vergessen hat. Ich möchte auch nicht mehr alles wissen, ganz ehrlich.
    Jetzt, wo man sich in der Forschung Mühe gibt einige Zusammenhänge in Einklang zu bringen,
    sieht man langsam Land am Horizont.
    Ich persönlich lasse mich nicht verunsichern und gehe strikt meinen Weg.
    Mit all seinen Höhen und Tiefen. Das gehört nämlich auch dazu.
    Ein Wachsen und Gedeihen kann nur aus den Erfolgen und Niederlagen zu stande kommen.

    LG --hirnbeiß--

  10. #30
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 210

    AW: Ich glaube inzwischen es ist eine Gabe...

    hirnbeiß schreibt:
    Ein Wachsen und Gedeihen kann nur aus den Erfolgen und Niederlagen zu stande kommen.
    Und meine persönliche Erfahrung: Es waren die Niederlagen, mit denen man wächst, nicht die Erfolge.

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