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Diskutiere im Thema Scham im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
Allgemeine Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADHS bei Erwachsenen und ADS bei Erwachsenen
  1. #1
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 47

    Scham

    Liebe Runde,

    es gibt etwas, das mich in letzter Zeit immer wieder beschäftigt und mich würde mal interssieren, wie ihr das seht:

    Ich habe vor 12 Jahren mein Referendariat beendet. Das geschah schon mit Mühe, weil ich damals eigentlich schon nicht mehr konnte. Ich dachte, das ist ein Tief. Ich dachte damals noch, es würde daran liegen, daß es der Krebs meiner Mutter ist, der mir so zu Herzen geht und daß ich kurz nach ihrem Tod dann meine Examensklausuren schreiben mußte, die ich so sehr vergeigt habe.
    Ich dachte, das Tief geht wieder weg und ich würde wieder so funktionieren können, wie vorher, wenn nur etwas Zeit ins Land gehen würde. Ich habe damals begonnen, meine Doktorarbeit zu schreiben, etwas was ich schon immer tun wollte.

    Doch es wurde nicht besser. Es wurde immer schlimmer. Ich bekam Depressionen diagnostiziert und war mehrfach in der Psychiatrie. Ich habe Therapien gemacht. Ich kam aber nie auf einen grünen Zweig. Im Gegenteil. Die Bahn wurde immer absschüssiger.

    Jetzt bin ich Mitte 40. Die Doktorarbeit ist immer noch nicht fertig. An eine geregelte Arbeit ist im Moment (noch) nicht zu denken. Mitunter kommt es vor, daß ich nichtmal mehr ein Buch oder eine Zeitung lesen kann, weil die Konzentration nichteinmal dafür reicht.

    Gucke ich mir diese Jahre an, erscheint das Bild eines Versagers, der es einfach nicht schafft, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Das Bild einer gescheiterten Existenz.
    Ich habe wirklich alles getan, was ich konnte, alles, was in meiner Macht stand gegeben. Ich habe gekämpft wie ein Löwe, mehr ging einfach nicht. Ich habe doch so sehr gewollt, aber ich konnte nicht. Ich fühle mich deswegen wegen meines Scheiterns nicht schuldig und mache mr auch deswegen keine Vorwürfe. Das gilt umsomehr nachdem ich vor kurzem meine ADHS-Diagnose bekommen habe. Ich habe erkannt, daß das Scheitern unvermeidbar war und bin auch irgendwo stolz darauf, daß ich trotz der Einschränkungen Abitur und zwei Staatsexamina hinbekommen habe.

    Dennoch empfinde ich immer wieder tiefe Scham, wenn Fragen kommen wie: Und, was machen sie so beruflich? Und, wie ist es bei dir gelaufen in den letzten Jahren? Mein Mitbewohner zieht bald aus und ich werde einen neuen suchen müssen. Der wird sich sicherlich auch fragen, warum so jemand wie ich noch immer da steckt, wo er steckt. Und dann werde ich es vielleicht erklären müssen. Oder ich ziehe aus und suche mir eine andere WG. Da werden sich dieselben Fragen stellen.
    Ich schäme mich einfach so, wenn jemand fragt oder ich jemanden von mir erzählen muß. Ich schäme mich so, weil ich immer das gefühl habe, mein Gegenüber hält mich für einen Versager, eine gescheiterte Existenz, jemanden, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.

    Und das empfinde ich so, obwohl es mir ansonsten relativ egal ist, was andere von mir halten. Ich empfinde das so, obwohl ich wie gesagt für mich selbst keine Schuld empfinde. Ich empfinde das so, obwohl ich in meinem Leben wahrscheinlich mehr gekämpft habe als derjenige, dem gegenüber ich das Gefühl habe, mich schämen zu müssen. Er weiß ja nicht, daß ich ADHS habe. Und wenn ich es sage, was ich mir dann inzwischen angewöhne, hat er keine Ahnung, was das bedeutet und was für Konsequenzen das hat, er hat keine Ahnung, daß dies ein Scheitern quasi vorbestimmt, solange es nicht erkannt wird, was es bei mir ja bis vor kurzem auch noch nicht war. Und tafür schäme ich mich so tief und unendlich.

    Gibt es jemanden unter euch, der es ähnlich sieht und wenn ja, wie geht ihr damit um?

    Vielen Dank für eure Antworten

    Tiny

  2. #2
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Forum-Beiträge: 166

    AW: Scham

    Tiny76 schreibt:
    Jetzt bin ich Mitte 40. Die Doktorarbeit ist immer noch nicht fertig...

    ...Gucke ich mir diese Jahre an, erscheint das Bild eines Versagers, der es einfach nicht schafft, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Das Bild einer gescheiterten Existenz...

    ...Das gilt umsomehr nachdem ich vor kurzem meine ADHS-Diagnose bekommen habe. Ich habe erkannt, daß das Scheitern unvermeidbar war und bin auch irgendwo stolz darauf, daß ich trotz der Einschränkungen Abitur und zwei Staatsexamina hinbekommen habe.

    Dennoch empfinde ich immer wieder tiefe Scham, ...

    Ja, verstehe ich. Immer da wo es nicht gelingt sich so anzunehmen wie man eben ist entsteht Scham.

    Deine Diagnose ist neu. Weisst Du schon was Du mit einer allfälligen Medikation verbessern kannst?

    Danach lässt sich besser abschätzen, welche Ziele realistisch sind, welche nicht und warum.
    Weniger hohe Ziele, welche Du erreichen kannst werden dir mehr Stabilität und Anerkennung bringen als zu hohe an denen du scheiterst.

    LG

    ADHD&5-HT
    Geändert von ADHD&5-HT (24.03.2017 um 23:01 Uhr) Grund: ] vergessen, Zitat nicht korrekt angezeigt

  3. #3
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 47

    AW: Scham

    Hallo ADHD&5-H,

    du fragst, was ich verbessern möchte. Ich weiß das mich ADHS und die damit einhergehenden Beschwerden ein Leben lang in der einen oder anderen Weise beschäftigen werden. Und ich weiß auch, daß sie sich nicht einfach durch Medis verbessern werden. Aber ich hoffe, daß sie mich in die Lage versetzen, einen Weg zu finden, mit ihnen umzugehen, so daß ich das, was ich kognitiv eigentlich zu leisten in der Lage bin auch - trotz der mit ADHS verbundenen Einschränkungen - auch leisten kann. Dann wäre es durchaus realistisch die Arbeit zu beenden. Im Kopf ist sie auch weitgehend fertig. Die Argumente und die Nachweise sind zusammengetragen. Es gelingt mir nur einfache nicht, sie konzentriert und struturiert niederzuschreiben. Es ist alles da, aber es liegt wie Spielzeug in einer großen Kiste alles durcheinander und ich kann es nicht ordnen. Das hoffe ich, künftig tun zu können und dann kriege ich auch diese Arbeit hin.

    Was ich mit der Frage nach dem Scham meine, ist aber nicht die Zukunft, sondern der Blick in die Vergangenheit.

  4. #4
    Lui


    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 11

    AW: Scham

    AW: SCHAM

    Hallo Tiny,
    ich kann Dich sehr gut verstehen, da ich dieses Gefühl kenne und ich musste 56 Jahre alt werden, um anzufangen mich verstehen zu lernen. Und da bin ich bei dem Problem der Selbsteinschätzung und die ist in der Regel, gerade bei ADHS oder ADS, gestört. Ich habe gerade mein Gerontologie Studium abgebrochen, weil ich mich nicht in der Lage fühlte die Master-Arbeit fertig zu stellen. Für eine Seite brauchte ich eine gefühlte Ewigkeit und auch dann fand ich den Inhalt schrecklich und überarbeitete diese Seite wieder. Ich erlebte mich in dieser Situation als großer Versager. Meine vermeintliche Leistungsfähigkeit wollte eine besondere Leistung, aber die sah ich nicht. Was ich empfand war eine enorme Anstrengung und Erschöpfung und die suggerierte mir eine verminderte Leistungsfähigkeit. Andere, auch mein Professor sahen und sehen das ganz anders. Du kannst dir bestimmt vorstellen wie es um mein Selbstwertgefühl bestellt ist.
    Ich versuche gerade zu lernen, das zu finden was ich wirklich will und kann. Die Erwartungshaltung anderer interessieren mich fast nicht mehr und deren Unverständnis für unser Verhalten erkläre ich mir mit deren Nichtwissen oder nicht wissen wollen und einem noch existierenden ambivalenten Bild über ADHS in unserer Gesellschaft.
    Tiny ich kann Dir den Scham nicht nehmen, dass ist ein Gefühl und auch ich schäme mich für meine "Heldentaten" der Vergangenheit. Sie sind passiert, lassen sich nicht ändern, aber bestimmt immer besser erklären und das hilft für die Gegenwart.
    Ich nehme seit ca. einem Jahr "Medikinet", bin seit kurzem aktiver Mitstreiter des Forums und habe das Schreiben als eine Form der "Selbsttherapie" für mich entdeckt, die anderen hätten mich fast zerstört, die waren "zu süchtig" !!

    Bis bald
    Lui

  5. #5
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Forum-Beiträge: 13

    AW: Scham

    Tiny76 schreibt:
    ...
    Ich weiß das mich ADHS und die damit einhergehenden Beschwerden ein Leben lang in der einen oder anderen Weise beschäftigen werden. Und ich weiß auch, daß sie sich nicht einfach durch Medis verbessern werden.
    ...
    Im Kopf ist sie auch weitgehend fertig. Die Argumente und die Nachweise sind zusammengetragen. Es gelingt mir nur einfache nicht, sie konzentriert und struturiert niederzuschreiben. Es ist alles da, aber es liegt wie Spielzeug in einer großen Kiste alles durcheinander und ich kann es nicht ordnen. Das hoffe ich, künftig tun zu können und dann kriege ich auch diese Arbeit hin.

    Was ich mit der Frage nach dem Scham meine, ist aber nicht die Zukunft, sondern der Blick in die Vergangenheit.
    Klar wirst du dich auf die eine oder andere Weise damit beschäftigen. Die eine Weise ist die, die Scham erzeugt. Die kennst du ja. Ich wünsche dir aber die andere Weise. Das ist die, die stolz machen kann. Gugl doch mal nach der Hunter-Farmer Hypothese. Die stimmt vielleicht nicht aber sie macht möglicherweise vorübergehend mal gute Laune.

    Wie weißt du überhaupt, dass sich die Beschwerden nicht einfach durch Medis verbessern werden? Welcher Annahme oder Überzeugung gehst du da auf den Leim? Genau das sollen sie doch. Die Beschwerden verbessern.

    Möglicherweise machst du mit MPH die Erfahrung, dass und wie du die chaotische Spielzeugkiste sortiert bekommst. Möglicherweise kannst du dir im Moment gar nicht vorstellen, wie gut dir das tut, wenn du diese Aufgabe dank MPH bewältigt hast.

    In deiner Zukunft liegen vielleicht genau die guten Erfahrungen, die es dir ermöglichen könnten, in deine Vergangenheit mit Güte und Erleichterung und mit der angemessenen Trauer zu blicken.

    Wenn du die Erfahrung machst, dass du wider Erwarten und trotz handicaps Aufgaben bewältigst und Probleme löst, dann kannst du dich möglicherweise gar nicht mehr schämen für deine Vergangenheit. Vielleicht bist du dann sogar stolz, dass du trotz deiner Schwierigkeiten irgendwie ein Leben gemeistert hast. Dann bekommst du vielleicht ein Maß an die Hand, mit dem du in der Rückschau wertschätzen oder Wert schätzen kannst.
    Dann ist es auch egal, wenn du dafür jeden Tag zwei Pillen einnehmen "musst".

    Es wäre ja einen Versuch wert. Die Chance ist groß. Das Potential ist riesig. Die Risiken sind gering.

    Alles Gute.
    Geändert von ~flow~ (28.03.2017 um 01:14 Uhr)

  6. #6
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 49
    Forum-Beiträge: 161

    AW: Scham

    Das mit dem Schämen kann ich gut verstehen.
    Leider kann ich Dir dazu keinen "guten Rat" geben, aber wenigstens das Gefühl nicht allein
    mit sowas auf der Welt zu sein.
    Ich habe es bis Heute nicht geschafft zu akzeptieren, das ich
    a) ADHS habe
    und
    b) dadurch manches nicht so leisten kann wie die "Normalos".

  7. #7
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 47

    AW: Scham

    Im Grunde stimmt es ja: für Scham gibt es - rein objektiv betrachtet - eigentlich kein Anlaß. Das habe ich ja auch im Eingangspost geschrieben:

    Tiny76 schreibt:
    Ich habe wirklich alles getan, was ich konnte, alles, was in meiner Macht stand gegeben. Ich habe gekämpft wie ein Löwe, mehr ging einfach nicht. Ich habe doch so sehr gewollt, aber ich konnte nicht. Ich fühle mich deswegen wegen meines Scheiterns nicht schuldig und mache mr auch deswegen keine Vorwürfe. Das gilt umsomehr nachdem ich vor kurzem meine ADHS-Diagnose bekommen habe. Ich habe erkannt, daß das Scheitern unvermeidbar war und bin auch irgendwo stolz darauf, daß ich trotz der Einschränkungen Abitur und zwei Staatsexamina hinbekommen habe.
    Nach meiner Diagnose versuche ich so offen wie möglich, mit dem Thema umzugehen. Als ich vor einigen Jahren meine Depressionen öffentlich gemacht habe, habe ich auch rtelativ viel Verständnis bekommen. Allerdings habe ich feststellen müssen, daß es bei ADHS anders ist. Ich glaube weniger, daß es böse Wille ist, sondern fehlendes Wissen darüber, was ADHS - auch mit einem Erwachsenen - machen kann. Die meisten Leute wissen nicht, daß bei ADHS - insbesondere wenn man von seiner Diagnose nichts weiß - das Scheitern vorprogramiert ist, obwohl sich der ADHSler noch so sehr bemüht hat. Sie wissen daher in der Regel auch nicht, daß der ADHSler an seinem Scheitern daher auch keine Schuld hat.

    Und daher rührt genau das Gefühl der Scham. Objektiv gibt es dafür keinen Grund. Aber ich sehe mich dann mit den Augen der anderen - die eben Unwissend sind - und aufgrund ihrer Unwissenheit in mir einen gescheiterten Menschen sehen. Und eben dafür empfinde ich Scham. Aber dazu fallen mir im Grunde zwei Dinge ein:
    1.) Vielleicht denke ich zu viel...
    2.) Wenn ich mich auf diese Weise mit den Augen der anderen sehe, mache ich im Grunde ihre Unwissenheit zu meiner eigenen.

    @Lui: Ich glaube, man muß das tatsächlich sehen wie du:

    Lui schreibt:
    Die Erwartungshaltung anderer interessieren mich fast nicht mehr und deren Unverständnis für unser Verhalten erkläre ich mir mit deren Nichtwissen oder nicht wissen wollen und einem noch existierenden ambivalenten Bild über ADHS in unserer Gesellschaft.
    Man darf sich die Unwissenheit der anderen nicht zu eigen machen und aufgrund dessen Scham empfinden, für den es wie gesagt - objekitv gesehen - keinen Anlaß gibt. Die Erwartungshaltung anderer darf einen dann nicht mehr interessieren. Aber ich glaube, das muß man lernen, ich muß es jedenfalls noch. Aber ich habe es mir für die nächste Zeit vorgenommen. Insofern Lui, vielen Dank für diese Anregung!

    Was meinst Du eigentlich mit "die anderen waren zu süchtig"?

    @flow: Es stimmt schon. Es gibt - objektiv betrachtet - keinen Grund zur Scham. Sie entsteht dadurch, weil ich mich mit den Augen der Unwissenden sehe. Und es gibt einen Teil in mir, der das genau weiß und auch diesen Stolz empfindet, von dem du schreibst.
    Und ich verbinde mit den Medis tatsächlich auch viel Hoffnung, daß die Dinge nun in die Spur kommen. Ich habe vor zwei Wochen mit MPH begonnen und die Wirkung macht mich bisher auch optimistisch, auch wenn an der genauen Einstellung noch etwas zu tun ist, aber das wird sich auch finden.
    Ich bin nur etwas vorsichtig und formuliere es auch so, weil ich nicht darauf vertrauen will, daß sich mit MPH alle Probleme in Luft auflösen. Ich habe einfach schon zu viele Hoffnung in Medis (Antidepressiva) gesteckt, die sich dann wieder in Luft aufgelöst haben und ich will nicht wieder enttäuscht werden.
    Aber ich hoffe so sehr, daß das eintreten wird, was du prophezeist. Das macht Mut. Vielen Dank dafür!

    @Dabbisch, @Lui: Euch vielen Dank für das Gefühl, nicht allein zu sein

    Viele Grüße!

  8. #8
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Forum-Beiträge: 13

    AW: Scham

    So ist das bei uns. Viele wurden bereits mit Antidepressiva behandelt. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das solls ja auch geben, Läuse und Flöhe gleichzeitig. Das war bei mir nicht anders. Die große Veränderung aber hat sich mit MPH eingestellt. Sei also guten Mutes.

    Ich erlaube mir, hier zu schreiben, was ich aus deinen Sätzen herauslese. Es geht um eine Eigenschaft, die ich von mir auch gut kenne und viele von uns ADHSlern dürfte sie auch ein Begriff sein.
    Ein Freundin sagte einmal zu mir, dass sie in ihrem Leben noch keinen Menschen getroffen habe, der sich so viele Gedanken über andere und seine Beziehungen zu anderen mache. Das war noch vor der Diagnose und zu einer Zeit, in der ich depressiv und ganz besonders selbstunsicher gewesen bin.
    Dennoch scheint es bei uns ADHSlern auch ohne depressiver Symptomatik allgemein weit verbreitet zu sein, sich in solche Gedanken hineinzudrehen ohne ein Ende zu finden.

    U. a. da hat mir MPH gut getan. Ganz besonders bei meiner Scham. Es fällt mir heute so viel leichter, irgendetwas wieder loszulassen. Sei es ein Gedanke, ein Problem, eine Idee oder eine Überzeugung.
    Es gibt den Begriff der Shifting-Leistung als eine der exekutiven Funktionen unseres frontalen Großhirns. Und grade wenn diese Shifting-Leistung, das Loslassen des Einen und das Hinwenden der Aufmerksamkeit auf etwas anderes gefragt ist, bin ich für meinen Teil ohne MPH ganz und gar aufgeschmissen. Das ist mir immer beinahe unmöglich gewesen. Ich habe mich hineingedreht in alles und nichts. Möglicherweise ist ein großer Teil der Fähigkeit zur Hyperfokusion, die man uns ADHSlern nachsagt, genau darin begründet. In der Unfähigkeit, etwas loszulassen. Das ist halt immer dann besonders blöde, wenn das hyperfokusierte etwas zum Beispiel solche negativen Gedankenspiralen sind.

    Auch heute merke ich noch was von dieser Eigenschaft am Abend wenn der leichte rebound kommt beim Nachlassen der MPH-Wirkung. Vor allem das Einschlafen kann dann schwer fallen trotz Müdigkeit.

    MPH ist somit kein Zaubertrank. Es scheint aber weit und breit kaum etwas zu geben, was so vielen so gut tun kann.

    Liebe Grüße und alles Gute.

  9. #9
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 268

    AW: Scham

    Hallo Tiny76,

    ich habe auch 2 Staatsexamina aber das was danach kommt nicht hinbekommen. Darf ich fragen, ob es juristische Staatsexamina sind oder andere? Bei mir sind es juristische Staatsexamina. Du kannst es mir auch gern privat schreiben.

    Viele Grüße

    Gianna

  10. #10
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Alter: 29
    Forum-Beiträge: 7

    AW: Scham

    Hallo Tiny!

    Bin diese Woche auf das Forum gestoßen. Nachdem ich deinen Beitrag gelesen habe, hab ich mich entschieden mich zu registrieren.

    Kann dich gut verstehen! Meine Situation ist deiner sehr ähnlich.

    Bin seit 7,5 Jahren im Bachelor und brauche sicher noch 2 Semester. Seit meiner Diagnose letzten Sommer habe ich gelernt zu mir zu stehen. Trotzdem empfinde ich tiefe Scham wenn ich nur dran denke meine Situation im Studium zb meinen ehemaligen Klassenkollegen erklären zu müssen. So etwas braucht einfach Zeit, denk ich.

    Mein Lebenslauf bis jetzt wirkt auch wie der einer gescheiterte Persönlichkeit. Mit Schulabschluss sind die externen Strukturen weggefallen und ich bin nach und nach abgesackt. Viel angefangen, nichts fertiggebracht. Depression und Schlafprobleme durchgemacht. Seit dem Abi vor 9 Jahren praktisch keine nennenswerte Erfolgserlebnisse mehr.

    Wenn ich überall so gut wäre wie in Selbstorganisation, wäre ich wahrscheinlich ein Fall für betreutes Wohnen. Leider bekommt man das manchmal von anderen zu spüren. Das soll aber kein Maßstab sein, wie es mir geht!

    Trotz all dieser Herausforderungen sehe ich ADS als eine geniale Möglichkeit! Finde es richtig spannend und wünsche mir kein anderes Leben! Ich muss nur lernen damit zurecht zu kommen, quasi erwachsen werden...da sind wir als ADSler einfach hinten nach.

    Kann dir nur sagen, was mir am meisten geholfen hat:
    Sei gut zu dir selbst! Setz dich nicht selbst unter Druck! Jeder hat seine eigene Geschwindigkeit und seinen Rhythmus. Wenn du den findest, dann fängt es an zu laufen

    Wichtig ist auf alle Fälle:
    - erholsamer Schlaf und genug davon
    - Verhaltenstherapie & Medikation entsprechend des Leidensdrucks
    - Zeit nehmen zum Nachdenken, Reflektieren und sich selbst kennenlernen, aber gleichzeitig gut zu sich selbst sein, du schuldest niemand Rechenschaft!
    - jeden Tag für sich selbst nehmen, nach einer schlaflosen Nacht kann der Tag drauf nicht super produktiv sein

    Habe einige gute Freunde, denen ich mein Leben anvertrauen würde. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass es selbst bei ihnen eine Zeit dauert bis sie die Reichweite von ADS begreifen und mich richtig verstehen können. Wenn das als Außenstehender überhaupt möglich ist... Da braucht man Geduld, aber davon haben wir eh genug...

    Vielleicht hast du jemanden dem du vertraust, der dich etwas coachen kann! Ziele definieren, in überschaubare Arbeitspakete zerlegen, realistische Fristen setzen...das hat mir sehr geholfen! Die größte Motivation bekommen wir durch Ziele -> Aktivierung des "Hunter-Mode"

    Das Gehirn ist einerseits extrem schlecht als RAM für Todos andererseits ist es unschlagbar in Verknüpfungen, also Innovation zu schaffen. So betrachtet bietet ADS ein riesen Potential! Weil uns eben schneller und andere Dinge auffallen als "Normalos". Wenn wir mit uns und unserem Umfeld klar kommen, dann sind wir kreative Köpfe. Die typischen "Giver" die nachhaltig Mehrwert für die Gesellschaft schaffen können! In meinen Augen wäre die Welt ohne AD(H)S ein recht trostloser Ort.

    Wünsche dir viel Erfolg!
    justcurious

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