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Diskutiere im Thema Ständige vernichtende Schamgefühle im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
Allgemeine Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADHS bei Erwachsenen und ADS bei Erwachsenen
  1. #1
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 13

    Ständige vernichtende Schamgefühle

    Hallo liebe ADHS-Chaoten. Ich bin noch ganz neu im Forum und habe noch keine Erfahrungen wie das alles so läuft.
    Ich bin 23 Jahre alt, Studentin und habe seit ca. 2 Jahren meine Diagnose und bekomme auch Ritalin. Ich wollte euch mal nach euren Erfahrungen bezüglich eines Themas fragen, was mich schon seit Jahren belastet und ob es da wohl einen Zusammenhang mit ADHS gibt. In meinem Freundeskreis habe ich zumindest keinen, der mein Problem wirklich zu kennen scheint.
    Ich bin nicht unbedingt total selbstbewusst, neige aber auch gerne mal dazu mich selbst entweder völlig zu überschätzen oder mich bis aufs letzte Haar abzuwerten. Meistens leider Zweiteres. Es ist so, das ich nach jeglichen Sozialkontakten, die jetzt nicht meine beste Freundin oder mein Freund waren, mein Verhalten bis auf das letzte Detail analysiere und immer im Nachhinein auf von mir Gesagtes oder Gemachtes stoße, was mich dann ein paar Tage (manchmal länger) immer wieder einholt und mich mit unaushaltbaren Schamgefühlen überflutet. Es sind ganz alltägliche Situationen in denen ich später das Gefühl habe über die Stränge geschlagen zu haben.Oft auch Momente in denen ich mich eigentlich währenddessen eher ,,cool'' gefühlt habe. Die Reue ist dann für mich einfach kaum zu ertragen und ich bin nicht fähig meinen Alltag an solchen Schamtagen in den Griff zu bekommen. Eine doofe Begleiterscheinung ist, dass ich dann oft den ganzen Tag mit mir selbst rede, um mich irgendwie zu beruhigen und das auch manchmal in Gegenwart anderer kaum unterbinden kann, was mich dann nachher erneut in Selbstzweifel verfallen lässt. Mich plagt das schlechte Gewissen nach sozialen Situationen schon so lange und ich fühle mich da mittlerweile wirklich total hilflos ausgeliefert. Es ist schon so weit, dass ich nur aus diesem Grund von vorne herein nicht auf Party's oder Verabredungen gehe. Hat irgendjemand von euch ähnliche Erfahrungen bzw. Symptome? Vor Allem auch der Punkt mit den Selbstgesprächen. Ich hoffe ihr haltet mich jetzt nicht auch für verrückt, aber ich weiß echt nicht an wen ich mich in dieser Sache noch wenden soll, weil ich das ganze auch als ziemlich peinlich empfinde.

    Liebe Grüße und vielen Dank für eure Antworten

  2. #2
    cocolores

    Gast

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Liebe shilinakitin ( großer Gott, ist dein Nick anstrengend zu tippen ), dass du deine Schamgefühle als peinlich empfindest, ist ja schon ein Zirkelschluss gewissermaßen .... ich kann mir vorstellen, dass dich das sehr belastet, wahrscheinlich auch in verschiedener Hinsicht. Gute Freunde bauen einen ja im Optimalfall immer auf - wenn man Mist baut, für den man sich schämt oder wenn man sich für etwas schämt, was gar kein Mist ist. Wie in deinem Fall. An solchen Knicken im Selbstwertgefühl zu leiden und seine Eigenwahrnehmung nicht gut tarieren zu können, ist definitiv nichts, wofür du dich schämen oder auch nur genieren musst.

    Sobald das wirklich in Größenordnungen gerät, in denen kein Vertrauen in die Außenwahrnehmung von Freunden besteht, wichtige Entscheidungen und der ganze Alltag beeinträchtigt werden, der Leidensdruck wirklich groß ist und auch für das Umfeld zu einer Geduldsprobe gerät, ist aber doch vielleicht eine Therapie mal angesagt - das zumindest konkret etwas, was ich vor Jahren im Freundeskreis miterlebt habe - und durchaus mit positiven Entwicklungen. Ich möchte dir daher dafür Mut machen, dich einem Therapeuten anzuvertrauen, der gut mit so etwas umgehen kann.

    Ob das ADHS zuzuordnen ist oder eher vielleicht an eine PTBS zu denken wäre, wird sich dann vielleicht auch ergeben. Und sieh es mal so - deine Neigung zu Selbstgesprächen ist sicher auch durchaus anstrengend und kann abrasiv werden oder zu Reinsteigerung führen, aber es hat auch etwas mit Verarbeiten und Reflektieren zu tun und sortiert dich.

    Und immerhin hast du dich ja schon mal uns anvertraut und peinlich ist an deiner Erzählung erstmal gar nichts.

  3. #3
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 52

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Liebe shilinakitin (copy-paste sei Dank )

    Ich denke cocolores hat dir wahrscheinlich den naheliegendsten, besten Rat schon gegeben mit der professionellen Hilfestellung eines Arztes & Therapeuten.

    Ein unbehandelter Grübelzwang zermürbt einen total auf kurz oder lang.
    Ja, diese Zwiespalt, gepaart mit Selbsthinterfragungen bei noch so "nichtigen" Situationen ist ein ständiger Begleiter, besonders wenn es einem nicht so gut geht.
    Jeder Mensch fühlt sich ohne dieses instinktive "Bauchgefühl", des "gut/richtig vs schlecht/falsch" verloren. Das kaskadiert dann unweigerlich in eine Unsicherheit ohne diesen natürlichen Kompass.

    Mangelndes Selbstvertrauen geht ja bekanntlich Hand-in-Hand mit der ganzen AD(H)S-Geschichte. Wenn man dann noch einen so ausgeprägten Selbstkritiker in sich trägt, wie du es beschreibst...ist dies wirklich nicht sehr gesund. In einer Therapie wirst du in Form von wohlwollenden Dialogen, deine ganzen Zweifel professionell validieren können, ohne vorallem (wie hier auch nicht) bewertet zu werden. Das wird wohlmöglich wie ein Ventil für den lang angestauten Druck sein. Dies um dir allfällige Vorurteile von Therapien vielleicht grob vorwegzunehmen.
    Mein Schamgefühl und vorallem auch noch der Fremdscham ist extrem ausgeprägt, daher wage den obigen Schritt, er ist enorm befreiend!

    Leider finde ich einen sehr guten Artikel nicht mehr über das Thema Selbstgespräche, den ich vor Jahren einmal gelesen hatte.
    Kurzrum, dort wurde schön abstrahiert, wie das Selbst-Singen (klassische Badezimmer Szene) doch weitgehend als äusserst positiv wahrgenommen wird im Gegensatz zu dem Selbst-Reden.
    Dabei hat auch das Selbstgespräch insbesondere bei älteren oder isolierten Mitmenschen wirklich gesunde Folgen für das Hirn, uvm.

    Weitere aktzeptierte und empfohlene Selbstgespräche kennt man aus den Medien; zBsp. vor wichtigen Auftritten/Momenten (..vor dem Spiegel sich Mut und Motivation zuzusprechen) oder sogar Tom Hanks Blockbuster "Castaway - Verschollen", der Film besteht ja nur aus Selbstgesprächen.

    Nichtsdestotrotz, hier noch meine persönlichen Lieblings-Eselbrücken, die mir helfen "Kopfhygiene" zu betreiben:

    1. "Alle Fragen, auf die du niemals eine Antwort erhalten wirst, sind keine Gedanken, sondern pure Sorgen. Also nichts wie weg damit!"
    2. "Mache dir keine Gedanken über Leute/Dinge, die sich auch keine Gedanken über dich machen!"
    3. "Glaube nicht alles, was du denkst!"

    Finde es toll, dass du es schon hierher geschafft hast shilinakitin!
    Geändert von Prebeo (16.03.2016 um 16:15 Uhr) Grund: ADHS

  4. #4
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 5

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Hallo shilinakitin,

    ich kann wahrscheinlich nicht viel zu einer Lösung beitragen, denke aber auch, dass ein Therapeut helfen könnte.
    Und wenn Dich dieses Problem nun schon davon abhält, dass Du auf Partys oder zu Verabredungen gehst, dann wäre das sicher sehr ratsam. Lass Dir die schönen Dinge nicht verderben!

    Für mich selber ist diese Einschätzung sehr interessant, da ich bei mir diesen Schritt noch nicht (ernsthaft) erwog...
    Und ich kenne dieses Phänomen leider nur zu gut.
    Es ist ganz ähnlich wie bei Dir, allerdings (noch?) nicht ganz so stark ausgeprägt. Ebenso wie bei Prebeo geht aber auch mein "Fremdschämen" extrem weit...

    Mein klassisches Beispiel: Ich unterhalte mich tagsüber mit einer Person (die ich nicht so gut kenne und/ oder bei der ich einen guten Eindruck machen möchte) wirklich nett und gehe gut gelaunt aus dem Gespräch... alles prima.
    Und dann, mitten in der Nacht wache ich (fast panisch) auf und verzweifele schier, weil mich EInzelheiten des Gespräches verfolgen, die sich auf einmal als Drama darstellen.
    Als hätte man die mit Abstand dümmsten/ unbedachtesten/ unsympathischsten Sachen gesagt oder getan, die in dieser Situation möglich gewesen wären und sich nun ganz entsetzlich blamiert.
    Und dann analysiert mein Hirn die Situation in Endlosschleife...
    Ich weiss sogar vom Verstand her in diesen Momenten, dass die emotionale Reaktion viel zu stark ist, kann sie aber nicht ändern...und dann dauert es Stunden bis ich wieder einschlafe.
    Am nächsten Morgen bin ich völlig gerädert und habe dieses dumpfe ungute Gefühle beim Erwachen, dass irgendetwas schreckliches passiert ist...

    Zum Glück habe ich das nicht ständig, ein Muster wann es auftritt und wann nicht, konnte ich aber noch nicht herausarbeiten.
    Bei mir könnte es ärgerlicherweise eine Ankündigung der Rückkehr meiner Depression sein... Käme sowas bei Dir auch in Frage?
    Soziale Phobien oder so etwas hatte ich nämlich bisher nicht... allerding tatsächlich ein (nach außen gut kaschiertes) Selbstwertproblem und eine PTBS... die sich aber eigentlich derzeit ruhig verhält.

    Vielleicht kommen wir den Ursachen ja gemeinsam etwas auf die Spur.

    BIn gespannt ob noch weitere Anregungen oder "Leidensgenossen" auftauchen...

    Ganz liebe Grüße!

  5. #5
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 13

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Hallo Antworter

    Vielen Dank für euren Zuspruch. Ich bin ja froh, dass das Problem zumindest ein bisschen bekannt sein zu scheint.
    Ich habe auch über eine Therapie nachgedacht, andererseits hatte ich davon schon so viele und ist ja doch immer zeitaufwändig und auch nervenaufreibend, was ich im Moment (mit Halbtagsjob und Studium) schlecht ins Leben integrieren kann.

    @AnnaMia

    Hey. Ich bin froh, mich mal mit jemandem austauschen zu können, der mein Problem teilt Das ist vielleicht keine Lösung aber mindestens genauso befreiend finde ich.

    Also komplett davon abhalten auf Party’s zu gehen tut es mich dann doch nicht, aber ich überlege es mir zumindest zweimal, weil ich weiß wie sehr ich am nächsten Tag dann an meinem Selbst zu knabbern habe. Gerade wenn Alkohol im Spiel war, wird besagtes Phänomen noch um das 10fache verstärkt Ist das bei dir ähnlich?

    Ob eine Depression im Anmarsch ist, weiß ich nicht. Ich bin eher der bipolare Typ und hab insgesamt ein schlechtes Gefühl dafür, wie es mir eigentlich so geht. Meistens höre ich dann von Freunden Dinge wie ,,boah heute hast du ja mal richtig gute Laune“ oder ,, Du wirkst traurig“ und das ist dann meistens der Moment, wo ich das selbst erst wirklich wahrnehme.
    Woran hast du denn deine Depression festgemacht und sind diese Selbstzweifel da vermehrt aufgetreten?
    Eine soziale Phobie passt aber ebenso wie bei dir auch nicht wirklich zu mir. Schüchtern oder introvertiert sind Worte, die die Wenigsten mir zuordnen würden. Ein (nach außen gut kaschiertes) Selbstwertproblem trifft auch bei mir den Nagel auf den Kopf.
    Ein wirkliches Muster habe ich noch nicht analysiert. Meistens sind es Situationen, in denen ich entweder etwas Gutes über mich selbst gesagt.. oder etwas Persönlicheres von mir preisgegeben habe.
    Beim ersteren fühle ich mich dann meist so, als ob ich eine Betrügerin wäre und der Gegenüber glauben müsste ich würde an totalem Größenwahn leiden. Leider schwankt mein Selbstbild zwischen den Extremen und ich leide wirklich öfter mal kurzzeitig an Größenwahn.
    Wenn ich was Persönliches erzählt hab, hab ich immer Angst, dass ich eine Grenze überschritten hab, zu aufdringlich war, den anderen mit eigenem Müll beladen hab, den er gar nicht relevant finden kann.
    Auch habe ich oft nach Gesprächen das Gefühl zu wenig auf den anderen eingegangen zu sein, zu wenig gefragt und zu viel geredet zu haben. In meinen Erinnerungen werden die Gespräche dann zunehmend mit jedem Durchdenken mehr und mehr zu Monologen. Kenne das mit der Endlosschleife und der viel zu starken emotionalen Situation sehr gut. Negativ-Fokussieren oder so ähnlich nennt man das glaube ich.
    Würde mich auch freuen diesem Phänomen mal auf die Spur zu kommen oder mit „Leidensgenossen“ ein Muster herauszufinden bzw. Ideen zu bekommen, die die Gedankenschleifen unterbrechen.
    Ganz liebe Grüße zurück

  6. #6
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 104

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Hach, dafür liebe ich dieses Forum. Jedesmal wenn ich gerade versuche ein Problem von mir in meinem Kopf genauer zu definieren, taucht auf einmal ein thread von jemandem auf, der genau das schon gemacht hat
    Ich kenne das Problem ganz genauso.
    Leider bin ich zur Zeit zu diffus im Kopf um mehr darüber zu schreiben. Aber zufälligerweise hat sich gestern eine neue potenzielle Therapeutin bei mir gemeldet, bei der ich nächsten Monat meinen ersten Termin haben werde.
    Sollten sich irgendwelche bahnbrechenden Erkenntnisse über unser Problem ergeben, werde ich berichten

  7. #7
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 242

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    ich frag mal ganz anders.. wie sind denn deine eltern mit dir umgegangen, wenn du mist gebaut hast oder zumindest etwas getan hast, das in ihren augen mist war? wurdest du bestraft oder waren sie eher liebevoll und haben dich darin bestärkt, es trotzdem zu probieren? bei vielen ist es so, dass sie für alles, was sie angestellt haben, ärger gekriegt haben und wenn das eine weile so ist und man vielleicht noch sensibel reagiert, entwickelt man irgendwann ein verhaltensmuster, das die fehler total übertrieben darstellt und man sich ständig wegen sowas schlecht fühlt.. vor einiger zeit habe ich meine ärztin gebeten, mich krank zu schreiben wegen psychischer probleme.. sie tat es nur sehr widerwillig und bis heute hab ich ein schlechtes gewissen, sie dazu gebracht zu haben, das zu tun, obwohl es zu diesem zeitpunkt das beste war, was mir passieren konnte.. ich hab als kind zeitig gelernt, immer auf andere rücksicht zu nehmen und obwohl es völlig blöd ist, hab ich immer noch ein schlechtes gewissen der ärztin gegenüber, die inzwischen aber weiss, dass es gut für mich war.. das brachte mir erst zu bewusstsein, wie stark die prägung ist, die man als kind erfährt..

  8. #8
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 13

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Haha ja das mit den schlechtem Gewissen bzw. sich gegenüber Ärzten entblößt zu fühlen kenne ich sehr gut. Ich wechsel so oft den Arzt, weil ich das Gefühl hab mich beim Anderen nicht mehr blicken lassen zu können. Ärzten muss man ja was Persönliches erzählen und gerade wenn es dann in die psychische Richtung geht, habe ich nachher auch immer ein sehr mulmiges Gefühl. Fühle mich bei Ärzten generell immer ein bisschen als Bittsteller, der irgendwas verlangt und dafür nichts zurück gibt. Finde aber, dass das auch nicht so feinfühlig von der Ärztin war, gerade weil doch klar sein muss, dass man sich sehr verletzlich macht/ist, wenn man sich aufgrund der Psyche in Behandlung begibt und um Hilfe bittet. Vorallem wenn es das erste Mal ist, sollte da ein größeres Verständnis vorhanden sein
    Ich weiß gar nicht so genau, wie meine Eltern mit mir umgegangen sind, weil solche Erinnerungen ja doch auch etwas subjektiv sind.
    Meine Mutter hat selbst ADHS. Von ihr habe ich die Impulsivität geerbt. Ob sie mich gerade gut oder blöd fand, war eher von ihrer jeweiligen Stimmung abhängig, als von dem was ich vorher gemacht hatte. Insgesamt kaum berechenbar, obwohl ich irgendwann ein ungefähres System zur Vorhersage entwickeln konnte. Mein Vater war sehr auf Leistungen bedacht. Irgendwann in der Grundschule habe ich mal bei einem IQ-Test gut abgeschnitten und wurde als Hochbegabt eingestuft. Ich glaube es gibt nicht ein Gespräch meines Vaters mit Außenstehenden (auch heute noch) wo das nicht in den ersten drei Sätzen erwähnt wird. Das hat mich zwar durchaus stolz gemacht, aber mich eben auch unter großen Druck gesetzt. Vor Allem wenn man dann auf Grenzen seines Verstandes trifft, was dann überhaupt nicht mehr mit der der Eltern gefeierten Realität übereinkommt. Auch meine Eltern haben mich bei Unzulänglichkeiten meinerseits, die glaube ich eben auch viel durch ADHS bedingt waren (Irgendwas verlieren, Termine vergessen) schnell in meiner ganzen Person, Intelligenz, Empathie angezweifelt. Nach dem Motto ,, Du bist einfach nur faul, du machst das extra, so schlau wie ich immer dachte kannst du ja doch nicht sein, die Tochter der Freundin einer Freundin ist aber viel besser als du gewesen...'' Ich hab mich diesem System sehr lange durch völlige Leistungsverweigerung entzogen.

    Ist es denn bei dir auch wirklich Scham, oder eher Schuld? Schlechtes Gewissen assoziiere ich eher mit Schuld. Unterschied ist für mich darin, dass man bei Schuld ein schlechtes Gefühl hat, weil man jemandem was ,,böses" getan hat, während man sich bei Scham schlecht fühlt , weil man sich ,,falsch'' benommen hat bzw. man selbst ,,falsch" ist , unabhängig davon, ob der Andere dadurch einen Nachteil hatte.


    Liebe Grüße

  9. #9
    Ist öfter hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 242

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    das mit der scham meinte ich anders, deshalb hab ich nach deinen eltern gefragt.. man schämt sich ja oft, dass man nicht in der lage ist, die leistungen zu erbringen oder dass man fehler gemacht hat.. wenn einem niemand beibringt, dass man fehler machen darf und es nicht schlimm ist, sondern dafür ständig gerügt und gestraft wird, dann entwickelt man mit der zeit ein muster, sich ständig für alles zu schämen, was man so anstellt.. wenn man dann auch noch auf eltern trifft, die einen mal so und mal so behandeln (war bei meinen auch so), dass man nie weiss, ob man gerade an den positiven oder den genervten part trifft dann wächst sich das mit der zeit zu einer richtigen angststörung aus.. es gibt dabei keine innere sicherheit, dass man sich drauf verlassen kann, wie man behandelt wird. man kann auch seiner wahrnehmung, was die skala der überhaupt nicht schlimmen bis superschlimmen fehler betrifft, nicht mehr trauen, weil manchmal ein blöder spruch prügel oder heftigen ärger nach sich zieht, während ein diebstahl mit polizei usw unter umständen als "hat jeder mal gemacht" deklariert wird und man keinen schimmer, ob das, was man dem anderen da angetan hat, wirklich so schlimm ist.. deshalb hat man irgendwann bei allem, was man tut, ein mieses gefühl und schämt sich, obwohl viele nur drüber grinsen würden, wenn man es ihnen erzählt.. je öfter einem das passiert, desto mehr hat man bei allem das bedürfnis, sich zu rechtfertigen und weil niemand anders zuhört, tut man es bei sich im kopf.. da man aber nun mal seine beteiligung daran hat, dreht man im kopf das geschehene immer und immer wieder herum.. mein sohn hat mir in der letzten zeit sehr oft gesagt, dass ich mich ständig rechtfertigen würde und er hat recht damit.. ich hatte mein leben lang das gefühl, es immer zu müssen, weil mir niemand beigebracht hat, dass es in ordnung ist, fehler zu machen.. das hat sich in meinem kopf so sehr festgesetzt, dass ich fast nicht anders kann.. aufmerksamkeit ist das einzige, was hilft, das zu verändern..

    ich hab mit meiner ärztin hinterher mal geredet, weil ich der meinung war, dass sie auf meiner seite zu stehen hat.. dabei hatte ich eine grosse verteidigungsrede vorbereitet und ihr erklärt, dass die krankschreibung das beste war, was mir je passiert ist.. der witz dabei ist, dass ich die rede gar nicht brauchte.. meine ärztin hat mich dann ohne grosse diskussion weiter krank geschrieben.. ich hab inzwischen auch erkannt, dass es vor allem den richtigen therapeuten braucht, jemand, der einem kein schlechtes gewissen macht, sondern im gegenteil dabei hilft, zu verstehen, wie es soweit kommen konnte.. bei den therapeuten davor ging es mir so wie dir, ich hatte ihnen gegenüber immer ein schlechtes gefühl, was für ein verkorkster mensch ich doch wäre.. bei meinem jetzigen hab ich vor einiger zeit mal erwähnt, dass ich das gefühl hätte, mein leben wäre ein einziger fehler (nicht, dass ich auf der welt bin, sondern, dass ich so viele fehler gemacht hätte dass es aneinander gereiht einen fehler ergibt), da fragte er mich, ob ich denn jemals in betracht gezogen hätte, dass die umstände, unter denen ich gelebt hätte, gar nichts anderes her gegeben hätten.. wir sehen im grunde immer nur, wie gut andere ihr leben auf die reihe bringen, scheinbar mühelos und immer tough und überhaupt und es kommt einem gar nicht in den sinn, dass die vielen suchtkrankheiten, die vielen vielen krankheiten, die vielen verbrechen, die begangen werden usw usw durchaus zeichen dafür sind, dass gar nicht so viele leute das hinkriegen können.. ich denke, es wird zeit, dass wir lernen, diese muster in uns zu verändern und uns als normale menschen zu betrachten, die fehler machen dürfen, ja sogar machen müssen, um was lernen zu können..

  10. #10
    Bin hier neu, seid lieb zu mir

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 5

    AW: Ständige vernichtende Schamgefühle

    Hallo shilinakitin,

    leider komme ich erst jetzt dazu zu antworten - mitgelesen habe ich aber schon...
    So wie Wuerfel ging es mir übrigens auch als ich Deinen thread las .

    Zu Deinen letzten Beiträgen:

    Alkohol: Ja das ist/ war bei mir genauso. Wenn ich das jetzt rückblickend betrachte, waren es sogar die ersten Situation in denen dieses Phänomen aufgetreten ist. Ein feucht-fröhlicher Abend und am nächsten Morgen dieses "Weltuntergangs-Erwachen". Das Gefühl sich nie wieder vor die Tür wagen zu können etc. Leider auch manchmal ein bißchen zu Recht ... .

    Ich denke das hängt damit zusammen, dass man (bzw. ich) unter Alkohol noch impulsiver reagiert als sowieso schon. Gleichzeitig schwindet die Selbstwahrnehmung bzw. "weiss" man, dass man das evtl. nicht so gut einschätzen konnte - was dann zu Grübelattacken am nächste Tag führt.

    Bipolarer Typ ... hm, das könnte ansatzweise als Beschreibung auch auf mich passen. Nach Diagnosekriterien bipolar bzw. mansich-depressiv bin ich aber sicher nicht. Bei mir sind es (wenn ich gesund bin, bzw. wenn "nur" das ADHS wirkt) die schnellen Stimmungswechsel - besonders in der/ den Woche(n) vor meinen Tagen - die zu extremen Höhen und Tiefen führen.
    Das ist aber eine andere Baustelle - dazu möchte ich noch einen eigenen Thread eröffnen - das muss sich dringend ändern, da es massiv Lebensqualität kostet.

    Woran habe ich die Depression erkannt: Das Symptom, das mich dann dazu brachte zu einer Psychiaterin zu gehen war die Angst. Die Diagnose lautete auch Depression und Angststörung.. wobei einer Angststörung wohl häufig eine Depression zugrunde liegt. Bescheiben kann ich das vielleicht am Besten anhand des Bildes "Der Schrei" von Edvard Munch. So hat es sich angefühlt... zum Schluss jede Sekunde des Tages... mir wird ganz schlecht wenn ich nur daran denke. Meine Sorge galt meiner Familie. Ich hatte nur noch Angst um sie, bin mit innerlich weit aufgerissenen Augen herumgelaufen, in voller Panik. Da habe ich das erste Mal Psychopharmaka bekommen und bin bis heute unendlich dankbar dafür. In der späteren Therapie kam dann zum einen die Theorie auf, dass das Ganze aus einer PTBS erwachsen ist und zum andern eben der ADHS Verdacht. Aber das ist eine andere Geschichte...

    Wenn ich was Persönliches erzählt hab, hab ich immer Angst, dass ich eine Grenze überschritten hab, zu aufdringlich war, den anderen mit eigenem Müll beladen hab, den er gar nicht relevant finden kann.
    Auch habe ich oft nach Gesprächen das Gefühl zu wenig auf den anderen eingegangen zu sein, zu wenig gefragt und zu viel geredet zu haben. In meinen Erinnerungen werden die Gespräche dann zunehmend mit jedem Durchdenken mehr und mehr zu Monologen.
    Das finde ich faszinierend - das ist bei mir haargenauso....
    Wenn in solchen Situationen gute Freunde dabei waren, dann habe ich schon manchmal nachgefragt, ob es ihnen genauso vorkam. Das wurde bisher stets verneint... allerdings vermutet mein "Negativ-Fokussier-Hirn" dahinter stets ein gewisses Wohlwollen der Befragten .

    Bei der Recherche zu dem von Dir genannten Begriff des negativ fokussieren bin ich auf das „katastrophische Gehirn“ gestossen ... also wenn es nicht so belastend wäre, könnte ich mich da nun schon wirklich darüber amüsieren ... genau das habe ich ... ein „katastrophisches Gehirn“.... war ja klar, hihi.
    Allerdings wird hier auch immer auf die Kindheit (bzw. Lebenserfahrung) verwiesen - also ist chrissiKA wohl auf dem richtigen Weg.
    Es braucht vielleicht nicht immer die großen Katastrophen... es reicht für eine Prägung sicher auch eine dauerhafte Verunsicherung. Und die, die Du schilderst ist ja ADHS typisch ... und wenn das durch die Eltern evtl. noch (unbewussst) verstärkt wird...

    Bei mir wäre dann eher das Teenageralter auschlaggebend, da ich zwar auch einen Elternteil (Vater) mit stark ausgeprägtem ADHS habe (bei meiner mum würde ich es auch nicht kategorisch ausschliesen), doch wurde mir hier eigentlich immer vermittelt dass ich gut bin - und auch gut bin so wie ich bin (also hier doch anders als bei Dir). Wenn mein Dad ausgeflippt ist, weil ich wieder etwas verloren habe ... dann war mir eigentlich meist bewusst, dass er hier derjenige ist, der über die Stränge schlägt... und mit entsprechender Gegenwehr gekontert. Natürlich war es trotzdem schwierig mit diesem unberechenbaren Verhalten klar zu kommen. Mal kein Thema, dann Drama... Trotzdem bin und war ich mir immer ihrer Liebe sicher... davon profitiere ich heute noch sehr.

    Also Ihr Lieben, lasst uns demnächst weiter rätseln, aber gleichzeitig aufmerksam bleiben wann der Gang zum Doc unumgänglich wird.
    Und da wir eh schon alle (Krankenkassen-) aktenkundig sind... lieber früher als später!

    GlG

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