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Diskutiere im Thema AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
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Allgemeine Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADHS bei Erwachsenen und ADS bei Erwachsenen
  1. #1
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 828

    AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Die Ergänzung direkt an den Anfang: Dieser Beitrag soll nicht dazu führen, dass ihr euch schlechter fühlt, weil ich gleich beschreiben werde, was ich (so scheint es zumindest momentan) an eigener Entwicklung erreicht habe und das teilweise Dinge sind, mit denen ich früher gekämpft habe und weiß, wie blöd es sich anfühlt, von Dingen zu lesen, die andere Menschen erreicht haben. Lasst euch nur sagen, dass dieser Beitrag nicht als "ich hab´s jetzt endgültig geschafft" gemeint ist, sondern eher als "endlich hab ich mal ne gelassenere Einstellung zu meinen ganzen Problemen" (wie lang die anhält, ist ne andere Frage). Und das ist eigentlich ein winziger Schritt und er negiert auch nicht meine real vorhandenen Probleme, er beschafft mir keinen Arbeitsplatz oder ne Wohnung. Aber ich glaube, die Einstellung zu eigenen Defiziten ist schon etwas, was großen Einfluss auf das Leben nehmen kann. Vielleicht kann ich damit ja dem ein oder anderen eine andere Perspektive aufzeigen...

    Also, ich bin nun glaub ich in der Entwicklung so weit, meine ADS-bedingten Defizite zu akzeptieren. Folge davon ist, dass ich mir selbst vieles nicht mehr so übel nehme und nicht mehr so übermäßig hohe Ansprüche an mich habe. Außerdem kann ich besser sehen, wo meine Stärken und Schwächen sind und gerate (hoffentlich) nicht mehr so oft in Situationen, in denen ich "versage", weil ich es eben vermeide, mich irgendwo beweisen zu müssen, wo ich einfach nicht gut drin bin.

    Ich gebe mir mehr Zeit für alles, ich setze mich nicht mehr so unter Druck, genauso schnell wie andere irgendwelche Lebensziele zu erreichen oder so viele Dinge auf einmal zu machen wie andere (wo nehmen die bloß die Zeit her, Hobbies, Kinder, Arbeit und dann vlt. sogar noch ehrenamtliches Engagement zu vereinen?). Es ist für mich ok, dass ich mich langsamer als andere entwickele, dass ich nicht die Superkarriere hinlegen werde und dass ich nicht 100 Freunde habe. Auf der anderen Seite erkenne ich, dass es Dinge gibt, die auch ich kann, dass ich auch Freunde haben kann, nur eben nicht so viele und auch keine, die einen regelmäßigen Austausch brauchen. Auch ich werde Dinge schaffen, werde es irgendwie schaffen, mein Brot zu verdienen, zu überleben. Nur brauche ich dafür halt mehr Zeit.

    Im Austausch mit anderen kann ich inzwischen sagen, wenn mir etwas zu viel wird, wenn ich nicht hinterherkomme, wenn mich jemand zutextet ("Moment, ich muss mal eben klarkommen") und ich stehe zu meinem Lebensweg, weiche nicht mehr aus, wenn es um persönliche Fragen geht.

    Ich lasse wieder mehr zu, auch emotionale Regungen zu zeigen, denn im Grunde genommen bin ich ja - wie es bei ADS nunmal so üblich ist - ein impulsiver Mensch, der Gefühlsregungen direkt nach außen trägt. Da das in der Vergangenheit zu vielen Schwierigkeiten geführt hat, habe ich mich selbst unterdrückt und meine Regungen zurückgehalten. Nun merke ich, dass ich trotz diverser "Ausbrüche" ("Oh Scheiße!") angenommen und sogar besser angenommen werde als vorher. Zumindest von den meisten Menschen - gibt ja auch welche, die legen besonders viel Wert auf "gutes Benehmen" und Gefühlsunterdrückung, aber die haben dann halt Pech gehabt.
    Natürlich gibt es immer Situationen, in denen man sich zurückhalten muss, aber ich denke, die erkenne ich inzwischen ganz gut und kann mich dann auch zurückhalten.

    Ich akzeptiere auch, dass ich an manchen Tagen einfach nix gebacken kriege, dafür an anderen umso mehr. Dafür nutze ich dann aber auch die Gelegenheit, wenn ich merke, dass ich heute ganz gut was schaffen könnte.

    Was ich nicht so gut akzeptiere, ist, dass ich emotional wohl nie so ausgeglichen sein werde wie "andere". Ich reagiere stärker auf negatives und positives und meine Laune ändert sich zu oft nur wegen Kleinigkeiten (positiven wie negativen). Ich glaube nicht, dass ich das irgendwie kompensieren könnte, ich werde wohl damit leben müssen.

    Ich akzeptiere auch nicht so gut, dass ich leicht ablenkbar bin, zumindest mache ich mir nach wie vor Vorwürfe, dass ich ständig meine Lebensziele aus dem Blick verliere und mich von den Aussagen anderer Menschen von meiner "eigentlichen" Vorstellung ablenken lasse. Dass ich in Gesprächen auch leicht ablenkbar bin, kann ich akzeptieren, das kann ich schon sehr lange ganz gut kaschieren.

    Ich finde es auch nicht mehr schlimm, wenn ich auf andere verpeilt wirke. Das wirkt zumindest besser, als wenn ich psycho wirke, weil ich versuche, normal zu sein...(wenn ihr versteht, was ich meine)

    Wenn mir noch mehr einfällt, trage ich es nach.

    Im Grunde genommen will ich mit diesem Beitrag sagen: Manchmal ist es einfacher, seine Defizite zu akzeptieren (nachdem man sie erkannt hat) und aufzuhören, gegen sie anzukämpfen als tagtäglich zu versuchen, ein "besserer" Mensch zu sein!

    Wie ist das bei euch? Was könnt ihr inzwischen an euren Macken akzeptieren?

    Liebe Grüße
    Chamaeleon
    Geändert von Chamaeleon (16.09.2015 um 03:11 Uhr) Grund: Ergänzung

  2. #2
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 547

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Hallo,

    Gutes Thema, gefällt mir. Den Kampf gegen sich selbst verliert man nämlich immer.

    Ich bin auch dabei gewisse Defizite an mir zu akzeptieren.

    Das erste was ich am mir akzeptiert habe war, dass ich langsam bin - das war vor 12 Jahren. Ich muss Sachen oft mehrmals hören bzw. Sie auf eine ganz eigene Weise tun/einüben damit ich damit klarkomme und um sie zu verstehen und umsetzen zu können. Habe ichs aber mal intus vergesse ich es so schnell nicht mehr. Zur Not muss ich eben nochmal nachfragen (vorgestern hat mir mein Chef was erklärt, dann hat er mich mit was anderem zugetextet sodass ich die Erklärung wieder vergessen habe - ich musste also meinen Mut zusammen nehmen und nochmal fragen).

    Auch habe ich akzeptiert das ich auch oft sehr heftig reagiere - besonders bei neuem. Dann zerfließt alles um mich herum und ich mache meine Umgebung verrückt. Die Reaktion an sich habe ich akzeptiert - daran das noch immer alles nach außen zu tragen, daran arbeite ich noch.

    Auch die Kontakt- und Freizeit-Frage habe ich für mich geklärt. Viele Freunde werde ich nie haben, genauso wie ich nie viele Hobbys (auch wenn mich viel interressiert) oder sonstige Aktivitäten ausüben werden kann.

    Was schwierig ist und wahrscheinlich immer schwer sein wird ist diesen Lebensstiel vor anderen zu verteidigen. Es gibt nämlich so viele Leute die der Meinung sind genau zu wissen was gut für einen ist. Die wollen meist nur helfen und aufmuntern, aber auch wenns noch so nett gemeint ist, für ne disco-Nacht kam ich mich nicht begeistern.

    Das ist jetzt das was mir spontan dazu einfällt, mal schaun was die anderen noch so schreiben

    Lg susilein

  3. #3
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 828

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Susilein schreibt:

    Was schwierig ist und wahrscheinlich immer schwer sein wird ist diesen Lebensstiel vor anderen zu verteidigen. Es gibt nämlich so viele Leute die der Meinung sind genau zu wissen was gut für einen ist. Die wollen meist nur helfen und aufmuntern, aber auch wenns noch so nett gemeint ist, für ne disco-Nacht kam ich mich nicht begeistern.
    Ich finde, da gibt´s nichts zu verteidigen. Man kann versuchen, es dem anderen näherzubringen - zB, indem man sagt "das ist nicht so meins" - aber mich erklären und rechtfertigen, das mach ich nicht mehr mit. Ich bin halt kein Disko-Gänger (oder was auch immer) und Schluss. Wenn man anfängt zu diskutieren, hat man schon verloren. Man ist ja nicht drauf angewiesen, dass der andere einen versteht und man kann es auch nicht immer allen Recht machen.

    Das ist jetzt das was mir spontan dazu einfällt, mal schaun was die anderen noch so schreiben
    Ja, nix, anscheinend. Ch ch ch.

  4. #4
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 547

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Ja, schaut tatsächlich so aus, dass nicht viele was dazu zu sagen haben.
    Mich nerven schon die puren Anfragen und wenn dann auch noch kommt "Ach, jetzt sei halt nicht so" könnt ich durchdrehen - ich glaub das ist so eine Art trigger bei mir.
    Früher wurde auch oft an mir rumgenörgelt, seis jetzt von den Eltern oder den Gleichaltrigen - oft wurde mir das Gefühl gegeben einfach nicht richtig zu sein - darum reagier ich da so empfindlich drauf.
    Inzwischen habe ich meinem Freundes- und Bekanntenkreis so aussortiert dass ich solche Probleme nur noch selten habe.

  5. #5
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 6.847

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Na ist ja auch nicht gerade leichte Kost die eigenen Defizite zu akzeptieren.


    Bei mir hat das fast 15 Jahre gedauert, immerhin musste ich ja nicht nur die Defizite selbst, sondern auch die Auswirkungen mit akzeptieren. Ich musste erst folgenreich mehrmals gegen Wände donnern, bis ich es akzeptiert habe.
    In meinem Fall heisst das Erwerbsunfähigkeit ohne je genug in die Rentenkasse eingezahlt zu haben, selbst wenn ich irgendwann mal gesund bin dann werde ich das nie aufholen können, das heisst bis zum Tod Sozialhilfeniveau, Abhängigkeit vom Sozialsystem in ALLEN Angelegenheiten, das heisst auch mit, das ich lernen musste mich nicht dafür zu schämen, gerade vor Fremden, das heisst das meine Eltern immer einen Teil zahlen müssen etc pp.

    Das selbe sehe ich gerade bei meinem Partner, für den muss jetzt die Exfrau zahlen, wenn das Kind mal erwachsen ist und genug verdient, dann das. Das ist wirklich ein Drama mit weitreichenden Folgen, manche können es nie akzeptieren.
    Besonders als junger Mensch ist es unglaublich schwer zu akzeptieren das man nie das erreichen kann, was man trotz geistiger Befähigung eigentlich könnte, das man gar nicht die Möglichkeit bekommt, teure Urlaube zu machen, in grossen Wohnungen zu leben, selbstbestimmter agieren zu können.....
    Oh, es gibt schon viel zu akzeptieren, wenn man sich erstmal der Folgen bewusst wird (natürlich nicht in jedem Fall). Auch die Nebenwirkungen der ganzen Medis sind teils nicht ohne, ich darf zwischen eher schlechterer Psyche oder eher schlechterer Physis entscheiden. Kinder werde ich aufgrund meiner Defizite auch nie haben. Meine Mutter hat neulich zu meinem Freund gesagt das sie auch älter werden und nicht wissen, ob nach meinem jetzigen Hund noch einer kommt, da sie sich dann evt nicht mehr so mitkümmern können wenn es mir schlecht geht.


    Aaaaber..... ich habe mich wirklich damit arrangiert (naja bis das mit den Hund ) und es auch akzeptiert. Mittlerweile kann ich es geniessen, das ich wiederum den Luxus habe jeden Tag in der Natur spazieren zu gehen,das ich nicht so ganz früh aufstehen muss, keine Angst um meinen Job haben muss, mich zurückziehen kann, wenn ich es brauche. Ich habe genug Zeit für Therapien, gärtnern etc. Zeit ist auch Luxus.
    Geändert von creatrice (16.09.2015 um 23:36 Uhr)

  6. #6
    Pepperpence

    Gast

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    ..........
    Geändert von Pepperpence (17.09.2015 um 00:41 Uhr)

  7. #7
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 828

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Ja, das ist wirklich nicht leichte Kost, die Defizite zu akzeptieren. Und ich glaube, es gibt da noch einen Unterschied zwischen Resignation und Akzeptanz. Bei mir war es so, dass ich zuerst wütend und enttäuscht war, als ich erkannte (wobei ich noch dabei bin, es genauer zu erkennen), dass manches sich nie erfüllen wird, obwohl ich diese Dinge immer als selbstverständlich ansah (eben den Job zu kriegen, für den man geeignet ist, eine glückliche Partnerschaft bis zum Lebensende zu führen usw.) Ich habe in diesen Vorstellungen meine kindliche Naivität nie abgelegt. Dann dämmerte mir so langsam, dass diese Vorstellungen von einem Leben sich nicht zu erfüllen schienen...wer weiß, vielleicht wird noch aus dem ein oder anderen was, aber so insgesamt hatte ich viel zu hohe Ansprüche. Und dann kam die fette Resignation...und mit ihr ein "ihr könnt mich mal alle" (ich weiß, sehr pubertär ). Irgendwie ist dann daraus aber Akzeptanz geworden...Resignation würde ich als "negative Akzeptanz" beschreiben, man akzeptiert etwas, weil man dazu gezwungen wird. Ich weiß nicht genau, wie ich zu der "positiven Akzeptanz" (also dem freiwilligen Annehmen der Gegebenheiten) gelangt bin, aber sie ist auf jeden Fall aus dieser Resignation entstanden. Vielleicht muss man erstmal ganz unten ankommen, bevor man annehmen kann, dass Dinge so sind wie sie sind. Vielleicht muss man erst das Kämpfen aufgeben, das Hadern mit dem eigenen Schicksal. Ich glaube, das ist eh eine Lebensaufgabe. Ich glaube nicht, dass ich von nun an nie wieder mit meinem Schicksal hadern werde und mich nie wieder über meine Defizite ärgern werde.

    Mittlerweile kann ich es geniessen, das ich wiederum den Luxus habe jeden Tag in der Natur spazieren zu gehen,das ich nicht so ganz früh aufstehen muss, keine Angst um meinen Job haben muss, mich zurückziehen kann, wenn ich es brauche. Ich habe genug Zeit für Therapien, gärtnern etc. Zeit ist auch Luxus.
    Das sind, rein rational betrachtet, tatsächlich Vorteile! Negativ wird es erst durch soziale Werturteile. Wenn man sich davon lösen kann, dann geht es einem in einer solchen Situation wohl auch besser. Scheint mir so, als hättest du das geschafft. Ich finde es ja einfacher, sich von diesen Urteilen zu lösen, wenn man sich mal klarmacht, dass auch die anderen Probleme haben, für die sie sich schämen, dass auch die anderen nur Angst haben und dazugehören wollen usw. und dass sich diese Ängste vielleicht auch darin äußern, dass sie andere für ihr nicht konformes Leben verurteilen. Das sind auch nur Menschen und wenn man sich das mal klar macht, dann finde ich, fällt es leichter, sich von den Urteilen anderer unabhängiger zu machen.

    (...) Hier käme meine Antwort an Pepperpence, da sie aber ihren Text wieder gelöscht hat, werde ich ihr (dir, Pepperpence) eine private Nachricht zukommen lassen.

  8. #8
    Kennt sich hier aus

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 828

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Susilein schreibt:
    Mich nerven schon die puren Anfragen und wenn dann auch noch kommt "Ach, jetzt sei halt nicht so" könnt ich durchdrehen - ich glaub das ist so eine Art trigger bei mir.
    Früher wurde auch oft an mir rumgenörgelt, seis jetzt von den Eltern oder den Gleichaltrigen - oft wurde mir das Gefühl gegeben einfach nicht richtig zu sein - darum reagier ich da so empfindlich drauf.
    Inzwischen habe ich meinem Freundes- und Bekanntenkreis so aussortiert dass ich solche Probleme nur noch selten habe.
    Ja, den Trigger hab ich auch und ich glaube, aus dem selben Grund wie du. Sich ständig rechtfertigen zu müssen, selbst erklären zu müssen, nie sind die eigenen Vorlieben und Abneigungen richtig, immer wird man komisch angeguckt oder blöd angemacht, weil man andere Dinge mag oder nicht mag als andere...nerv. Aber ich hab inzwischen akzeptiert, dass ich anders bin und auch, dass mich die Leute nicht immer verstehen werden.

  9. #9
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 53

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Bei mir hat sich seit der Diagnose und der ersten Einnahme von MPH auch einiges verändert - zum Positiven! Heute meinte ich zu meiner Therapeutin, dass ich (im Vergleich zu früher) meistens nur noch circa einmal gegen die Wand laufen muss, um zu erkennen, was ich ändern muss, damit das so schnell nicht nochmal passiert

    Wie das konkret aussieht ... ich versuche mal, das zu schildern.

    Dadurch, dass ich mit Hilfe der Medikamente endlich Ruhe und Konzentration finden kann, weiß ich nun: Wenn ich möchte, kann ich ein, zwei, drei Wochen am Stück jeden Tag meine Dinge erledigen und abends zufrieden ins Bett fallen, mit dem Gefühl, etwas geschafft zu haben.

    Ich habe festgestellt, dass mich Dinge wie Streit mit der Familie etc. zwar immer noch aus der Bahn werfen, krank machen (Erkältung, Herpes, ...) und seelisch belasten, aber dass ich nach einer gewissen Zeit wieder zu meiner alten Routine zurückkehren und weiter an den Sachen, die mir wichtig sind, arbeiten kann. Deshalb mache ich mich nicht mehr verrückt, wenn ich mal ne Woche Ruhe brauche, viel schlafe, Serien gucke - denn ich weiß nun, dass ich aus dieser Erschöpfung wieder rauskomme. Das gibt mir Stabilität und Sicherheit bezüglich meiner eigenen Fähigkeiten.

    Früher war das nicht so. Einmal im Loch der seelischen Überlastung gefangen, kriegte ich Wochen oder Monate lang nichts gebacken. Das zerriss mich jeden Tag innerlich, ich dachte, ich bin blöd oder faul oder einfach zu nichts fähig, weil ich an nichts dranbleiben kann ohne zusammen zu brechen. Nicht gemacht für diese Welt. Alle anderen schaffen mehr als ich. Ich muss jeden Nachmittag schlafen, weil ich so erschöpft bin. Daraus entstanden über Jahre hinweg Minderwertigkeitskomplexe hoch 10, die ich versucht habe, mit Alkohol zu betäuben - wo wir schon beim nächsten Punkt wären...

    Denn auch was den Alkoholkonsum betrifft, kann ich nur Fortschritte berichten: Von ziemlich starkem Alkoholkonsum zwecks "nach einem anstrengenden Tag runterkommen" oder "bei einem Gruppending abends locker werden" trinke ich nun nichts mehr, ich habe einfach NULL Verlangen danach. Früher hätte ich bei ner Enttäuschung (groß, klein, wichtig, unwichtig) gleich ne Flasche Wein oder Sekt aufgemacht, heute trink ich Cola, heul ein bisschen und dann ist auch wieder gut ^^

    Was noch... Beziehung zu meinem Freund ist wesentlich entspannter. Wenn ich mal wegen was unangemessen wütend werde, dann ziehe ich mich zurück und warte so lange ab, bis diese bösen bösen Gedanken, die ich ihm gerne an den Kopf werfen würde, verschwunden sind. Noch vor gar nicht so langer Zeit konnte ich meine Klappe nicht halten und musste irgendeinen unnötigen Kommentar abgeben, woraufhin das Gespräch meistens in einem üblen Streit eskalierte und in einer Grundsatzdiskussion endete, die ich in der Regel verlor. Und wenn so was alle vier Tage passiert, dann denkt man sich schon: Wieso kann ich nicht einfach mal "normal" und angemessen auf eine (mehr oder weniger) schwierige Situation reagieren?

    Außerdem habe ich mir antrainiert, immer klar zu kommunizieren, wenn mir etwas zuviel wird und ich eine Auszeit benötige. Erstaunlicherweise wird das von meinem Umfeld gut angenommen (selbst wenn jemand nicht von meiner Diagnose weiß). Für mich ist es immer noch besser, mal etwas "abweisend" oder zurückgezogen zu wirken anstatt durch anhaltende Überlastung irgendwann komplett auszuticken. Das behalte ich immer im Hinterkopf, sobald ich das Gefühl habe, jemanden durch meinen Rückzug ins Zimmer / nach Hause / in meine Bücher / Musik o.ä. vor den Kopf zu stoßen.

    Natürlich kämpfe ich in all diesen Dingen noch sehr, auch wenn das jetzt nicht so klingt. Aber ich merke, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich lasse mir Zeit, setze mich nicht unter Druck, lerne mich selbst mehr und mehr kennen und akzeptiere meine Schwächen so gut ich kann.
    Ich hoffe, dass mein Bericht eher Mut macht als abzuschrecken

  10. #10
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 583

    AW: AD(H)S - Defizite an sich selbst akzeptieren

    Mir gefallen eure Beitraege.
    Ich bin leider noch nicht so weit. Stecke noch irgendwie zwischen Frust und Resignation.
    Zwischen "nicht-wahrhaben-wollen" und "ihr koennt mich doch alle mal", zwischen "warum muss es so anstrengend sein?" und Scham, weil aus mir nicht das wurde, was alle erwartet haben (ich war immer das hochbegabte Kind, aus dem mal "was Grosses" wird...).

    Eure Beitraege geben Hoffnung, dass es vielleicht doch irgendwann besser wird. Nicht unbedingt einfacher, aber dass man einfach lernt, sich so zu akzeptieren, ohne dabei aufzuhoeren, weiter an sich zu arbeiten.

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