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Diskutiere im Thema ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick! im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
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Allgemeine Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADHS bei Erwachsenen und ADS bei Erwachsenen
  1. #1
    Holdibaldi

    Gast

    ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hallo liebe Forengemeinde,

    ich bin einer mit ADS ohne Hyperaktivität, also von der "Sorte" der Aufmerksamkeitsdefizitären (grausiges Wort), die man leicht übersieht.

    Folgendes: Da ich bislang noch keinen traf, der auch unter ADS ohne Hyperaktivität leidet, möchte ich frei heraus in die Runde fragen, ob ihr folgendes Phänomen auch kennt:

    Man schaut aus seinen Augen heraus und der Blick verliert sich unwillkürlich. Es kommt mir dann immer so vor, als würde mein Auge in sich selbst zurückfallen, sich irgendwie nach innen und in die Breite wenden. Ich nehme dann auch nichts scharf wahr, fokussiere also nicht. Das Auge (bzw. die Augen) scheint sich der Wahrnehmung entziehen zu wollen, ohne dass ich dies bewusst steuern könnte.

    Um diesen Zustand zu beenden oder zumindest zu mildern (z.B. wenn ich mich konzentrieren muss), versuche ich dann stets, durch heftiges Blinzeln meine Augen wieder fokussiert zu bekommen, um meine Wahrnehmung wieder mehr nach außen hin zu orientieren. Das hilft manchmal besser, ein andermal schlechter, je nachdem, wie lange ich mich in dieser lethargischen Phase befunden habe. Man kann das als ein permanentes Zurückfallen in sich selbst beschreiben, das sich bei mir organisch eben bei den Augen manifestiert. Wenn sich der Fokus verliert, kann das gelegentlich sogar kurzzeitig leicht unangenehm für die Augen sein.

    Früher habe ich befürchtet, dass ich dadurch später evtl. einen Augenschaden bekommen könnte, da ich aber heute noch ohne Brille scharf sehe, dürfte sich diese Sorge erübrigen.

    Wie erlebt ihr eure Tagträumerei? Ich bin gespannt!

    Holdi

  2. #2
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 54
    Forum-Beiträge: 479

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hallo Holdi

    Das mit dem "ins-Leere-Schauen" kenne ich auch. Ich hätte es jetzt nicht so detailiert beschreiben können, wie du, aber ich denke, es trifft das schon in etwa.
    Ich glaube, bei mir würde ich es mit "fokussieren" auf eine leere Stelle irgendwo zwischen Nah- und Fernbereich beschreiben. Also eben ins Nichts, was alles unscharf macht, egal, ob die Schrift auf dem Bildschirm oder die Umgebung.

    Die Beschreibung, dass der Blick wie in die Breite geht, finde ich sehr passend.

    Um da wieder "raus" zu kommen, genügt bei mir einmal blinzeln und eine Augenbewegung hin zu einem "etwas", dann stellt sich der Blick wieder scharf ein.

    Eine Schädigung der Augen sollte dadurch nicht zustanden kommen, nein. Allerdings bin ich Brillenträgerin seit der 1. Klasse. Aber das ist eine andere Vererbungssache.





    :offtopic: Was mir in diesem Zusammenhang grad in den Sinn kommt, obwohl es nicht direkt damit zusammen hängt:

    Diese 3D-Bilder in den Büchern, wo man eben eigentlich genau so ins Leere schauen sollte, damit sich aus dem Farbengewimmel ein hologrammähnliches Gebilde erhebt......
    Das hat bei mir genau ein einziges Mal für einen Sekundenbruchteil geklappt, dabei bin ich so erschrocken, dass ich das Gebilde nicht mal richtig wahrnehmen konnte - und seither versuche ich das bei jedem Optikerbesuch wieder und wieder - vergebens. Und ich weiss nicht mal, warum das bei mir nicht klappt, weil eben, ins Leere schauen kann ich ja - nur nicht, wenn ich diese undefinierbaren Farbendinger vor mir habe... (Das könnte aber auch mit Brille und vielleicht einer leichten Hornhautverkrümmung zusammen hängen.)

    *back to topic*



    Um deine Frage zu beantworten:
    Ich erlebe meine Tagträumerei recht ähnlich. Ich habe dabei allerdings den Eindruck, als ob ich mich in mir ein Stück zurück setze, den Blick "nah" zu mir hinnehme, also nicht den Blick gegen innen kehre im Sinne von umdrehen, sondern in mir drinnen behalte, nicht so weit raus gehen lasse....

    Ich finde es interessant, das mal zu beschreiben zu versuchen.

    Danke für die Idee.

    Liebe Grüsse
    somniatrix

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 31

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Den Effekt, wie du ihn beschreibst, habe ich beim bewussten Tagträumen grundsätzlich. Aber er tritt auch mal willkürlich auf, ganz ohne Tagtraum. Dann ist es so eine Art Leere... Das Bild verschwimmt irgendwie, als würde die Pupille mitten im Umstellen von Nah- auf Fernsicht stehen bleiben in einem Bereich dazwischen. Ich kann dann die Augen nicht abwenden oder schließen, jedenfalls erst nach längerer Zeit und dann nur mit Überwindung. Und irgendwie kann ich dann keinen klaren Gedanken fassen. Es ist wie eine Leere im Hirn. Ich finde das Gefühl aber nicht unangenehm. Es entspannt mich irgendwie.

    Man könnte sagen, meine Tagträume waren immer schon mein Rettungsanker. Und sie sind es heute noch. Ich kann den Effekt mittlerweile steuern und ganz bewusst damit anfangen und wieder aufhören. Wenn ich meine Umwelt mal gar nicht ertrage, tauche ich in mein Kopfkino ab.

    Das funktioniert sehr schön beim Spazierengehen. Es kommt vor, dass ich mich nach einer halben Stunde Fußweg an kein einziges Detail meiner Umwelt erinnern kann. Ich nehme nichts mehr bewusst wahr von dem was "draußen" ist. Trotzdem bin ich nicht gestoplert, ich habe an roten Ampeln angehalten, ich habe an einer gefährlichen Questraße nach rechts und links geblickt und angehalten als plötzlich ein Auto vor mir den Fußweg kreuzte, ich habe niemanden angestoßen und bin in keine Tretmine gelatscht. Natürlich habe ich mal wieder 20 wild fuchtelnde Bekannte übersehen. Aber dafür hab ich den erheblichen Verkehrslärm komplett ausgeblendet, in der Innenstadt hab ich kein einziges Geischt wahrgenommen (was ein Segen für mich ist, ich leide sehr schnell unter dem Gefühl der Reizüberflutung - seien es Geräusche, Gesichter, grelles Licht...).

    Die Leute mögen mich wunderlich finden, aber ich schöpfe daraus Kraft. Manchmal ist das Einzige, was mich innerlich oben hält. Ein kleines Stück FReiraum, das mir niemand nehmen kann. Ein kleines Stück grenzenloser Freiheit.

  4. #4
    Holdibaldi

    Gast

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hi somniatrix,

    Somniatrix schreibt:
    Um da wieder "raus" zu kommen, genügt bei mir einmal blinzeln und eine Augenbewegung hin zu einem "etwas", dann stellt sich der Blick wieder scharf ein.
    Der Blick wird auch bei mir schon nach einem bewussten Fokussieren scharf, hier habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Was ich meine: Wenn ich in diesen Zustand (Madeira beschreibt ihn herrlich) des Tagtraumes abdrifte und richtig eingetaucht bin, reicht es kaum noch, mal eben die Augen scharf zu stellen, dann sehe ich zwar den Baum vor meiner Nase präzise, aber ich nehme ihn trotzdem noch nicht richtig wahr, wenn du verstehst, was ich meine.

    Deshalb versuche ich mich durch heftiges Blinzeln (Zusammenkneifen der Augen und ganz weites Aufreißen und das mehrmals) sozusagen aufzuwecken, wieder für das Hier und Jetzt präsent zu machen. Das fällt mir manchmal ganz schön schwer.

    Somniatrix schreibt:
    Diese 3D-Bilder in den Büchern, wo man eben eigentlich genau so ins Leere schauen sollte, damit sich aus dem Farbengewimmel ein hologrammähnliches Gebilde erhebt......
    Das hat bei mir genau ein einziges Mal für einen Sekundenbruchteil geklappt, dabei bin ich so erschrocken, dass ich das Gebilde nicht mal richtig wahrnehmen konnte - und seither versuche ich das bei jedem Optikerbesuch wieder und wieder - vergebens. Und ich weiss nicht mal, warum das bei mir nicht klappt, weil eben, ins Leere schauen kann ich ja - nur nicht, wenn ich diese undefinierbaren Farbendinger vor mir habe... (Das könnte aber auch mit Brille und vielleicht einer leichten Hornhautverkrümmung zusammen hängen.)
    Interessantes Beispiel. Sowas hatte ich in meiner Jugend auch (das "Magische Auge", gab mehrere Bücher davon) und ich liebte es, weil ich es so mühelos beherrschte und andere sich so unglaublich verzweifelt abmühten, ohne diese ominösen 3-D Gebilde jemals erblicken zu können.

    Witzigerweise hatte ich genau hier das Gefühl, durch meine Defokussierung einen großen Vorteil zu haben. Ich stellte die Augen bewusst unscharf und habe dann langsam wieder reingezoomt, dabei immer vor und zurück gewippt mit dem Fokus und siehe da: auf einmal begann sich das Bild immer deutlich in 3-D abzuzeichnen. Aber wie gesagt, viele Leute habe ich daran kläglich scheitern sehen, mach dir nichts draus, es gibt wahrlich wichtigere Dinge im Leben...

    Somniatrix schreibt:
    Um deine Frage zu beantworten:
    Ich erlebe meine Tagträumerei recht ähnlich. Ich habe dabei allerdings den Eindruck, als ob ich mich in mir ein Stück zurück setze, den Blick "nah" zu mir hinnehme, also nicht den Blick gegen innen kehre im Sinne von umdrehen, sondern in mir drinnen behalte, nicht so weit raus gehen lasse....
    Mit dieser Beschreibung kann ich mich auch identifizieren. Ich meinte mit "den Blick ins Innere kehren" auch weniger, dass ich mein Inneres anschaue, sondern dass ich den Blick zurück nehme (bzw. er sich selbst, weil ich das, anders als Madeira, nicht unbedingt immer bewusst steuern kann).

    Viele Grüße,

    Holdi
    Geändert von Holdibaldi ( 3.07.2013 um 22:56 Uhr)

  5. #5
    Holdibaldi

    Gast

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hallo Madeira,

    Madeira schreibt:
    Den Effekt, wie du ihn beschreibst, habe ich beim bewussten Tagträumen grundsätzlich. Aber er tritt auch mal willkürlich auf, ganz ohne Tagtraum. Dann ist es so eine Art Leere... Das Bild verschwimmt irgendwie, als würde die Pupille mitten im Umstellen von Nah- auf Fernsicht stehen bleiben in einem Bereich dazwischen. Ich kann dann die Augen nicht abwenden oder schließen, jedenfalls erst nach längerer Zeit und dann nur mit Überwindung. Und irgendwie kann ich dann keinen klaren Gedanken fassen. Es ist wie eine Leere im Hirn. Ich finde das Gefühl aber nicht unangenehm. Es entspannt mich irgendwie.
    Darin finde ich mich 100% wieder!

    Madeira schreibt:
    Man könnte sagen, meine Tagträume waren immer schon mein Rettungsanker. Und sie sind es heute noch. Ich kann den Effekt mittlerweile steuern und ganz bewusst damit anfangen und wieder aufhören. Wenn ich meine Umwelt mal gar nicht ertrage, tauche ich in mein Kopfkino ab.
    ...
    Die Leute mögen mich wunderlich finden, aber ich schöpfe daraus Kraft. Manchmal ist das Einzige, was mich innerlich oben hält. Ein kleines Stück FReiraum, das mir niemand nehmen kann. Ein kleines Stück grenzenloser Freiheit.
    Hier ist halt die Frage, ob du da wirklich ganz bewusst abtauchst; ist das eine kontrollierte Entscheidung oder driftest du in belastenden Situationen (das Stichwort Reizüberflutung hast du schon erwähnt) automatisch ab? Bei mir ist Letzteres der Fall, was auch sehr störend sein kann; mir passiert das nämlich auch häufiger unbewusst, also in Situationen, in denen ich eigentlich präsent sein müsste, aber schlichtweg überfordert bin. Das kann beispielsweise schon im prallvollen Kleidergeschäft der Fall sein, wo ich nur dastehen und auf meine Frau warten muss. Ich bin von den ganzen Eindrücken nach kurzer Zeit so geplättet, dass ich automatisch defokussiere und schwupps! Dann bin ich für meine Frau nur noch schwer erreichbar und komme auch nicht ohne Weiteres zur vollen Präsenz zurück; ich fühle mich wie hinter einer Käseglocke. Es braucht einen ruhigen Ort, damit ich langsam wieder "zur Welt" zurückfinden kann.

    Aber du hast Recht, ich empfinde diesen Zustand eigentlich auch als Wohltat, da er mich vor der Reizüberflutung rettet und somit Entspannung bedeutet. Leider - und das ist meiner Ansicht nach ein großer Nachteil - ist dieser Zustand (du beschreibst das selbst sehr schön in deinem Beispiel) ein ganz und gar auf sich selbst beschränkter. Will also jemand - auch eine nahe Bezugsperson - Kontakt zu mir aufnehmen, dann leidet diese Person und ich auch, da ich weiß, dass ich nicht voll für sie da sein kann. Hört sich komisch an, ist aber so. Meine Käseglocke schützt mich einerseits und entzieht mich andererseits.

    Wo es im Privaten schlimmstenfalls in einen Streit mündet, kann das im beruflichen Bereich fatal sein. Was meinst du?

    Es grüßt dich,

    Holdi
    Geändert von Holdibaldi ( 3.07.2013 um 23:13 Uhr)

  6. #6
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 31

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hey Holdi!


    Hier ist halt die Frage, ob du da wirklich ganz bewusst abtauchst; ist das eine kontrollierte Entscheidung, oder driftest du in belastenden Situationen (das Stichwort Reizüberflutung hast du schon erwähnt) automatisch ab?

    80% ist es bewusst und gesteuert. 20% unbewusst, dann meistens wenn ich über einem Problem grüble und dann versehentlich in meiner Gedankenwelt versinke.

    Aber du hast Recht, ich empfinde diesen Zustand eigentlich auch als Wohltat, da er mich vor der Reizüberflutung rettet und somit Entspannung bedeutet. Leider - und das ist meiner Ansicht nach ein großer Nachteil - ist dieser Zustand (du beschreibst das selbst sehr schön in deinem Beispiel) ein ganz und gar auf sich selbst beschränkter. Will also jemand - auch eine nahe Bezugsperson - Kontakt zu mir aufnehmen, dann leidet diese Person und ich auch, da ich weiß, dass ich nicht voll da sein kann. Hört sich komisch an, ist aber so. Meine Käseglocke schützt mich einerseits und entzieht mich andererseits.

    Vielleicht differenziere ich nur anders. "Tagträumen" und "Konzentrationsschwäche" sind für mich zwei Kategorien (auch wenn die Ursache vermutlich die selbe ist). Das eine ist "Kopfkino" gewollt oder versehentlich. Daraus kann ich mich relativ schnell wieder loseisen und meinen Fokus wieder auf meine Umwelt richten. Erstaunlicherweise bleibt er dann auch bestehen. Im Beruf träume ich nicht bewusst bzw. unterbinde es relativ schnell. Das ist also eher weniger ein Problem. Denn es geschieht "bewusster" als die "konventionelle Konzentrationsschwäche".

    Konzentrationsschwächen und "Reizüberflutung" hängen für mich eher weniger mit dem "Blick" oder meiner Gedankenwelt zusammen. Das ist eher ein Gefühl der Enge, ein pochender Kopfschmerz
    . Ich bin nicht fähig irgendeinen Gedanken zu fassen, einen Text aufzunehmen, Geräusche und Umwelt zu ertragen. Das ist definitiv was anderes. Das fühlt sich anders an, als würde es von "woanders" (wie erklärt man das verständlich?) kommen. Es ist keine Erlebniswelt, sondern eine "Denkeinschränkung", so als würden auf meiner Festplatte bestimmte Daten nicht verarbeitet werden. Ist für mich definitiv ein anderes Gefühl als das Träumen. Diese Konzentrationsschwächen sind allerdings mein absoluter Stimmungskiller und Informationsmülleimer. Die sind dann tatsächlich nicht mehr kontrollierbar und Quelle sozialer Konflikte und Fehler (bei der Arbeit zum Beispiel).

    Gegen das "geplättet" sein, kann man leider Gottes selbst nicht viel tun. Es ist definitv frustrierend und ein gewaltiger Störfaktor, soviel steht fest. Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass es schlimmere Fehler gibt und du nicht allein damit bist
    . Und letztlich möchtest du ja niemanden verletzen. Ich hoffe, dass die Menschen in deiner Umgebung das erkennen. Im Gegenzug hab ich die Erfahrung gemacht, dass "die Anderen" auch Ecken und Kanten haben, mit denen ich manchmal nicht auf Anhieb klarkomme, die sie aber für selbstverständlich erachten. Überall also große und kleine Käseglocken, und nicht alle von den Inhabern wahrgenommen.

    Puh, ganz schön verschwurbelt. Ich hoffe du konntest mir ein bißchen folgen.

    Liebe Grüße an dich


    Madeira

  7. #7
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 499

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Holdibaldi schreibt:

    Früher habe ich befürchtet, dass ich dadurch später evtl. einen Augenschaden bekommen könnte, da ich aber heute noch ohne Brille scharf sehe, dürfte sich diese Sorge erübrigen.
    Dann kommen wohl meine rund -8,5 Dioptrien nicht vom Rumträumen. Obwohl ich das schon oft ziemlich dolle tu. Der Zustand, den Du beschrieben hast hat mir bei meinen Eltern den Namen Traumtante eingebracht ... meine Tochter kann das auch recht super - aber mein Sohn ist da so gut drin, dass ich mich manchmal frage, ob er sich ganze Filme nochmal anguckt im Kopfkino....

    Also ich kann es mit viel Willen auch mal "anschalten". Wenn ich aber in stressigen Situationen "wegzoome" dann muss der Willen zum abschalten schon sehr groß sein - da ich den Zustand eigentlich als eine Art angenehm abstumpfenden Nebel empfinde. In unübersichtlichen Situationen (z.B. Kaufhaus, Bahnhofshalle, etc.) hilft es mich auf meinen Weg zu konzentrieren. Ich schwebe dann einfach durch die Menge und höre nicht jede einzelne Unterhaltung und rieche nicht jedes einzelne Deo (oder auch nicht Deo...) und komme recht gut durch die Menschenmenge... Sieht sicher seltsam aus - ist mir aber egal. Ich fühle mich so wohler.

  8. #8
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 54
    Forum-Beiträge: 479

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Hallo Holdi

    Holdibaldi schreibt:
    Der Blick wird auch bei mir schon nach einem bewussten Fokussieren scharf, hier habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Was ich meine: Wenn ich in diesen Zustand (Madeira beschreibt ihn herrlich) des Tagtraumes abdrifte und richtig eingetaucht bin, reicht es kaum noch, mal eben die Augen scharf zu stellen, dann sehe ich zwar den Baum vor meiner Nase präzise, aber ich nehme ihn trotzdem noch nicht richtig wahr, wenn du verstehst, was ich meine.

    Deshalb versuche ich mich durch heftiges Blinzeln (Zusammenkneifen der Augen und ganz weites Aufreißen und das mehrmals) sozusagen aufzuwecken, wieder für das Hier und Jetzt präsent zu machen. Das fällt mir manchmal ganz schön schwer.
    Ja, stimmt, das habe ich anders verstanden. Bei mir ist es aber definitiv nicht mehr so. Es kann sein, dass das früher anders war, aber... ich weiss nicht, vielleicht habe ich mich sowas wie "konditioniert". Bei mir klappt das mit dem Umschalten sehr schnell. Ich habe da irgendwie so meine Rhythmen auf dem Weg zur Arbeit, z.B., mit Bus, Zug und Fussweg, alles jeweils ca 10 Minuten und dazwischen kurze Wartezeit. Da kann ich auch in einem Buch lesen, Mitten im Satz aufhören, aussteigen, 10 Min. vor mich hin denken/träumen, einsteigen und weiterlesen - ohne suchen zu müssen, wo ich aufgehört habe - mein Blick findet die Stelle auf der Seite "automatisch" wieder. Hat jetzt wahrscheinlich auch nicht viel mit dem Blick zu tun, aber dieses Wechseln von einem zum anderen, da steckt bei mir jahrelanges "Training" dahinter.


    Holdibaldi schreibt:
    Interessantes Beispiel. Sowas hatte ich in meiner Jugend auch (das "Magische Auge", gab mehrere Bücher davon) und ich liebte es, weil ich es so mühelos beherrschte und andere sich so unglaublich verzweifelt abmühten, ohne diese ominösen 3-D Gebilde jemals erblicken zu können.

    Witzigerweise hatte ich genau hier das Gefühl, durch meine Defokussierung einen großen Vorteil zu haben. Ich stellte die Augen bewusst unscharf und habe dann langsam wieder reingezoomt, dabei immer vor und zurück gewippt mit dem Fokus und siehe da: auf einmal begann sich das Bild immer deutlich in 3-D abzuzeichnen. Aber wie gesagt, viele Leute habe ich daran kläglich scheitern sehen, mach dir nichts draus, es gibt wahrlich wichtigere Dinge im Leben...
    Ja, genau, das Magische Auge !
    Eben, das Defokussieren ist da genau gefragt, aber ich schaffe es nicht mehr, vor diesem Farbgewimmel ins Leere zu schauen.

    Wie gesagt, das erste Mal klappte das ohne Probleme, ich wusste nicht mal, was ich tun muss, das passierte von selbst - und das Gebilde sprang mich an. Vielleicht muss ich mir ja mal so ein Buch kaufen und es zu Hause in Ruhe probieren - beim Optiker ist doch immer recht viel los, und ich weiss nie, wann jemand kommt, um mich zur Untersuchung abzuholen.... Und wenn noch jemand da ist, kann ich mich sowieso nicht richtig drauf einlassen - weil ich da mit einem Ohr und Auge immer "draussen" in der Umgebung bin, um das Angesprochen oder Aufgerufen werden nicht zu verpassen....


    Auch hier merke ich gerade wieder, dass ich mir offenbar bereits mehr Strategien zugelegt habe, als mir bisher bewusst sind... ^^


    Holdibaldi schreibt:
    (... weil ich das, anders als Madeira, nicht unbedingt immer bewusst steuern kann).

    Ja, so, wie ihr beide das Phänomen beschreibt, so stark ist es bei mir nicht ausgeprägt. Ich glaube auch, dass ich, wenn überhaupt ^^, eher eine "leichtere" Form von ADS habe (sofern es sowas überhaupt gibt, vielleicht sind es auch nur viele Ähnlichkeiten und überhaupt kein ADS ^^). Vielleicht sind es bei mir aber auch Überlebens-Strategien, die ich mir schon von klein auf zulegen musste, weil ich mir dieses vollkommene Weg-Driften auch beim Träumen "nicht leisten" konnte. Wenn ich tagträumte, war immer sowas wie eine Alarm-Antenne nach aussen gerichtet, auch wenn ich mit meinen Gedanken weit weg war. Bitte fragt nicht, weshalb, das gehört nicht hier hin - und wird daher auch nicht beantwortet.

    Meine Tagträume waren wie Inseln, auf die ich flüchtete. Und auch heute noch tauche ich oft in solche Traum-Phantasiewelten ein, kann das aber eben auch recht bewusst steuern, oder besser: unter bestimmten Umständen unterdrücken und mir ein paar Minuten einen Freiraum schaffen, wenn ich es nicht aushalte, indem ich z.B. alleine in die Pause gehe. Ich habe mir ein recht grosses Pflichtbewusstsein antrainiert, da ich mit Menschen arbeite, die auf meine volle Aufmerksamkeit angewiesen sind. Eben, meine diversen (Über-)(Lebens-)Strategien. Ob das mit ADS überhaupt möglich ist, oder eben gar nichts damit zu tun hat, weiss ich wirklich nicht. ^^ Und natürlich funktionieren die auch nicht immer zu 100%.




    Das andere, was ihr hier beschreibt, mit der Ablenkung, das ist ein Problem, das ich tatsächlich ebenso gut kenne - und dem ich noch immer ausgeliefert bin. Für das habe ich noch keine wirklich nützliche Strategie gefunden - ausser, den Leuten an der Arbeitsstelle jetzt zumindest zu erklären, dass ich unter gewissen Umständen schlichtweg nichts mehr wahrnehmen - und nicht mehr denken kann. Da finde ich mich in Posting Nr. 6 hier von Madeira absolut wieder.

    Bei mir zu Hause ist es immer absolut ruhig, wenn ich alleine bin und irgend was mache. Da läuft kein Radio im Hintergrund, TV schon gar nicht (entweder ich schau was, oder das Ding ist ausgeschaltet), und manchmal, wenn ich etwas schreiben will, muss ich sogar Fenster und Balkontüre schliessen, damit ich durch die Autos oder die Vögel draussen nicht abgelenkt werde. Ich empfinde manchmal jedes Geräusch als unerträglich laut, vor allem dann, wenn ich mich auf etwas bestimmtes konzentrieren möchte. Dann ist es so, wie wenn diese Geräusche richtig in mich eindringen, laut und störend, meine köperlichen Grenzen wie durchdringen und in mein Innerstes eindringen, in meine Gedanken und diese... wegspülen.... da bleibt nur noch das Geräusch drinnen, nichts anderes hat mehr Platz in meinem Denken - und das macht mich hilflos ? wütend ? es ist einfach unerträglich... und muss ausgeschaltet werden. Im schlimmsten Fall dadurch, dass ich schlafen gehe und die Decke über meinen Kopf ziehe, um alles auszublenden.

    Die schlimmere Situation ist allerdings dann, wenn ich nicht zu Hause bin, sondern irgendwo unter Leuten, sei das im öffentlichen Verkehr (lärmende Kinder oder Jugendliche), bei der Arbeit, in der Stadt (Verkehr und viel zu viele Menschen), in einem Warenhaus (Musikberieselung), oder wo auch immer. Ich bin wirklich sehr extrem lärmempfindlich. Wenn z.B. im Heim in einem Raum Musik läuft und mir gleichzeitig jemand etwas erzählen will - höre ich nichts mehr, weder die Musik, noch den Inhalt der Worte. Oder wenn mehrere Gespräche quer über einen Tisch gesprochen werden. Ich staune immer, wie Leute sich übers Kreuz unterhalten können, manchmal sogar noch mitbekommen, was die anderen beiden reden - während es in meinem Kopf nur noch wie in einem Bienenhaus summt.... Aber leider auch dann, wenn ich mich auf eine administrative Arbeit konzentrieren sollte, und irgendwo ein Staubsauger angestellt wird, oder eine Bodenwischmaschine im Bad, oder ein Bewohner längere Zeit etwas lauter wird.....

    Dann ist es genauso, wie oben beschrieben: zu keinem klaren Gedanken mehr fähig, knapp vor dem Verzweifeln und mit absoluter Fluchttendenz, allerdings nicht in Tagträume, die sind dann auch nicht möglich, sondern einfach nur raus in die Stille, ins Allein-Sein (um dann endlich in meine Traumwelten eintauchen zu können ^^). Manchmal genügen fünf Minuten, aber es gibt Tage, da kann ich mich kaum auf etwas konzentrieren. Wenn es mir nicht gut geht oder ich privat auch noch Probleme habe, über die ich nachdenke(n muss, was dann eben leider oft wieder automatisch abläuft und nur schwer abgeschaltet werden kann), dann bin ich zu nichts zu gebrauchen und rede wie ein Wasserfall, um alle anderen zu über-reden, die Diskussionen nach meinen Themen zu steuern, damit ich wenigstens die Kontrolle über etwas habe.... (auch wieder eine Strategie, derer ich mir allerdings schon seit längerem sehr bewusst bin).



    Umgekehrt erlebe ich es aber auch, dass ich so auf irgend etwas konzentriert bin, dass ich meine ganze Umgebung ausblenden kann. Das kann ein interessanter Bericht sein, den ich schreiben muss, dann kann ich sogar Pausengespräche hinter mir so ausblenden, dass ich nicht mal mitbekommen, wenn ich plötzlich angesprochen werde. Oder wenn ich ein Buch lese und in diese Welt abtauche - dann merke ich plötzlich beim Aussteigen aus dem Zug, dass ich das zwängelnde Kind ein paar Minuten nicht mal mehr gehört habe. Wenn ich in die Stadt muss und etwas bestimmtes holen will (wie z.B. vor kurzem das Buch von Walter Beerwerth ), da kann es sein, dass ich so auf konzentrierte Automatik gestellt bin, dass ich es schaffe, drei Buchhandlungen innerhalb von drei Stunden in einem Rundgang abzuklappern, auf den zwangsläufig infolge Orientierungsschwiergkeiten gelaufenen Umwegen noch zwei weitere Buchhandlungen (wieder) entdecke, um das Buch dann genau im letzten Büchergeschäft zu finden - an dem ich auf dem Weg ins Stadtzentrum vorbei gefahren bin....


    Das ist jetzt zwar nicht der Humorthread, aber in meinem Kopf surrt es grad ganz angenehm, ...... nach fast zwei Stunden schreiben hier..........



    Entschuldigt bitte die Länge mal wieder - Respekt allen, die es bis hierher geschafft haben - und Danke fürs Lesen.


    Liebe Grüsse
    somniatrix
    Geändert von Somniatrix ( 4.07.2013 um 03:01 Uhr)

  9. #9
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 76

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Ich kann das. Mies wirkt sich das aus wenn man während des Tagträumens gerade in einer Klausur sitzt. Meistens dann wenn man kaum auf die Klausur vorbereitet ist.
    Es passiert mir auch oft beim Lesen, jedoch nur halb. Ganz merkwürdig, also ich lese und bin am Träumen, der Blick wird unscharf aber bleibt noch so weit scharf genug dass ich die Buchstaben erkennen kann. Der Blick wandert auch den Text entlang und wenn der Text relativ simple ist erfasse ich auch seinen Inhalt, obwohl ich dabei halb am Träumen bin.

  10. #10
    Neues Forum-Mitglied

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    Alter: 52
    Forum-Beiträge: 193

    AW: ADS Tagträumer; oder: Phänomen Innenblick!

    Dieses "wegdriften" fand ich Jahrelang sehr erschreckend. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin so tief in mir drin, dass ich es nicht mehr rausschaffe.

    War gruselig. Manchmal habe ich das, wenn ich Beifahrer über mehrere Stunden bin. Irgendwann sacke ich so weg, dass ich meinen Mann sagen muss, er soll anhalten. Ich habe dann richtig Panik und muss mich bewegen.

    Es fühlt sich nicht an wie träumen. Das kenne ich auch und das ist auch nicht so tief.

    madeire: Konzentrationsschwächen und "Reizüberflutung" hängen für mich eher weniger mit dem "Blick" oder meiner Gedankenwelt zusammen. Das ist eher ein Gefühl der Enge, ein pochender Kopfschmerz. Ich bin nicht fähig irgendeinen Gedanken zu fassen, einen Text aufzunehmen, Geräusche und Umwelt zu ertragen. Das ist definitiv was anderes. Das fühlt sich anders an, als würde es von "woanders" (wie erklärt man das verständlich?) kommen. Es ist keine Erlebniswelt, sondern eine "Denkeinschränkung", so als würden auf meiner Festplatte bestimmte Daten nicht verarbeitet werden. Ist für mich definitiv ein anderes Gefühl als das Träumen. Diese Konzentrationsschwächen sind allerdings mein absoluter Stimmungskiller und Informationsmülleimer. Die sind dann tatsächlich nicht mehr kontrollierbar und Quelle sozialer Konflikte und Fehler (bei der Arbeit zum Beispiel).


    Das kenne ich auch. Als ich nach ein paar Tagen Urlaub wieder ins Büro kam und alles auf mich einschlug, hatte ich genau dieses Gefühl. Es war einfach zu viel. Ich habe dann eine Ritalin genommen und nach einer Weile ging es viel besser. Das war wie ein aufwachen. Da habe ich das erste Mal gemerkt, was ich die letzten Jahre meinen Körper angetan habe. Trotz dieser schlimmen Konzentrationsschwäche immer weitergemacht. Das hat mich definitiv fertiggemacht.
    Ich habe mich fertiggemacht. Ich wollte das trotzdem schaffen und habe mich gezwungen - und Fehler gemacht und war pausenlos müde. Nach meinem Arbeitstag mit Medikamenten fühle ich mich auch müde, aber nicht mehr verzweifelt müde.

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