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Diskutiere im Thema "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
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  1. #1
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 227

    "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    Nochmal so ein Thema, das mich beschäftigt und die Frage, ob das jemand kennt.

    In einer Therapie hat meine Therapeutin mich mal als "emotionaler Seismograph" bezeichnet.

    Ich schwinge bei Stimmungen sehr stark mit, wobei Seismograph auch die Unabdingbarkeit beschreibt, mit der ich mitschwinge, d.h. ich reagiere und kann mich kaum abgrenzen.

    Dieses Mitschwingen bezieht sich auf aggressive Stimmungen, genauso wie auf traurige Stimmungen, freudige Stimmungen oder Stimmungen, in denen Unrecht geschieht.

    Agressive Stimmunge. z.B. Demonstrationen, traurige Stimmungen z.B. Tod, freudige Stimmungen z.B. kitschige Filmszenen, Unrecht z.B. bei ungerechten Gerichtsurteilen.

    Auf der anderen Seite fällt es mir schwer, mich in andere Menschen hineinzufühlen.

    Ich sehe, wenn jemand traurig ist, daran, dass er weint, also Tränen vergisst, aber ich fühle es nicht wirklich und kann auch nicht trösten.
    Mein Vater hatte einen schweren Herzinfarkt, ich spüre meine eigene Verlustangst, kann mich in ihn aber nicht hineinversetzen und analysiere z.B. die Überlebensrate seiner Erkrankung anhand von Statistiken, die ich im Internet finde (mein Bruder hat mich dafür für halb verrückt erklärt)
    Eine Freundin sagt mir, ich würde keine emotionalen Rückmeldungen geben, klar kann ich auch kaum, weil ich sie nicht fühle
    Eine ehemalige Arbeitskollegin kommt mit ihrem Baby zur Arbeit, alle Kollegen "turteln" um das Kind herum, ich sehe ihre Freude und sage zu mir, ein Baby, ja klar, sie ist Mutter geworden, aber das ist doch normal, ich spüre das nicht, sehe nur die Situation
    Ich kann schlecht beurteilen, was der andere von mir hören möchte, habe kein "Bauchgefühl" für das richtige Verhalten, aber auch kein "Bauchgefühl" bei den Dingen, die mich selber betreffen, d.h. Intuition ist schwach ausgeprägt
    Ich merke erst, wenn etwas schief gelaufen ist, wenn die Sache "vor die Wand gefahren ist" und bin dann irritiert und überrascht, weil ich es vorher nicht gemerkt habe, das betrifft z.B. die Kündigung während der Probezeit, wo man mir Teamunfähigkeit vorgeworfen hat, einiges im Argen lag, ich die Andeutungen vorher aber gar nicht interpretieren konnte

    Ich bin also keinesfalls gefühllos, bezeichne mich sogar selber als hochgradig sensibel und irritierbar, aber das bezieht sich nicht (unbedingt) auf andere Menschen, deren Reaktionen ich sehe, aus deren Verhalten ich Gefühle ablesen kann, was ich aber nicht (immer) (oder reduziert) wirklich fühle.

    Für mich ist das eigentlich ein Widerspruch.

  2. #2
    Weltenwandlerin

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 422

    AW: "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    *nick*
    Kann ich 100%ig nachvollziehen, und eben dieses "Mitschwingen" war auch ein Ausschlußkriterium für AS.
    Abgrenzen ist oft sehr schwer und anderseits wird mir auch nachgesagt in Gefühlsmäßigen Situationen zu Logisch und Analytisch zu denken, hab mir schon sonstwelche Schimpfwörter anhören dürfen, ich sei kalt, ein Monster etcppp...
    Inzwischen akzeptier ich es eben einfach so, das ich anders bin, und versuch Wege zu finden, wie ich evtl Grenzen setzen kann.


    Vlg, tiganii.

  3. #3
    Holdibaldi

    Gast

    AW: "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    Hallo xyberlin,

    xyberlin schreibt:
    Ich bin also keinesfalls gefühllos, bezeichne mich sogar selber als hochgradig sensibel und irritierbar, aber das bezieht sich nicht (unbedingt) auf andere Menschen, deren Reaktionen ich sehe, aus deren Verhalten ich Gefühle ablesen kann, was ich aber nicht (immer) (oder reduziert) wirklich fühle.

    Für mich ist das eigentlich ein Widerspruch.
    So wie du das beschreibst - und das machst du ausgesprochen gut -, sehe ich ich das nicht als Widerspruch, sondern als logische Folge der von dir so dargestellten Unfähigkeit, eine Situation qua Intuition zu durchleuchten. Stattdessen nimmst du offenbar primär sichtbare Signale wahr, die du zuvor schon in einer Werteskala einsortiert hast. Beispiel: Demonstrationen sind aggressiv, Beerdigungen sind traurig, Liebeskummer ist tragisch etc. und entsprechend fühlst du das dann. So stelle ich es mir jedenfalls vor, mag sein, dass ich hier falsch liege.

    Das Problem könnte sein, dass das primär sichtbare Signal nur die halbe Wahrheit darstellt. Eine Demo kann ja bei allem Getöse und Geschrei auch von recht lustigem Charakter sein, Beerdigungen sind nicht selten nur oberflächlich traurig, spätestens beim großen Fressen zeigt sich dann, dass schon ein fettig glänzendes Schnitzel und das ein oder andere schwere Glas Rotwein über den Verlust hinweg tragen und ein Freudenfest auslösen, wo sich alte Bekannte nach langer Zeit intensivst austauschen und dabei gänzlich vergessen, weshalb sie überhaupt zugegen sind. Die Trauer der Beerdigungszeremonie ist oftmals nur geheuchelt. Aber wie spürt man das, wo doch alle mit ernsten Mienen schweigend und ganz in Schwarz am Grabe stehen? Da kommt es auf Details an, Gesichtsausdrücke (Mimik), kleinste Reaktionen (oder eben gerade keine Reaktionen bei bestimmten Anlässen) und etliche weitere Details, die ich gar nicht bewusst wahrnehme, mir aber sehr schnell sagen, wie mein Gegenüber wirklich fühlt.

    Kannst du also wirklich aus dem Verhalten - das ja ein schier unendlich großes Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten umfasst, die weit über bloße situative Plakatierungen (Beerdigung, Demonstration, Träne vergießen, Liebe beteuern etc.) hinaus greifen - der Menschen ihre Stimmung ablesen? Ich vermute nein.

    Das mit dem Baby ist ein interessantes Beispiel, weil hier schon die Überlegung, wie man jetzt wohl reagieren solle, stark von der Norm abweicht. Das beschreibst du ja selbst sehr gut. Deine Kolleginnen stürzen sich auf das süße Baby, weil es einfach für sie verdammt süß ist. Meine Frau frisst jedes süße Kleinkind (sehr zum Leidwesen der meist misstrauisch reagierenden Mütter) mit Haut und Haaren auf, sie kann nicht anders, es ist ein Instinkt. Allerdings: nur die wirklich süßen Vertreter dieser Gattung, es gibt ja auch fette, speckige, eierköpfige und vom Verhalten her tröge Babys, da heucheln dann die werten Kolleginnen wahrscheinlich ihre Begeisterung auch nur vor.

    Was ich sagen will: Bei dir scheinen einmal instinktive emotionale Reaktionen mangelhaft ausgeprägt zu sein, aber auch die Fähigkeit, komplexe Verhaltensweisen intuitiv und von situativen Vorgaben unabhängig zu erfassen, deutliche Lücken aufzuweisen.

    Um zu deiner Ausgangsfrage zurückzukommen: Ja, ich kenne dieses Phänomen, du bist damit sicherlich nicht alleine. Während eines Praktikums wurde ich von einem Dozenten betreut, der sich als unfähig erwies, mit Kindern umzugehen. Ihm fehlte vollkommen die Fähigkeit, die kindlichen Signale kindgerecht zu deuten und adäquat zu reagieren. Ich stand beispielsweise neben einem schüchternen Jungen und erklärte ihm etwas, da kam der Dozent dazu, baute sich vor dem Kind auf und grinste es breit an. Der Junge stockte sofort und wurde sehr unsicher, er war ja von zwei großen erwachsenen Männern in dem Moment regelrecht umstellt. Der Dozent nahm das alles offenbar nicht wahr und begann, auf den Jungen einzureden. Ich zog mich daraufhin dezent zurück, um dem Kleinen wenigstens wieder etwas mehr "Luft zum Atmen" zu geben.

    Damit komme ich zum Schluss meiner Ausführungen, die hoffentlich nicht allzu altklug wirken. Ich hab ja nicht mal einen Lösungsansatz zu bieten.

    Es grüßt Dich,

    Holdi

  4. #4
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 227

    AW: "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    erstmal Danke für den Beitrag

    Stattdessen nimmst du offenbar primär sichtbare Signale wahr, die du zuvor schon in einer Werteskala einsortiert hast.
    Kannst du also wirklich aus dem Verhalten - das ja ein schier unendlich großes Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten umfasst, die weit über bloße situative Plakatierungen (Beerdigung, Demonstration, Träne vergießen, Liebe beteuern etc.) hinaus greifen - der Menschen ihre Stimmung ablesen? Ich vermute nein.
    Ich vermute, dass ich "gelernt" habe, wie bestimmte Situationen sich anfühlen, allerdings lassen sich nicht alle Situationen "aus dem schier unendlich großen Spektrum" "erlernen".
    Genauso habe ich (Beispiel Tränen) die physiologische Reaktion von Menschen zu verstehen erlernt, damit ich diese mit Gefühlen in einen Zusammenhang bringen kann, allerdings ist auch hier eine feingraduierte Abstimmung nicht erlernbar, sodass mein Verhalten holzschnittartig ausfällt und ich eben nicht fühle, also nicht wie oben geschrieben

    entsprechend fühlst du das dann
    Ja und dann die Analyse mit dem Baby, offenbar kann ich in einer Situation auch nicht richtig erkennen, ob das gezeigte Verhalten gespielt ist oder ehrlich gemeint ist.

    Da kommt es auf Details an, Gesichtsausdrücke (Mimik), kleinste Reaktionen (oder eben gerade keine Reaktionen bei bestimmten Anlässen) und etliche weitere Details, die ich gar nicht bewusst wahrnehme, mir aber sehr schnell sagen, wie mein Gegenüber wirklich fühlt.
    Genau das scheint bei mir nicht zu funktionieren.

    @tiganii ich bin auch dabei AS abzuklären, nur mir ist eben eben dieser "vermeintliche" Widerspruch aufgefallen, den ich deswegen hier für ein Feedback ins Forums-Plenum gestellt habe, weil bei mir die Schwierigkeiten, die ich offensichtlich beim Verstehen von menschlichem Verhalten habe, bisher nicht erkannt wurden, einschließlich von mir und ich mich wie oben geschildert oft nur über das Ergebnis meines Verhaltens wundere und dadurch extrem verunsichert bin.

    Bei dem Beispiel mit dem Kind musste ich schmunzeln, weil ich das auch kenne, ich habe versucht als Lehrer zu arbeiten und konnte gar nicht verstehen, was meine Schüler nicht verstehen konnten, ich konnte überhaupt keine Lernszenarien aufbauen, in Zweiergesprächen geht das, auch wenn das Thema sachlich erläutert wird, aber ich scheitere beim Erfinden von Geschichten zu Lerninhalten, bei der Motivierung oder wenn mein Gegenüber nicht versteht und mir nicht folgen kann ...
    Geändert von xyberlin (28.06.2013 um 21:27 Uhr)

  5. #5
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Alter: 28
    Forum-Beiträge: 523

    AW: "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    hmm in der situation mit dem baby hätte ich auch erst einmal zurückhaltend gehandelt,
    und wäre der mutter jetzt nicht um den hals gefallen und hätte ihr gratuliert wie die anderen..
    da würde ich mir denken hm schön ein baby, aber was hat das ganze jetzt mit mir zu tun?
    muss ich jetzt das machen was all die anderen auch machen?
    um nicht negativ aufzufallen?

    generall handel ich anders als die meisten menschen in ausnahme situationen,
    man kann mich immer sehr schwer abschätzen,
    aber das worüber ich mir einen kopf mache, ist dieses ständig aus der rolle fallen-
    dieses immer anders sein. ständig. ich werd es nicht los.
    ich versuche mich normal zu verhalten, doch durch irgendetwas klappt das nie.

    ein beispiel.

    ich war mit ein paar kumpels in der stadt und wir wollten etwas zu essen bestellen,
    als ich bemerkte, dass ich mein portmonee vergessen hatte,
    also hab ich mich schon einmal darauf eingestellt, heute mal kein mittag zu bekommen-
    währenddessen bestellten die anderen munter ihr essen ,

    während ich mich schoneinmal vor meinem "leeren teller" hinsetzte
    dann fragte einer, wieso ich denn nichts bestellen würde und ob ich keinen hunger hätte-
    dann meinte ich, dass ich mein portmonee vergessen hatte. von wegen "ach ist egal, hab eh nicht so viel hunger"
    er wollte mir etwas ausgeben und dass ich ihm das später dann wieder geben kann,
    aber ich blockte ab, er fragte mich weiter und weiter, richtig penetrant sogar
    ich verneinte weiterhin und wurde solangsam wütend, wieso er meine entscheidung nicht nachvollziehen konnte..
    nach der situation hatte ich das gefühl, dass er mir aus dem weg ging und irgendwie ein wenig "sauer" wirkte

    die meisten hätten wohl einfach den deal angenommen...


    kann ich dich mit deiner sicht auch nachvollziehen, auch bei den emotionalen sachen
    ich bin ein sehr emotionaler mensch, aber sehr schlecht emotionen bei anderen menschen abzuschätzen,
    generell situationen

    kennst du das, wenn du dich fragst, will der mich jetzt verarschen oder meint er das wirklich so?
    ich kann nie spaß von ernst unterscheiden und nehme viel persönlich

  6. #6
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 227

    AW: "Emotionaler Seismograph" versus Mitfühlen

    @DerTyp

    dass ich Ernst von Spaß nicht unterscheiden kann, kenne ich auch.

    Ich kann regelrecht explodieren, wenn man mich neckt, umgekehrt bekomme ich auch nicht mit, wenn meine Äußerungen andere ärgern.

    Wenn ich Situationen emotional gar nicht mehr einordnen kann, reagiere ich auch schon mal mit einem völligen Entgleisen, Wut, Depression, Verzweiflung, Selbstverletzung, Zerstörung.

    Der Widerspruch auch hier, ich hatte immer den Eindruck von mir, dass ich Ironie verstehe, dass ich Informationen zwischen den Zeilen lesen kann, genau das ist nicht der Fall.

    Mich wundert nur, warum die Eigenwahrnehmung so defizitär ist, aber das kann wirklich auch an der fehlenden Selbstwahrnehmung liegen, das wäre eine Erklärung.

    Manchmal weiß ich auch nicht, ob ich spiele, mich bewusst negativ in den Vordergrund stelle, oder die Dinge tatsächlich nicht mitbekomme, das ist auch wieder Teil dieser ständigen Verunsicherung, dich mich seit Kindheit begleitet und von außen wie soziale Angst oder selbstunsichere Persönlichkeit aussieht, aber vermutlich als Ursache die inkongruenten Wahrnehmungen beinhaltet.

    So eine typische Situation aus alter Zeit,ich wurde gefragt bei einem Praktikum (das liegt Jahre zurück, gleiches habe ich bei der Probezeitkündigung erlebt, insofern ist das Bsp. auch neu), ich würde ja sehr eigensinnig handeln, bzw. das war keine Frage, sondern ein Hinweis, meine ehrliche Antwort, ich weiß, dass ich die Dinge so mache, wie ich denke. Ich habe die unterschwellige Kritk gar nicht verstanden.

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