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Diskutiere im Thema Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
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  1. #1
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    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 569

    Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Ich denke mal, dass ich den Extremfall erlebt habe. Falls andere ähnliches kennen, würde ich mich über Gespräche freuen, aber ich hoffe eher dass ich die Ausnahme bilde.

    Wann man eine Triggerwarnung geben sollte ist mir nicht so klar. Deshalb mal vorsichtshalber: Wer von Fehldiagnosen und deren fatalen Folgen getriggert wird, sollte diesen Thread lieber meiden.

    *******

    Bis Mitte zwanzig war mir weder Adhs bekannt, noch was das genau ist und das ich davon betroffen sein könnte.
    Jeder der mich traf hielt mich für anders, was aber bei mir eher ein Grinsen auslöste, weil ich das ja wusste.
    Für mich bedeutete mein anderssein Normalität. Die negativen Sachen haben mich zwar oft genervt oder zu blöden Erlebnissen geführt, aber die positiven Sachen fand ich toll und meine Freunde mochten mich gerade weil ich so war wie ich eben war.

    Dann wurde ich sehr krank, schlimmer als ich es bis dahin kannte.
    Weil vieles durcheinander lief, blieb unklar was meine Symptome ausgelöst haben könnte.
    Nach wochenlangem Arzt-Marathon landete ich in einem Krankenhaus.
    Gleich zu Anfang erlebte ich mit, dass die Ärzte der Station sich über meine Symptome und was dahinter stecken könnte sehr uneinig waren.
    Es schien heftige Konkurrenzkämpfe zu geben, bei denen sich eine Frau gegen die sonst männliche Belegschaft zu wehren schien.

    Die Frau wurde meine behandelnde Ärztin.
    Ich dachte dass das toll sei, weil viele Untersuchungen ja halb nackt stattfanden.
    Diese anfängliche Sympathie teilte sie jedoch nicht.
    Sie schien von Anfang an Dinge über mich als sicher anzunehmen, die ich nicht verstand und ziemlich schockierend fand.
    Z.B. wüsste sie dass ich keine Schmerzen hätte, da sie beruflich Patienten ansehen können müsse ob sie Schmerzen hätten und bei mir sei das nicht der Fall.
    Mir war bis dahin alles immer von jedem sofort angesehen worden, weil ich einfach emotional direkt und offen war. Ein sprechendes Gesicht sozusagen.
    Doch es ging noch weiter und wurde immer absurder.
    Statt erst einmal zu fragen, stellte sie ihre Vermutungen als Tatsachen in den Raum.
    Meine psychische Störung sei deutlich erkennbar, dies müsse bereits früh aufgefallen sein, ich solle ihr Namen und Daten zu früheren Therapien geben.
    Es müsse für mich doch manchmal sehr einsam sein, keine Freunde zu haben.
    Ob es mich nicht langweilen würde, keine Ziele zu haben.
    Ob ich es nicht peinlich fände, im Vergleich zu meinen Freunden nichts im Leben erreicht zu haben.

    Ich war total baff. Aber auf meine Angebote mit Hausärzten zu sprechen weil keine Störungen bekannt waren, meine Freunde bei den Besuchszeiten einfach selbst kennenzulernen um zu sehen dass sie falsch liegt oder auch meinen Einwurf dass ich gerade das Abi nachholen würde um zu studieren und dies für mich definitiv ein sehr großes Ziel sei, ging sie nicht ein.

    Stattdessen wollte sie wissen ob ich bestimmte Erinnerungen an Erlebnisse hätte, die in mir negative Gefühle auslösen würden. Nach einigen freundlichen Worten über Therapie und wie wichtig es sei, dass ich mich dafür 'öffnen würde', ließ ich mich darauf ein.

    Einige der Dinge die Adhs-Kindern passieren, meinen Spielgefährten aber nie passiert waren, hatte ich als sehr peinlich erlebt und darüber danach mit niemandem mehr gesprochen.
    Ein Erlebnis in meiner Pubertät, für das ich mich hinterher sehr geschämt hatte, dachte ich sei schuld weil ich mich nicht genug gewehrt hatte, habe ich ebenfalls erzählt, allerdings erst nach mehrmaligen Nachfragen der Ärztin und weil sie mir versicherte dass dies der Schweigepflicht unterliege und niemand sonst hiervon erfahren würde.
    Auf gezielte Nachfrage sagte ich ihr dass ich einige heftige Auseinandersetzungen mit meinem Vater gehabt hätte, vor allem in der Pubertät, meist wenn es darum ging, dass meine Ideen und Verhalten nicht seinem arg konservativen Rollenbild entsprachen.

    So richtig belastend fand ich davon jedoch nichts mehr. Die Kindheits-Missgeschicke waren lange vorbei, liebevolle Beziehungen nach dem Übergriff hatten die Erinnerung daran weitgehend unwichtig gemacht und familiäre Auseinandersetzungen waren so schnell gegangen wie sie gekommen waren, wir hatten uns genaus lieb wie vorher.

    Für meine Ärztin sah das vollkommen anders aus.
    Die Kindheits-Fehler waren nun Zeichen für aggressives Verhalten gegen meine Mutter, die ich hassen würde.
    Mein Vater würde Streit suchen um meine aggressiven Annäherungsversuche abzuwehren, denn ich würde seit der Pubertät versuchen, eine sexuelle Beziehung zu ihm herzustellen.
    Meine Schilderung des Übergriffs sei deutlich als Täuschungsmanöver zu erkennen, damit die dort bereits vorhandene sexuelle Aggressivität von meinem Umfeld nicht erkannt werden konnte.

    Ich bat um meine Entlassungpapiere und fing an zu packen.
    Ich weiß bis heute nicht warum ich geblieben bin. Immer wenn ich denke es endlich zu verstehen, tauchen neue Erinnerungen auf, die weitere Lücken schließen, gleichzeitig aber ein noch extremeres Bild davon erzeugen, was dann abgelaufen ist.

    Es wurden die längsten zwei Wochen meines Lebens.
    Die meiste Zeit verbrachte ich sitzend, kauernd auf meinem Bett, eingehüllt in die Decke um bloß nicht als weiblich erkannt zu werden. Auf jede Frage von männlichen Ärzten reagierte ich panisch, denn die seien alle darüber informiert, dass ich vrsuchen würde sie über meine weiblichen Reize zu manipulieren und zu unnötigen Tests zu veranlassen.
    Antidepressiva ließen mich ständig zur Toilette rennen, doch die Dosis wurde erhöht, angeblich weil das dann schneller helfen würde.
    Musste ich doch mal auf Fragen von den Ärzten reagieren, tat ich dies nicht nur total verstört, sondern musste vorher erst meine Zunge irgendwie vom Gaumen losbekommen, denn inzwischen war ich so ausgedörrt, dass ich nur mühsam sprechen konnte.
    Schlimmer war jedoch was jedesmal danach kam. Denn meine Ärztin wurde jedesmal wütender. Es war egal wie sehr ich anderen Ärzten aus dem Weg zu gehen versuchte, sobald das nicht gelang, wurde ich von ihr dafür verantwortlich gemacht. Selbst als sie einmal daneben stand, zusehen konnte, dass der Arzt mich angesprochen hatte, warf sie mir danach vor, ich hätte mich ganz bewusst aufreizend bewegt, ihn gezielt provoziert und seine Beschützerinstinkte wecken wollen.

    Ich war wie gelähmt und das wurde sehr schnell immer schlimmer. In der zweiten Woche wurde ich von Besuchern auf dem Gang als Kloppi bezeichnet und angestarrt. Ich war kaum zwei Meter entfernt, sah ihnen in die Augen, doch sie schienen davon unbeeindruckt zu sein. Vielleicht dachten sie ich würde sowieso geistig nicht erfassen können, was um mich herum geschieht. Und ich war auch wirklich nicht mehr fähig darauf zu reagieren.
    Mir kam alles längst so irreal vor, dass ich anfing mich zu fragen ob ich über Nacht wahnsinnig geworden sein könnte.

    Nach etlichen Versuchen, mich durch Einzelgespräche dazu zu bringen, dass ich meine Schmerzen als simuliert 'zugeben' würde, gingen die Gespräche in eine andere Richtung. Wir hatten anfänglich über Gewalt gesprochen. Ich war oft aktiv an Aktionen gegen Gewalt beteiligt gewesen, insgesamt sozial engagiert. Ich hatte ihr gesagt, dass ich Gewalt als verstörend empfinde und deshalb schon als Kind oft nicht schweigend zugesehen habe, wenn andere schlecht behandelt worden sind.
    Sie fing an, mich vor den Gefahren für mein Umfeld zu warnen. Es könne sein, dass mir meine schwere Persönlichkeitsstörung nicht bewusst sei, abgespalten und bislang noch überlagert von meiner Rolle als 'guter' Mensch, die anerzogen sein könnte.
    Dies würde sich bald ändern. Meine Störung könne nicht dauerhaft unterdrückt werden, würde dann unkontrolliert ausbrechen und dies würde fast immer zuerst Menschen treffen, die dem Gestörten nahe stünden. Ich solle überlegen ob ich wirklich das Risiko in Kauf nehmen wolle, abzuwarten bis Familie oder Freunde Opfer meiner Gewalt werden würde. Ich solle darüber nachdenken was es über mich aussagt, dass ich dieses Risiko nun kennen würde und trotzdem nicht in die stationäre Psychiatrie wechseln wolle. Sie müsse mir dies nicht als Angebot sagen, wenn es nicht anders ginge, wäre eine Zwangseinweisung leider unumgänglich.

    Was auch immer davon in mir gewirkt hat, ich fing an zu glauben dass es vielleicht wirklich besser wäre wenn ich zustimme. Ich war ja wirklich schon immer anders gewesen. Wenn das typische Symptome dieser Störung waren, was wäre wenn sie recht hätte? Ich hab unzählige Male gefragt ob sie sich vollkommen sicher sei, sie war sich sicher. Ich erstarrte so sehr, dass ich kaum noch reden konnte, nur wenn es unvermeidlich war antwortete.
    Selbst als sie in meiner Gegenwart behauptete ich hätte ein Plazebo als schmerzlindernd empfunden obwohl ich ihr das Gegenteil gesagt hatte, brachte ich kein Wort mehr heraus, konnte sie nur anstarren und nicht begreifen dass das real passieren sollte.

    Was mich gerettet hat, waren kleine aber wichtige Fehler. Vielleicht weil ich trotzdem noch Dinge wahrgenommen habe, die andere Menschen übersehen.
    Oder weil der Zufall geholfen hat.
    Ich hatte tatsächlich große Schmerzen. Sie wurden erheblich schlmmer, sobald Druck auf eine Stelle an meinem Kopf kam. Liegen, schlafen, anlehnen war deshalb für mich nahezu unmöglich.
    Als sie aufhörte von mir zu verlangen, diese Schmerzen als nicht vorhanden zuzugeben, fing sie an von innerem Druck zu reden und das es mir sehr helfen würde, wenn ich diesen Druck einfach mal herausschreien würde. Wer mit einer liegend fixierten Patientin im gleichen Zimmer liegt, bekommt eine sehr deutliche Vorstellung davon, was mit schreienden Patienten getan wird.
    Die Vorstellung so behandelt zu werden und deshalb ständig weit schlimmere Schmerzen ertragen zu müssen weil ich ja den Druck auf den Hinterkopf dann nicht verhindern könnte, hielt mich davon ab. Obwohl ich nach jedem Gespräch mit der Ärztin mehr das Gefühl hatte, wirklich schreien zu müssen. Aus Verzweiflung.

    Als ich dann eher zufällig erfuhr, dass die Ergebnisse wegen der meine Ärztin mich zum Bleiben überredet hatte, in Wirklichkeit garnicht existierten, habe ich aufgehört an irgendetwas zu glauben.
    In dieser Nacht wurde mir klar, dass ich keine Angst mehr davor habe zu sterben. Ich musste bis zum nächsten Morgen warten, es sollte ein Abschlussgespräch geben. Und da ich längst dachte, dass alle anwesenden Ärzte genauso über mich dachten wie meine Ärztin, konnte ich nicht einfach abhauen. Ich dachte ich würde sofort abgeholt und zwangseingewiesen werden wenn ich das tue.
    Aber noch ein Gespräch mit der Ärztin hätte ich auch nicht geschafft, ohne mit dem Schreien anzufangen und das wusste sie auch. Sie hatte mir selbst nur wenige Stunden davor gesagt, dass ich schreien würde, sie sei sich da ganz sicher.

    Ich bin in dieser Nacht gestorben. Der kleine Teil von mir, der innerlich an Gefühlen noch herumzappelte, erschien mir lebensgefährlich. Denn Gefühle waren das womit diese Frau arbeitete. Als hätte sie selbst keine und würde meine deshalb wie ein Instrument beherrschen und benutzen können.
    Als sie am nächsten Tag ins Zimmer kam um mich zu dem Gespräch zu holen, habe ich garnichts gefühlt. Ich hatte meine Sachen gepackt, saß in Alltagsklamotten auf dem Bett und weigerte mich.
    All die Argumente, ihre zunehmend aggressiven Vorwürfe, nichts davon funktionierte mehr bei mir. Sie konnte meine Gefühle nicht mehr sehen und das machte sie vollkommen blind dafür wie sie mich manipulieren könnte.

    Ich habe trotzdem verloren.
    Denn die Gefühle kamen nicht wieder. Ich wollte zu Hause alles rausweinen, aber da waren keine Tränen mehr. Da war garnichts mehr.
    Weil die Schmerzen noch wochenlang da waren, ich aber die Erinnerung an die Erlebnisse sehr schnell verloren habe, ging ich dann zu einem Psychiater mit eigener Praxis.
    Mir schwebte ungenau etwas über psychosomatische Probleme im Kopf herum.
    Wir hatten drei Probesitzungen, dann meinte er es gäbe nichts zu behandeln, ich sei 'so normal' wie andere auch.
    Er bat mich, ein Buch über das wir gesprochen hatten, erst später abzuholen und verabschiedete mich sehr freundlich.

    Als ich das Buch vier Wochen später abholen wollte, wurde ich zu ihm hinein gebeten und traf einen völlig veränderten Menschen an.
    Er war plötzlich sehr kalt, barsch, meinte er habe es vorher nicht erkannt, aber meine Persönlichkeit müsste zutiefst gespalten sein, dieser Teil von mir anscheinend verdrängt.
    Ich war geschockt, bat darum das zu therapieren, er lehnte ab. Ich solle erst erkennen worin diese Spaltung bestünde. Als ich sagte, dass das doch eher in einer Therapie herausgefunden werden könnte, wenn es doch verdrängt sei, wurde er sehr ungehalten. Ich würde das schon selbst rausfinden, dann könne ich ja wiederkommen. Damit wurde ich rausgenötigt.
    Aus heutiger Sicht denke ich 'jup, hat er wohl recht gehabt' denn ich hatte ja bereits was verdrängt. Aber so wie er sich verhalten hat, war dass was ich verdrängt hatte nicht das was er meinte. Er verhielt sich nicht so als sei ich traumatisiert. Er erhielt sich so als sei ich das was die Ärztin in mir sehen wollte. Mangels Erinnerung verstand ich es nur nicht.

    Die ursprünglichen Schmerzen ließen nach, doch von da an bekam ich immer öfter Migräne, Rückenschmerzen und heftige Gelenkschmerzen. Alles hatte bereits vor dem KH angefangen, wurde mit den Jahren aber immer schlimmer.
    Ich bin ein Jahr danach umgezogen, um zu studieren. Es gab keine Freunde mehr, die ich zurücklassen musste. Innerhalb weniger Monate nach dem KH hatte ich alle Kontakte abgebrochen. Die Kommentare darüber das ich so 'vollkommen anders sei' und Fragen danach was denn mit mir los sei, habe ich nicht ertragen können. Überhaupt schien alles auf einmal sehr anstrengend zu sein.

    Jahre später wurde ich wieder sehr krank.
    Ich kam in ein anderes Krankenhaus und war von Anfang an total panisch ohne es zu verstehen. Sogar ohne es richtig zu erkennen.
    Aufnahme durch eine Ärztin, die sofort MRT ansetzt.
    Auf der Station fragt eine andere Ärztin nach Vorerkrankungen, ich weiß nur ungenau das mal was psychosomatisches war und wo das war.
    Das eigentlich für diesen Tag - ein Freitag - angesetzte MRT fand nicht statt. Meine Fragen wurden erst beschwichtigt, dann später sagte man mir dass ich von der Liste gestrichen sei. Stattdessen wurde ich mit Medikamenten ruhig gestellt und meine Fragen abgewehrt, ich solle mich nicht aufregen, meine Ärztin würde nächste Woche bestimmt mit mir sprechen.
    Mit Taubheit in den Beinen kam ich an, bis Sonntag war es so schlimm geworden, dass ich kaum noch laufen konnte.
    Ich wusste zwar nicht was los war und hatte keine Erinnerungen an früher die es mir erklärt hätten. Doch ich wusste dass ich nicht bis Montag warten durfte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und verlangte derart hartnäckig nach einem Arzt, dass der dann abends endlich gerufen wurde.
    Es war die Ärztin die mich eingewiesen hat. Sie war entsetzt darüber wie sehr sich mein Zustand verschlechtert hatte und ziemlich wütend weil das von ihr angeordnete MRT abgesetzt worden war.

    Nach dem MRT war ich plötzlich Patientin erster Klasse.
    Mit Entzündungen im Gehirn und Verdacht auf Multiple Sklerose wird man plötzlich viel ernster genommen.

    Trotzdem bin ich daran innerlich untergegangen. Ich wusste nicht was in mir abgeht, aber ich wollte morgens nicht mehr aufstehen und fand das extrem bedenklich. Also suchte ich mir einen Therapeuten.

    Gleich zu Anfang machte er sich zu meiner Krankengeschichten Notizen, fragte wo was davon gewesen sei und fing schon bald an über dissoziative Störung zu reden. Mir war egal was das ist, ich wusste dass ich Probleme hatte, ich wollte wieder ein richtiges Leben haben, egal was bei nebenbei an medizinischen Diagnosen rauskommt, ich wollte endlich wieder an meine Gefühle herankommen.
    Was ich nicht begreifen konnte war, warum er meine Angaben stets in bestimmte Richtungen interpretierte. Ich sah mich nicht als 'wir' an, fühlte keine mehreren Personen in mir, aber ich habe das nicht hinterfragt. Ich dachte wenn er das so sieht, wird er als Profi schon wissen wie es einzuordnen ist.

    Streit gab es immer wenn meine körperlichen Beschwerden so stark wurden, dass ich seine Ansagen dass das alles psychisch sei und ich damit nicht zu Fachärzten müsse, in den Wind geschossen habe. Das führte mehrmals zu monatelangen Therapiepausen. U.a. weil ich zwei kaputte Bandscheiben hatte, die alle anderen Optionen durch hatten, es blieb nur noch Operation und die laut Fachärzten möglichst bald, da sonst ein Vorfall im Rollstuhl enden könnte.
    Mein Therapeut war trotzdem vollkommen dagegen.
    Und sah mich dann über sechs Monate lang nicht.

    Mich selbst nicht fühlen zu können, hat mich orientierungslos gemacht. Sobald die körperlichen Probleme halbwegs geregelt waren, ging ich wieder zur Therapie. Ich wollte ja unbedingt therapiert werden und ob der Typ nun medizinische Dinge verstehen konnte oder nicht, schien mir in Bezug auf meine psychischen Probleme nicht entscheidend.

    Wie das ausgegangen ist, kann man ja bereits im anderen Thread über meinen Therapieabbruch nachlesen. Wenn er nicht selbst versehentlich seine Diagnose damit gerechtfertigt hätte, das frühere Ärzte sowas schon festgestellt hätten, wüßte ich jetzt noch nicht was ihn so verändert hatte. Natürlich hat er diese Aussage später zurückgenommen und behauptet nichts derart gesagt zu haben.

    Ich habe die Krankenakte von damals angefordert. Die ziemlich frei erfundenen Notizen der Ärztin haben mich kaum noch geschockt. Der eigentliche Schock bestand darin, dass dort nichts von meiner ach so gefährlichen Axt-Mörder-Störung stand. Nichts von aggressiver Sexualität oder Gewaltneigung. Nichts über Inzestwünsche oder das ich so eine extreme Gefahr für andere sein könnte. Die anderen Ärzte haben mir nicht etwa die Hilfe verweigert weil sie nicht mitbekommen hätten, dass es mir rapide schlechter ging. Sie haben vielmehr darin die Störungen gesehen, die sie der Ärztin vorher noch angezweifelt hatten. Ich hätte ewig auf Hilfe warten könnten, sie wäre nie gekommen.

    Wenn ich jetzt auf die gesamte Zeit zurückblicke, fallen mir immer mehr merkwürdige Zufälle auf.
    Z.B. dass ich immer wenn Behandler von dem KH erfahren hatten, in dem ich für total gestört gehalten worden war, plötzlich nicht mehr als normale Patientin behandelt worden bin.
    Oder dass auch nach erkannter körperlicher Erkrankung totgeschwiegen worden ist, dass die Behandlung verzögert wurde weil ich erst - und aus nicht genannten Gründen - als psychisch Gestörte gesehen worden war.
    Ich erinnere mich daran, dass die Ärztin die das MRT abgesetzt hatte, mir danach nur noch ein einziges Mal begegenet ist. Sie sollte Blut abnehmen, kam herein, sah dass es um mich ging und ihre Hände fingen an so heftig zu zittern, dass ich wegsehen musste. Ich war zu erstarrt um zu flüchten. Ich hoffte einfach inständig dass sie entweder die Ader trifft oder beim daneben Treffen im Bett landet statt in meinem Bauch.
    Danach hieß es sie hätte Urlaub.

    Es kommt mir unglaublich vor, dass gleich mehrere Behandler ohne mein Einverständnis Informationen eingeholt haben sollten. Und dass das was sie zu hören bekommen haben, derart überwältigenden Einfluss gehabt haben könnte, dass sie jegliche Eigenverantwortung in den Wind geschossen haben und das Gehörte einfach umgesetzt haben, statt zumindest zugunsten der Patientin zu zweifeln und nachzuprüfen ob ich wirklich nicht körperlich krank bin.

    Aber was wenn es wirklich geschehen ist? Dann tut sich ein Abgrund auf, den ich keinem Gruselfilm abkaufen würde.

    Vor ein paar Tagen habe ich meine Eltern besucht. Meine Mutter ist zur Zeit gesundheitlich angeschlagen, deshalb habe ich mit meinem Vater abgesprochen, dass sie von der Sache mit meinem Therapeuten erstmal nichts erfährt.
    Ich komme rein, der mütterliche Scanner-Blick geht über mich und sie fragt:"Sag mal nimmst du denn dein Ritalin nicht mehr?"
    Ich guck sie überrascht an und sage "doch, wieso?" (bei meinen Eltern ist MPH immer Ritalin)
    Darauf sie:"Na weil du plötzlich wieder so dünn geworden bist!"

    Ich habe gelacht.
    Zum ersten Mal in diesem Jahrtausend habe ich gelacht als jemand mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich 'nicht normal' bin.
    Weil es für mich nicht mehr bedeutet, dass ich ein schlechter Mensch bin.

    Die Zeit in der ich aufgrund einer Studie monatelang nicht bei meinem Therapeuten war, war gleichzeitig die einzige Phase seit Jahren, in der ich nicht nur normalgewichtig war, sondern das Normalgewicht auch konstant halten konnte.

    Als ich die Studie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, habe ich spontan losgeheult und konnte tagelang nicht damit aufhören.
    Da ich jahrelang überhaupt nicht weinen konnte, habe ich das nicht verstanden und war total damit überfordert.
    Heute weiß ich warum ich geweint habe.

    Die Studie war eine Verbindung zu dem Menschen der ich früher einmal war.
    Einfach etwas tun weil man von der Sache überzeugt ist. Ohne das es super anstrengend ist weil man mal wieder 'funktionieren muss'.
    Und ohne dass ich es mir kaputtreden konnte, denn es würde ja niemand wissen dass ich teilgenommen hatte. Also konnte es nicht so aussehen als würde ich nur die Rolle eines 'guten Menschen' spielen.
    Niemand dort hat mir das Gefühl gegeben, anders sei gleich schlecht.

    Es hat zwar wehgetan, aber ich glaube weinen war ein guter Anfang. Und ja, ich kann mit MPH tatsächlich mehr essen als ohne. Weils dann neben normalen Mahlzeiten auch noch den Rebound gibt und bei mir ist der meist mit Pizza und Schokolade verbunden.

  2. #2
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 44
    Forum-Beiträge: 1.943

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Auri.......................... ............. Mach bitte nen Triggerzeichen oben in die Überschrift, irgendeiner. Schnell.

    Ich weiss nicht was ich dir dazu sagen soll.
    Ich fühle nur das ich auch schreien wil, um dich, um alle denen solche Menschen "passieren", in allem Vertrauen das man doch in sie haben sollte.

    *schluckt nur und geht erst mal frische Luft schnappen*

    ach, eines weiss ich zu sagen- Respekt für Deinen Mut und deine Stärke !

    Bis später

  3. #3
    Ist interessiert

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Forum-Beiträge: 33

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Von mir auch Respekt!

  4. #4
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 569

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    stargazer schreibt:
    Auri.......................... ............. Mach bitte nen Triggerzeichen oben in die Überschrift, irgendeiner. Schnell.

    r
    Öhmja, also über Edit scheints nicht zu gehen oder ich habs nicht rausgefunden.

    Falls das jemand vom Team bitte nachholen könnte?

    Dickes Sorry

  5. #5
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 44
    Forum-Beiträge: 1.943

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Wegen der Überschrift,...
    Ach ja, hab vergessen das das nicht geht, also man selbst kann das nicht. Melde einfach deinen Beitrag mit entsprechender Taste. Das sollte genügen & schneller sein als warten bis es einer liest.
    Ich bin aber wieder auf dem Boden. Keine Sorge, ich hatte nur nicht gedacht, das es SO heftig sei.
    "Normalerweise" (wie krass dieses Wort mir allein grad vorkommt) bin ich nicht von Pappe...

    Trotzdem muss ich das weiter sacken lassen, das ist einfach ne Story, also...oh Auri, ich hoffe, wenn dir das hilft, das Dir noch viele viele Menschen zuhören und Du diese Ungerechtigkeit irgendwie verdauen kannst und immer jemanden hast, dem du wirklich vertraust und das auch kannst.

    Eins denk ich grad noch, wie toll das es dieses Forum gibt, das dich die Atmosphäre hier dazu ermutigt hat..(hat sie?).. das auch hier loszuwerden.

    < so sind wir nämlich nicht.

    einen nachdenklichen Gruss
    Stargazer

  6. #6
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 569

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Hey, erstmal danke für eure lieben Kommentare.

    Ich habe inzwischen die Meldung abgeschickt, denk mal das mit der Triggerwarnung kommt sobald das Team die Meldung hat.

    Bis gestern Abend hatte ich nicht vor, hier mit dem 'Nichtmehrschweigen' anzufangen. War eher spontan. Weil ich immer mehr Beiträge finde, die irgendwie sehr vertraut zu sein scheinen und viele hier Sachen erlebt haben, die ich ganz ähnlich kenne. Ich weiß gerade nicht, ob mein Beitrag nun hilfreich ist oder eher abschreckend. Eigentlich würde ich gerne denen Mut machen, die Angst vor psychologischen Testungen haben.

    Je gründlicher ihr euch testen lasst, je unabhängiger dies geschieht und je eher ihr das tut, desto weniger können die Ergebnisse durch eure Ängste und negativen Erwartungen verfälscht werden. Keine Diagnose löst Reaktionen aus, wie sie mir entgegen gebracht worden sind. Denn normale Behandler wollen tatsächlich helfen. Dass es keinem Patienten helfen kann, ihn verletzend zu behandeln oder aggressiv zu werden, steht außer Frage.

    Wer sich gerne testen lassen möchte und nur wegen irgendwelcher Befürchtungen zögert, sollte sich meinen Fall noch einmal durchlesen. Oder Fragen dazu stellen, gern auch per PN. Denn dieser Alptraum wäre nie möglich gewesen, wenn ich da schon die Adhs-Diagnose gehabt hätte.
    Oder wenn ich überhaupt irgendeine Diagnose gehabt hätte, die durch so gründliche Testereien erfolgt wäre, wie es bei den Adhs-Tests für Erwachsene der Fall ist.

  7. #7
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 89

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Hi,
    wow ich bin mal ganz aus den socken.respekt an dich und dein durchhaltevermoegen.bin echt sprachlos....

  8. #8
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 569

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Oh, danke.

    Ehrlich gesagt fühl ich mich eher wie das Gegenteil davon. Für mich wäre Stärke gewesen, mich zu wehren statt solche Dinge zuzulassen.
    Ich hoffe ich habe jetzt wenigstens daraus gelernt ggf. zum Abschied zu winken falls nochmal jemand plötzlich abdreht.
    (Was aber hoffentlich nie wieder passiert, ich könnte so drei bis fünf Jahrzehnte ohne solche Erlebnisse echt gut brauchen.)

  9. #9
    Allanon

    Gast

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Ich bin fassungslos ! so anmassend !
    Da kocht mein Gerechtigkeitssinn und Impuls hoch !

    Mensch das tut mir echt Leid zu lesen *knuff* und gleichzeitig macht es mir auch Angst (Angst, dass ich irgendwas net sagen darf wegen eventuelle Anmassung/Zwangsdiagnose etc...)

    Ich danke Dir fuer das teilen, als Paranoiker halte ich die Augen auf ^^ :-*

  10. #10
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 569

    AW: Wohin fehlende ADHS-Diagnosen führen können

    Hey, versuch du selbst zu bleiben.

    Angst ist ein super Signal für Gefahren. Ein Signal, kein Mittel um auf die Gefahr dann richtig reagiern zu können!
    Denn wenn du deiner Angst das Ruder überlässt, macht sie dich handlungsunfähig. Du reagierst nicht mehr auf das was da ist, sondern auf deine Angst. Und die wird dann jedesmal größer wenn du etwas als Gefahr wahrnimmst. Und auch Gefahren scheinen dann plötzlich immer öfter aufzutauchen.

    Ich hätte in meiner Geschichte unzählige Male die Chance gehabt, mich zu wehren, laut Nein zu sagen, Dinge zu verhindern usw.
    Wenn ich nicht auf meine Angst reagiert hätte, sondern auf das was sie auslösen sollte: Wut

    Wut wird ständig mit Gewalt in Verbindung gebracht. Deshalb wird sie negativ gewertet, verachtet, unterdrückt und aberzogen.
    Dabei ist Wut lebensnotwendig! Denn man braucht Wut um Nein sagen zu können und sich wehren zu können.
    Angst lähmt, Wut treibt aktiviert.

    Erst wenn diese Wut nicht da sein darf entsteht Hilflosigkeit.
    Gewalt ist eine der möglichen Reaktionen auf Hilflosigkeit.

    Angst vor der Angst macht krank und verstört. Wenn das dann zu entsprechenden Diagnosen führt, liegt das Problem nicht beim Behandler, sondern bei der eigenen Angst. Die dann neues Futter bekommt und größer wird.
    Ein ganz schlimmer Kreislauf, aus dem man nur ausbrechen kann, wenn man sich das Recht auf Wut über unfaire Behandlung zugesteht.

    Ich wünschte, ich wäre nur ein einziges Mal so mutig gewesen, wütend zu werden.
    Wütend genug um Nein zu sagen, statt zu erstarren und auf Hilfe von außen zu hoffen.

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