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Diskutiere im Thema ADHS und Dissoziation im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
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Allgemeine Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADHS bei Erwachsenen und ADS bei Erwachsenen
  1. #231
    OMMM-Beauftragte

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 47
    Forum-Beiträge: 5.742

    AW: ADHS und Dissoziation

    Alltagsrelevanz ist prima - und in unser aller Sinne ist wohl auch, dass das Verständnis für die Diagnose größer wird ... ich hoffe ja immer noch auf einen eindeutigen, allesbewahrheitenden Gentest oder dergleichen, damit diese Glaubenskriege und Esotrittbrettfahrer erstickt und alle Leidensgenossinnen und -genosseriche erleichtert orientiert und alle Probleme dieser Welt damit gelöst werden können ... *hrmpf

  2. #232
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 671

    AW: ADHS und Dissoziation

    Könnt ihr den Begriff Dissoziation bitte nochmal erklären?
    Welche "Richtungen" oder "Abstufungen" gibt es? Wann würde man von einer dissoziativen Störung sprechen?
    Unterschiedet sich das Dissoziieren von Menschen mit ADHS von dem, von Menschen ohne ADHS? Gibt es da bestimmte typische "Gepflogenheiten"?

    Ich hab das jetzt so verstanden, dass die meisten ADHSler allein wegen ihrer fehlenden Reizfilter schon von klein auf "allgemein dissoziieren". Ist das richtig? Und es gibt auch ADHSler, die es nicht tun und die dann einfacher durchs Leben kommen.

    Inwiefern wirkt Methylphenidad antidissoziativ? Was ist an den Retardprodukten schlecht?

  3. #233
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 2.632

    AW: ADHS und Dissoziation

    Mrs.Shankly schreibt:
    Ich habe seit ich mich erinnern kann (und meiner Erinnerung ist sehr lückenhaft) den Eindruck, das meine Gefühle nicht echt sind.

    Ich kann mich selbst deswegen nicht ernst nehmen. Ich kann mir nicht glauben, wenn ich sage „Ich hasse“ oder „Ich liebe“, ich kann mir das nicht zu gestehen. Ich fühle mich, als würde ich mich beobachten, als wäre ich nicht ich. Ein halber Mensch. Das eigentlich Schlimme ist, das der Teil von mir, der das alles zu fühlen und zu erleben scheint entsetzlich darunter leidet, nicht als real anerkannt zu werden.


    Ist das Dissoziation?
    Ja, das ist eine ziemlich gute Beschreibung dafür, WAS die Folge einer Dissoziation ist. Unter der Voraussetzung, dass dieser Vorgang vom Dissoziierenden bewusst wahrgenommen wird, so wie jetzt bei Dir (es gibt sozusagen "erfolgreiche Dissoziierer", denen dieser Vorgang lebenslänglich unentdeckt bleibt). Dann kommt es ganz allgemein gesagt zu einer Wahrnehmung der Gespaltenheit innerhalb der Person und zu einem Entfremdungserlebnis, da Gefühls- und Gedankenwelt als nicht deckungsgleich und als nicht miteinander zu vereinbaren wahrgenommen werden.

    (Es gibt auf der anderen Seite, wie gesagt, "erfolgreiche Dissoziierer", die sozusagenn ihr ganzes Leben lang als halbe Person durch die Gegend laufen, vielleicht sich in ihren Möglichkeiten auch als reduziert erleben, ihre Wahrnehmung gelangt allerdings nie bis zum Bewusstwerden der Gespaltenheit, d.h. dass sie an dieser Gespaltenheit (scheinbar und offensichtlich) auch nicht leiden. Es bedürfte hier sozusagen der Hände eines erfahrenen Therapeuten, diesen Leuten klarzumachen, dass sie weit unter ihren Entwicklungsmöglichkeiten bleiben, wenn sie ihre Person nicht zur Gänze zur Enfaltung bringen, da diese Leute der absoluten Überzeugung sind, dass dasjenige, was von ihrer Person nach der Spaltung übrig bleibt, diejenigen Anteile also, mit denen sie im Alltag weiterleben, ihre ganze Identität seien. Sie haben also dieses Bewusstsein der Spaltung, so wie Du es recht plausibel beschrieben hast, nicht oder noch nicht.)
    Geändert von Eiselein ( 2.04.2012 um 18:18 Uhr) Grund: Beitrag um einen Absatz erweitert

  4. #234
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 2.632

    AW: ADHS und Dissoziation

    web4health schreibt:
    Typischerweise rufen ADHSler nicht über Zeiten sondern über innere Bilder Erlebnisse ab.
    Oder über die bildhafte Vorstellung von Gegenständen, die mit dem Erlebnis verknüpft sind. Oder aber über Gegenstände, Situationen in der Jetztzeit, die dann - déjà-vue-artig - an vergangene Situationen erinnern. Oder über das tatsächliche Vorhandensein von Gegenständen (Erinnerungsstücken), die mit einer konkreten Emotion besetzt sind, über die eine Verbindung zu/Erinnerung an eine konkrete Situation in der Vergangenheit gelingt.

  5. #235
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 38
    Forum-Beiträge: 2.435

    AW: ADHS und Dissoziation

    Eiselein schreibt:
    Oder über die bildhafte Vorstellung von Gegenständen, die mit dem Erlebnis verknüpft sind. Oder aber über Gegenstände, Situationen in der Jetztzeit, die dann - déjà-vue-artig - an vergangene Situationen erinnern. Oder über das tatsächliche Vorhandensein von Gegenständen (Erinnerungsstücken), die mit einer konkreten Emotion besetzt sind, über die eine Verbindung zu/Erinnerung an eine konkrete Situation in der Vergangenheit gelingt.
    nicht in zeiten abrufbar.... wie machen es dann die nicht adhsler?
    sind da die errinerungen irgendwie nach datum abgelegt?

    p.s. dann haben wir ja den schnelleren weg - weil wir dann direkt von der jetzigen situation in die
    vergangenheit switschen können - oder passieren uns da zu viele fehler, weil wir in der früheren
    dissoziert/derealisiert haben?

  6. #236
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen:
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 1.096

    AW: ADHS und Dissoziation

    Also ich möchte mich zu der anscheinenden Minderheit bekenne, die 1.) ein mega-schlechtes Gedächtnis haben (wobei ich tatsächlich für realistisch halte, dass ich bis Mitte 30 "erfolgreich" dissoziiert habe) und 2.) das wenige, was sie abrufen können, auch nicht über Bilder tun, da zusätzlich zum miserablen Gedächtnis auch noch eine absolut grottige Vorstellungskraft vorhanden ist und null räumliches Denken...

    Ich hoffe jetzt einfach mal, dass das keine direkten "Ausschlusskriterien" für ADHS sind?

    LG Amn

  7. #237
    Fühlt sich hier wohl

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Fachperson
    Forum-Beiträge: 671

    AW: ADHS und Dissoziation

    Doch, Du bist "raus".
    Nein, ernsthaft. Natürlich muss man nun nicht zwingend in Bildern sich erinnern um ADHS zu haben. Ich habe auch eher ein schlechtes visuelles Gedächtnis. Ich merke mir aber eher Assoziationen bzw. Metaphern. Das klappt gut.

    Die Frage ist eher, ob man über diese inneren Bilder halt an Erinnerungen ran kommt. Wenn man halt weiss, wie es geht.

  8. #238
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 2.632

    AW: ADHS und Dissoziation

    schnuppe schreibt:
    Könnt ihr den Begriff Dissoziation bitte nochmal erklären?

    ERSCHEINUNGSBILD UND VERLAUF EINER DISSOZIATION


    Das ist gar nicht so einfach, das auf einen Punkt zu bringen. Schließlich haben wir jetzt schon 25 Seiten gebraucht, uns dem Thema Dissoziation anzunähern.

    Fest zu stehen scheint, dass am Beginn einer Dissoziation ein emotionales Erleben steht, das in seiner Heftigkeit, Intensität oder auch seinem Umfang nach, für die Person eine solche Bedeutung hat, dass es nicht auf normalem Weg erlebt, verarbeitet und in dieselbe integriert werden kann. Einfach gesprochen kommt es am Beginn zu dem Versuch, diese Emotionen, die als nicht bearbeitbar, bewältigbar auftauchen, zu unterdrücken und ins Unterbewusstsein zu verschieben.

    Es kommt zu einer Abspaltung von diesem Gefühl, das irgendwo in einer hinter Ecke der Festplatte im Gehirn abzulegen versucht wird. Die Gedankenwelt erklärt dieses Gefühl für gefährlich, böse oder zu überwältigend und distanziert sich von der Aufgabe, genau genommen dispensiert sich von der Aufgabe, dieses Gefühl zu bearbeiten.

    Bei einigen Leuten, die ich „erfolgreiche Dissoziierer“ nenne, scheint dieser Vorgang zu gelingen. Echte „Profis“ im Dissoziieren können es sogar so weit bringen, dass die unerwünschten Emotionen tatsächlich so gut auf der Festplatte des Gehirns verschwinden, dass das Gedächtnis in der Tat keinen Zugriff mehr auf sie hat. Man könnte hier auch von einer erfolgreichen Verdrängung sprechen.

    Bei den meisten wird es jedoch so sein, dass die unverarbeiteten Emotionen immer wieder wie die Spitze des Eisbergs, der im Meer treibt, über konkrete Auslöser (Trigger) ins Bewusstsein schießen. Ohne dabei zunächst deutlich zu machen, was sich unter der Wasseroberfläche noch alles angesammelt hat.

    Was unten ist, soll unten bleiben – dies ist sozusagen das Grundgesetz der Dissoziation.

    Trigger können sein das Erleben einer Situation, die ähnliche Emotionen hervorruft, wie die bereits unterdrückten, bestimmte Bilder, die an die frühere Situation erinnern, Gegenstände/Erinnerungsstücke, die beim Erleben der vergangenen Situation eine Rolle spielten, bestimmte Wörter oder Sätze, die Emotionen auslösen, die denjenigen, mit denen die vergangenen Situation verknüpft war, ähneln. Auch Träume/Alpträume, die Unverarbeitetes freilich in stets bildverschlüsselter Gestalt wieder ins Bewusstsein bringen, können nach dem Aufwachen die so genannten „Flashbacks“, um die es hier geht, hervorrufen.

    Wie reagiert nun der Dissoziierte auf dieses Anfluten/Hochkommen des Unverarbeiteten und des nicht in die Person Integrierten?

    Nun, mit Dissoziation.

    Die entsprechenden Gefühle, die auftauchen, werden mit den Gefühlen verglichen, die einstmals unverarbeitet unterdrückt worden sind und für ähnlich befunden. D.h. sie bekommen von der Gedankenwelt ausgehend das Etikett: böse, bedrohlich, nicht zu bewältigen. Es setzt sich wiederum der Vorgang der Spaltung in Gang, das Gedankenleben distanziert sich von den Gefühlen, diese werden abgespalten, unterdrückt und kommen zu den anderen Leichen im Keller, stets mit der immer wiederkehrenden Hoffnung verknüpft, dass sie diesmal auch dort unten bleiben mögen und nicht wieder unvorhersehbar ins Bewusstsein rücken.

    Der ADHSler scheint besonders prädestiniert für den Vorgang der Dissoziation zu sein, weil bei ihm eine Reizfilterschwäche vorliegt, die ohnehin schon dazu führt, dass zu viele äußerliche Reize – diese brauchen in ihrer Gestalt an sich noch gar nicht traumatisierend sein – auf ihn einströmen. Und er an sich schon keine Chance hat, alle auf ihn einstürmenden Außenreize wirklich zu „verpacken“.

  9. #239
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 2.632

    AW: ADHS und Dissoziation

    FOLGEN EINER DISSOZIATION

    Die Folgen einer Dissoziation wirken sich auf die Wahrnehmung des Einzelnen aus. Zum einen, dadurch dass sich der Vorgang stetig zu wiederholen scheint, sammelt sich immer mehr „Müll“ auf der Festplatte des Gehirns an. Dies kann irgendwann so weit gehen, dass das System in sich instabil wird, ewig lange braucht, etwas zu verarbeiten, mit erheblichen Konzentrationsschwierigkeiten reagiert oder aber überhaupt nicht mehr in einen funktionalen Zustand hochgefahren werden kann, sich teilweise dann irgendwelche Eselsbrücken baut, um die fragmentierten Daten auf der Festplatte, die für das Funktionieren im Alltag gebraucht werden, doch noch irgendwie miteinander zu verknüpfen.

    Das Gehirn läuft sozusagen auf Hochtouren, um auch nur den einfachsten Anforderungen, die an es gestellt werden, nachzukommen. In einem solchermaßen schwer Dissoziierten laufen alle Denkprozesse zum einen langsamer ab, zum anderen fressen sie ungeheuere Mengen an Energie, die vom Einzelnen verbraucht werden, um auch nur einigermaßen auf der Spur zu bleiben.

    Dieser Vorgang hat einen unmittelbaren Effekt auf die Wahrnehmung des Einzelnen zunächst bei der Umwelt, die jetzt zunehmend, auch wenn sie noch gar keine Emotionen, die an vergangene Situationen erinnern könnten, ausgelöst hat – aber sie könnte ja – von der Gedankenwelt mit dem Etikett: böse, bedrohlich oder unbewältigbar belegt wird. Es kommt zu sozialen Rückzügen und jetzt, im schwer Dissoziierten, dazu, dass diese Spaltungsversuche, die sich jetzt gleichsam live und in Echtzeit vollziehen, buchstäblich zu einer Lebensunfähigkeit im Alltag, zu einer Fahrigkeit, Zunahme der Dekonzentriertheit und auch zu psychischen Reaktionen wie Depression und Angststörungen führen.

    Zum anderen verzerrt sich auch die Wahrnehmung der eigenen Person, die als nicht mehr funktional wahrgenommen wird, als gestört, als nicht mehr ganz. Der Dissoziierte – ob er sich des Vorgangs überhaupt bewusst ist oder auch nicht – bekommt jetzt ein gewaltiges und offensichtliches, nicht mehr unterdrückbares, wegschiebbares Problem.

    Dieser Vorgang hat auch eine unmittelbare Funktion auf das Gedächtnis, das ebenfalls immer dysfunktionaler wird. Zu viel an Unverarbeitetem Material ist auf der Festplatte im Gehirn bereits gespeichert. Das Gedächtnis, wenn es sich an einen konkreten Vorgang aus der Vergangenheit erinnern soll, der jetzt für das Leben aktuell wichtig ist, muss sozusagen wahre Schlangenlinien ausführen, um nicht bei der Suche nach dem Speicherort dieser niedergelegten und jetzt benötigten Information, sämtliche anliegenden Teile des Gedächtnisses mit zu alarmieren, um eben zu verhindern, dass dabei wiederum etwas ans Tageslicht tritt, was fest eingekapselt in diesem Gedächtnis verbleiben sollte, eben ohne womöglich im unvorbereitesten Moment wieder aufzutauchen.

    Dass die Funktionsfähigkeit des Gedächtnisses bei schwer Dissoziierten notwendigerweise sehr stark eingeschränkt ist, dürfte einleuchten. Interessanterweise gibt es eine Gruppe, die ich die „scheinbar erfolgreichen Dissoziierer“ nenne, die es tatsächlich schaffen, das Gedächtnis soweit außer Funktion zu setzten, dass es sich an bestimmte Situationen de facto nicht mehr erinnern kann.

    Das Gedächtnis als dieser wichtige Mittler des Einzelnen in der Jetztzeit, das die Aufgabe hat, Situationen aus der Vergangenheit abzurufen, sie dann gedanklich zu vergleichen, um daraus Schlüsse für die Zukunft ziehen zu können, die unmittelbare Zukunft also als gestaltbar erleben zu lassen – diese Funktion ist bei schwer Dissoziierten erheblich gestört. So dass bei ihnen der unmittelbaren Zukunft gegenüber so etwas wie eine Ungestaltbarkeit vorliegt und eine Art von Hilflosigkeit sich deshalb auszubreiten beginnt. Die Betroffenen sind tatsächlich kaum mehr in der Lage, ihren Alltag sinnvoll zu gestalten.

    Ein weiteres Handicap bei der Gestaltung des Alltags ist die Auswirkung der Dissoziation auf das Bewusstsein. Dieses wichtige menschliche Werkzeug, sich in der Welt zurechtzufinden, zeigt sich nämlich aufgrund der ständigen Dauerüberbelastung aus zu verarbeitenden Reizen aus der Umgebung und zu verarbeiteten Reizen, die bei entsprechender Triggerung aus dem Keller ins Bewusstsein schießen, als allmählich komplett überfordert. Und reagiert immer häufiger damit, dass es sich komplett ausschaltet. Dieses Phänomen ist auch als BLACKOUT bekannt geworden.

    Eine sozusagen milde Form dieser Auswirkung kennt jeder, der schon mal beim Autofahren eine Abzweigung komplett verpasst hat, weil sein Bewusstsein überall gewesen sein mag, jedenfalls nicht in der konkreten Situation des Straßenverkehrs. Es dürfte deutlich geworden sein, dass ein solchermaßen gehandicaptes Bewusstsein nicht unbedingt zu einer Alltagstauglichkeit des Einzelnen beiträgt. Im Gegenteil, wer sehr oft mit seinem Bewusstsein in der Funktion des Bildschirmschoners durch die Gegend läuft, verpasst wichtige Informationen, die er für die sinnvolle Gestaltung seines Alltags braucht.

    Am gravierendsten mag sich jedoch die Auswirkung der Dissoziation auf das Identitätsempfinden des Einzelnen darstellen. Es dürfte einleuchten, dass jemand, dem es nicht gelingt zwischen seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und seiner unmittelbar bevorstehenden Zukunft sinnvolle Verknüpfungen herzustellen, in seiner Fähigkeit sich als Identität zu erleben erheblich eingeschränkt ist.

    Schon allein deshalb, weil bei ihm aufgrund dessen die Fähigkeit, aus Fehlern, jedenfalls aus der Vergangenheit zu lernen, erheblich gestört ist. Er muss sozusagen Dinge jedes Mal so tun, als kämen sie ganz neu und zum ersten Male auf ihn zu. Schwer Dissoziierte sind also oftmals gefangen in den immer gleichen, stereotypischen und letztlich dysfunktionalen Verhaltensmustern.

    Dissoziierte, denen der Vorgang bewusst geworden ist, erleben sich als gespalten in eine Person, die fühlt (oder von der sie wollen, dass sie nicht fühlen soll/darf), eine Person, die denkt, und eine Person, die handelt.

    Dem schwer Dissoziierten ist es unmöglich, sich als ganze Person zu fühlen, zu erleben und auch als solche zu handeln. Der Prozess der Abspaltung von Gefühl und Gedanken ist so weit fortgeschritten und hat sich so weit automatisiert und verselbstständigt, dass es dem Betroffenen sehr schwer fällt, wenn nicht gar unmöglich wird, überhaupt noch Fragen, die nach seiner Identität zielen, sinnvoll zu beantworten.

    Auf die Frage, was willst Du (in einer konkreten Situation zum Beispiel)? Oder: Was empfindest du bei (diesem und jenem Vorgang)? Oder: Was würdest du tun, wenn dies und das eintrete? würde der schwer Dissoziierte am liebsten antworten mit: Weiss ich nicht.

    Jedenfalls wird er solche Fragen in der Tat nur schwerlich und zögernd beantworten können. Weil ihm das Material dazu fehlt, das angesammelte, verarbeitete und in die Gesamtperson integrierte Material, auf das ein Gesunder in diesem Fall zurückgreifen kann, wenn er auf Dinge angesprochen wird, die seine Identität betreffen.

    Schwer Dissoziierte können es in ihrer Identitätsangegriffenheit tatsächlich soweit bringen, dass sie beispielsweise auch auf die Frage: Bist Du homo- oder heterosexuell? Antworten mit: Weiss ich nicht. Gefragt nach ihren sexuellen Erfahrungen, geben sie diese zu, bleiben in ihrer Antwort aber bei: Weiss ich nicht.

    Eine Erklärung hierfür könnte sein: An dem Punkt, an dem es zur Sexualität kommt, an dem also sich bei normalen Menschen die Beziehung zu intensivieren beginnt, steigt der schwer Dissoziierte sowohl gedanklich als auch gefühlsmäßig aus, fällt sozusagen aufgrund zu starker auf ihn einströmender Außenreize vom rollenden Wagen.

    Zwar mag sich eine körperliche Erregung einstellen, Gefühle und Gedanken befinden sich jedoch längst außerhalb der Situation, man könnte sagen auf einem gewohnheitsmäßigen, dissoziativen Rückmarsch. Der Betroffene erlebt sich als fremd, aufgespalten in Denken, das irgendwohin abdriftet, Gefühlen, die sich automatisch abschalten und sozusagen vorübergehend in den Keller gehen (zu viel Reize?) und dem Körper, an oder mit dem sich dann einzig der sexuelle Akt vollzieht. Währenddessen alles andere draußen bleibt. Die Gedanken machen sich selbständig, die Gefühlswelt verabschiedet sich komplett.

    Weil der Betroffene von seinem Gefühlsleben abgespalten ist, kann er die Situation auch nicht genießen. Weil er als Ganzheit, als Identität daran gar nicht beteiligt ist, bekommt der Vorgang sogar etwas Mechanisches für ihn. So dass sich hinterher ein Gefühl einstellen kann, dass obwohl er die Situation eigentlich wollte oder begehrte, des Mißbrauchtwerdens, auf alle Fälle des Gebrauchtwerdens für etwas. Diese Empfindung ist eine unmittelbare Auswirkung der Dissoziation, die bei zu großen Außenreizen und/oder Wiedererinnerung an eine Situation aus der Vergangenheit ihre Spaltungsprozesse ganz automatisch und subbewusst in Gang setzt.

    Der Betroffene verkrampft, kann die Situation nicht genießen, kommt sich dabei vor, als würde er eine Rolle spielen, aus der er auch noch herausfällt, weil die Fähigkeit des Sich-fallen-lassen-Könnens, das eine positive Ich-Identität voraussetzt, fehlt.

    Das wäre also ein weiteres gravierendes Beispiel für die Auswirkungen einer Dissoziation. Wir sprechen hier also tatsächlich von einer schweren Störung, die viele ADHSler im Schlepptau ihrer Grunderkrankung mit sich herumziehen und keineswegs von einem läppischen Phänomen, das noch irgendwie so nebenbei existierte.

  10. #240
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 38
    Forum-Beiträge: 2.435

    AW: ADHS und Dissoziation

    Smile schreibt:
    nicht in zeiten abrufbar.... wie machen es dann die nicht adhsler?
    sind da die errinerungen irgendwie nach datum abgelegt?

    p.s. dann haben wir ja den schnelleren weg - weil wir dann direkt von der jetzigen situation in die
    vergangenheit switschen können - oder passieren uns da zu viele fehler, weil wir in der früheren
    dissoziert/derealisiert haben?
    ich beantworte mal die frage gleich selbst.... kann dies der grund ursprung sein?
    divergentes denken vs. lineares denken?
    http://www.minges.ch/mentor/Lineares...tes_Denken.pdf


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