Hallo Forum, liebe Forenmitglieder,

Ich selber bin sehr überzeugt davon ADS zu haben. Seit dem ich vor ca 7 Jahren durch Zufall herausgefunden hatte dass ich ADS-Symptome zeige (damals war ich Ende 20), hat sich VIeles geändert. Ich hatte mein völlig aus dem RUder gelaufenes Leben aus eigener Kraft wieder ins Lot gebracht. Sicher, ich bin noch nicht zufrieden mit dem Erreichten, aber da komme ich auch noch hin.

Nun folgendes: Ich arbeite in einer mittelgroßen Firma. Dort müssen wir viel Eigeninitiative zeigen, selbstständig arbeiten usw. Wer das nicht kann, der geht dort unter. Vernünftige Einarbeitung findet sich dort auch weniger. Jetzt habe ich eine neue Kollegin und werde nicht so recht schlau aus ihr. Oder eben doch. Denn ich bin mir ziemlich sicher daß sie ADS hat. Seit dem sie da ist, kommen bei mir alle möglichen Gefühle und Gedanken von Früher wieder hoch.

Ich muß dazusagen, dass ich einer bin der auf dem Grat wandert, der nicht nur zu der einen Sichtweise fähig ist, sondern zu Beiden - also bin ich wohl ein eher moderater Fall. Hyperfokus, Stimmungsschwankungen, grobe Gesichtsmotorik - all das kann ich bei mir finden. Gedankensprünge, Impulsivität auch. Aber ich kann vernünftig und Strukturiert arbeiten. Jetzt wo ich Druck von außen habe auch besser - und seit dem ich von meinem ADS weiß. So kann ich es wirklich als eine Gabe sehen - teilweise. Weil ich eben auch den "normalen" Blick habe, bzw ihn mir hart selber erarbeiten mußte über viele Regeln und Argumentationsketten meinerseits. Ich hoffe ihr versteht was ich damit meine.

Nun ist das diese Frau die ich ständig sehe und die sich merkwürdig verhält. Sie schmeißt mir Sachen an den Kopf wo ich denke "mit der rede ich nie mehr auch nur ein Wort". Ich gehe zu ihr, will ein Gespräch beginnen, nehme als Aufhänger irgendeine aktuelle Information und sie reagiert mit einem förmlichen "Ja, danke, weiß ich" und sagt danach gar nichts mehr. Sie kapiert einfach nicht daß es nicht um die Information ging, sondern dass diese Informaion auch diskussionswürdig ist. Wenn ich zu ihr komme, dann drücke ich doch damit aus "wie siehst Du denn das?". Das zeigt meine wertschätzung für ihre Meinung, zeigt ihr daß ich sie respektiere und dass sie mich bei Fragen gerne fragen kann. Oft ist sie abweisend, kühl und distanziert. So sachlich daß es wehtut. Es fehlt dann soetwas wie menschliche Wärme. Und manchmal ist sie neugierig, will alles über mich wissen, lächelt (wie ein Sonnenaufgang) und verhält sich so als würden wir uns schon ewig kennen. Das ist mir dann aber schon wieder zu wenig Distanz. Dieses ständige Auf und Ab. Sie tut immer so als ob sie super tough wäre. Aber ab und zu hat sie Phasen da wirkt sie so verloren und Hilflos dass es einem Nahe geht.

Auslöser dafür dass ich hier etwas schreibe war eine Begebenheit vor ein paar Tagen. Sie hatte etwas am Mund hängen und ich dachte es wäre ein Stück Sahne oder Zucker oder so ähnlich. Nett wie ich bin hab ich sie sehr dezent und auch in sehr vorsichtig gewähltem Ton darauf hingewiesen. Ich würde ja umgekehrt auch wollen dass mir das Jemand sagt. Daraufhin ist sie richtig wütend geworden, vollkommen Fassungslos und hat mich kalt und aggressiv abserviert wie ich es kaum in meinem Leben erlebt hatte. Sie hatte einen winzigen Pickel (Herpes?) am Mund den sie mit Salbe bestrichen hatte - was ich nicht richtig erkannt hatte. Eine irrsinnig tiefe Verletztheit sprach da aus ihr. Verzweiflung, Selbsthass - all das meine ich darin erkannt zu haben. Ich denke sie wird sich nur selbst helfen können - was auch immer ihre Probleme sein mögen. Egal was ich zu ihr sagen würde - ich bin mir sicher dass es ihr nicht viel bringen würde. Wohlgemeinte Ratschläge können sich für einen ADS--Menschen schnell wie vernichtende Kritik anhören, ich kenne das ja von mir selbst sehr gut. In vielen íhrer Verhaltensweisen kann ich mich selbst wieder erkennen, so wie ich früher war. Und ich erahne wie viele Menschen ich vor den Kopf gestossen haben muß.

Und da stelle ich plötzlich fest: Ich stehe ja auf der anderen Seite! Und so wie ich mit mir ins Gericht gehen mußte, so muß ich es auch mit meinen alten Ansichten. Alles
Blödsinn war das.

Was hilft es einem wenn man super effektiv arbeitet, viel schneller als alle anderen (wenn es denn sein muß), man sich aber nicht über die Früchte dieser Arbeit freuen kann, weil das ja "nichts besonderes ist" ?

Was hilft es einem einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu haben der einen für Minderheiten Jederzeit Partei ergreifen läßt, wenn man selber aber nur schwarz oder weiß, aber nie die graue Realität sehen kann?

Was hilft es es einem so sehr tiefzustapeln dass es wehtut, seine eigenen Bedürfnisse als nichtig anzusehen, ideale selbstlosigkeit zu zelebrieren wenn man keine Freunde hat die diese Eigenschaften an einem schätzen könnten?

Was hilft es durch überragende Menschenkenntnis Menschen augenblicklich in vorgefertigte Schubladen zu stecken ohne in der Lage zu sein sich einmal selber zu hinterfragen?

Was hilft es wenn man Alles zu einem x-beliebigen Thema weiß, in einem niemals endenden Monolog aus lauter Allgemeinplätzen, aus lauter Sätzen die aus Wörtern wie "man" und "sollte" bestehen, die man wieder und wieder herunterbetet nur um am Ende vollkommen ohne jede eigene Erfahrung zu sterben, aber immer noch stolz darauf ist doch bis zuletzt Recht behalten zu haben?

Ich werde traurig wenn ich an all das Leben denke dass ich fortgeworfen habe, gefangen in einem Käfig aus bescheuerten Überzeugungen. In meinen Ansprüchen war ich früher Grenzenlos. Vielleicht war das auch der erste Schritt zu erkennen dass ich diesen Ansprüchen nicht genügen kann, weil das Niemand kann.

Als ADS-Mensch glaubt man immer auf der sicheren Seite zu sein solange man keine Fehler macht. Aber Dinge nicht zu erkennen, nicht zu protestieren im richtigen Moment, in einer angemessenen Weise und in einer Art, die das Wichtigste beinhaltet, nämlich den Respekt anderen Menschen gegenüber: Eine solche Unterlassung kann ein viel größerer Fehler sein.

Was ist meine persönliche Moral aus dem Ganzen?
Es gibt keine. Nicht mal "im Allgemeinen". Höchstens: Ich bin mit 27 nochmal auf die Welt gekommen. Das gefällt mir gut.


Grüße
Jason