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Diskutiere im Thema "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie im Forum ADS ADHS Erwachsene: Komorbiditäten
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
ADS/ADHS und Depressionen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Borderline, Abhängigkeit/Sucht, Messie-Syndrom und andere typische Komorbiditäten (Begleiterkrankungen und Folgeerkrankungen)
  1. #1
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 2.275

    "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie

    Hallo zusammen,

    Heute hat meine Therapie (ambulant einmal wöchentlich bei einem auf ADHS spezialisierten Psychiater) eine unerwartete Wende genommen.
    Durch die Fragen, die er zu einem aktuellen Thema stellte, war ich endlich in der Lage, gewisse Dinge zu sagen, die ich nie zuvor erwähnt hatte - zu niemandem, und schon gar nicht in dieser "umfassenden" Form.

    Zum einen hatte ich nie mit jemandem darüber gesprochen, weil ich niemanden hatte - zum anderen aber auch, weil ich niemandem zur Last fallen wollte UND weil ich mich schämte und immer noch schäme. Andererseits ist mir aber Vieles erst durch meine Formulierung heute richtig bewusst geworden; ich hatte lieber alles verdrängt, als mich damit auseinanderzusetzen. Und manchmal muss einfach eine gewisse Zeit vergehen, um etwas klarer umreissen zu können.

    Mein Therapeut hat mir heute in einem beiläufigen Satz etwas Wesentliches vor Augen geführt: Vor ihm muss ich meine unschönen Seiten nicht verstecken, weil er nicht privat eine Beziehungsperson ist. Was bleibt, ist die Schwierigkeit, darüber zu sprechen, weil man sich vor sich selbst schämt. Dieses Hinderniss allein ist zwar riesig, aber es hat mir schon enorm geholfen zu verstehen, wozu ein Therapeut besser ist als das private Umfeld.

    Unwillkürlich wurde das Gespräch in der heutigen Sitzung auf meine Vergangenheit gelenkt. Mein Psychiater hat mir noch nie so zugehört. Normalerweise haderte er mit meinen umständlichen Formulierungen, wenn ich um den heissen Brei herumredete oder meine Gefühle zu beschreiben versuchte. Aber jetzt hat er mir konkrete Fragen nach konkreten Geschehnissen und Begebenheiten gestellt, ohne dass ich Details erzählen musste. Er war plötzlich ganz still und am Ende meinte er, es sei enorm wichtig für ihn, diese Dinge über mich zu wissen.

    Er klärte mich auf: emotionale Deprivation nenne man das. Und dass es alles Andere als ungewöhnlich sei, unter meinen Umständen diese Erfahrung zu machen. Dass ich mir dieses Defizit nicht einbilde und ich es zulassen darf. Dass ich es nie zugelassen hätte und nicht zulassen konnte, weil Verdrängung und Selbstschuldzuweisung meine einzige Überlebensstrategie gewesen war, und dass es Zeit brauche, um Alternativen zu finden und denen zu vertrauen. Seiner Meinung nach würde, wenn ich alle verdrängten Gefühle zulassen würde, unter anderem eine Menge Trauer zum Vorschein kommen.

    Emotionale Deprivation. Das Wort fühlt sich so schwer an. Ich habe mich noch nicht so recht damit angefreundet. Weil ich niemandem in meiner Familie Unrecht tun will; weil ich den Geschehnissen und Umständen nicht ein so grosses Gewicht geben kann; weil es mich auffordert, mich mit meiner verdrängten Vergangenheit auseinanderzusetzen bzw. Gefühle von Schwäche zuzulassen. Abgesehen von meiner Skeptik habe ich momentan weder Zeit noch Energie für sowas. Neben der Bachelorprüfung gäbe es ja auch noch eine Liste aktueller Probleme ------ allen voran die Leere und mein Sinnverlust.

    Ich lasse es jetzt also erstmal einfach ruhen.
    Aber was ich alledem wirklich Positives abgewinnen kann, ist, dass die Therapie nun vielleicht auf einer ganz anderen Basis des Verständnisses weitergeführt werden kann. Das würde Einiges erleichtern.

    Liebe Grüsse,
    jetztaber

  2. #2
    Inventar-Nr. 847

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 525

    AW: "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie

    jetztaber, Du hast einen Riesenschritt nach vorne gemacht! Sei stolz auf Dich!

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 227

    AW: "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie

    Auch von mir für den Durchbruch !

    Zu Deprivation, den Begriff lese ich hier zum erstenmal abseits der eigenen Diagnose, bei mir hieß es soziale Deprivation.

    Ja und ich finde toll, dass du lernst, die Defizite zuzulassen, weil das der erste Schritt ist, Hilfe anzunehmen, die dir zusteht, damit kämpfe ich auch noch.

  4. #4
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 2.275

    AW: "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie

    xyberlin schreibt:
    dass du lernst, die Defizite zuzulassen, weil das der erste Schritt ist, Hilfe anzunehmen, die dir zusteht, damit kämpfe ich auch noch.
    So weit bin ich noch nicht ;-) Es fühlt sich fremd an, daran zu denken. Der Unterschied ist allerdings, dass noch nie jemand darauf beharrt hat, dass ich "traurig" sein darf. Vielleicht kann ich auch deshalb den Begriff "Trauer" bei mir so schlecht identifizieren. Im Moment gibt es bei mir vor allem den Begriff "Leere", aber nicht im Sinn von "nichts fühlen", sondern "fühlen, dass etwas fehlt".
    Je nach Situation kommt mehr Wut, mehr Selbsthass oder mehr Schmerz zum Vorschein (wobei ich nicht sicher bin, ob sie zusammen wirklich diese Leere ausmachen). Trauer hingegen kann ich nirgends "finden".

    Deprivation, ob sozial oder emotional - was wäre denn das? Eine Diagnose oder eine Ursache? Ich weiss, ich könnte googlen gehen, aber habe Angst, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

    Jetzt ist auch schon wieder genug damit für heute. Gute Nacht.

  5. #5
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Ärztliche Verdachtsdiagnose auf ADHS /ADS
    Alter: 58
    Forum-Beiträge: 491

    AW: "emotionale Deprivation", Wende in der Therapie

    "Deprivation".... noch nie zuvor gehört. Musste erst bei Wiki nachschauen.
    Und da stiess ich -by the Way- noch auf einen anderen Begriff - der so treffend auf mich (auch) passt
    .... weisst Du, manchmal fühle ich mich erschlagen, von allen "Diagnosen" - und muss plötzlich aufpassen, dass ich nicht "absacke"
    - dass ich mich selbst nicht noch mehr abwerte

    [QUOTE=jetztaber;437954.......d as Gespräch in der heutigen Sitzung auf meine Vergangenheit gelenkt. Mein Psychiater hat mir noch nie so zugehört. Normalerweise haderte er mit meinen umständlichen Formulierungen, wenn ich um den heissen Brei herumredete oder meine Gefühle zu beschreiben versuchte. Aber jetzt hat er mir konkrete Fragen nach konkreten Geschehnissen und Begebenheiten gestellt, ohne dass ich Details erzählen musste. Er war plötzlich ganz still und am Ende meinte er, es sei enorm wichtig für ihn, diese Dinge über mich zu wissen.
    Ich lasse es jetzt also erstmal einfach ruhen.
    Aber was ich alledem wirklich Positives abgewinnen kann, ist, dass die Therapie nun vielleicht auf einer ganz anderen Basis des Verständnisses weitergeführt werden kann. Das würde Einiges erleichtern
    jetztaber[/QUOTE]

    danke für diesen Schluss-Satz Jetztaber.... Du ermutigst mich gerade, lässt mich wieder etwas zuversichtlicher schmunzeln -

    Gruz bergforelle

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