Sehr interessant dieser Thread. Dann will ich mal meinen Beitrag leisten.
Für mich sind meine Tics eine ziemlich große Belastung. Bisher kam ich allerdings nicht auf den Gedanken, mal
Leidensgenossen zu suchen und mich auszutauschen. Dies gilt auch für all meine anderen Symptome.
Bis 2009 wähnte ich mich ja auch generell gesund, außer eben den Tics bzw. Zwängen. Dann gab ich zu,
ein massives Spielsuchtproblem zu haben. Erst im Mai 2011 bekam ich dann die umfassendere Diagnose ADHS
und Verdacht auf hochfunktionalen Autismus. Unter dem ADHS haben allerdings vor allem die anderen Menschen gelitten,
wobei ich nun zunehmend erkenne, dass es auch mir selbst viel Leiden verursacht hat. Aber früher kannte ich die Ursache
ja nicht.

Nun zu meinen Tics: für mich ist es gar nicht so schlimm, dass sie auftreten, zumal die Menschen sich ziemlich selten
bei mir darüber beschweren oder darüber reden. Allerdings sind die Tics sicherlich ein Hindernis, bestimmte Arbeitsstellen
zu bekommen. Mein hauptsächliches subjektives Leiden ist aber, dass ich mich in meinem Körper fast nie wirklich wohlfühle,
denn die Nervenreize vor allem der Haut fühlen sich unangenehm an, die Anspannung ist unangenehm und verlangt nach Entladung. Vor allem
auch verspüre ich den Drang bis hin zu Zwang, das Unwohlsein abzustellen, mit letztlich immer mehr oder weniger vergeblichem Erfolg,
indem ich meine Kleider zurechtrücke (samt Symmetriezwang) oder an der Haut kratze oder Barthaare ausrupfe oder Nagelhaut entferne / Nägel kaue,
meine Körperhaltung ändere oder eben zucke. Die Zuckungen treten auch manchmal unbewusst auf, meist merke ich sie auch im Hintergrund.
Die anderen Zwänge können auch nebenher und halbbewusst ablaufen. Beides schwankt sehr im Lauf der Zeit. Insbesondere unter Stress
nimmt alles stark zu. Und beides ist ganz schön schwer zu kontrollieren. Das Problem ist, dass die Zuwendung der Aufmerksamkeit darauf
mich natürlich erstens von anderen Aufgaben ablenkt und zweitens auch gerade die Symptome verstärken kann. Besser zur Linderung
erscheint generell die Ablenkung und das Erreichen von Entspannung. Allerdings habe ich in meinem Leben schon extrem viel Zeit damit
verloren, mit den Zwängen herumzukämpfen, insbesondere wenn ich dabei war, mich zu einer schwierigen Aufgabe aufzuraffen.
Medikamente dagegen hatte ich jedenfalls bis 2009 nie genommen. Dann versuchten wir zwei Präparate: Abilify und Risperdal. Beide
hatten nur negative Wirkungen. Seit meiner ADHS-Diagnose nehme ich MPH. Zum Glück verstärkt es die Tics
bei mir wohl nicht, aber leider bessert es sie wohl auch nicht.

Bei letzterem sehe ich nun sehr deutlich einen Zusammenhang mit meinem ADHS. Auch scheint es auf der Hand zu liegen, dass das ADHS-Symptom der
Reizfilterschwäche der ganzen Problematik zugrundeliegt. Jedenfalls hat mir bisher niemand eine plausible Erklärung für das alles gegeben,
auch nicht der Tourette-Spezialist in Tübingen, wobei ich bisher überhaupt nur wenigen Fachleuten das alles geschildert habe, und ich habe keinen davon
hartnäckig nach einer Erklärung gefragt. Letztlich haben jedenfalls die Ärzte in Tübingen meine Tourette-Diagnose zurückgezogen und einen Zusammenhang
zum ADHS hergestellt. Erklärungen/Ursachen sind aber auch generell schwierig in der Medizin. Ich denke, dass wir insgesamt trotz großen
Fortschritten noch immer an der Oberfläche kratzen. Ich stehe mit großem Staunen vor der immensen Komplexität der Biologie / Biochemie, vor den Geheimnissen
des Lebens. Für mich ist deshalb völlig klar, dass es einen Schöpfer gibt mit einer unglaublich hohen Intelligenz / Weisheit.

Ist auch meine Neigung, allen Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Bin wohl ein Forschertyp, mit ADHS wie ich nun weiß.
Eigentlich ist es doch wichtiger, praktische Hilfen oder gar Lösungen für meine oben beschriebenen Probleme zu bekommen.
Nun bin ich gespannt, ob jemand ähnliches erlebt hat. Bisher habe ich niemanden kennengelernt.
@Steve_one: Du scheinst mir helfen zu können. Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen, vielleicht auch als PN.

Liebe Grüße
matheprofi