scorpio schreibt:
Hallo Chaoticus,

ja genau ich habe einen Couch gefunden. Nachdem ich die Sendung bei RTL-Aktuell gesehen habe und es da ein Bericht ueber ADHS gab, bin ich auf die Internetseite von RTL-Aktuell auf einen Couch verlinkt worden. Habe einfach mal angerufen und einige Saetze erwaehnt, dass ich den Verdacht habe, und dass mit ADHS mein Leben einen Sinn ergeben wuerde. Denn genau wie du es beschreibst, habe ich oft "zwanghaft" versucht normal zu sein. Mich selber nicht erkannt, mich treiben lassen. Und jetzt zum ersten Mal weiss ich wieso und nehme das Ruder selber in die Hand.

Mit dem Couch ging es ohne weiteres. Es ist eine Sie und Sie meinte wir koennen gerne zusammen arbeiten. Da ich Student bin hat Sie mir eine Ermaessigung erlaubt, was natuerlich nicht viel billiger ist, aber alleine konnte ich es nicht mehr schaffen. Sie hat mir die Sachen, welche ich vor den Augen gehabt habe und nicht gesehen habe, sichtbar gemacht. Es ist wirklich so wie in dieser Sendung, welche du meinst ("Zappelphilipp wird erwachsen" ) , dass man dir eine Struktur gibt und du selbst lernst eine Struktur aufzubauen. Du lernst auch dich besser kennen, warum du so tickst wie du tickst.

Das was Cam meint sind die Schwierigkeiten auf welche man stoesst. Des Weiteren wuerde ich es nicht empfehlen, dass es die Arbeitsstelle weiss, dass du es hast. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass man dann einen Kuendigungsgrund finden koennte. Das ist natuerlich nur ein Vorbeugen und bestimmt nicht die Regel, aber darauf ankommen lassen wuerde ich es lieber nicht.



Genau dieses "gesellschaftsfähig" ist fuer uns ADHS-ler schwer zu erreichen, aber dennoch nicht unmoeglich. Ich sage mir immer, dass die "Normalos" auch Probleme haben. Solange man weiss welche Problem man hat ist es schon mal gut, dann kann man wenigstens daran arbeiten. Ich wundere mich sowieso wie man auf ADHS als Diagnose gekommen ist. Es ist doch schon eine erstaunliche Diagnose, zu sagen dass Menschen irgendwie anders sind... Naja aber man muss auch sagen zum Glueck dass es diese Diagnose gibt.



Die Ratschlaege sind eben fuer "Normalos" und fruchten eher weniger fuer ADHS-ler. Zumindest hat mich ueber die mein Couch aufgeklaert. Es scheint so, dass es eben andere Ratschlaege fuer ADHS-ler geben muss. Ein leichtes Beispiel: Das Gesagt von Jemandem 1. Wahrnehmen, 2. Bearbeiten und (ganz wichtig!!) 3. Loslassen. Sowas wuerde man eher weniger einem "Normalo" raten.

Ich selber habe gelernt, dass negative Erlebnisse zum leben dazu gehoeren. Es gibt Menschen, die es schwerer haben. Andere muessen auch Scherbenhaufen aufsammeln und ich ebenfalls. Man muss jedoch probieren auf das Positive die Augen zu richten. Fuer ADHS-ler ist es leider so, dass wir das lernen muessen, weil wir uns zu viel auf das Negative beschraenken ohne die guten Sachen an uns zu bemerken. Ich hoffe, dass du es schaffst dein Scherbenhaufen gut aufzusammeln und viel Geduld, denn das ist auch so ne Sache mit der Geduld. Diese muessen wir auch lernen.. du siehst es gibt noch einiges zu tun, aber nicht nur fuer dich

Bei mir ist eben das Soziale sowas von ein Problem. Ich weiss einfach nicht wie viel ich geben muss in einer Freundschaft und wie viel ich verlangen darf. Kann nicht richtig dieses Mittelmass finden... leider!! Mit meinem besten Freund (seit ca. 10 Jahre befreundet) bin ich den Kontakt am abbrechen. Er hat sich ueber meine Trennung mit meiner Ex lustig gemacht, wobei ich nur so den Kontakt am halten bin. Also wir leben sowieso nicht im gleichen Land aber haben immer zusammen geskypt oder gechattet. Nur nach diesem Vorfall ist er leider auch von der Liste genommen worden von mir... da bleiben auch wenige uebrig und vermissen tu ich ihn schon als Freund, aber so einfach moechte ich es auch nicht stehen lassen und mich veraeppeln lassen... Nun ja mal schauen was die Zukunft so bringen wird. Wenn ich hier noch bis zum Ende meines Studiums einen Freund oder sogar eine Freundin , dann waere es schon was, denn so allein auf sich gestellt ist es dann schon ein wenig doof.

gruss

scorpio
So,

nach langer Zeit wollte ich dir natürlich auch auf deine umfangreiche Nachricht antworten.

Zum Coach: Ich bin im Moment vielleicht etwas skeptisch. Einerseits weiß ich, dass ich Hilfe brauche, andererseits habe ich schon bei dem Gedanken daran, dass mich jemand kontrolliert und steuert (und sei es nur in geringem Maße - aber weil es mir eben so "bewußt" ist) das Gefühl, wieder "degradiert" zu werden. Vielleicht habe ich auch eine falsche Vorstellung von einer Coach - AD(H)Sler Beziehung und funktioniert eher wie eine Freundschaft als eine Hierarchische Ebene. Prinzipiell scheue ich mich oft vor nahem Kontakt mit Menschen, vielleicht bin ich deshalb auch etwas voreingenommen. Bald startet meine Therapie, ich werde mit meinem Therapeuten auch über einen Coach reden.

Das einige Betroffene schlechte Erfahrungen machen mussten, als sie mit Chef und Mitarbeitern über ihrer Störung sprachen finde ich sehr traurig aber auch nachvollziehbar - für jemanden der keine Kenntnis über die Störung hat (und / oder vielleicht auch nicht daran glaubt das es so etwas gibt) schaut es oft wirklich so aus, als wolle dieser einfach nicht - das er bestimmte (teilweise recht einfache "normale") Dinge nicht kann ist schier nicht vorstellbar. Man müßte warscheinlich alles Personen aus dem Umfeld mit zum Psychologen bzw. zu einem Aufklärungsseminar mitschleppen und hoffen, dass sie willens sind ihren Geist entsprechend zu öffnen und das was ihnen mitgeteilt wird, ernst zu nehmen. Natürlich gibt es (glücklicherweise) auch offene und empathische Menschen die uns allen beistehen.

Ich gebe zu, dass der Begriff "Gesellschaftsfähig" sehr dehnbar ist und für jeden eine andere Bedeutung haben kann. Bei mir ist es einfach das Gefühl ob ich mich einerseits wohl in meiner "Rolle" fühle und andererseits auch "funktioniere".

Das finde ich sehr gut geschrieben / gesagt (hab es mir mal aus deinem Text kopiert):

Das Gesagt von Jemandem 1. Wahrnehmen, 2. Bearbeiten und (ganz wichtig!!) 3. Loslassen

Gerade das Loslassen von etwas ist sehr oft unendlich schwer...

Geduld zu haben ist oftmals schwer, vor allem jetzt gerade. Ich warte auf den Beginn und alles, was ich in der Zwischenzeit tun sollte fällt mir oftmals sehr schwer / ist mir lästig. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt dem Start der Behandlung und ich zähle die Minuten (obwohl ich weiß, dass es eigentlich Unsinn ist und so die Zeit noch fühlbar langsamer vergeht).

Zur Nähe / Freundschaften: Ich halte meist sehr viel Abstand, darum habe ich kaum Freunde / Bekannte. Aber manchmal sind mir selbst liebe Menschen (die mir das wichtigste in meinem Leben sind) zu anstrengend. Das verstehe ich nur bedingt aber ich fühle es so und brauche eigentlich recht oft eine Auszeit von allen anderen.
Das du und dein Freund euch so gezofft habt tut mir leid. Vielleicht sieht er ja auch ein, dass seine Reaktion nicht richtig war (wenn du ihm die Chance gibst, mir dir wieder in Kontakt zu kommen). Ich wünsche dir, dass du den für dich richtigen Weg findest, mit anderen Menschen zusammen zu kommen und die Kontakte auch zu halten und zu intensivieren.

MfG
Chaoticus