Hallo,
nachdem ich im anderen Thread mich kurz nochmal über die Diagnosekriterien schlau gemacht habe, ist mir dabei irgendwie mulmig geworden in dem Sinne, das alles irgendwie sehr schwammig formuliert wirkt. Da sich der ICD am DSM orientiert, geht man davon aus, das die Kriterien im ICD 11 wohl ähnlich sein werden.
Deswegen fände ich sehr interessant, eure Standpunkte dazu zu hören, insbesondere bezüglich der Überschneidung mit ADHS-Problemen.
Damit ihr wisst, was ich schwierig empfinde, kopiere ich die neuen Kritierien hierhin und sage ein zwei Sätze dazu.

Soziale Kommunikation (alle drei müssen erfüllt sein):
1A: merkwürdige Kontaktaufnahme ODER Unfähigkeit, Gespräche aufrecht zu erhalten ODER keine Gespräche starten

Hier finde ich insbesondere das Wort "merkwürdig" kompliziert. Merkwürdige Kontaktaufnahme kann irgendwie alles heißen...
Was verstehe ich unter "Gespräch aufrecht erhalten"? Bei mir enden Gespräche oft in Monologen - wie man es wohl von vielen AD(H)Slern kennt.
Ist halt kompliziert, immer darauf einzugehen, was die andere Person sagt (im Internet ist das definitiv einfacher!).
Sprich, hier sehe ich eine gewisse Überschneidung mit AD(H)S-Symptomen.

1B: kaum Verwendung von Mimik/Gestik ODER Auffälligkeiten bei Blickkontakt ODER Defiziten beim Verständnis nonverbaler Kommunikation
"Kaum", "Auffälligkeiten", "Defizite" sind alles sehr unpräzise Formulierungen. Ja, mein Blickkontakt IST auffällig, aber ab wann ist auffällig denn pathologisch auffällig?
Zudem habe ich noch vor ein paar Tagen von einem Bekannten gehört, dass ihm ein US Amerikaner gesagt hat, dass "wir deutschen" wohl extrem viel Blickkontakt halten, er musste sich da wohl erst dran gewöhnen, als er nach Deutschland kam. Sprich, wie viel Blickkontakt normal ist, ist ja auch irgendwie Kultur- und Erziehungssache (in meiner Familie hats keiner so mit Blickkontakt)...
Und Defizite beim Verständnis nonverbaler Kommunikation hat man schon, wenn man mit Ironie und "durch die Blume reden" Probleme hat, obwohl man beispielsweise (wie ich) problemlos Mimiken und Gestiken erkennen/lesen kann.
Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zu beidem schon viel darüber gelesen, dass AD(H)Sler auch hier ihre Probleme haben. Also noch eine Überschneidung.

1C: Defizite bei der Aufnahme und Aufrechterhaltung von Beziehungen

Schon wieder Defizite... Das ich z.B. Defizite insbesondere bei der Aufnahme von Beziehungen habe, ist nichts neues, aber bisher bin ich durchgekommen (man braucht halt immer jemanden an seiner Seite, der sozial fähig ist und problemlos Kontakte knüpfen kann).
Die Pflege von sozialen Kontakten gehört zu den großen und anstrengenden Herausforderungen meines Alltags. Und genau das höre ich oft von anderen AD(H)Slern.

Stereotypien/Rituale (2 Kriterien müssen erfüllt sein):

2A: Stereotypien ODER repetitive Bewegungen ODER Echolalie
2B: Routinen
2C: Spezialinteresse
2D: Hyper- bzw. Hyporeaktivität auf sensorische Reize oder andere Reize

Dieser Teil ist wohl etwas konkreter, entweder man hat ein Spezialinteresse oder nicht.
Und das bei psychiatrischen Diagnosekriterien immer ein wenig Schwammigkeit vorhanden ist (z.B. wann zählen die Routinen, die ich als Mensch so habe, unter diese Kriterien?), ist klar. Bei dem Part gehe ich davon aus, das "jeden Abend Zähne putzen" nicht als Kriterium für 2B gewertet wird.
Nichtsdestotrotz bleibt noch der zweite Punkt: Kriterium 2D ist bei AD(H)Slern ebenfalls vorhanden, ein zweites zu erfüllen ist nicht so unwahrscheinlich, also haben wir am Ende eine gefühlt starke Überschneidung der Kriterien und irgendwie kommt mir die Überschneidung stärker vor als zuvor.

Zum Vergleich die DSM-IV-Kriterien:
Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
(mindestens 2 der folgenden Merkmale):
1. merkliche Beeinträchtigung mehrerer nicht-verbaler Verhaltensweisen, die die soziale Interaktion steuern, wie Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gesten

Ersetzt durch 1A und 1B, "merkliche Beeinträchtigungen" klingt schon anders als "Defizite" oder "Auffälligkeiten", wobei es natürlich ebenfalls unterschiedlich ausgelegt werden kann.

2. Beziehungen zu Gleichaltrigen werden nicht oder nicht dem Entwicklungsstand entsprechend entwickelt

3. Mangel an spontaner Hinwendung zu anderen, um mit diesen Freude, Interessen oder Stolz über eine Leistung zu teilen (betroffene Kinder neigen zum Beispiel nicht dazu, Dinge, die sie interessieren, anderen Menschen zu zeigen)
4. Mangel an sozialer oder emotionaler Gegenseitigkeit
Werden durch 1C ersetzt, wobei es viel genauer formuliert ist. Zudem ist "aufrechterhalten von Beziehungen" noch was anderes, als z.B. soziale oder emotionale Gegenseitigkeit. Hier sehe ich weniger Überschneidung mit den AD(H)S-Symptomen.

Beschränkte repetitive und stereotype Verhaltens-, Interessen- und Aktivitätenmuster
(mindestens eines der folgenden Merkmale):
1. umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und beschränkten Interessenmustern, die entweder hinsichtlich der Intensität oder hinsichtlich des Gegenstandes abnormal sind

Okay, "abnormal" ist auch ein schwieriges Wort, generell ist hiermit wohl 2C gemeint.

2. offensichtlich starres Festhalten an bestimmten nicht-funktionalen Routinen oder Ritualen
Jetzt 2B, allerdings ist hier von "nicht-funktionalen" Routinen oder Ritualen die rede, was nochmal ein großer Unterschied ist.

3. stereotype und repetitive motorische Angewohnheiten (zum Beispiel Hand- oder Fingerbewegungen oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers)
4. beharrliche Beschäftigung mit Objektteilen

4. wurde wohl gestrichen, 3. durch 2A ersetzt. Was fehlt ist die Hyper- bzw. Hyposensitivität, da finde ich gut, dass sie mittlerweile beachtet wird, da dies doch für viele Autisten ein großes Problem darstellt.

- Die Störung verursacht eine klinisch signifikante Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen.

Wird mit den neuen Kriterien ersetzt durch die Schweregrade.
[...] (einige Punkte habe ich jetzt rausgelassen, weil die nur zur Unterscheidung von Asperger und frühkindlichem Autismus dienten)

Von Auticare gibt es folgende Stellungsnahme:
AutiCare.de - Änderung der Diagnosekriterien für Autismus im ICD 11 - Was bedeutet das für uns Autisten?
Ich zitiere mal einen Part:
Doch am wichtigsten ist: Bei den Diagnosekriterien des DSM-5 muss man deutlich mehr Symptome aus den jeweiligen Bereichen zeigen als in der vorherigen Ausgabe. Es müssen mindestens 3 Kriterien aus dem Bereich 1 erfüllt werden und mindestens 2 Kriterien aus dem Bereich 2.

Was bedeutet das für uns?

Die Veränderungen stellen eine Verschärfung der Diagnosekriterien dar, es wird mit bis zu 17% weniger Autismusdiagnosen nach Änderung der Kriterien gerechnet. Dies ist auch gewollt, da die Diagnosezahlen aktuell recht stark steigen. Fachleute sind jedoch uneins, ob Autismus eine überdiagnostizierte oder unterdiagnostizierte Störung ist, man findet beide Positionen.
[...]
Es gibt 3 Schweregrade für Autismus, eine Diagnose selbst wäre möglich, ohne den 1. Schweregrad zu erfüllen. Dieser Punkt ist kritisch zu sehen.
Irgendwie gehe ich da mit dem ersten Teil nicht ganz d'accord, mit dem zweiten jedoch definitiv.
Beispielsweise sind unter 1A-C ganze 7 Kriterien zusammengefasst, von denen man 3 erfüllen muss, also weniger als die Hälfte.
Auffälliger Blickkontakt, Schwierigkeiten bei der Aufnahme und Aufrechterhaltung von Beziehung sowie ein merkwürdige Kontaktaufnahme und schon hat man alle drei Punkte erfüllt. Selbst wenn man in der Lage ist, problemlos Gespräche zu führen, Freundschaften zu pflegen (wenn auch mit Anstrengungen), nonverbale Kommunikation beherrscht und Mimiken/Gestiken richtig einsetzt.
Ich für meinen Teil habe mich in den DSM-IV-Kriterien nicht wiedergefunden (da zwar z.B. Auffälligkeiten im Bereich Blickkontakt und sozialer Kommunikation, aber ich wäre für mich persönlich nicht so weit gegangen, es unter "merkliche Beeinträchtigungen" zu verbuchen).
Und so habe ich z.B. sehr viele, auch schon auffällige, Routinen oder Rituale, aber würde nicht behaupten, das ich an nicht-funktionalen festhalte.
Und ich besitze z.B. ein SI, aber interessiere mich durchaus auch für viele andere Dinge, sprich, keine beschränkten Interessenmuster.
Im zweiten Teil der Kriterien hätte ich vllt. mit Phantasie doch bei Punkt 1 zugestimmt, aber wirklich ernsthaft hätte ich nie behauptet, diese Kriterien zu erfüllen.
Eben "nah dran", aber doch "nicht dabei". ;-)
Nun weiß ich nicht, wie andere es sehen, aufgrund meines persönlichen Eindrucks würde ich eher sagen, dass die Diagnosekritierien nicht enger sondern eher weiter gefasst wurden (da eben auch weniger scharf formuliert) und es somit eher zu einem Anstieg der Zahlen kommen könnte.
Da ich irgendwann mal gelernt habe, das man von sich nicht immer auf alle anderen schließen kann, wollte ich somit dieses Thema mal im Forum diskutieren, da es anderen vllt. ganz anders ergeht mit den Kriterien.

In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns hier in einem ADHS-Forum befinden, fände ich desweiteren interessant, wie ihr zum Thema Überschneidung Autismus-ADHS steht.
Es wirkt auf mich, als würden die neuen Kritierien zu noch mehr Überschneidungen führen, allerdings fehlen mir da ehrlich gesagt die Argumente (also ob es wirklich mehr sind).
Und die Aussage von Wiki, "es ist [...] zu untersuchen, ob die Ablenkung von innen heraus (Autismus) oder durch Außenreize (ADHS) erfolgt" empfinde ich für sehr schwierig.
Für mich gilt definitiv beides. Und ich denke, das gilt für die meistens ADHSler, auch wenn sie keine Autisten sind. Oder nicht? Zumindest habe ich es bisher so angenommen.

Nun, ich mache mal einen Punkt, hoffe ich habt bis dato durchgehalten und gebt nun auch mal "euren Senf ab"