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  1. #1
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    Die Psychofalle

    Die Psychofalle
    wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht

    Jörg Blech
    ISBN 978-3-10-004419-8

    Jörg Blech hat nach den Krankheitserfindern ein weiteres kritisches Buch wider die Pathologisierung unseres Alltags geschrieben.

    Als Journalist ist es Teil seiner Aufgabe Themen leicht zugespitzt darzustellen. In diesem Buch tut er es wohltemperiert und auch fundiert.


    Jörg Blech stellt dar, wie sehr sich die Inflation der psychischen Krankheiten in den vergangenen Jahren beschleunigt hat, mit der Folge, dass die Zahl der psychisch Kranken geradezu explodiert. Die Grenzen zwischen Befindlichkeitsstörungen und Krankheit verschwimmen immer mehr und zu fast jeder Diagnose einer psychischen Krankheit existieren mittlerweile schon Diagnosen der Krankheitsvorstufen.


    Der Autor zeigt sehr gut auf, wie psychische Krankheiten heute gemacht werden bzw. mit welchen Mitteln versucht wird, Symptomenkomplexe als eigenständige Krankheiten in den DSM und in der Folge in den ICD zu bringen.

    Leider sehr häufig auch mit kräftiger Unterstützung diverser Lobbyisten aus Industrie und Interessensverbänden.


    Geschildert werden einige Kuriositäten aus einem Absurdistan der Krankheitswirtschaft. So zum Beispiel der Versuch, die "posttraumatische Verbitterungsstörung" als anerkanntes und abrechnungsfähiges Krankheitsbild zu definieren und zu etablieren. Hinzu kommen sogenannte subklinische Krankheitsbilder, die dringend einer medikamentösen und therapeutischen Behandlung bedürfen, auch wenn sich kein Krankheitsbild entwickelt oder gar eine Diagnose gestellt werden kann.


    Jörg Blech begibt sich damit natürlich auch auf die Suche nach dem Normalen, dessen Grenzen in der Gegenwart immer enger gesetzt werden, so das für Exzentrik bzw. leichte Abweichungen von dieser Norm kein Platz mehr ist. Die Pathologisierung erfolgt sehr schnell und kann auch leicht in die Irre führen. Bestes Beispiel ist der Fall Gustl Mollath, der wohl fast jedem bekannt sein dürfte.


    Aus der Geschichte kennen wir andere Fälle, als es noch keine Psychiatrie gab und die Seelsorge ausnahmslos in den Händen der Kirchen lag. Auch in der Geschichte war es keine Seltenheit, dass z.B. die etwas schlaueren Köpfe für verrückt, schlimmer noch als Ketzer, erklärt wurden.

    Blech macht einige Ausflüge in die Evolutionsbiologie und erläutert auch die evolutionär bedingten Stärken sogenannter Schwacher bzw. von Menschen, deren Verhalten heute oft vorschnell als pathologisch eingestuft wird.

    Besonders interessant oder auch pikant: Viele der Mitverfasser von Behandlungsleitlinien nehmen für sich in Anspruch, dass sie völlig frei und objektiv in ihren Darstellungen sind. Seltsamerweise stehen nicht wenige dieser Leitlinienverfasser auf den Honorarlisten von Pharmafirmen, die für genau das beschriebene Krankheitsbild geeignete Medikamente anbieten!


    Manche Geschichten über Versuche mit Scheinpatienten lesen sich wie eine Posse oder Komödie, wäre es nicht so ernst. Schließlich geht es in der Psychiatrie um eine medizinische Fachrichtung, die den Anspruch erhebt, wissenschaftlich fundierte und überprüfbare Arbeit zu leisten.


    Besonders kritische Blicke wirft Blech auch auf die "positive Psychologie", die in vielen Fällen schon Richtung positives Denken mutiert und damit alle Schwierigkeiten der modernen Gesellschaft förmlich ausblendet. Langjährige Arbeitslosigkeit stellt eine langdauernde Belastung und Stresssituation dar, egal wie viele Stärken ich habe!


    Alles nicht wirklich neu, fast jeder von uns hat schon die diversen Diagnosen erhalten, Medikamente geschluckt und doch keine Besserung erfahren. Und viele von uns haben auch schon in hilflose Therapeutengesichter geschaut und leicht wütend auf die Ratschläge aus der psychologischen Hausapotheke. Mittlerweile dürfte auch jeder kapiert haben, dass ihn die Werbung auch ohne sein Bewusstsein beeinflusst. Egal, wie viel Werbung im TV gesendet wird.


    Für Betroffene kann sich allerdings doch einiges in einem etwas anderen Licht darstellen. Deshalb werfe ich heute nicht gleich meine gesamten Medikamente in den Müll.


    Das Buch gibt allerdings ein paar interessante Anregungen zur kritischen Überprüfung der eigenen Befindlichkeiten und Möglichkeiten. Es fordert in jedem Falle zum kritischen Nachfragen und Hinterfragen der diversen Diagnosen einiger Fachleute auf.

    Nebenbei habe ich bei der Lektüre auch mehrfach ziemlich laut gelacht! Das geht aber nur, wenn die Diagnose Beziehungswahn auf dem Kompost gelandet und längst wieder in den Mineralstoffkreislauf eingegangen ist!

  2. #2
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

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    Forum-Beiträge: 97

    AW: Die Psychofalle

    Jörg Blech ist ein regelrecht diabolischer Demagoge. Mit seinen vermeintlich plausiblen Thesen und allzu vereinfachten Darstellungen von komplizierten Sachverhalten kann er seine Produkte leider recht gut an den Mann bringen. Dass Zerr-Bild, dass er von der heutigen Psychiatrie verbreitet, ist ungefähr dass, was die Leute denken, wie die Psychiatrie im 19. Jahrhundert war. Jörg Blech spricht nicht von psychisch Kranken und auch nicht von ADHS-Kranken oder ADHS-Betroffenen, sondern er verwendet immer den begriff "gestört". Das soll Assoziationen wecken zu vergangenen, eher dunklen Zeiten in Deutschland. Dumm nur, dass solche Formulierungen Menschen mit ADHS oftmals davon abhalten, sich psychiatrisch behandeln zu lassen - Wer will denn schon als "gestört" gelten. Jörg Blech ist letztendlich ein eiskalter, skrupelloser Geschäftsmann, aber keineswegs ein seriöser, verantwortungsvoller Publizist. Das angepriesene Buch reiht sich wohl ein in eine lange Reihe von Jörg Blech-Demagogie. Ne, ich denke nicht, dass man das lesen muss.

    Die Wahrheit liegt übrigens nahezu immer bei verschiedenen Grautönen zwischen Schwarz und Weiß.

  3. #3
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    Forum-Beiträge: 1.149

    AW: Die Psychofalle

    Eric Cartman schreibt:
    Jörg Blech ist ein regelrecht diabolischer Demagoge. Mit seinen vermeintlich plausiblen Thesen und allzu vereinfachten Darstellungen von komplizierten Sachverhalten kann er seine Produkte leider recht gut an den Mann bringen. Dass Zerr-Bild, dass er von der heutigen Psychiatrie verbreitet, ist ungefähr dass, was die Leute denken, wie die Psychiatrie im 19. Jahrhundert war. Jörg Blech spricht nicht von psychisch Kranken und auch nicht von ADHS-Kranken oder ADHS-Betroffenen, sondern er verwendet immer den begriff "gestört". Das soll Assoziationen wecken zu vergangenen, eher dunklen Zeiten in Deutschland. Dumm nur, dass solche Formulierungen Menschen mit ADHS oftmals davon abhalten, sich psychiatrisch behandeln zu lassen - Wer will denn schon als "gestört" gelten. Jörg Blech ist letztendlich ein eiskalter, skrupelloser Geschäftsmann, aber keineswegs ein seriöser, verantwortungsvoller Publizist. Das angepriesene Buch reiht sich wohl ein in eine lange Reihe von Jörg Blech-Demagogie. Ne, ich denke nicht, dass man das lesen muss.

    Die Wahrheit liegt übrigens nahezu immer bei verschiedenen Grautönen zwischen Schwarz und Weiß.
    Tja, die Wahrheit liegt tatsächlich immer irgendwo dazwischen - siehe auch meinen Hinweis, dass ich das Buch erstaunlich wohltemperiert finde.

    Noch vor wenigen Monaten hätte ich Dir in vielen Deiner Aussagen zugestimmt. Allerdings nicht bezüglich der Bezeichnung diabolischer Demagoge - das geht eindeutig zu weit!

    Ich war keine wirklicher Fan von ihm - gestehe ihm aber als Journalisten immer auch ein gewisses Maß an Zuspitzung zu. Das ist seine Aufgabe, so wie es die Aufgabe des PR-Referenten von Hoffman-La Roche ist, die Meilensteine der Pharmaforschung und der Medikamentenentwicklung grundsätzlich in einem äußerst positiven Licht aufzuzeigen!

    Die Psychofalle habe ich aber im Zusammenhang mit einem anderen kritischen Buch zum Thema psychiatrische Diagnosen gelesen, allerdings geschrieben von einem Psychiater! Naturgemäß gehen beide von einem anderen Startpunkt aus an das Thema ran und doch kommen beide zu ähnlichen Schlüssen!

    Auch ich stimme Blech nicht in all seinen Auführungen vollumfänglich zu. Im Gegenteil, er zählt auch Störungen zu den Zivilisationskrankheiten, die es nachweislich nicht sind. Allerdings wurde bestimmten Problemen in weniger zivilisierten Zeiten einfach keine Aufmerksamkeit zuteil. Meist war man eh schon verstorben, bevor es zu ernsthaften Problemen kam.

    Für mich hat sich die Lektüre gelohnt, schon deshalb, weil ich es für notwendig erachte auch mal andere Seiten zu betrachten.

    In der Praxis kann ich nur sagen, dass ich mich noch immer frage, wie ich eigentlich mal zu meiner Diagnose bipolare Störung gekommen bin. In wenigen Minuten hatte der Psychiater sein Urteil gefällt. Er war gerade dabei, in seiner Praxis eine Sondersprechstunde für bipolar Erkrankungen einzurichten. Als Privatpatientin bin ich mit der Diagnose ein sicherer Posten auf der Einkommensliste.

    Besonders gestaunt habe ich über meinen vermeintlichen Beziehungswahn. Der wurde übrigens diagnostiziert, nachdem ich zwei Mal in Folge eine Rechnung moniert und auf Änderung bestanden hatte. Die Änderungen wurden auch anstandslos durchgeführt - das lag sicher daran, dass ich einen Beziehungswahn hatte und überall Feinde sah!

    Bleiben wir doch auf dem Teppich, jeder möchte mit seinem Job sein Geld verdienen! Egal, welchem Job er nachgeht! Und leider ist es im Krankheitswesen mittlerweile auch so, dass wir als kritische Verbraucher auftreten müssen - was ich übrigens sehr bedaure, um nicht zu sagen, dass ich es für einen Skandal halte!

    Das heißt aber nicht, dass ich jeden Arzt für einen Stümper halte. Im Gegenzug halte ich aber auch nicht jeden Arzt, der mir mal schnell und richtig geholfen hat, für ein Genie!

  4. #4
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    Alter: 40
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    AW: Die Psychofalle

    Ich hab es zwar jetzt gerade nicht genau auf dem Schirm, aber ich meine mich zu erinnern, daß Jörg Blech "derjenige welcher" ist, der Leon Eisenberg kurz vor dessen Ableben so böswillig mißinterpretiert hat und bei der Gelegenheit als AD(H)S-Leugner in Erscheinung getreten ist.
    Schlechte Grundlage für einen "seriösen" Journalisten.
    Vor allem dreht es sich dabei ja nicht nur um eine Überspitzung, sondern um gezielte Desinformation.
    Und Leute, die so etwas betreiben, haben die Bezeichnung "Demagoge" redlich verdient.

    Bleibt zu hoffen, daß Herr Blech sich gefangen und der Desinformation abgeschworen hat.
    Läßt das Buch, das Du hier präsentierst, darauf schließen? Auch auf den zweiten Blick?

  5. #5
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    AW: Die Psychofalle

    Bummel77 schreibt:
    Ich hab es zwar jetzt gerade nicht genau auf dem Schirm, aber ich meine mich zu erinnern, daß Jörg Blech "derjenige welcher" ist, der Leon Eisenberg kurz vor dessen Ableben so böswillig mißinterpretiert hat und bei der Gelegenheit als AD(H)S-Leugner in Erscheinung getreten ist.
    Schlechte Grundlage für einen "seriösen" Journalisten.
    Vor allem dreht es sich dabei ja nicht nur um eine Überspitzung, sondern um gezielte Desinformation.
    Und Leute, die so etwas betreiben, haben die Bezeichnung "Demagoge" redlich verdient.

    Bleibt zu hoffen, daß Herr Blech sich gefangen und der Desinformation abgeschworen hat.
    Läßt das Buch, das Du hier präsentierst, darauf schließen? Auch auf den zweiten Blick?
    Eigentlich macht es fast schon Spaß!

    Ja - wie oben schon erwähnt, fand ich das Buch erstaunlich temperiert! Meine ganze Wut hat Jörg Blech mal in einem Radiointerview abgekriegt - da war ich über ihn so erbost, dass ich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben bei einem Sender angerufen habe!

    Ich weiß heute nicht mehr, ob Blech diesen etwas zu knappen und leider auch eher reißerischen Artikel über das Eisenberg-Interview geschrieben hat. In seinem Buch erwähnt er es jedenfalls. Allerdings ist da der Kontext etwas anders, er geht ja im wesentlichen um die Inflation der Diagnosen und da klingen die Aussagen von Eisenberg nicht so überspitzt oder gar missinterpretiert.

    Ich weiß, wie Zeitungsartikel entstehen und ich weiß auch, wie schnell Pressemeldungen mal so verkürzt in der Presse erscheinen, dass sie schon fast zur Lüge mutieren! Da könnte ich einiges an Beispielen aufzählen. Und ich weiß auch, wie man Artikel so schreibt, dass ein Misserfolg als Erfolg verschleiert daherkommt - kann man aber nichts dagegen sagen. Jeder Schreiber kann sich darauf berufen, dass er nur ein paar Zahlen aufgeführt hat - wenn der Leser da draus dann nen tollen Erfolg macht, ist es ein Problem.

    Mich hat es jedenfalls ziemlich umgehauen, wie hoch die Anzahl der Psychiater ist, die auf den Honorarlisten der Pharmafirmen stehen! Ich weiß, jetzt kommt gleich wieder - aber ADHs und Ritalin und und und...

    Darum geht es aber nicht ausschließlich. Ich finde es immer interessant, mal einen Blick auf's Ganze zu werfen, Gelegentlich mal das Prinzip ins Auge fassen hilft enorm, beim Erkennen von Details!

    Blech hat eben bei einigen Themen Recht, bei einigen redet er nachweislich Unsinn!

    Richtig liegt er in jedem Fall damit, dass es schon sehr seltsame Verquickungen zwischen den unterschiedlichen Akteuren im Gesundheitswesen gibt. Mit diesen Darstellungen steht er auch keineswegs alleine.

    Ich glaube ihm auch, wenn er von Psychiatern berichtet, die einst auch auf den Honorarlisten der Pharmafirmen standen und sich heute im Verein Mezis organisieren.
    Habe zuviele dieser kritischen Mediziner kennen gelernt - auch wenn ich nicht alle von ihnen schätze oder gar für genial halte!

    Das war jetzt aber meine letzte Antwort.

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