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Diskutiere im Thema Ursula Davatz - ADHS und Schizophrenie im Forum ADS ADHS Bücher
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  1. #11
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Forum-Beiträge: 176

    AW: Ursula Davatz - ADHS und Schizophrenie

    Die schwerste Form der Depression geht in der Regel mit Psychosen einher. Aber diese Psychosen sind in der Regel "synthym", das heißt, deren Inhalte passen zu der depressiven Stimmungslage. So gibt es da z.B. den Verarmungs- und Versündigungswahn. Bei leichteren Depressionen gibt es diese Ideen auch, wertlos zu sein, zu verarmen, sündig und schlecht zu sein, aber hier können die Ideen noch durch entsprechende Gegenerfahrungen und Argumente zumindest zeitweise noch zerstreut werden.

    Bei der bipolaren Störung gibt es durchaus auch mal psychotisches Erleben, was deutlich macht, dass hier eben noch mehr Mechanismen gestört sind als nur die Stimmungsregulation. Die bipolare Störung gehört ja auch schon zu den schwereren psychiatrischen Krankheitsbildern - und Betroffene haben gewiß meist noch Komorbiditäten und prädisponierende Faktoren wie ADHS oder ASS, PTBS, etc.

    Das ist jetzt nur mal so eine Theorie von mir: Eventuell kann sehr starkes affektives Erleben eine Psychose auslösen (und umgekehrt, die Psychoseinhalte beeinflussen die Effekte, ist ein Wechselspiel), so dass sehr starke Stimmungsauslenkungen wie Manie oder schwere Depression synthyme Wahninhalte beim Betroffenen vorgaukeln können und in einer weiteren Steigerung Halluzinationen. Denn eins ist gewiß: Unsere Wahrnehmung ist selektiv, sogar so selektiv, dass wir manchmal Dinge wahrzunehmen glauben, die in Wirklichkeit nicht da sind, aber deren Vorhandensein einfach erwartet wird. Z.B. ein Schlüssel, der immer neben der Eingangstür hängt. Einmal hängt er nicht da, dessen Anwesenheit wird solange vermutet und auch bei Hinschauen "gesehen", bis er benötigt wird, und es dann erst auffällt dass er nicht da ist. Würde man jetzt denjenigen fragen, wo der Schlüssel ist, wird er mit hundertprozentiger Sicherheit angeben, dass er neben der Tür hängt, solange bis er die Abwesenheit des Schlüssels bemerkt hat. Das ist natürlich noch keine Psychose. Wenn ich z.B. in einer guten Stimmung bin, nehme ich Freudiges viel mehr wahr als in einer neutralen Stimmung, nehme es nicht nur stärker wahr, sondern auch mehr solcher Ereignisse um mich herum. Diese speichern sich auch mehr in meinem Gedächtnis ab. Es kann dann im Extrem soweit gehen, dass ich Dinge als freudig wahrnehme, die in "normaler" Grundstimmung keinen/wenig affektiven Inhalt haben, z.B. freue ich mich darüber, dass mein Auto fehlerfrei läuft, was normalerweise als selbstverständlich erlebt wird. Und wenn es in den Bereich des Pathologischen gehen würde, würde sich jemand in einer Manie über Dinge freuen, über die man sich eigentlich nicht freuen sollte und würde jegliche Verhältnismäßigkeit seines Handelns aus den Augen verlieren und z.B. größenwahnsinnig werden.

    Das Buch habe ic hmir selbstverständlich gestern gekauft.

  2. #12
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 1.148

    AW: Ursula Davatz - ADHS und Schizophrenie

    Danke - ich hätte es nicht besser formulieren können!

    Überhaupt hast Du eigentlich schon die Geschichte von den Monsterwellen beschrieben.

    Solange wir uns an einzelnen Diagnosen aufhalten - die defintiv nur für die Rechnungen bzw. Abrechnungen und den GdB wichtig sind - können wir die Komplexität des Systems nicht näherungsweise erfassen!

  3. #13
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 1.148

    AW: Ursula Davatz - ADHS und Schizophrenie

    ADHS und Schizophrenie
    Untertitel: Wie emotionale Monsterwellen entstehen und wie sie behandelt werden
    von Ursula Davatz
    ISBN 978-3-7253-1020-3

    Allgemein: Der Text ist flüssig, auch für Laien verständlich, geschrieben. Die Kapitel sind übersichtlich strukturiert. Die krankmachenden Interaktionen zwischen Umwelt und individuellen Risikofaktoren werden gut dargestellt und durch geeignete Fallbeispiele anschaulich gemacht. Die wichtigsten Erkenntnisse und Thesen werden in den jeweiligen Kapiteln in prägnanten Sätzen herausgehoben dargestellt.


    Achtung:
    Das Buch ist für Konkretisten eher ungeeignet. Wer über sich sagen kann, dass er in Stressphasen vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, der sollte sich auf schwere Lektüre einstellen. Wer aber, wie ich, eher zu den Menschen gehört, die vor lauter Wald die Bäume nicht sehen, der wird dieses Buch wohl leichter verstehen und sicher auch so manchen AHA-Moment erleben.


    Die Autorin ist Psychiaterin und Familientherapeutin, sie vertritt einen systemischen Ansatz in der Therapie, war leitende Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kanton Aargau (Schweiz) und gründete den Verein der Angehörigen von Schizophreniekranken.


    Das Buch ist zu verstehen als eine empirische Studie der von ihr behandelten Fälle schizophrener Psychosen, die unter Einbeziehung verschiedener spezieller Studien entstanden ist.

    Im Mittelpunkt steht die schizophrene Psychose, deren Entstehung sowie die geeignete Behandlung.


    Interessant ist das wechselnde Verständnis der schizophrenen Psychosen in der Historie der Nervenheilkunde. Die Autorin bezeichnet das psychotische Geschehen als eine rein affektive Störung, die Angst und Unruhe erzeugt, bis als einziger Ausweg des Individuums nur noch das Wahnerleben bzw. Wahngeschehen bleibt.


    Ursula Davatz stellte die Hypothese auf, dass es sich bei ADHS um eine Konstitution mit erhöhter Sensitivität und damit einhergehend einer stärkeren Vulnerabilität handelt, die erst bei entsprechenden Interaktionen mit der Umwelt Krankheitswert erreicht. Diese krankmachenden Interaktionen führen zu einer permanenten emotionalen Belastung, aus der in Krisenzeiten emotionale Monsterwellen entstehen, die eine schizophrene Psychose auslösen bzw. auslösen können.


    Gestützt wird diese Hypothese durch eine Studie der Psychiatric Genomics Consortium Cross Disorder Group aus dem Jahr 2012. Die Zahl der Probanden lag bei 60 000. In dieser Studie konnte aufgezeigt werden, dass bei fünf verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen dieselben genetischen Risikofaktoren bestehen. Diese fünf Erkrankungen sind: Schizophrenie, schwere Depressionen, Autismus, bipolare Störungen und ADHS.


    Auch andere Autoren weisen mehrfach darauf hin, dass ADHS selten allein vorkommt. Bei dem größten Teil der Betroffenen liegt mindestens eine weitere psychiatrische Diagnose vor.


    Schizophrene Psychosen liegen zwar nicht an der Spitze der Komorbiditäten, sie betreffen nur einen relativ kleinen Anteil der von ADHS betroffenen Menschen, kommen aber nachweislich gehäuft bei einem bestehenden ADHS vor. (vgl. auch Gerhard W. Lauth - Wolf-R. Minsel), dort findet sich eine Auflistung der häufigsten komorbiden psychiatrischen Erkrankungen. Hier findet sich auch eine mögliche Erklärung für die häufig langen und erfolglosen Therapien bei ADHSlern
    In der eigenen Arbeit fand die Autorin erstaunliche Übereinstimmungen der Symptome von ADHS und schizophrenen Psychosen. Ferner konnte die Autorin in der praktischen Tätigkeit bei bestehenden Psychosen eine Zunahme von Patienten feststellen, die in ihrer Jugend bereits eine ADHS Diagnose erhalten hatten.


    Abgesehen von diesen Übereinstimmungen der beiden Störungsbilder geht Frau Davatz nicht näher auf ADHS ein, sondern widmet sich den Interaktionsmustern in sozialen Systemen, die eine schizophrene Psychose auslösen können.


    Im Vordergrund stehen Double-Bind-Situationen im weitesten Sinne und nicht nur im Sinne von verbalen Doppelbotschaften wie der bekannten Aussage "Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass". Dazu gehört auch die Unvereinbarkeit emotionaler Wahrnehmungen mit rein kognitiven Erklärungen der wichtigsten Bezugspersonen. Die Folgen sind Verwirrung für die betroffenen Menschen, die sich in Krisenzeiten in affektiven Überreaktionen entladen können.


    Vermutlich kennt jeder die Vexierbilder, die von verschiedenen Personen völlig anders interpretiert werden während beide Interpretationen richtig sind. Mir fällt immer das Beispiel mit der alten Frau und dem jungen Mädchen ein, wahrscheinlich auch eines der häufigsten Beispiele als praktische Unterweisung für einen Perspektivenwechsel. Spaß macht es eigentlich nur, wenn sich zwei Menschen dieses Bild ansehen. Der erste sieht ein junges Mädchen, der zweite erkennt sofort eine alte Frau.

    In dem Bild ist tatsächlich sowohl eine alte Frau als auch ein junge Frau dargestellt.


    Wesentlich ist die Akzeptanz bzw. die Kommunikation der unterschiedlichen Wahrnehmungen. In Familien mit Schizophreniekranken findet solch eine Kommunikation nicht oder nur selten statt. Es gilt die Wahrnehmung der meisten oder auch der stärksten Gruppenmitglieder. Das Mitglied mit der anderen Wahrnehmung befindet sich demnach in einer Zwickmühle. Die eigene Wahrnehmung ist da, kann oder darf aber nicht mitgeteilt werden. Die Botschaft lautet: Deine Wahrnehmung ist falsch!


    In entsprechenden Experimenten konnte nachgewiesen werden, dass in Familien mit Schizophreniekranken unterschiedliche Wahrnehmungen nicht kommuniziert werden. Im schlimmsten Falle wird die andere Wahrnehmung eines Gruppenmitglieds bereits im Vorfeld als Wahn oder Dummheit abgestempelt. In den Vexierbildern stimmen beide Wahrnehmungen. Im sozialen Kontext ist es notwendig, die Wahrnehmung des anderen grundsätzlich zu akzeptieren und damit achtsam und anerkennend umzugehen. Dies beinhaltet nicht zwangsläufig auch eine Zustimmung. Es beinhaltet aber auch nicht die Aufforderung zu endlosen Diskussionen.


    Meine persönliche Meinung: Ich habe das Buch über weite Strecken mit großem Interesse gelesen. Besonders beeindruckt hat mich das Behandlerverständnis der Autorin, die immer dafür plädiert, offen mit der Medikamentenfrage umzugehen. Hierbei geht es der Autorin nicht um rechtliche Fragen oder die Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes, es geht ihr ausschließlich um einen nachhaltigen Behandlungserfolg, der sich wiederum auf die gesamte soziale Interaktion auch über Generationengrenzen auswirkt. Ferner ist Frau Davatz eine Vertreterin einer konsequenten Prävention, die vor allem auf Akzeptanz gegenüber dem Anderssein basiert.


    Für mich hat sich mit dem Buch ein Erkenntniskreis geschlossen. Es zeigt für mich die Praxis oder auch die therapeutische Umsetzung auf, die sich aus meiner bisherigen Lektüre zu den Themen Neurobiologie und psychiatrische Erkrankungen ergibt. Mein Leben wird sich dadurch zwar nicht verändern, aber ich habe einiges mehr verstanden bzw. auch vielfältige Bestätigungen eigener Beobachtungen, auch aus der eigenen Biographie, gefunden.

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