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Diskutiere im Thema Titelseite Tagesanzeiger: Ritalin -Diskussion im Forum ADS ADHS Allgemeines
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    cayenne

    Gast

    Titelseite Tagesanzeiger: Ritalin -Diskussion

    hoi zäme und guten Montag


    ja da hab ich nicht schlecht gestaunt letzten Mittwoch war Ritalin auf der Titelseite meiner Tageszeitung....und am Samstag gleich nochmal.



    gruss
    cayenne

  2. #2


    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 9.520
    Wow, in einer Woche gleich zwei mal auf die Titelseite, das schaffen sonst nur Politiker

    Jetzt mal im Ernst, ich habe die Onlinetexte gerade mal angesehen und sowohl im Text selber, als auch in den Leserkommentaren wird sehr viel mit Emotionen und Vermutungen gespielt.

    Es ist eine Tatsache, dass die verschriebene MPH-Menge zugenommen hat. Leider geben sie nicht an, ob es die Anzahl der behandelten Patienten, die Wirkstoffmenge oder die Anzahl der Einzeldosen (Tabletten) ist, die sich verachtfacht hat. Im Artikel heißt es von einer Verachtfachung in zehn Jahren. Die Grafik zeigt, dass sich in den letzten fünf Jahren die Wirkstoffmenge verdoppelt hat. Das lässt zwei Möglichkeiten offen: Die beiden Zahlen beziehen sich auf eine unterschiedliche Basis, oder es gab einen Boom und jetzt nähert sich das ganze nach und nach einer Sättigung. Die Angabe, dass im Vergleich zum Vorjahr Zitat: "ein Fünftel mehr Packungen" verkauft wurde ist sowieso statistischer Blödsinn, da verschiedene Präparate in unterschiedlichen Packungsgrößen erhältlich sind (z.B.: Medikinet Retard Standardpackung: 50 Tabletten, Concerta Standardpackung 30 Tabletten). Ein Wechsel zwischen den beiden im Beispiel und schon erhöht sich die Anzahl der Packungen/Verordnungen um zwei Drittel.

    Dass einige Ärzte das Medikament verschreiben, ohne die Patienten ausreichend zu untersuchen und ohne dass sie die anderen Möglichkeiten prüfen, entspricht leider den Tatsachen. Da spielen sicher viele Faktoren eine Rolle. Ganz wichtig dürfte sein, inwieweit sich der Arzt überhaupt mit dem Krankheitsbild AD(H)S, aber auch mit anderen Krankheiten, die ähnliche Symptome haben, auskennt. Ein weiteres Problem ist sicher auch eine Erwartungshaltung, besonders wenn das Kind nicht so "funktioniert" wie die Eltern erwarten. Dann geht man halt notfalls zu mehreren Ärzten, bis die Diagnose positiv ausfällt. Beides kommt vor, ob häufig oder eher selten lasse ich mal offen. Tatsache ist aber auch, dass hier mal wieder (womöglich berechtigte) Kritik am Weg wie manch eine Diagnose zustande kommt in eine Kritik am Krankheitsbild umgewandelt wird. Das passiert bei AD(H)S besonders oft, aber auch bei Depression, Angststörung, Burn-Out, Essstörungen, kurz bei fast allen psychischen Erkrankungen findet man ähnliche Vorwürfe an die Ärzte, noch viel stärker aber an die Betroffenen. Das Hauptproblem ist, dass sich z.B. eine Fraktur mit einem Röntgenbild eindeutig nachweisen lässt und man eine Fehlfunktion der Schilddrüse durch Blutuntersuchungen zweifelsfrei diagnostizieren kann. Bis jetzt gibt es aber keine Röntgenbilder oder Blutwerte, mit denen sich psychische Probleme wie AD(H)S oder Depressionen nachweisen ließen. Testpsychologische Verfahren und noch viel mehr der persönliche Eindruck eines Therapeuten gelten in der Öffentlichkeit als manipulierbar und darum nicht aussagekräftig. Was wäre, wenn man eine Weber-Fraktur (Sprunggelenk und Wadenbein) nicht mit Röntgen, sondern nur mit Beweglichkeitstests und der Schilderung des Patienten diagnostizieren könnte? Würde die Operation dann auch als Scharlatanerie dargestellt? Psychische Störungen haben nicht nur ihrer vermeintlich schlechten Fassbarkeit wegen mit Vorbehalten zu kämpfen, vermutlich ist noch viel wichtiger, dass sie die Persönlichkeit eines Menschen beeinflussen und darum eigentlich nicht wahr sein dürfen.

    Dass Pharmafirmen auf allen Fronten versuchen ihre Produkte am Markt zu etablieren ist traurig aber wahr. So gibt es kaum ein Ärztesymposium, dass nicht von einem oder mehreren Arzneimittelherstellern unterstützt wird und dass Selbsthilfegruppen zu Werbungszwecken unterstützt oder gar gegründet werden, ist eine Tatsache, nicht nur bei ADHS und anderen psychischen Erkrankungen. Einen Aufschrei erzeugt das freilich nur bei einer Anzahl von ausgewählten Erkrankungen, besonders bei denen, die in der Öffentlichkeit einen schlechten Ruf haben. Tatasächlich gibt es solche Verflechtungen aber auch bei "unstrittigen" Krankheiten wie Krebs oder Diabetes. Es ist auch wahr, dass das Interesse um so größer wird, je länger die Therapie notwendig ist. Am lukrativsten sind logischerweise chronische Krankheiten, die früh eine Therapie notwendig machen und bei denen die Patienten trotzdem eine lange Lebenserwartung haben. Dass das nicht ausschließlich zum Wohl der Patienten geschieht ist klar. Jedoch können dem nur wir Patienten selber entgegenwirken. Trotzdem stellt z.B. der Einfluss eines Blutzuckermessgeräteherstelle rs auf eine Diabetesselbssthilfegruppe nicht die Existenz der Erkrankung in Frage, das gibt es nur bei psychischen Krankheiten.

    Kurz zusammengefasst: In den Artikeln werden einige wichtige Probleme wie schlechte Diagnostik oder externer Einfluss auf Ärzte und Betroffenenorganisationen angesprochen. Es ist unstrittig, dass es hier noch viel zu tun gibt, was dann schlußendlich auch zum Wohl der Betroffenen ist. Leider werden diese berechtigten Punkte dazu verwendet Vorurteile zu schüren, was wiederum dazu führt, dass sich gerade die Fronten verfestigen, die es eigentlich aufzulösen gilt. Für die Zeitung ist es egal, da zählt die Auflage und die Schlagzeile Ritalin als Opium fürs Volk verkauft sich besser als Bei Diagnose und Therapie von ADHS liegt noch viel im argen. Fazit: Es werden wichtige Probleme angesprochen, aber nicht um nach einer Lösung zu suchen, sondern nur um Gräben aufzureißen.

  3. #3


    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 20.802
    Blog-Einträge: 40

    Böse

    Hi, cayenne

    Vielen Dank für deinen Beitrag, denn der zeigt einmal mehr das große Problem bei der ganzen Sache.

    Ja, ADHS und dann vor allem Ritalin sind bei Zeitungen (auch seriösen) ein beliebtes Mittel, um mal bisschen für "Action" zu sorgen.

    Das muss noch lange nicht heissen, dass die, welche das dann auf so reisserische und provikative Art geschrieben haben, auch wirklich das denken, was sie da rein setzen.

    Aber Hetze gegen ADHS, Ritalin als "Droge für Kinder" und der ganze andere Schwachsinn drumrum verkauft sich nunmal verdammt gut, weil die meisten selber Kinder haben und Kinder mit "Drogen zuzudröhnen" und das dann noch o.k. zu finden, das ist nunmal (schon seit 50 Jahren) ein Thema, bei dem dann sämtliche Laien aus den Löchern gekrochen kommen und ihre Emotionen zu Papier (bzw. auf den Bildschirm) bringen.

    Naja, vor allem die Kommentare zum ersten Artikel unterscheiden sich in keiner Weise von allen anderen Diskussionen, bei denen die Zeitungen und andere Medien das breite Publikum aufhetzen und als ganz natürliche Folge davon dutzende absolute Laien meinen, unbedingt da ihren Senf zu abgeben zu müssen. Genau das gleiche findet man auch in irgendwelchen "Gesundheits"-Foren, Mama+Kind-Foren oder sonst überall, wo keiner die Fakten und Hintergründe kennt, aber trotzdem meint, seine eigene, unqualifizierte Meinung unbedingt kund tun zu müssen.

    Man muss mal das ganze Drumrum ausblenden und sich mal ausschließlich den Hintergrund für den ersten Artikel genau anschaun:

    Da wollen Politiker wissen, wieso sich die Ritalin-Verschreibungen so stark erhöht haben. Sonst nichts.

    Was daran schlimm sein soll, weiss ich nicht, denn wenn plötzlich ein anderes Medi, das im BTMG steht, z.B. Morphium = Heroin, auf einmal so häufig verschrieben wird, dann wäre es mal sehr bedenklich, wenn dann die Politiker, die letzendlich auch mit für die Festlegung der ganzen Vorschriften und Gesetze zuständig sind, da nicht mal bei den Fachleuten nachhaken würden.

    Es gibt noch tausende andere Medis, bei denen die Verschreibung in der Zeit um ein zigfaches zugenommen hat, aber MPH ist eben das einzige, was im BTMG aufgeführt ist und somit als direktes Drogenersatzmittel oder als Droge an sich.

    Was es ja zweifelsohne bei nicht Betroffenen auch ist, da es da aufgrund der anderen Biochemik nunmal extrem aufputschend wirkt und auch demenstprechend enorm viel missbraucht wird, sei es für die Techno-Party am Wochenende, die Abschlussprüfung der Schule oder täglich im harten Manager-Alltag.

    Das blöde an der Sache sind aber dann wieder solche Reportagen in größeren Zeitungen (und die findet man jeden Tag irgendwo, ob D, CH, A, oder sonst wo), die diese einfache Frage der Politiker, an was dieser Verschreibungszuwachs liegt, zum Anlass nehmen, ADHS-Betroffene mit Menschen, die kein ADHS haben und demzufolge auch kein Ritalin oder sonst irgend ein MPH-Medikament brauchen, auf eine Ebene zu stellen und in die gleiche Schublade zu stecken. Dass das bei einem ADHS-Gehirn völlig andere und in keiner Weise aufputschende oder süchtig machende Eigenschaften hat, das wissen nur die wenigsten und von den Laien gar keiner.

    Das Ganze dann auf die Titelseite über den Bruch (also in die obere Hälfte), dass man das an den Kiosken auch gleich sehn kann, dann kaufen die Leutz diese Zeitung natürlich auf der Stelle. Betroffene, die sich dann zum Kotzen ärgern , Fachleute, die das auch tun aber zu 99% eben Leute, die davon keine Ahnung haben und dann mit diesem journalistischen Sondermüll einen komplett falschen Eindruck der Situation bekommen.

    Das Ganze wiederholt sich seit X Jahren jeden Tag in X Zeitungen, wo dann jedesmal zu 100% die gleichen Reaktionen kommen und immer fast ausschließlich von Leuten, die zu 0% von der Sache Ahnung haben.

    Die Leidtragenden der ganzen Sache sind letztendlich die Betroffenen, vor allem die Kinder, die nicht selbst für sich entscheiden können, denn durch sowas ensteht jeden Tag neu die Meinung in der Bevölkerung, dass es ADHS wahrscheinlich gar nicht gibt und wenn doch, dass man da weder Medikamente noch eine Therapie im Gesamtkonzept benötigt, die naturgemäß in 90% der Fälle auch erforderliches Ritalin oder andere Medikamente mit einschliesst.

    Folglich sind dann in der Meinung der Mehrheit der Bevölkerung Eltern, die ihren Kindern MPH-Medikamente geben, absolut verantwortungslos und stellen ihre Kinder damit ruhig, damit sie sich nicht mit ihnen beschäftigen müssen und erwachsene Betroffenen sind Drogenabhängige, die sich damit aufputschen, um mehr Leistung zu bringen.

    Das ist das Dilemma, in dem die ganze ADHS-Diskussion zur Zeit steckt und solang sich das Thema in den Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, im Fernsehen usw. so gut verkaufen lässt, diese Propaganda-Laien-Diskussionen jegliche seriöse Diskussion von vorne herein unmöglich machen und die ADHS-Diagnose und -Behandlung nicht endlich mal den speziell dafür ausgebildeten und weitergebildeten Fachärzten überlassen bleibt, wird sich das auch definitiv nicht ändern.



    LG,
    Alex

  4. #4
    cayenne

    Gast
    Lieber clown

    ich hab im Januar auch eure Diskussion zur Pressemitteilung der Bundespsycho- therapeutenkammer mitverfolgt und war echt verblüfft über deinen Beitrag, der abschliessend mit deinem P.S....

    traenenclown schreibt:
    P.s.: Ich habe heute länger an einem wissenschaftlichen Text gearbeitet, darum hört sich der Beitrag noch danach an. Das verliert sich aber im Lauf des Abends
    ...bei mir ein Lächeln auslöste.

    Das beeindruckt mich, eine solche Analysefähigkeit.
    Ich konnte mir so richtig vorstellen, wie du denn Bericht umgelegt hast noch ganz versunken in "woran hast du denn gearbeitet?"

    Bei uns in Zürich gilt:
    Kennst du den Unterschied zwischen einer/m ETH und Uni StudentIn?
    die einen können nicht schreiben, die anderen nicht rechnen.
    Du kannst beides

    und lieber Alex

    Da wollen Politiker wissen, wieso sich die Ritalin-Verschreibungen so stark erhöht haben. Sonst nichts.

    Was daran schlimm sein soll, weiss ich nicht, denn wenn plötzlich ein anderes Medi, das im BTMG steht, z.B. Morphium = Heroin, auf einmal so häufig verschrieben wird, dann wäre es mal sehr bedenklich, wenn dann die Politiker, die letzendlich auch mit für die Festlegung der ganzen Vorschriften und Gesetze zuständig sind, da nicht mal bei den Fachleuten nachhaken würden.
    genau, ich finde das auch völlig plausibel. Was mich aber interessieren würde - wer nimmt sich dem an? Wer trägt dies an die Entscheidungsträger heran und will es untersucht haben? Wie müssen wir uns das vorstellen?
    Pädagogik, Elternvereinigungen, Schulen, Krankenkassen? Das kostet so eine Studie - will sich damit jemand profilieren - da kommt mir gleich die Bemerkung vom clown in den Sinn: zweimal die Frontseite in einer Woche, das schaffen sonst nur die PolitikerInnen.
    Interessant ist ja auch, dass es in der CH, D und A zum Teil anders zu und her geht - gerade meine Stadt hat eine weitbekannte Drogengeschichte.

    Das blöde an der Sache sind aber dann wieder solche Reportagen in größeren Zeitungen (und die findet man jeden Tag irgendwo, ob D, CH, A, oder sonst wo), die diese einfache Frage der Politiker, an was dieser Verschreibungszuwachs liegt, zum Anlass nehmen, ADHS-Betroffene mit Menschen, die kein ADHS haben und demzufolge auch kein Ritalin oder sonst irgend ein MPH-Medikament brauchen, auf eine Ebene zu stellen und in die gleiche Schublade zu stecken. Dass das bei einem ADHS-Gehirn völlig andere und in keiner Weise aufputschende oder süchtig machende Eigenschaften hat, das wissen nur die wenigsten und von den Laien gar keiner.
    Also dazu hätte ich noch eine Frage, eigentlich mehrere. Aber die wichtigste:
    wenn mph wirkt (konzentrationsfördernd und eben nicht aufputschend), dann könnte man dies als positiven AD(H)S-Test (mit)gelten lassen?

    Was mir immer auffällt ist, es wird von Kindern und Jugendlichen gesprochen. Was ist den mit denen los, wenn sie 18 oder 20 werden? Dann kann abgesetzt werden? Der "Ritalin-Boom" hat doch sicher schon Erwachsene hervorgebracht. Das würde mich mal interessieren - gehen denn all die Pädagogen,Eltern oder gar Ärzte (nichts ist unmöglich) davon aus, dass sich sowas auswächst?
    ...und dann wirds interessant: ist AD(H)S gar heilbar, resp. integrierbar ohne allzugrosse Einbusse der Lebensqualität. Das sind interessante Gedanken.

    tja, ich schweife ab

    grüsse euch und einen schönen Abend noch
    cayenne

  5. #5
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
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    "Was ist den mit denen los, wenn sie 18 oder 20 werden? Dann kann abgesetzt werden?"

    Nein, dann kann weiterbehandelt werden. Wenn Du erst mit 18 diagnostiziert wirst, gibt`s Probleme.

    Da es ADS nur gibt, wenn es bis 17 diagnostiziert wurde.

    Klingt a bissle unlogisch. Wenn man sich die "Denkweise" aber mal verinnerlicht hat, klingt alles andere unlogisch.


    "Ist AD(H)S gar heilbar?"

    Eigentlich nicht. Es gibt aber Fälle, die die Ausnahme dieser Regel sind.


    "könnte man dies als positiven AD(H)S-Test (mit)gelten lassen?"

    Heikle Frage. Äußerst heikel. Als Indiz in der Kette der Indizien könnte man des aber durchaus gelten lassen, ja.

  6. #6


    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 9.520
    Liebe Cayenne,

    cayenne schreibt:
    Bei uns in Zürich gilt:
    Kennst du den Unterschied zwischen einer/m ETH und Uni StudentIn?
    die einen können nicht schreiben, die anderen nicht rechnen.
    Du kannst beides
    Das heißt, dass ich weder für die Uni, noch für die ETH die Voraussetzungen hätte. Ich glaub jetzt weiß ich was bei mir schiefläuft.

    Aber danke für die Komplimente.

    cayenne schreibt:
    Was mich aber interessieren würde - wer nimmt sich dem an? Wer trägt dies an die Entscheidungsträger heran und will es untersucht haben? Wie müssen wir uns das vorstellen? Pädagogik, Elternvereinigungen, Schulen, Krankenkassen? Das kostet so eine Studie - will sich damit jemand profilieren - da kommt mir gleich die Bemerkung vom clown in den Sinn: zweimal die Frontseite in einer Woche, das schaffen sonst nur die PolitikerInnen. Interessant ist ja auch, dass es in der CH, D und A zum Teil anders zu und her geht - gerade meine Stadt hat eine weitbekannte Drogengeschichte.
    Eigentlich ist es relativ normal, dass jemand wissen will, was los ist, wenn ein schon lange bekannter Wirkstoff plötzlich häufiger verordnet wird als früher. Die Antworten auf die Frage nach dem Warum, können recht unterschiedlich sein. Oft liegt es daran, dass sich das Medikament kürzlich bei einer anderen Krankheit als wirksam herausgestellt hat, dass sich die Behandlungsrichtlinien geändert haben und dadurch andere Medikamente nicht mehr erste Wahl sind oder dass es für eine Erkrankung erst jetzt eine "kritische Masse" an Ärzten gibt, die ihre Patienten darauf untersuchen. Besonders wenn der Wirkstoff, wie MPH, als süchtigmachend eingestuft wird, halten zum Beispiel die Gesundheitsbehörden zu recht die Augen offen. Es wäre wirklich mal interessant zu wissen, welche Dosen aufgrund welcher Diagnose (MPH wird nicht nur bei ADS verwendet, sondern z.B. in bestimmten Fällen auch bei Narkolepise) an Patienten welchen Alters abgegeben werden.

    Wenn solche Themen vermehrt durch die Presse gehen, bleibt den zuständigen Politikern auch garnichts anderes übrig, als irgendwas zu tun. Denn der Vorwurf Untätigkeit ist im Wahlkampf schlimm, den Vorwurf mit unnötigem Aktionismus schaden angerichtet zu haben, gibt es nicht.

    Hier sei mir eine bissige Bemerkung erlaubt. Die Journalisten sprechen von sich gerne als die vierte Gewalt im Staat. Exekutive, Legislative und Judikative kontrollieren sich gegenseitig, das ist sowohl in der Schweiz wie auch in Österreich und Deutschland so und es ist gut so. Wer aber kontrolliert die vierte Gewalt? Vor allem da es die einzige ist, die ihre Macht nur auf der Basis von Sensationen und Emotionen wirkungsvoll ausüben kann.

    Ach ja, zur Drogengeschichte deiner Heimatstadt: Ich glaube nicht, dass es dort besonders viel oder wenig Drogenkonsumenten gab. Das Problem war hauptsächlich, dass es am Bl... eine offene Szene gab. Wenn der Konsum in den eigenen vier Wänden stattfindet ist er eben nicht öffentlichkeitswirksam. MPH wäre als weckende Substanz aber sowieso klassischerweise eher eine Party- und Managerdroge.

    cayenne schreibt:
    Also dazu hätte ich noch eine Frage, eigentlich mehrere. Aber die wichtigste: wenn mph wirkt (konzentrationsfördernd und eben nicht aufputschend), dann könnte man dies als positiven AD(H)S-Test (mit)gelten lassen?
    Wie Eiselein schon schreibt, es ist ein weiteres Indiz. Aber auch da ist es schwierig eine objektivierbare Aussage zu treffen. Dazu müsste man bestimmte Tests mit und ohne MPH durchführen und dabei noch sicherstellen, dass eventuell gemessene Schwankungen nicht auf der Tagesform beruhen.

    cayenne schreibt:
    Was mir immer auffällt ist, es wird von Kindern und Jugendlichen gesprochen. Was ist den mit denen los, wenn sie 18 oder 20 werden? Dann kann abgesetzt werden? Der "Ritalin-Boom" hat doch sicher schon Erwachsene hervorgebracht. Das würde mich mal interessieren - gehen denn all die Pädagogen,Eltern oder gar Ärzte (nichts ist unmöglich) davon aus, dass sich sowas auswächst?
    ...und dann wirds interessant: ist AD(H)S gar heilbar, resp. integrierbar ohne allzugrosse Einbusse der Lebensqualität. Das sind interessante Gedanken.
    Das ist eine ganz schwierige Frage, vor allem, da entsprechende Studien sehr unterschiedliche Ergebnisse gebracht haben. Diejenigen, die eine Heilung bei fast allen während der Pubertät herausgefunden haben, waren meistens allein auf die Hyperaktivität abgestellt. Die bildet sich tatsächlich meistens zurück. Daher rührt die Meinung, dass es sich in jedem Fall auswächst.

    Im Moment ist der Stand, dass es sich bei ungefähr 50% der Betroffenen während der Pubertät zurückbildet, völlig unabhängig, ob und wie sie therapiert wurden. Es wird vermutet, dass der Umbau der Stirnlappen hier Einfluss hat, aber genaues weiß man nicht. Allerdings hat die Therapie durchaus Auswirkungen auf andere Bereiche der Persönlichkeit, wie zum Beispiel aufs Selbstvertrauen.

    Mit Sicherheit gibt es Menschen, die ADHS fast nahtlos in ihr Leben integrieren können. Wenn das funktioniert, dann sollte der alte Grundsatz der Psychotherapie gelten: Nur wer leidet wird therapiert (Warum werden dann Manien medikamentös unterbrochen ). Ob es durch Therapie heilbar ist, ist im Moment mal wieder strittig. Es gibt auch hier Hinweise darauf, dass es manchmal zu funktionieren scheint. Das Problem ist, dass die Probanden während der Untersuchung in der Pubertät standen, was die Ergebnisse verwischt haben könnte. Es ist aber unsinnig, jemanden, der es gut integrieren kann unbedingt therapieren zu wollen.

    Clown

    P.s.: Ich wollte den langen Text noch mit einem Postscriptum versehen.

  7. #7
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 43
    Forum-Beiträge: 2.632
    ###Ich muss jetzt erstmal mein Post reposten.



    Die Leserzuschriften haben mich sehr "amüsiert": .Am besten fand ich die Hyperaktiven-Velo-Therapie vor der Schule, die ja bei mäßigem Anschlagen noch mit der Backpfeifen-Am-Nachmittag-Therapie kombiniert werden könnte.

    Für den hypoaktiven Sohn ist die Therapie dann wohl weniger geeignet. Schad eigentlich.

    Danke Clown für Deine Analyse. Du bist einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die Zeitungsartikel mit größerer Aufmerksamkeit lesen, als diese geschrieben werden.



    "Dass einige Ärzte das Medikament verschreiben, ohne die Patienten ausreichend zu untersuchen und ohne dass sie die anderen Möglichkeiten prüfen, entspricht leider den Tatsachen."


    Höre ich auch immer wieder, kann ich aber nicht bestätigen, wenn jemand so einen "Arzt" kennt, bitte PN. Da ich Amphetaminsulfat gleich in den nächsten Tagen probieren möchte und nicht erst im August, nach dem die Wartezeit für die nächste Untersuchung bei einem der wenigen hoffnungslos überlaufenen Spezialisten vergangen ist.



    "Ein weiteres Problem ist sicher auch eine Erwartungshaltung, besonders wenn das Kind nicht so "funktioniert" wie die Eltern erwarten. Dann geht man halt notfalls zu mehreren Ärzten, bis die Diagnose positiv ausfällt."


    Höre ich auch immer wieder, enstpricht aber leider auch nicht meiner Erfahrungswelt, in der diese Kinder von den Eltern wesentlich häufiger in ihrem seelischen Elend alleingelassen werden, anstatt sie zum Arzt oder Psychologen zu schleppen. Im Gegenteil, ich glaube schon bemerkt zu haben, dass Eltern davor eine große Hemmschwelle haben, weil sie Angst haben, dass bei dieser Aktion herauskommen könnte, dass sie in der Erziehung versagt haben. Je schlechter das Gewissen der Eltern, desto unwahrscheinlicher wird es, dass das ADS-Kind überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommt, ob der sich dann schließlich mit was auskennt oder nicht, ist dann erst die die zweite Frage.



    "Tatsache ist aber auch, dass hier mal wieder (womöglich berechtigte) Kritik am Weg wie manch eine Diagnose zustande kommt in eine Kritik am Krankheitsbild umgewandelt wird."


    Jo, das ist das eigentliche Problem.




    "journalistischen Sondermüll"


    Das ist aber eine schöne Formulierung, Alex. Wobei ich ja schon lange glaube, dass die Kloopapierindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Einfluss auf die sinkenden Auflagezahlen der Zeitungen gehabt hat, was die Zweitgebrauchsmöglichkeit derselben anbelangte.

    Interessant wäre es also mal zu erfahren, ob der stetig zunehmende Bedarf an Hygiene-Artikeln und Kosmetika, in Korrelation steht mit der stetig zunehmenden Umweltverschmutzung durch Medien, oder freudianisch gesprochen: ob nicht in den Ländern, in denen es gesellschaftlich am meisten stinkt, der Bedarf nach Parfüm am allergrößten ist. Also nicht wie bislang angenommen, umgekehrt.



    Aber ich will zum Abschluss noch einen seriösen Gedanken in die Runde werfen:

    Ich finde diese Statistiken, was das anbetrifft, aussagelos. Wenn das aus jedem Zusammenhang herausgerissen wird.

    Ich will zum Beispiel wissen, was die zeitgleiche Entwicklung bei den Tranquillizern ist oder bei den Neuroleptika oder bei den Antidepressiva.

    Und ob und wie sich diese Statistiken gegenseitig beeinflussen.

    Mein Gefühl ist - unabhängig von den Diagnosen - allmählich dieses: dass in dieser Gesellschaft, Drogen/Medikamente, die die Birne aushöhlen (Alkohol, Benzos, Neuroleptika) generell weit eher toleriert/gefördert werden, als Drogen die die Konzentrations- oder Erkenntnisfähigkeit fördern.



    "Ritalin ist Speed".

    Quelle dieses Zitats: Tagesanzeiger.ch, http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/...story/11827937

    Schön wär`s.





    "Selbsthilfegruppen für ADHS-Betroffene kurbeln den Verkauf von Ritalin an."

    Quelle dieses Zitats: Tagesanzeiger.ch, http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/...story/11827937

    Jo, und wann gründen wir jetzt nochmal unseren Verein, Speedfreaks e.V.? Da binni drbei, dat ist pri-i-ma!


    :peace:

    *Ironie aus*
    Geändert von Alex ( 5.03.2009 um 15:00 Uhr) Grund: Alex: Quellhinweise eingefügt (Bitte das Urheberrechtsgesetz beachten!) | Clown: Quellenhinweise angepasst | Alex: wiederum

  8. #8


    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
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    Bin ja sowieso erstaunt, dass die "Experten" der Zeitung meine doch ziemlich die Kompetenz der Diskussion anzweifelnde Zwischenbemerkung freigeschaltet haben.

    Leider hat man da nur 400 Zeichen für eine Antwort und da was Vernünftiges zum eigentlichen Thema zu äußern, ist leider völlig unmöglich.






    LG,
    Alex

  9. #9
    Ist hier zuhause

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    Noi, die ersten drei Zitate stammen vom Clown.


  10. #10


    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene(r)
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    O.k.,

    Nur innerhalb der eigenen Seite ist das (bis jetzt?) noch nicht vorgeschrieben.

    @ Eiselein: Wäre vermeidbar, dieses Chaos, wenn man von vorne rein bei der Erstellung eines Postings (die bei Mitgliedern mit 550 Postings allgemein als bekannt zu voraussetzende) Gesetzeslage berücksichtigen würde.

    Letztendlich war das ein persönliches Entgegenkommen meinerseits, diese Quellverweise einzufügen, denn üblicherweise laufe ich derartigem schon aufgrund der dafür fehlenden Zeit nicht hinterher, schicke es zur Nachbesserung über PN und füge dann nach erfolgter aber unvollständigen Nachbesserung noch Quellhinweise ein, sondern das Post wird, wie in jedem anderen Forum, schlicht und einfach gelöscht.



    LG,
    Alex

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