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Diskutiere im Thema Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung? im Forum ADS ADHS Allgemeines
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
  1. #1
    OMMM-Beauftragte

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 47
    Forum-Beiträge: 5.742

    Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Hallo zusammen,

    ich komme auf diesen Thread durch eine kleine Anmerkung von IchUndDu im Thread "An die "Eigendiagnostiker"/Spätdiagnostizierten: erzählt Ihr Freunden von ADHS?":

    IchUndDu schreibt:
    ich kann sagen, dass geht nicht oder das muß jetzt sofort ... weil ich ADHS habe und bei Jacob ist das auch so!
    Zunächst:
    Ich kann sagen, dass die Diagnose für mich auch eine große Erleichterung war:
    1. Ich kann seither daran arbeiten, die Schuldgefühle für meine vergangenen "Fehlleistungen" loszuwerden
    2. Ich habe einen Erklärungsansatz für Dinge, die ich "verzapfe" und die mit mir passieren (dieses Gefühl fremdgesteuert zu sein)

    Was ich für mich immer noch schwierig finde ist, die Diagnose als ausschlaggebendes und unumstößliches Argument für etwas zu verwenden ...
    Beispiel:

    Ich weiß, dass meine sensitive Wahrnehmung (besonders hören, riechen und sehen)
    1. jeweils stärker ausgeprägt ist bzw.
    2. die jeweiligen Reize massiver und ungefilterter verarbeitet werden
    3. die Kombination von
      1. "viel-unterschiedliches-und/oder-laut-und/oder-unangenehmes hören"+
      2. "viel-unterschiedliches-und/oder-kräftiges-und/oder-unangenehmes riechen"+
      3. "viel-unterschiedliches-und/oder-unangenehmes sehen"
    dazu führt, dass ich (eigentlich) schleunigst den Ort der Reizüberflutung (oder die Zeitphase der Reizüberflutung) vermeiden sollte ...
    Anstatt aber die Reize zu vermeiden, neige ich immer noch dazu, die Belastung entweder auszuhalten (z.B. gesellschaftliche Anlässe) oder bei mir selber zu suchen, mit Hilfe welcher "Krücke" ich die Belastung vermindern könnte - beispielsweise
    • Ohropax oder mp3-Player bei inakzeptabler Geräuschkulisse oder
    • Tunnelblick oder "visueller Traktorstrahl" auf Objekte, bei visueller Überflutung

    Ich stelle fest:
    1. Ich möchte vor allem mein näheres Umfeld nicht mehr mit meinem Schwierigsein belasten, als es bedingt durch die Sachlage eh immer wieder vorkommen wird
    2. Ich möchte mich nicht mehr derart durch die Diagnose einschränken lassen, wie es die ganzen Jahre der Fall war (weil ich nicht wusste, an welcher Stelle ich anpacken muss, um das Ding in den Griff zu bekommen)
    3. Ich wurde bisher grummelig bei Äußerungen, ähnlich der oben zitierten.

    Meine Frage nun an euch:

    Ich kann dieses "grummelig werden" bei mir, wenn jemand sagt "Kann ich nicht, weil ich habe AD(H)S" nicht interpretieren - oder vielleicht noch viel mehr: ich weiß nicht, ob ich ein Recht habe, darüber grummelig zu sein ...

    1. Ich sehe, dass es in der Öffentlichkeit (vor allem bei nicht-AD(H)Slern) solche Aussagen hässlich mit "Na toll, ja sicher, ... der aaaarme, kann nix dafür und muss nix dafür tun, dass es besser wird" kommentiert wird.
    2. Ich weiß aber, dass diese Perspektive paradox ist, von einem Blinden würde auch niemand erwarten, gefälligst Haus und Hof zu verkaufen, um sich heile Augen einbauen zu lassen ...
    3. In der AD(H)S-Gruppe lernen wir jetzt, dass es gewisse Aspekte gibt, die man bei sich tatsächlich "umprogrammieren"/umlernen kann - ich kann selber noch nicht einschätzen, welche Symptome ich als gegeben akzeptieren muss ...
    4. Bin ich neidisch in diesem Moment, weil ich es mir nicht getraue, ebenfalls manche Dinge als gegeben zu nehmen und es meinem Umfeld zu überlassen, halt damit zurecht zu kommen?

    Kennt ihr diese Art der Auseinandersetzung mit euch und eurer Diagnose auch?
    Kennt ihr das Gefühl, mit der Art und Weise, wie andere Diagnostizierte mit ihrer Diagnose umgehen, zu hadern?
    Wurdet ihr selber schon kritisch/negativ dafür angegegangen, wie ihr mit eurer Diagnose umgeht?

    ______________________________ ___________________________

    Oh mennomenno - jetzt habe ich derbe Kopfmatsch ... hoffentlich habe ich diese für mich schwere und komplexe Frage trotzdem einigermaßen lesbar für euch aufbereitet ... finde einfach keine Stelle, die ich in diesem Text kürzen könnte, um den Text vom Text zu entlasten

  2. #2
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Interessiert/Eigenverdacht auf ADHS / ADS
    Alter: 39
    Forum-Beiträge: 1.101

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Ich kann zwar nicht als diagnostizierte mitreden aber mit dem starken Verdacht seitens der Kinderärztin die meinen Sohn diagnostiziert hat.

    Also ich wende in den meisten Situatiuonen meine Strategien an die ähnlich sind wie deine aber z.B. Familie bei Familienfeiern, da reicht es wenn ich sage ich muss kurz raus. Mittlerweile weis da jeder dass in dem Moment bei mir eine totale Reizüberflutung ist mit der ich nur schwer klar komme. So spare ich die Energie die ich auf meine Strategien verwenden würde auf und gehe z.B. auf den Balkon und rauche eine zigarette oder gehe wenn es möglich ist in einen Raum in dem es ruhiger ist.

    Erklären konnte ich die Reizüberflutung allen in meiner Familie recht gut indem ich ihnen sagte stellt euch ein memorie-spiel vor. Normalerweise dreht man eine Karte nach der anderen um(eine Sache auf die man sich konzentriert.) Bei mir dehen sich aber gleichzeitig 5 Karten um und ich merke sie mir alle und ich kann nichts dagegen tun. So als wenn man auf einem uralt PC Windws 7 aufspielt der aber nur für Windows 95 ausgelegt ist, was passiert? Überlastung und Absturz. des kompletten Systhems.
    Nur das mein Systhem nicht abstürzt aber aufjedenfall masslos überlastet ist und alle verfügbaren Energiereserven verwendet.

    Ich gehe mit der Tatsache relativ gelassen um den ich kenne es ja bisher nicht anders. Nur weil ich ADHS habe ändert sich bei mir ncihts. ich und auch andere können nun aber vieles eher verstehen.

    Wie andere damit umgehen darauf neidich sein? Nein warum jeder Mensch ist anders und das gilt immer egal ob mit oder ohne ADHS.

    Kritisch ja negativ nein. Kritisch in dem Punkt, dass ich mittlerweile der Meinung bin das wenn ich die Diagnose habe ich wenn der Arzt es empfiehlt Medikamente nehmen würde. Aber da sind es eher die Vorurteile die da eine große Rolle was die Kritik betrifft mit hinein spielen.

    Es ist sicherlich kein ständiges Ruhepolster den egal ob ADHS oder nicht jeder mensch sollte an sich arbeiten aber wenn es wirklich zu viel wird weis ich, dass ich es mir auch ab und an mal leisten kann mich kurzzeitig auszuruhen.
    Geändert von Cat78 ( 1.04.2012 um 23:37 Uhr)

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Ärztliche Verdachtsdiagnose auf ADHS /ADS
    Forum-Beiträge: 470

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Meine Fresse, hab' ich 'ne Bollobirne jetzt...

    Aber egal.

    Wenn ich das richtig sehe, könnte man sich stark vereinfachend beispielsweise eine Selbstbetrachtungs- und Erwartungsskala vorstellen.
    Am einen Ende der Skala hätte man ein unumstößliches 'Das ist halt so, denn ich hab' ADHS', am anderen Ende stünde 'Scheiss drauf, ich muss das können'.
    Und eine gleichartige Skala würde (zur ersten in Bezug stehend) als Fremdbetrachtungs- und Erwartungsskala stehen.

    Hab' ich das soweit richtig?

    In der Hoffnung dass ja, fang' ich dann 'mal an:

    Also ganz abgesehen davon, dass ich nur ein 'V' & kein 'G' hinter der Diagnose habe...
    ...oder vielleicht gerade deshalb rumpele ich phasenweise auf beiden Skalen wie blöd vom einen Ende bis zum anderen. Mein Standpunkt auf Skala 1 ist dabei proportional zu meinem Erwartungsstandpunkt auf Skala 2.

    Beispiel:
    Irgendwann im letzten Jahr war ich der Meinung, dass ich mich wie der Teufel totzumalochen hatte, um die von mir erwarteten Dinge bedingungslos zu erfüllen. Da ich diese Einstellung zu mir selbst hatte, kam ich so überhaupt nicht auf einen bestimmten Menschen klar, der aus meiner damaligen Sicht nicht für fünf Pfennich an seinen ADHS-bedingten Fails arbeitete. Ich war ganz klar der Meinung, da wenn ich mich über Gebühr anstrenge irgendwelche Dinge zu erledigen die mich übel triggern er doch zumindest 'mal einsehen sollte, sich 'nen Tagesplan zu erstellen.
    Echt, rot glühende Augen...

    Irgendwann später war ich dann so dulle, dass gar Nichts mehr ging und bin voll zum anderen Ende der Skala 1 gewandert. Interessant dabei war, dass sich meine Einstellung zu eben jenem Menschen direkt mitverändert hat (Skala 2). Plötzlich war es mir wurscht, dass er (und ich) für unser neurotypisches Umfeld das Leben zur Hölle machten. Ich war sogar ganz angetan davon die Wirrnis als Argument einzusetzen, denn sie hatten es ja nicht anders verdient mit den jahrelangen Gleichbelastungsversuchen. HA!


    Zur Zeit versuche ich halt stark an mir zu arbeiten und eine ungefäre aber situationsmäßig angepasst veränderbare Mittelposition auf Skala 1 zu finden.
    Skala 2 ist da noch komplizierter, da bei Anderen die situationsmässige Anpassung durch unterschiedliche ADHS-Ausprägung, Komorbiditäten, Biografie komplett anders sein kann als bei mir. Das heisst, dass ich in einer Situation in der ich mich ohne übergebührliche (=nachhaltig zehrende) Anstrengung wunderbar mit leichten Abstrichen zurecht finden kann, ich nicht zwingend von Anderen, die auf dem Papier die gleiche ICD-Nummer stehen haben die gleiche Leistung erwarten kann.

    Also:
    Ich glaube, dass es nicht gut ist sich so anzustrengen, dass man sich damit dauerhaft schadet.
    Ich glaube, dass es nicht gut ist von Anderen zu erwarten sich so anzustrengen, dass sie sich damit dauerhaft schaden.
    Ich glaube, dass es gut ist sich so gut wie möglich anzustrengen, wenn man sich damit nicht dauerhaft schadet.
    Ich glaube, dass es gut ist von Anderen zu erwarten sich so gut wie möglich anzustrengen, wenn sie sich damit nicht dauerhaft schaden.

    Dort käme ich gerne hin.
    Also nicht die Diagnose als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern eine individuelle stetig veränderliche Flaw- und Merit- Liste.
    Diese Liste in Anderen zu erkennen ist tzwar nicht wirklich möglich, aber man kann versuchen zu lernen für einzelne Personen ein Muster zu erkennen, wann es gut (für sie) ist sie zu fordern oder sie zu lassen.

    Und wenn man es geschafft hat diesen Berg zu bewältigen, dann kommt noch das Problem, dass man nicht dennoch trotz all dieser tollen mitmenschlichen Gedanken zuweilen verdammt angepisst sein kann, wenn der Typ sich schon wieder damit entschuldigt, dass er nicht anders kann... Für einen selbst stellt das ja auch kein so massives Problem dar...


    -------
    Jetzt ist die Bollobirne noch bolleriger...
    Geändert von ze_4 ( 2.04.2012 um 00:49 Uhr) Grund: Bollo

  4. #4
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 4.257
    Ich versuch's mal mit Kurz&Knackig:

    Die Diagnose ist eine Chance zur gezielten Veränderung und zur Wiederherstellung eines gesunden Selbstwertgefühls.

    Die Diagnose ist kein Ruhepolster, keine Entschuldigung und eigentlich geht sie deswegen niemanden was an - ich erwarte ja keine speziell angepasste Reaktion (wie ein Rollifahrer der zu Recht erwartet dass ihm jemand an der Bordsteinkante hilft).

  5. #5
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: Ärztliche Verdachtsdiagnose auf ADHS /ADS
    Forum-Beiträge: 470

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Ich bin begeistert, wie das in zwei Sätzen geht...
    an mich.


    Nur damit...
    Wildfang schreibt:
    [...] und eigentlich geht sie deswegen niemanden was an - ich erwarte ja keine speziell angepasste Reaktion (wie ein Rollifahrer der zu Recht erwartet dass ihm jemand an der Bordsteinkante hilft).
    ...werd' ich für mich persönlich nicht glücklich.

    Weil:
    Person X erwartet Ergebnis Y von mir.
    Person X wünscht, dass ich Weg A wähle.
    Weg A triggert mich wie sieben wütende Hunde.

    Ich kenne einen mir grandios leicht fallenden Weg B der zum selben Ergebnis Y führt.
    Wie erkläre ich Person X, dass ich Weg B wählen werde?

    Bei mir hat bis jetzt in solchen Fällen NUR die allerletzte Möglichkeit 'Ich bin halt bekloppt' gewirkt, weil sachliche Argumente nicht angenommen wurden.
    Geändert von ze_4 ( 2.04.2012 um 01:20 Uhr) Grund: Unbeabsichtigte Unhöflichkeit ausgebügelt

  6. #6
    OMMM-Beauftragte

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 47
    Forum-Beiträge: 5.742

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Wildfang schreibt:
    Die Diagnose ist kein Ruhepolster, keine Entschuldigung und eigentlich geht sie deswegen niemanden was an - ich erwarte ja keine speziell angepasste Reaktion
    hm, das mit der Reaktion ist halt so eine Frage ... ich wäre z.B. für die Möglichkeit, AD(H)S als Behinderung deklarieren zu können, und damit z.B. die Chance zu haben, ein Coaching für den Job zu finanzieren.

    Und für die besonders stark Betroffenen könnte ich mir auch vorstellen, mit der Anerkennung als Behinderung eine persönliche Assistenz bekommen zu können (so wie für Blinde beispielsweise - ein persönlicher Assistent übernimmt im Berufsleben für Blinde die Aufgaben, für die zwingend visuelle Fähigkeiten notwendig sind, allerdings immer nach Ansage durch den Blinden, bspw. Schüler während einer Klassenarbeit beaufsichtigen, wenn der Lehrer Blind ist.).

  7. #7
    Neues Forum-Mitglied

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 47
    Forum-Beiträge: 161

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Ich kann immer nur mein Bestes geben. Und das gebe ich gerne. Auch, wenn ich wegen ADHS bei manchen Dingen andere Grenzen habe als andere Menschen. Und ich stehe zu meinen Grenzen, denn wenn ich über sie hinaus gehe, rächt sich das in vielerlei Hinsicht. Damit ist weder mir noch anderen geholfen.

    Ruhepolster? Nein, aber ein Ruhepol. Dadurch, daß ich nun weiß, was mit mir los ist, kann ich viel achtsamer mit mir umgehen und verurteile mich nicht mehr unterbewusst für meine Unzulänglichkeiten, für die ich ja überhaupt nichts kann. Das tut gut.

    Veränderung? Ja, ich verändere ganz viel. Derzeit bauen meine Frau und ich das Haus ADHS-gerecht um. Ok, das hört sich jetzt etwas merkwürdig an. Also wir entrümpeln massiv. Schmeißen vieles weg, stellen Dinge um, bringen Ruhe und Klarheit in die Wohnung, geben den Dingen eine neue, bessere Ordnung. Das macht nicht nur Spaß, sondern erleichtert mich. Genau so bringe ich nach und nach eine neue Struktur in meinen Tagesablauf.

    Was andere über mich denken oder wie sie mich sehen, ist mir relativ sch....egal. Es geht darum, daß es mir gut geht. Ich käme ja auch nicht auf die Idee, sie für ihre Nicht-Wahrnehmung von vielen wunderbaren Details zu kritisieren.

  8. #8
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 60
    Forum-Beiträge: 1.267

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    @habitbraker

    Die Möglichkeit, stark ausgeprägtes ADHS als Behinderung bzw. drohende Behinderung zu deklarieren gibt es bereits. Die Finanzierung von Untersützungsleistungen erfolgt dann auf dem Weg des persönlichen Budgets.

    http://adhs-chaoten.net/ads-adhs-coa...ungen-sgb.html

    Es muss sich nur jeder selbst überlegen, ob die dadurch möglichen Hilfeleistungen das Outing rechtfertigen, weil sich damit auch manche Berufswege verschliessen.

    Zur ursprünglichen Frage:

    Ich sehe die Diagnose als Erwachsener als Erklärung und Chance für mich, nicht für die Anderen. Ich kann mich auf Basis der neuen Kenntnisse neu sortieren und meine Stärken und Schwächen besser erkennen. Das hilft mir bei einer ggf. nötigen beruflichen Neuorientierung. Und es hilft mir beim Geraderücken meines verbogenen Selbstbildes.

    ADHS als Ausrede für schlechtes Benehmen oder schlechte Arbeit zu verwenden, halte ich für geradezu missbräuchlich.

    Rücksichtnahme ist ein Geben und Nehmen.
    Wer nach dem Motto "so bin ich eben" Verständnis und Rücksicht nur einfordert, ist ein Egoist, egal ob Diagnose oder nicht.
    Und wer sich vor lauter "normal sein wollen" bis zur Unkenntlichkeit verbiegt, schadet sich damit selbst massiv und wird auch nie gute Leistungen erbringen können.

    Der gangbare Weg liegt für mich irgendwo dazwischen. Durch die Diagnose eröffnen sich mir neue Perspektiven, aber ich muss auch Illusionen aufgeben. Manche Dinge werde ich nie so gut können wie ein "Normaler". Als Ausgleich werde ich manche Dinge besser können als Otto Normalverbraucher. Als diagnostizierter ADHSler muss ich mich vor allem von gesellschaftlichem oder familiärem Erwartungsdruck emanzipieren und eigenständig herausfinden, was ich kann und was ich will.

    Das sind eigentlich alles Binsenweisheiten; die Talente sind bei allen Menschen unterschiedlich verteilt:

    Ich kann z.B. nicht Dachdecker werden, weil ich nicht schwindelfrei bin, für Eisenbieger fehlen mir die Kräfte, für Kosmetik das Interesse, und für eine Teilnahme an der Geldwirtschaft die Skrupellosigkeit. Was hat das mit meinem ADHS zu tun?

    Die Diagnose wird erst interessant, wenn ich zB erkenne, dass ich trotz Begabung ohne Hilfe keine Prüfung schaffe. Da muss ich mir realistischerweise eben die Hilfe holen - siehe Illusionen. Wenn ich nach X Fehlstarts endlich eine Ausbildung zu Ende bringen will, werde ich vemutlich einen Coach brauchen - da werde ich mich ev. outen, um finanzielle Unterstützung zu bekommen usw.....

    So gesehen habe ich keinen Grund, mein ADHS zu verschweigen, aber auch keinen Grund, die Diagnose als Argument für Alles und Jedes zu verwenden.

    lg
    lola

  9. #9
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 46

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    ze_4 schreibt:
    Person X erwartet Ergebnis Y von mir.
    Person X wünscht, dass ich Weg A wähle.
    Weg A triggert mich wie sieben wütende Hunde.

    Ich kenne einen mir grandios leicht fallenden Weg B der zum selben Ergebnis Y führt.
    Wie erkläre ich Person X, dass ich Weg B wählen werde?
    Bei mir hat bis jetzt in solchen Fällen NUR die allerletzte Möglichkeit 'Ich bin halt bekloppt' gewirkt, weil sachliche Argumente nicht angenommen wurden.
    Warum wurden die Argumente nicht angenommen? Wenn Weg B für dich sachlich leichter ist, aber A den Weg "befehlen" möchte obwohl er für dich
    schlechter ist, hat die Person ein (Autoritäts-)Problem. Und nicht Du Da bräuchte ich auch keine "Entschuldigung" finden, geschweige denn eine anbieten.

    Vielleicht bin ich da auch "desinteressierter" als andere wenn es um solche Machtstrukturen geht.

    Ich versuchte schon vor meiner Diagnose Dinge eher fundamentaler anzugehen als andere. Ein Beispiel: in einem Projekt (Ich Freiberufler) gab es eine
    Unstimmigkeit in einer Datenbank die in 30% der Fälle immer Probleme bei der Dateneingabe und massive Nachbearbeitung erfordert hat.

    Der Chef wollte aber dieses Problem nicht fundamental lösen, weil (das habe ich so heraus gelesen) er lange in Scheidung war und sich mehr oder weniger
    in seiner Arbeit vergrub. Und wegen dieser Probleme saß fast jeder einmal einen Abend "mit im Büro".

    So, jetzt habe ich einfach einen Tag "frei genommen" und habe das Problem fundamental gelöst. Am nächsten Tag im Projekt versuchte er mich über die Bande
    des "das bezahle ich nicht" hart anzugehen und das eine oder andere böse Wort fiel.

    Ich habe dann ganz trocken gesagt: "Ich hatte gestern frei. Somit müssen sie nicht bezahlen. Und was haben sie gegen Effektivität und Produktivität?".
    Tja, da war sein Auftritt ihm richtig peinlich. Was solle er denn sagen? Das er am Abend nicht alleine nicht im Büro sitzen will? Das das lief bei 15 Leuten
    schon seit knapp einem 1 Jahr so. Aber der doofe ADSler ist derjenige der mit seiner "ist mir egal was er denkt" Ansicht das Problem löst.

    Ich habe ihm empfohlen auch weniger zu arbeiten. Er hat dann meinen Vertrag zum nächsten Quartal nicht verlängert. Das war ok.

    Wir gehen jetzt regelmäßig Badmington Spielen

  10. #10
    OMMM-Beauftragte

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 47
    Forum-Beiträge: 5.742

    AW: Die Diagnose - "Ruhepolster" oder Chance für gezielte Veränderung?

    Erstens
    Möchte mal als Zwischenrückmeldung Meldung machen: bin gerade ganz furchtbar froh, dass sich aus meiner Frage eine so gehaltvolle und konstruktive Diskussion entwickelt ... ich hatte nach Fertigstellung dieses Threads ebenfalls eine "Bollerbirne" (O-Ton ze_4) und außerdem die Bange Befürchtung, mit dieser heiklen Fragestellung jemandem zu nahe zu treten ...

    Zweitens
    @basalt
    Ich hole jetzt erst kurz aus - auf der Zielgerade geht es dann um "Sachliche Argumente", die nicht angenommen werden und die fehlende Kraft, damit umzugehen ...

    In meinem ersten Berufsleben war mein "defektes" Hierarchieverherrlichungsmodul auch sehr aktiv - ob als Angestellte oder im Umgang mit Ämtern etc. ... unlogisches und dummes Handeln hat mich zutiefst verärgert (weil uneffektiv und zeitdieberisch), vereinzelt zum Wechsel oder unfreundlichen Ende eines Arbeitsverhältnisses geführt oder im positiven Fall die Durchsetzung meiner Interessen beim Amt beschleunigt ;-)

    Zu der Zeit, als "die Diagnose in unser Leben trat", fing allerdings ein inneres Wundsein an, sich breit zu machen - das oftmals Nichtgreifenkönnen dessen, was mit einem passiert, das unheimliche Chaos, in dem ich steckte, die Schleimigkeit, mit der sich der Gegenstand dieses Threadthemas breit machte, ... all das hat nun lange Zeit nachgewirkt, mich zerbröselt und entscheidungsunfähig gemacht (paradox, da ich eigentlich gefühlt noch nie so viele Entscheidungen getroffen habe, wie in den letzten paar Jahren *grübel) ...

    Diese Zeit hat jedenfalls auch eine enorme Kraftlosigkeit mitgebracht, was z.B. den Umgang mit unklugen Chefs oder dösigen und gehässig Macht ausübenden A-Amtsbeamtinnen betrifft ...

    puhh - ich merke gerade, dass mich die Erinnerung an diese Zeit jetzt in diesem Moment massiv einholt ... kann nicht weiterschreiben ... tut mir leid, muss abbrechen ...

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