Zeige Ergebnis 1 bis 3 von 3

Diskutiere im Thema Der Mythos von der ausschließlichen Verordnungsbarkeit kassenzugelassener Medis im Forum ADHS Erwachsene Medikamente
bei ADHS bei Erwachsenen Forum
Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADS / ADHS - Medikamente, wie Ritalin, Concerta, Medikinet, Equasym und Strattera, sowie Medikamente bei Komorbiditäten, wie Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine, andere Psychopharmaka und sonstige Medikamente
  1. #1
    Ist hier zuhause

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 2.410

    Der Mythos von der ausschließlichen Verordnungsbarkeit kassenzugelassener Medis

    in Deutschland :
    Es gibt Medikamente, die sind kassenzugelassen. Das bedeutet, sie sind mit erwiesener Wirkung die günstigste Behandlungsmöglichkeit. Bei ADHS mit Diagnose ist dies zum Beispiel Medikinet Adult. Andere MPH-Präparate haben keine Kassenzulassung, weil der Hersteller die dafür vorgeschriebenen teuren Studien bezüglich der Wirksamkeit bei Erwachsenen nicht durchgeführt und kein Zulassungsverfahren betrieben hat.

    Bekommt der Patient ein Kassenrezept, geht er damit in die Apotheke, leistet seine Zuzahlungen und von dem, was hinter den Kulissen passiert, bekommt er nichts mit. Die Apotheken reichen die Rezepte bei der KV ein, die KV überweist das Geld an die Apotheken und sortiert die Medikamente den Arztnummern zu. Die Zuweisung zu den Arztnummern dauert ca. ein halbes Jahr, dann bekommen die Ärzte die sogenannten Trendmeldungen, damit sie sehen können, wieweit sie ihr Budget zur Verordnung von Medikamenten ausgeschöpft haben. Damit weiss der Arzt aber immer noch nicht, ob sämtliche Verordnungen von den Krankenkassen anerkannt werden, sondern er weiss nur, wieviel er noch verordnen darf, bevor er selbst für die Medikamentenkosten aufkommen muss...

    Ist das geschehen, sortiert die KV die Rezepte den einzelnen Krankenkassen zu und prüft, welche Beträge von jeder Krankenkasse zu zahlen ist. Dann bekommen die Krankenkassen und prüfen, ob sie die einzelnen Medikamente zahlen müssen. Das kann von der Ausstellung des Rezeptes bis zur Entscheidung über die Kostenübernahme 3 Jahre dauern. Die Kassen müssen grundsätzlich sämtliche bei der Diagnose kassenzugelassenen Medikamente zahlen, aber es gibt auch noch Rabattverträge mit einzelnen Herstellen. Die Apotheke müssen dementsprechend die für die Krankenkasse billigsten Medikamente mit dem verordneten Wirkstoff herausgeben. Verträgt der Patient nur das Medikament eines bestimmten Herstellers, kann der Arzt "aut idem" ankreuzen, dann darf die Apotheke nur das bestimmte Medikament an den Patienten abgeben. Die Krankenkasse prüft dann nach, ob das "aut idem" gerechtfertigt ist. Findet sie in den eigenen Unterlagen (zB bei positivem Test auf Lactoseintoleranz, der von der Krankenkasse bezahlt wurde) die Begründung, erfährt der Arzt nichts von der Prüfung. Findet die Krankenkasse in den eigenen Unterlagen nichts, wird beim Arzt nach der Begründung für "aut idem" angefragt. Überzeugt die Begründung, ist alles gut, überzeugt die Begründung nicht, fordert die Krankenkasse vom Arzt den an die Apotheke gezahlten Preis zurück. Das ist dann der sogenannte Regress.

    Und jetzt gibt es bei MPH eine Besonderheit: für Erwachsene ist lediglich ein Präparat kassenzugelassen. Das "aut idem" fällt mangels anderer kassenzugelassener MPH-Präparate weg. Und da ist das Problem: Es kann sein, dass die Krankenkasse völlig problemlos auch das nichtkassenzugelassene Präparat zahlt, weil es eben gar nicht soviel kostet. Aber das weiss der Arzt vorher nicht. Er kann auch vorher nicht bei der Krankenkasse nachfragen, weil die dazu keine verbindlichen Aussagen treffen. Also bleibt ihm eigentlich nur die Ausstellung per Privatrezept und der Patient muss es dann regeln.

    Verschreibt er es trotzdem auf Kassenrezept, kann er Glück haben, dass die Kasse zahlt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, wenn weitere MPH-Präparate zukünftig zugelassen werden, dass die Kassen diese auch schon vor der Zulassung übernehmen. Aber letztendlich trägt der Arzt das volle Risiko selbst.

    Und jetzt kommt noch eine weitere Schwierigkeit für den Arzt hinzu: MPH fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Verschreibt der Arzt ein BTM, ist es völlig unproblematisch, wenn es für eine bestimmte Erkrankung zugelassen ist. Bei MPH befindet sich der Arzt in einer vermeintlichen Grauzone: die Beschlüsse des GBA gelten nur für Verordnungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenkassen, das BTMG listet MPH als verkehrs- und verordnungsfähig bei entsprechender Indikation. Das bedeutet für den Nichtjuristen: ist ADHS sauber diagnostiziert, kann jedes MPH-Präparat auf BTM-Rezept verschrieben werden. Die gesetzliche Krankenkasse muss aber nur das bezahlen, was a) kassenzugelassen ist und b) nach den vom GBA festgesetzten Kriterien verordnet wurde.

    Da Ärzte keine Juristen sind, haben sie häufig Angst, wegen falsch verordneter BTM strafrechtlich belangt zu werden. Häufig wird dann Kassenzulassung und Vorschriften des BTMG verwechselt. Grundsätzlich darf aber jeder Arzt bei ADHS jedes MPH-Präparat auf BTM-Rezept verschreiben, ist es nicht Medikinet Adult, kann der Arzt das MPH Präparat nur auf Privatrezept verordnen, da ihm die Gefahr des Regresses nicht zuzumuten ist. Der gesetzlich versicherte Patient kann mit dem Privatrezept zu seiner gesetzlichen Kasse gehen und eine Einzelfallentscheidung beantragen. Dann prüft die Kasse, ob sie die Kosten für das Präparat übernehmen kann. Je nach Kasse werden unter Umständen die gesamten Kosten oder der Festbetrag für Medikinet Adult übernommen. Manche Kassen übernehmen aber auch gar keine Kosten des MPH, weil es ja Medikinet Adult gibt und ein BSG-Urteil vor der Zulassung von Medikinet Adult besagt, das MPH nicht von den gesetzlichen Kassen für Erwachsene übernommen werden muss. Diese Rechtsprechung dürfte nach der Zulassung vom Medikinet Adult nicht mehr haltbar sein, aber es müsste eben wieder neu geklagt werden und das dauert bis zum höchstinstamzlichen Urteil mindestens 5 Jahre.

    Vor der Zulassung von Medikinet Adult bestand die Möglichkeit, die Übernahme der Kosten für MPH auf Kassenrezept als "off label use" dauerhaft zu bekommen. Diese Möglichkeit gibt jetzt nicht mehr, weil ein einziges Präparat für Erwachsene zugelassen ist. Sobald ein Präparat zugelassen ist, müssen die gesetzlichen Krankenkassen dieses bei korrekter Verordnung erstatten.

    Ich fasse noch mal kurz zusammen:
    a) jeder Arzt darf MPH auf BTM-Privatrezept bei der Diagnose ADHS verschreiben
    b) auf BTM-Kassenrezept darf nur Medikinet Adult von Fachärzten bei Multimodaler Behandlung und bestimmten Diagnoseverfahren verordnet werden
    c) Verträgt der gesetzlich versicherte Patient aus irgendwelchen Gründen MA nicht, bleibt ihm nur noch eine Verordnung auf Privatrezept und der Versuch, die Kosten im Wege einer Einzelfallregelung von der Krankenkasse erstattet zu bekommen.
    d) Erstattet die gesetzliche Krankenkasse diese Kosten nicht, besteht im Hartz IV- oder Grundsicherungs-Bezug die Möglichkeit, die Kosten für die Medikamente vom Jobcenter oder Sozialamt als Mehrbedarf zu bekommen.
    e) ist man privat versichert, ist es völlig egal, dass nur Medikinet Adult Kassenzugelassen ist, es sei denn, man hat eine private Versicherung abgeschlossen, die nur die gesetzlichen Leistungen zahlt(auch so etwas soll es geben, da muss man dann mal das Kleingedruckte in seinem Vertrag lesen)

  2. #2
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Forum-Beiträge: 234

    AW: Der Mythos von der ausschließlichen Verordnungsbarkeit kassenzugelassener Me

    Sehr interessant, so detailliert war mir der Prozess (insbes. der Prüfung durch die Kassen und ggf. Regress) nicht bekannt. Hast du noch Infos zu der Einzelfallentscheidung bezügl. Kostenübernahme? Muss man diese tatsächlich bei der Krankenkasse beantragen oder ist dafür eine andere Instanz, wie der MDV zuständig?

  3. #3
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsene (r)
    Alter: 29
    Forum-Beiträge: 230

    AW: Der Mythos von der ausschließlichen Verordnungsbarkeit kassenzugelassener Me

    In der Schweiz ist es nicht viel anders. Die Kosten von Concerta z.B. werden erst seit ca. 2 Jahren von der Krankenkasse übernommen. Ritalin war davor (wenn ich mich nicht täusche), das einzige MPH, das von der Krankenkasse übernommen wurde. Ein Facharzt konnte Concerta aber auch schon davor verschreiben. Der Patient musste es aber selber bezahlen. Jetzt wird das Concerta auch übernommen aber ein Facharzt muss der Krankenkasse bestätigen, dass das Concerta die einzig richtige Medikation für den Patienten ist. Von selbst bezahlt es die Krankenkasse nicht. Sie machen auch nicht darauf aufmerksam.

Ähnliche Themen

  1. Mit Medis zur Polizei?
    Von Freigeist im Forum ADS ADHS Studium Beruf und Ausbildung
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 15.04.2013, 22:05
  2. Medis in Frankreich
    Von m_regine im Forum ADHS Erwachsene Medikamente
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 29.09.2012, 16:16
  3. ADHS Literatur über die Frage Krankheit oder Mythos
    Von d.gray im Forum ADS ADHS Bücher
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 13.07.2011, 10:53
  4. Medis und Lichtempfindlichkeit
    Von Didi im Forum ADS ADHS bei Erwachsenen
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 16.02.2011, 09:23
  5. Welche medis
    Von zischi84 im Forum ADHS Erwachsene Medikamente
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 14.11.2010, 15:23

Stichworte

Thema: Der Mythos von der ausschließlichen Verordnungsbarkeit kassenzugelassener Medis im Forum ADHS Erwachsene Medikamente bei ADHS bei Erwachsenen Forum
Fragen, Antworten und Hilfe rund um ADS / ADHS - Medikamente, wie Ritalin, Concerta, Medikinet, Equasym und Strattera, sowie Medikamente bei Komorbiditäten, wie Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine, andere Psychopharmaka und sonstige Medikamente
©2017 ADHS bei Erwachsenen Forum