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  1. #1
    Forum-Mitglied (nicht vorgestellt)

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose seit Kindheit
    Forum-Beiträge: 15

    Erfahrung mit MPH - Abriss meiner Vergangenheit (Vorsicht, viel zu lesen!)

    Hej liebe Chaoten,

    der Titel sagt schon alles, also lege ich direkt los:

    Mit 14 wurde ich so verhaltensauffällig, dass ich mir selbst damit schadete. Nicht körperlich, um Gottes willen, nein: schulisch.
    Ich hatte Glück eine tolle Klassenlehrerin zu haben in der 8. Damals wusste ich nicht so recht wie mir geschieht. Es ging komischerweise zur Blutabnahme und zu einem Gespräch. Kurz darauf wurde mir Ritalin verschrieben. Ich hatte diese gelbe Packung, ich weiß aber nicht mehr wie der Hersteller heißt, das ist zu lange her.
    Eine Tablette hat 20mg. Ich steigerte die Dosierung auf 3x täglich Zwei Tabletten. Wenn ich jetzt daran denke wird mir schlecht. Meistens habe ich aber die die Nachmittagsdosierung um eine Tablette reduziert, damit ich schlafen konnte.

    Wie wirkt sowas:
    Naja, nach Einnahme bekomme ich meist feuchte Hände. Ich kann mich "wirklich" auf eine Sache fokussieren, gerate aber bei sehr interessanten Dingen in den Hyperfokus (das ist sehr unangenehm, da die Flexibilität darunter leidet, geht mir aber auch ohne Tabletten so komischerweise)
    Manchmal zittere ich leicht, aber nur wenn man noch nichts gegessen hat. In der Regel ist mein Puls erhöht. Ich fühle mich beflügelt und sehr motiviert. Das liegt wohl am Dopaminüberschuss. Dopamin ist ja am Belohnungsvorgängen im Gehirn beteiligt.

    Das ging dann ca. 2 Jahre so. Danach wurde mir in Gesprächen empfohlen, dass ich die Dosierung selber, also nach meinem Ermessen, wählen dürfe, da sich "mein ADS" zurückbilde, und ich mit einer so hohen Dosis Gefahr laufe depressive Züge zu erhalten. Ich hatte natürlich schon damit experimentiert. Das Lustigste waren wohl meine Gameboy Nachtschichten. Ich habe einfach zwei Tabletten vor dem Schlafen gehen genommen und angefangen zu spielen. Ich konnte somit die ganze Nacht Tetris spielen und war morgens nicht mal müde. Das fällt dann wohl unter die Kategorie "Missbrauch". Ich kann mich leider nicht mehr daran erinnern wie oft ich das getrieben habe. Aber allzu oft war es nicht.

    Sozial war es ein Desaster. Ich habe mit der medikamentösen Therapie so gut wie alle Freunde verloren. Mir wurde der Spitzname "Psycho" gegeben. Vorher war ich ein sehr beliebter Schüler, naja, der Klassenclown halt. Aber die Freundschaften waren mir in dieser Zeit total egal. Ich traf auf neue Leute, wie es halt so ist. Ich habe in dieser Zeit leistungsmäßig Fußball gespielt. Bei viermal Training in der Woche weden die Medikamente schneller im Körper verbraucht, so dass die Dosierung im Nachhinein garnicht so übertrieben war.

    Meine Schulnoten verbesserten sich um das Doppelte. Ich erinnere mich, dass ich in Französisch mal eine 5-6 hatte. Im nächsten Schuljahr stand dann eine 1 im Zeugnis. Wie geil ist das denn. Alles was ich machen wollte, gelang mir auch. Aber wie der Zufall so will, ist die Umwelt auch an unserer Entwicklung beteiligt, und wir entwickeln uns in einer Wechselwirkung zu ihr.
    Nach zwei Jahren intensiver Ritalindosierung habe ich mehr oder weniger 1-3 Tabletten täglich genommen, leider kam meine "altes Ich", mein "wahres Ich" wieder zum Vorschein. Das sorgte in mir für Unruhe, weil mir die Dinge nicht mehr so gut gelangen wie vorher. Alles wurde wieder so über-emotional. Seit dieser Zeit wurde immer nur noch mit den Medikamenten experimentiert, so dass ich auch in den Genuß von Retard Tabletten kam. In der späteren Jugend war das nix, heute würden sie wahre Wunder vollbringen, wenn sie nicht so teuer wären.
    Retard Tabletten wurden dann mit Ritalin gepaart, was aber zu viel des Guten war.
    Zum Abi hin hatte ich eine Freundin, die garnichts damit anfangen konnte. Sie machte mich auf die körperlichen Erscheinungen von Ritalin aufmerksam und bestärkte mich darin die Medikamente abzusetzen.
    Hmmmmm, dann musste sie aber mit meinen Launen und meiner, nicht vorhandenen, Konstanz leben. Das hat sie zwei einhalb Jahre getan, bis sie dann meinte sie schafft das nicht mehr. Es brach mir das Herz, ich dachte da glaubt jemand an mich.

    Naja, mein Abi verlief so in Richtung 3,4. Wenn interessiert es, dachte ich mir. Ich habe danach mein Glück in Heidelberg gesucht. Ich brach mit allem, der Familie den Freunden usw. Ich habe dann kein Ritalin mehr genommen, aber ich kam mehr oder weniger zurecht, ich kannte die Wirkung, wusste wie ich eigentlich funktioniere, also wie eine Maschine, aber wer will das auf Dauer?
    Erst in meiner letzten Beziehung kam das Thema wieder auf, da ich einfach so viel beruflich versuchte aber einfach nichts zu Ende machen konnte. Ich ging ins ZI in Mannheim, da wurde mir gesagt, dass die Krankenkasse keine Behandlung übernehme, alles klar. Ich nahm dann ein bis zwei Jahre wieder Ritalin aber nicht mehr mit der Kostanz wie in der Schulzeit. Was natürlich sinnlos war. Meine Lebenspartnerin verließ mich dann vor drei Jahren, mit den selben Argumenten wie meine Ex. Ich war am Boden zerstört und verlor den Glauben an mich selber. Ich hasste meine Art, mein Wesen und zog mich sozial nun ganze drei Jahre zurück. Lebte nur noch im Internet, ab und zu besuchte ich die Familie, aber niemand merkte etwas. Mein Studium ließ ich schleifen, machte aber hier und da ein paar Kurse. Das einzige was wirklich funktionierte waren mein HiWi Job an der Uni und meine Aushilfstätigkeit.
    Es ist für unser einer das schlimmste, wenn eine wichtige Person das Boot verlässt, weil wir einfach zu anstregend sind. Diese Erfahrung war so schmerzhaft und daran ändert auch kein Medikament. Unsere Grundzüge werden temporär umgepolt, aber im Inneren bleiben wir die flexiblen kleinen Monster, die alles um sich herum wahrnehmen.
    Es kam mir so vor, als hätte ich meinen Coach verloren, der jahrelang an meiner Seite das Segel straff hielt. Naja, ich habe dann aus Verzweiflung versucht ein Coaching Seminar zu bekommen. Es hieß, dass das ZI so eine Art anbieten würde, aber nach mehreren Anrufen wurde mir klar, dass mir dort niemand hilft. So dass ich seitdem nichts mehr mit damit zu tun haben will.
    Ich kann es nicht verleugnen, dass es mir komisch geht, aber ich kann über mich Lachen und kompensiere "mein ADS" durch mein Sportstudium, also durch viel Bewegung.
    Medikamente geben uns die Macht über uns selbst zurück, aber das ist leider nicht von Dauer
    So richtig hilfslos sind wir natürlich nicht, aber eine Leben mit ADS ist mein 100m Sprint sondern gleicht einem Ironman auf Hawaii. Den Spruch habe ich irgendwo mal aufgeschnappt und er passt so gut.

    Das war jetzt wohl ein bisschen mehr als nur eine Medikamenten Erfahrung, jedoch basieren meine Erlebnisse auf meiner reflektierten Haltung gegenüber diesem Thema.

    Ich habe wahrscheinlich vieles vergessen oder ausgelassen, da ich gerade sehr impulsiv "runtergeschrieben" habe. Ich mag das mittlerweile und lasse diese Art an mir zu. Ich bin gerade in einem Hoch, und das muss ich nutzen solange es anhält.
    Eins ist sicher, dieses Gefühl erreicht jeder auch ohne Tabletten. Bei mir kommt es auch durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und dem Gefühl, dass ich die Dinge beeinflussen kann. Der Weg dahin war steinig und der Tunnel war sehr sehr dunkel.
    Wenn es euch ähnlich erging, freue ich mich über viel Gesprächsstoff. Seid gnädig mit mir, falls euch mein Syntax oder Ähnliches zu sehr angestrengt hat.

    LG

    Kamy

  2. #2
    Wohnt hier

    Bezug zu ADS / ADHS bei Erwachsenen: ADS / ADHS Diagnose als Erwachsener
    Forum-Beiträge: 1.650

    AW: Erfahrung mit MPH - Abriss meiner Vergangenheit (Vorsicht, viel zu lesen!)

    Hallo Kamy,

    Sportstudium ist wohl eins der besten Entscheidungen mit unserer Veranlangung...fällt mir so spontan zu deinem Bericht ein!

    Mit den Medikamenten das sehe ich auch zwiegespalten. Unser inneres Chaos, die Reizoffenheit etc. das wird alles bleiben und ist auch sofort wieder da ohne das Ritalin. Ich fühle mich unter der Wirkung zwar viel mehr unter Kontrolle, aber auch irgendwie schläfrig und runtergefahren, trotz der guten Fokussierung-

    also löse ich für mich den Zwiespalt so dass ich es bei Bedarf blockweise (unter der Woche) nehme um mir den Alltag zu erleichtern und mich nicht permanent zu überanstrengen. Das klappt ganz gut.Nach 3 Tagen ohne freue ich mich auf die Tage mit und nach einigen Tagen mit freue ich mich wieder auf die Tage ohne.

    Wie du schreibst: Wer hilft einem dabei mit diesem anderen Erleben unter Medis umzugehen? Man kann diese Erfahrung ja mit kaum wem austauschen.

    Und, ein Problem was ich auch nicht gelöst kriege: Freunde sollten einen auch im "Originalzustand" akzeptieren / erdulden (?)- da sehe ich nicht ein, rund um die Uhr die Medikamente einzunehmen damit das funktioniert. Aber das erdulden hat dann natürlich auch seine Grenzen und Konflikte und Trennungen sind schnell da. Und dann wäre es ja doch irgendwie sinnvoll die Medis immer zu nehmen...Da hänge ich gerade auch.

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