Neue "Verdachtsdiagnose": Paul Cézanne (chronisch erfolgloser Maler; von Zeitgenossen als "Spinner" und/oder "Schmierant" wahrgenommen)
Indizien:
- Seine Jugend hatte Paul ausschliesslich dem Müssiggang und der Literatur gewidmet (schrieb viele Gedichte, die niemand drucken wollte). Man könnte auch - böswillig - behaupten, er sei ein fauler Hund gewesen, der nix auf die Reihe gebracht hat. Selbstaussage: "Bis zu meinem 40. Lebensjahr habe ich mein Leben verzettelt. Erst spät habe ich Geschmack an der Arbeit gefunden."
Immerhin, von Nachteil dabei scheint aber gewesen zu sein, dass seine Mitwelt keinerlei Geschmack an seiner Arbeit gefunden hat.
Ganz im Gegenteile: "Auf der Strasse machten sich die Gassenjungen über ihn lustig und warfen Steine nach ihm."
- Mehrere Zeitgenossen beschrieben immer wieder die "Zerstreutheit" von Paul, beispielsweis: "Paul war so zerstreut, dass er mit offener Weste draußen umherging... es passierte im oft, dass er den Hemdkragen mit einem Bindfaden befestigen musste, weil er den Knopf verloren hatte..." Kleidung, die er für sauber hielt, war in Wirklichkeit oft mit Farbflecken übersät.
- Da er in seine Malerei versunken war, vergass er, an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Was grosses Aufsehen erregte, aber wie wir wissen, kann man wichtige Termine schon mal vergessen, wenn man grad mit was anderm beschäftigt ist.
- Ein weiterer Augenzeuge berichtet von Spaziergängen mit Paul, dass er, weil er stets in Gedanken vertieft war, die Tendenz hatte, überall hängen zu bleiben und auf die Schnauze zu fallen. Als es wieder einmal so weit war, fing ihn der Begleiter auf, doch anstatt sich zu bedanken, geriet Paul in einen Wutanfall... Weil dieser das komisch fand, fragte er die Haushäterin, diese sagte: "Er kann Berührungen nicht ertragen. Selbst mir ist es streng verboten, ihn auch nur mit dem Rock zu berühren, wenn ich an ihm vorbeigehe."
Mal sehen, wie Paul später dem Begleiter selbst den Vorfall erklärte: "Ich kann es nicht ertragen, dass mich jemand anrührt. Die Ursache dazu liegt weit zurück. Eines Tages stieg ich ruhig eine Treppe hinab, als ein Gassenjunge, mir einen so heftigen Fusstritt in den Hintern versetzte, dass ich beinahe gestürzt wäre. Das Unvorhergesehene und Unerwartete dieses Stosses traf mich so heftig, dass ich seit Jahren von der Angst besessen bin, das Ereignis könnte sich wiederholen. Und diese Angst beherrscht mich so sehr, dass ich es nicht ertragen kann, dass mich jemand anrührt oder auch nur streift..."
"Da ich meine Schwachheit kenne, muss ich mich vor den Menschen sehr in acht nehmen."
- Schön ist auch die Geschichte, als Paul wieder mal den Schlüssel für sein Atelier zu Hause vergessen hatte, seinen Gärtner zu bitten, mit der Axt die Türe einzuschlagen, da er dringend sofort malen müsse.
- Zum Atelier selbst wissen die Zeitgenossen folgendes zu berichten: "Es herrschte eine unbeschreibliche Unordnung, ein ungeheures Chaos..." Ein anderer Besucher wird etwas detaillierter: "Seine Ateliers waren in grosser Unordnung, halbleere Tuben, Pinsel mit lange eingetrockneter Farbe an den steifen Borsten, Reste von Mahlzeiten bedeckten die Tische..."
- Berühmt war Paul, für seine etwas unzusammenhängende Rede, mit ständigen Themenwecheln, denen die Gesprächspartner nur schwer folgen konnten. Ein Zeitgenosse bezeichnete den Sprachstil Pauls als "epileptisch", ein anderer - etwas höflicher - als "ohne sichtbaren Zusammenhang", ein anderer gibt - etwas respektvoller zu, "dass der logische Zusammenhang sicher nicht einer der Vorzüge von Cézannes Rede war."
- Dafür hatte Pauls Rede aber einen anderen Vorzug, der ebenfalls von mehreren Zeitgenossen protokolliert wird: Sie war oft von einer gewisen Impulsivität gekennzeichnet. In anderen Worten, Paul konnte manchmal etwas unbeherrscht wirken:

. Seine Rede wurde dann etwas lauter. Übrigens nicht nur, wenn er in Rage gerriet, sondern auch im positiven Sinne, wenn es um ein Thema ging, das ihn interessierte. (Er interessierte sich allerdings nur für ein Thema...)
Dazu erzählt die bereits zitierte Haushälterin die folgende Geschichte: Eines Tages sei sie von den Nachbarn aus dem Bett gerufen worden, mit der Massgabe: kommen sie schnell, im Haus ist jemand drin, der Paul umbringen will... "Eines Abends hörte man solches Geschrei und solche Faustschläge auf den Tisch, dass man mich, gerade als ich zu Bett gehen wollte, holte. `Kommen Sie schnell` hiess es `man erwürgt Monsieur Cézanne`!`" Als ich bei C. eintraf, hatte sich bereits eine riesige Menschenmenge vor dem Haus versammelt. Als ich durch das Fenster den Freund von C., Monsieur Solari, erkannte, konnte ich die Leute auf der Strasse beruhigen: "Es handelt sich nur um ein Gespräch über Malerei, und nicht um ein Verbrechen."
Nebenbei könnte man noch erwähnen, dass Mon. Solari seinerzeit ein berühmter Maler der Provence war, den heute allerdings kein Schwein mehr kennt, während dessen Paul laut Aussage eines weiteren Zeitgenossen "in der kleinen Stadt Aix lediglich als Spinner betrachtet" wurde, heute scheint sich die Sache aber ausgeglichen zu haben.
- An dieser Stelle sei vielleicht auch einmal Pauls Lieblingssatz erwähnt, den er laut Zeugenaussagen mehrmals am Tag wiederholte und stets auf den Lippen trug: "La vie est affreuse". Frei übersetzt in etwa: "Das Leben ist beschissen." Eine recht schlüssige Erkenntnis, der man sich bei genauerer Betrachtung durchaus anschliessen könnte.
- Paul litt Zeit seines Lebens unter der ständigen Zurückweisung seiner Person, vor allem aber seiner Bilder. An letzterem war er allerdings nicht ganz unschuldig. Denn Paul arbeitete sehr langsam. Negativ gesprochen: Er war ein fauler Hund. Tatsächlich malte er aber jeden Tag stunden lang. Es dauerte nur immer ewig, bis etwas fertig war, genauer gesagt, bis er sich dazu durchringen konnte, etwas als abgeschlossen zu betrachten. Das Malen war also nicht sein Problem, sondern das Fertigwerden. Durchaus keine Seltenheit war es, dass er für ein Bild mehrere Jahre brauchte. "Ich suche beim Malen", nannte er das, soll heissen, die meiste Zeit verbrachte er nicht mit dem Malen selbst, sondern mit dem Nachdenken darüber, wo er den nächsten Pinselstrich in welcher Farbe plazieren muss.
Aus diesem Grund gilt Paul heute als "Vater der Moderne", im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, dener als "Spinner" und "fauler Hund" gegolten hat. Des ischd doch seltsam, oder ned?
Jetzt sollte man noch die Frage errörtern, von was Paul eigentlich gelebt hat, wenn seine Bilder nun mal niemand kaufen wollte.
Nun, Pauls Vater war ein wohlhabender Bürger und hat ihm ein kleines Vermögen hinterlassen, dass er sich allerdings mit seinen beiden Geschwistern teilen musste.
Ursprünglich war Paul dazu vorgesehen den elterlichen Betrieb - Hutverkauf und Kreditvermittlung - zu übernehmen. Doch zum Kaufmann taugte Paule nicht. Paule wollte lieber Malerei studieren in Paris. Und hat sich auch zweimal auf der Kunsthochschule beworben. Doch die Professoren waren der Meinung, zum Malen tauge er auch nicht. Er solle lieber Hüte verkaufen. C'est la vie. Oder wie Paule immer sagte: "La vie est affreuse."
Quelle: "Gespräche mit Cézanne"